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Der göttliche Überfall

Eine Rezension von P. Engelbert Recktenwald

Exzess - so kennzeichnet Dario Pizzano sein altes Leben als Eventmanager im Betrieb seines Vaters; ein Leben angefüllt mit Partys, Alkohol, Drogen, Sex. Doch die Seele wurde immer leerer. Hinzu kam seine bittere Vatererfahrung. Dass ihm der Vater trotz seiner Erfolge die Anerkennung versagte, trieb ihn in die Depression. Auch vom Körper forderte der exzessive Lebensstil seinen Tribut. So ging es steil bergab. Die Wende kam, als Dario am Tiefpunkt spontan einen Hilfeschrei adressierte an jenen, der in seinem Leben nie eine Rolle gespielt, an den er nicht einmal geglaubt hatte: “Mein Gott, ich kann nicht mehr!”

Das war am 28. November 2005 während einer Autofahrt auf der B27 zwischen Herzberg und Göttingen. Und Gott antwortete. Er antwortete wie ein Blitz, der einschlug. “Ich fühle, dass JEMAND diesen Satz hört. Ich pralle zurück. Bin wie geschlagen (...) Liebe, unfassbare Liebe durchdringt mich, ein Empfinden unendlicher Kraft und Sanftmut ...” Zwanzig Minuten hörte es nicht auf zu pulsen: “Wärme und Licht. Liebe. Wärme und Licht. Liebe. Immer neu. Immer anders. Immer stärker (...) Plötzliches Wissen, spontane Gewissheit: Es gibt Gott! ER sieht mich! ER ist da!” Und dann die deutliche Stimme: “Es ist doch gar nicht so, wie du denkst, Ich bin dein Vater!” (S. 188 f)

Diese Erfahrung bildet den Dreh- und Angelpunkt des Buches wie auch des Lebens seines Autors. Sie erklärt den Untertitel des Buches: Meine zwei Leben. Es gibt das Leben davor und das Leben danach, und der Unterschied zwischen beiden ist wie der zwischen Nacht und Tag.

Als ich einmal an einer Autorenlesung teilnahm, passierte etwas Merkwürdiges: Gerade im spannendsten Moment, als die Lesung zur geschilderten Gotteserfahrung kam, stand ein Mann auf und verließ sichtlich gelangweilt den Platz. Was hatte er erwartet? Dass Gott als übermenschliche Gestalt mit Rauschebart erschien? In irgendeiner sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung, einem beschreibbaren Bild? Hielt er die Erfahrung von Wärme, Licht und Liebe für etwas Sentimentales? Gerade diese Schilderung macht das Zeugnis Pizzanos glaubhaft. Gott ist reiner Geist. Wir können ihn uns nicht vorstellen, und so bleibt er im Bewusstsein vieler Zeitgenossen etwas Nebulöses und Abstraktes. Das Neue Testament macht aber dennoch klare Aussagen über sein Wesen. “Gott ist die Liebe” (1 Joh 4,16), “Er ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis” (1 Joh 1,5). Genau das hat Pizzano erfahren. Die Mystiker lehren, dass eine Erfahrung um so untrüglicher ist, je weniger sie sinnenhaft, je geistiger sie also ist und damit aber auch unbeschreiblicher. Gott kann auf der Tastatur der menschlichen Seele spielen, was er will. Ihm allein ist es eigen, ohne Voraussetzung und ohne Vorspiel Gewissheit zu erzeugen. Die überwältigenden Gefühle, die Pizzano beschreibt, sind nichts Irrationales, sondern Folgen einer klaren Gewissheit, die nur Gott in der Seele bewirken kann.

Pizzano ist nicht der erste, der eine solche Erfahrung beschreibt. Man denke etwa an das berühmte Weihnachtserlebnis von Paul Claudel im Jahr 1886 oder an die Bekehrung des Kommunisten André Frossard, die er in seinem Bestseller Gott existiert. Ich bin ihm begegnet geschildert hat. Sie alle ringen nach Worten, um das Unaussprechliche auszusprechen. Frossard, der sich übrigens in ganz anderer Geistesverfassung als Pizzano befand, sorglos, mit sich und der Welt zufrieden, er spricht von einer Lawine, einem Hinabstürzen des Himmels auf ihn, einem unzerstörbaren Kristall von unendlicher Durchsichtigkeit, der unabweisbaren Evidenz Gottes und seiner Gegenwart. Von einer Minute auf die andere wandelte er sich am 8. Juli 1935 von einem Atheisten zu einem gläubigen Christen.

Doch wegen der Vatererfahrung erinnert mich Pizzanos Bekehrung am meisten an jene der Atheistin Tatjana Goritschewa, die sie in ihrem Buch Von Gott zu reden ist gefährlich (Freiburg im Breisgau 1984) beschreibt. Sie hatte nie ein Gebet gesprochen, doch als sie einmal, im Jahr 1973, bei Yogaübungen das Vaterunser als Mantra benutzte, erlebte sie einen ähnlichen Überfall Gottes wie Pizzano, der sie ohne Vorwarnung vollständig umkrempelte: “Ich begriff - nicht etwa mit meinem lächerlichen Verstand, sondern mit meinem ganzen Wesen -, dass Er existiert. Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat, der aus Liebe Mensch wurde, der gekreuzigte und auferstandene Gott! In jenem Augenblick be- und ergriff ich das ‘Geheimnis’ des Christentums, das neue, wahre Leben. Das war die wirkliche, die echte Rettung! In diesem Augenblick veränderte sich alles in mir. Der alte Mensch starb” (S. 27).

Das neue Leben, von dem Goritschewa spricht, beschreibt Pizzano als “ein neues übernatürliches Licht”, in welches seine gesamte Existenz fortan getaucht ist, als “ein neuer Geist”, der in ihn kam. Heute legt er durch sein Buch und zahlreiche Vorträge mit dem Eifer eines Paulus (sein Firmname!) Zeugnis davon ab. Er arbeitet bei der katholischen Erwachsenenbildung des Bistums Erfurt.

So weckt Gott in souveräner Freiheit wann und wo er will immer wieder Menschen, die den Glauben nicht nur vom Hörensagen kennen und weitergeben, sondern wie die Apostel als Augenzeugen die Wahrheit des Glaubens durch ihr Wort und durch das neue Leben, das sie empfangen haben, bezeugen. Sie tun damit das Gegenteil dessen, was modernistische Theologen als ihre Aufgabe ansehen: Diese verwandeln die Augenzeugenberichte der Apostel in theologische Erfindungen. Die von Gott erweckten Zeugen verwandeln Theologie in pralles Leben. Es liegt an uns, ihre Zeugnisse als Katalysatoren der Neuevangelisierung zu nutzen und uns selbst im Glauben bestärken zu lassen.

Dario Pizzano, Exzess. Meine zwei Leben, Pattloch Verlag München 2010, 271 Seiten.


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