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Guter Ruf und gute Werke

Von P. Engelbert Recktenwald

In der Bergpredigt mahnt uns der Herr, Almosen im Verborgenen zu geben. Er warnt uns davor, unsere guten Werke zur Schau zu stellen, um von den Menschen gesehen zu werden. “Handeln um des eitlen Ruhmes willen”, ist der Ausdruck, der sich in der spirituellen Tradition der Kirche dafür durchgesetzt hat. Es gibt nur Weniges, was der Herr mit schärferen Worten gegeißelt hat. Die solches tun, nennt er Heuchler.

Aber warum soll es eigentlich verwerflich sein, etwas für seinen guten Ruf zu tun? Der hl. Franz von Sales schreibt in der Philothea, dass wir drei Leben haben, nämlich “das geistliche, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das seinen Sitz in der Seele hat, und das bürgerliche, das im guten Ruf liegt. Die Sünde nimmt uns das erste, der Tod das zweite, die üble Nachrede das dritte.”

Der gute Ruf ist also ein legitimes, kostbares Gut. Niemand macht uns einen Vorwurf, wenn wir etwas für unsere Gesundheit tun. Warum also ist es so schlimm, wenn wir etwas für unseren guten Ruf tun?

Im Wirtschaftsmarketing gibt es den Grundsatz: “Tue Gutes, und sprich darüber!” Keiner Firma machen wir es zum Vorwurf, wenn sie auf Gewinn aus ist. Wie sollte sie sonst überleben? Wenn sie damit wirbt, dass ein gewisser Prozentsatz der Einnahmen in humanitäre Projekte, in den Fairtrade oder in den Umweltschutz fließt, dann wissen wir zwar, dass dies nicht aus reiner Selbstlosigkeit geschieht, aber wir würden es nicht unbedingt als Heuchelei bezeichnen und es sogar als positiv empfinden im Vergleich zu solchen Unternehmen wie der FIFA, die 2014 bei der Fußball-WM in Brasilien aus Profitgier einheimische Straßenhändler in den Ruin trieb, weil sie beschloss, dass nur die Vertragspartner der FIFA im Umkreis der WM-Spiele bestimmte Dienste und Waren anbieten durften. Humanitär gezügeltes Gewinnstreben ist uns lieber als skrupelloses.

Das Anstößige ist also nicht die Kombination der Wahrnehmung legitimer Interessen mit Werken der Nächstenliebe. Die Heuchelei kommt erst dann ins Spiel, wenn den guten Werken kein Interesse am Wohl des Nächsten entspricht, sondern sie nur dem Kalkül jener Eigeninteressen entspringen. Wenn ich Almosen gebe, dann soll es die Anteilnahme an der Not des Nächsten sein, die mich dazu bewegt. Das Werk der Nächstenliebe soll Ausdruck der entsprechenden Gesinnung sein. Wenn ich diese Gesinnung bloß vortäusche, um meinen guten Ruf zu fördern, verhalte ich mich heuchlerisch.

Der Herr berichtet, dass die von ihm gegeißelten Almosengeber ihre Werke vor sich herposaunen ließen. Man kann sich die Situation gut vorstellen: Sie wurden nicht unvorhergesehen mit einer Not konfrontiert, der sie spontan abhalfen, sondern machten sich zusammen mit einem posaunenden Herold auf den Weg, um ihr gutes Image wieder einmal aufzupolieren. Die Not des Nächsten war ihnen nur der geeignete Stoff dazu. Wie gleichgültig sie in Wirklichkeit gegenüber der Not waren, zeigte sich an ihrem Nörgeln, wenn Jesus am Sabbat heilte. Selbst die frommen Werke wie das Gebet waren ihnen, wie der Herr ausführt, nur Mittel der Selbstprofilierung.

Die Heuchelei besteht also in der Instrumentalisierung des Guten: Ich tue das Gute nicht um des Guten, sondern des eigenen Ruhmes willen. Damit widerspreche ich dem Anspruch des Guten, auch wenn ich ihm in der Tat folge. Denn das Gute fordert nicht nur meine Tat, sondern auch meine Gesinnung.

Das ergibt nun einen merkwürdigen Zusammenhang: Die Handlung ist sündhaft, obwohl kein Handlungsbestandteil für sich allein sündhaft ist, weder das Motiv noch die Tat. Der gute Ruf ist ein legitimes Gut, und folglich kann er als Motiv nicht automatisch sündhaft sein. Und die Handlung selber, das Almosengeben, ist ebenfalls nicht sündhaft. Und trotzdem ist das Almosengeben allein um des eigenen Rufes willen ein besonders abstoßendes Beispiel sittlicher Verwerflichkeit. Der Grund liegt darin, dass Tat und Motiv nicht zusammenpassen. Das hängt wiederum mit dem zusammen, was der große katholische Philosoph Dietrich von Hildebrand die Hierarchie der Werte nannte. Er zeigt in seiner Ethik, dass an der Spitze dieser Hierarchie die moralischen Werte stehen, also die Werte des Guten. Die menschliche und moralische Reife einer Persönlichkeit zeigt sich in der Fähigkeit, den Anspruch dieser Werte zu erkennen und ihnen jene Antwort zu geben, die ihnen gebührt. Diese Antwort ist eine zweifache: eine des Herzens und eine der Tat. Die des Herzens nannte er die affektive Antwort. Nehmen wir als Beispiel die Dankbarkeit: Wenn ein Helfer mir das Leben rettet, dann soll ich ihm nicht nur nach außen hin danken, sondern auch im Herzen wahrhaft dankbar sein. Nehmen wir an, der Helfer habe während seiner Tat selber den Tod gefunden und ich würde nun Dankbarkeit für überflüssig halten, weil ich sie ihm nicht mehr erweisen könne: Wir würden sofort die Verwerflichkeit dieser Haltung erkennen, weil ich jener guten Tat jene affektive Antwort verweigerte, die ihr gebührt. Auch wenn dem Retter meine Dankbarkeit nichts mehr nützt: Sie zu verweigern und im Herzen gleichgültig zu bleiben, wäre ein Zeichen sittlicher Verrohung.

Das Gute nimmt mich also ganz in Anspruch: Herz und Tat. So verhält es sich auch mit der Not des Nächsten. Die erste Antwort, die von mir verlangt wird, ist immer die affektive, und dann, je nach dem Maß der Dringlichkeit und meinen eigenen Möglichkeiten, auch die effektive.

Natürlich kommt es auch darauf an, welcher Art die Situation ist, innerhalb derer ich mit der Not konfrontiert werde. In den Medien werden wir Tag für Tag mit Nachrichten über die verschiedensten Katastrophen und Unglücksfälle überschüttet, so dass wir bis zu einem gewissen Grad abstumpfen, da es uns nicht möglich ist, die Unglücksnachrichten emotional zu verarbeiten, wenn wir jedes Mal angemessen auf sie reagieren wollten. Und wenn sich einmal unsere Spendenfreudigkeit herumgesprochen hat, werden wir von den Bettelbriefen so vieler Wohltätigkeitsorganisationen überflutet, dass wir notwendigerweise hier und dort unsere Hilfe verweigern, weil wir nicht allen helfen können.

Aber wenn wir einmal in einer besonderen Situation persönlich einem verhungernden Menschen begegnen sollten, dann können wir ihm nicht die Hilfe verweigern mit dem Argument, wir hätten gerade erst der Caritas 100 € gespendet. Es ist also ein Riesenunterschied, ob wir einer konkreten Not real begegnen oder bloß von ihr hören. Und es ist auch dieser Unterschied, der den Unterschied zwischen einer legitimen Marketingstrategie und der von Jesus gegeißelten Heuchelei ausmacht. Eine Firma, die sich sagt: Um uns den Käufern zu empfehlen, spenden wir eine Zeit lang 2 % des Erlöses als Hilfe für die Opfer der letzten Flutkatastrophe, handelt nicht verwerflich, weil sie von sich aus nicht mit jener Not konfrontiert und deshalb zu nichts verpflichtet war. Es ist eine freiwillige gute Tat. Würde aber ein Vertreter der Firma als Helfer zur Katastrophe vor Ort hinfahren und dort nur so lange Hand anlegen, wie die Kamera, die das dokumentieren soll, auf ihn gerichtet wäre, würden wir das schon als heuchlerisch empfinden. Hier sehen wir: Je konkreter und näher die Not ist, um so gebieterischer fordert sie unsere Antwort unter Beiseitelassung anderer, auch legitimer Interessen. Je mehr eine Situation vom moralischen Wert, also hier vom kategorischen Imperativ der Hilfeleistung, beherrscht wird, um so mehr haben untergeordnete Werte und Interessen zu schweigen.

Das gilt z.B. auch für künstlerische Werte. Ein Künstler, der sich ins Katastrophengebiet begeben wollte, allein um Stoff für seine realistischen Darstellungen zu finden, würde sich der Instrumentalisierung menschlicher Not ebenso schuldig machen wie die Heuchler aus der Bergpredigt.

Das Eigentümliche des moralischen Wertes ist es also, uns um so mehr in Anspruch zu nehmen, je mehr er die Situation beherrscht, in die wir geraten. Er fordert uns nicht nur zum Handeln, sondern auch zum passenden Handlungsmotiv heraus. Als gläubige Christen wissen wir, dass sich in ihm der Wille Gottes ausspricht. Es ist Gottes Ruf an uns, wenn in einer konkreten Situation unsere Hilfe gefordert ist. Dieser Ruf ist nicht der blinde Befehl eines Tyrannen. Dietrich von Hildebrand wird in seinen Schriften nicht müde, die innere Schönheit und Herrlichkeit der Werte zu beschreiben. Es lohnt sich, sich in diese Schriften zu vertiefen, um immun gegenüber allen Versuchen zu werden, die Werte zu relativieren und sie ihrer inneren Schönheit und Wahrheit zu berauben.

Die moralische Reife eines Menschen besteht, wie gesagt, darin, den Werten jene Antwort zu geben, die ihnen gebührt. In dem Maße, wie die moralischen Werte unser ganzes Leben bestimmen und durchdringen, reifen wir zu jener Heiligkeit heran, die Jesus mit den Worten beschrieben hat: “Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazu gegeben werden.” Dann brauchen wir auch nicht einmal mehr eine Marketingstrategie, so wenig wie Mutter Teresa von Kalkutta.


Recktenwald: Gottes Liebe als Quelle der Moralität

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