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Die Vernunft retten

Von P. Engelbert Recktenwald

Im Februar 1943 hielt C. S. Lewis an der Universität von Durham drei Vorlesungen. Sie wurden noch im selben Jahr unter dem Titel The Abolition of Man (Die Abschaffung des Menschen) veröffentlicht. Lewis beschreibt darin die Abschaffung des Menschen infolge der Abschaffung der Vernunft.

Ein Jahr später, im Februar 1944, hielt in New York der marxistische Philosoph Max Horkheimer an der Columbia Universität Vorlesungen, 1947 veröffentlicht unter dem Titel Eclipse of Reason. Der Titel der deutschen Übersetzung, die zwanzig Jahre später erschien, lautete Zur Kritik der instrumentellen Vernunft.

Horkheimer kritisiert den gleichen Vorgang wie Lewis. Während Lewis in der Fachphilosophie fast vollständig ignoriert wird, wurde Horkheimers Analyse viel beachtet, wenn sie auch nicht die von ihr beklagte Entwicklung aufhalten konnte. Wichtiger aber ist ein weiterer Unterschied zwischen den beiden: Während Horkheimer kein Rezept fand, die Vernunft zu retten, kann uns Lewis weiterhelfen.

Ausgangspunkt der Überlegungen Lewis’ ist die erzählerische Szene in einem Schulbuch, in der ein Tourist einen Wasserfall als erhaben bezeichnet. Dazu schreiben die Schulbuchautoren: “Als der Mann sagte Das ist erhaben, machte er scheinbar eine Feststellung über den Wasserfall. In Wirklichkeit aber äußerte er sich nicht über den Wasserfall, sondern über seine eigene Empfindung. Im Grunde sagte er Ich fühle etwas, das ich im Geiste mit dem Wort ‘erhaben’ verbinde, kurz: Ich empfinde erhabene Gefühle.”

Was geschieht hier? Es handelt sich bei der Aussage “Das ist erhaben” um ein Werturteil. Wenn nun dieses Werturteil keine Aussage über den Wasserfall darstellt, sondern, wie die Autoren meinen, bloß über die eigenen Empfindungen, dann bedeutet das die Leugnung des Wertes in der Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit ist wertfrei. Werte sind bloß Projektionen des Urteilenden. Bei ästhetischen Werten mag das nicht weiter tragisch sein. Das ändert sich sofort, wenn es um moralische Werte geht. Es gibt dann keine Gründe mehr, eine gute Tat zu billigen und eine böse zu verurteilen. Denn wenn ich sage: “Dieses Verbrechen ist abscheulich”, dann sage ich jener Logik zufolge nichts über die Tat aus, sondern nur etwas über mich, nämlich dass ich Abscheu empfinde. Die Wirklichkeit zerfällt dann in zwei Teile, die nichts miteinander zu tun haben: in die objektive Welt der wertneutralen Tatsachen und in die subjektive Welt meiner Gefühle. Mit jener hat es die Wissenschaft zu tun, mit dieser die Moral. Moral wird zu einer Geschmacksfrage. Werturteile sind dann unwissenschaftlich und subjektiv. Die Rationalität wird aus der Welt der Moral verbannt und auf den Bereich der empirischen Wissenschaften eingeschränkt.

Damit haben wir das Gegenteil zur klassischen Auffassung der Moral. Nach Thomas von Aquin etwa ist die Moral geradezu durch ihre Vernünftigkeit definiert: Denn nach ihm handeln wir moralisch genau dann, wenn wir der Vernunft gemäß handeln. Kant sieht es ähnlich: Der kategorische Imperativ ist ein Faktum der Vernunft. Für Kant ist eine Handlung nur dann vernünftig, wenn sie moralisch ist, d.h. wenn sie aus Achtung vor dem Sittengesetz vollzogen wird. Sie muss aus der richtigen Gesinnung hervorgehen. Es ist die Moralität, die die Handlung vernünftig macht.

Es geht also um die Frage, ob die Vernunft uns mit der Realität der Werte und des Sittengesetzes in Kontakt bringen kann. Wie heftig bis heute der Vernunftbegriff umstritten ist, zeigt sich an dem Vorwurf der “Irreführung durch Missbrauch eines Wortes”, des Wortes Vernunft, den der Philosoph Ernst Tugendhat Kant gegenüber erhebt. Dieser Vorwurf ist nur möglich auf dem Hintergrund der Reduktion der Vernunft auf reine Zweckrationalität im Sinne Max Webers. Weber stellte Zweck- und Wertrationalität einander gegenüber. Jene hat es mit wissenschaftlich klar erfassbaren Kriterien des Erfolgs oder Misserfolgs zu tun, während wertrationales Handeln auf den Eigenwert einer Sache, auf Werte wie Würde, Schönheit oder Güte, antwortet. Das aber hat für Weber nichts mit Wissenschaft zu tun. Werte werden aus dem Bereich der Vernunft in den des persönlichen Geschmacks und der subjektiven Weltanschauung verbannt. Der Soziologe Theodor Geiger wurde noch deutlicher und denunzierte Werturteile als illusionäre Objektivierungen subjektiver Empfindungen, vertrat also genau die Auffassung jener Schulbuchautoren, die Lewis aufs Korn nimmt.

Hier setzt die Kritik Horkheimers ein. Für ihn bedeutet die Reduktion der Vernunft auf Zweckrationalität ihre Verkürzung auf die instrumentelle Vernunft, der es nur um Nutzenmaximierung geht. Die Vernunft wird reduziert auf die Fähigkeit, die Mittel für unsere Handlungsziele zu finden, ist aber unfähig geworden, diese Ziele selber nach ihrem inneren Sinn und Wert einzuschätzen. Einen inneren, sich selbst rechtfertigenden Sinn kann sie nirgends entdecken. Für die Wertdimension der Wirklichkeit ist sie erblindet: “Der Gedanke, dass ein Ziel um seiner selbst willen vernünftig sein kann - auf Grund von Vorzügen, von denen Einsicht zeigt, dass das Ziel sie enthält -, ohne auf irgendeine Art subjektiven Gewinnes oder Vorteils sich zu beziehen, ist der subjektiven Vernunft zutiefst fremd” (Horkheimer).

Die Folge ist eine veränderte Einstellung zur Natur. Es geht nicht mehr darum, die Dinge in ihrem Eigenwert zu würdigen, sondern die Natur zu beherrschen, ja auszubeuten. Schließlich gerät auch der Mensch immer mehr in den Sog des empiristischen Blickwinkels der instrumentellen Vernunft, wird als ein Stück Natur betrachtet und den Manipulationsgelüsten der Naturbeherrscher ausgeliefert: Naturbeherrschung schlägt um in Menschenbeherrschung. Lewis wie auch Horkheimer beschreiben diesen dialektischen Umschlag. Ethische Bedenken verlieren ihre Kraft, da Werturteile im Konzept der Zweckrationalität keinen Platz haben.

Eine Rettung kann es nur geben über die Rückgewinnung eines umfassenderen Vernunftbegriffs, der die ethische Dimension mit einschließt und sie als Teil der jeder Erkenntnis vorgegebenen Wirklichkeit rehabilitiert. Das ist eines der Anliegen, die der Theologe Joseph Ratzinger sein Leben lang verfolgt hat. Als Papst Benedikt schrieb er z.B. in Caritas in veritate. “Die Rationalität des auf sich selbst zentrierten technischen Machens erweist sich jedoch als irrational, weil sie eine entschiedene Ablehnung von Sinn und Wert mit sich bringt.” Sinn und Wert erscheinen hier als etwas, wodurch Rationalität überhaupt erst zustande kommt. So sieht es auch Lewis. Er betrachtet Werte als rational, ja als “die Rationalität selbst”, “als etwas so offensichtlich Vernünftiges, dass sie einen Beweis weder fordern noch zulassen.”

Das aber ist nur möglich, wenn Wert und Vernunft ursprünglich zur Wirklichkeit dazugehören, oder, noch konsequenter ausgedrückt: Wenn Vernunft selber der Ursprung aller Werte und aller Wirklichkeit ist, wenn es also eine göttliche Vernunft gibt, die “am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grunde steht” (Ratzinger, Rede an der Sorbonne 1999).

Horkheimer sieht es ähnlich. Bekannt von ihm sind seine Aussagen: “Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel” und “Zugleich mit Gott stirbt auch die ewige Wahrheit” (Theismus-Atheismus, 1963). Horkheimer sieht hier den Weg zur Rettung, ohne ihn aber selber zu gehen, denn sein Denken ist, wie er einmal in einem Brief bekannte, “zu sehr materialistisch verseucht.” Für ihn blieb der Zusammenhang zwischen Gottesglaube und Vernunftbejahung hypothetisch.

C. S. Lewis dagegen war diesen Weg der Rettung gegangen, oder besser ausgedrückt: Er wurde ihn geführt, als ihm der Glaube an Gott geschenkt wurde. Er wurde, wie er in seiner Autobiographie “Überrascht von Freude” beschreibt, von Gott eingeholt und vor die Wahl gestellt, ihn als Gott anzuerkennen oder nicht. Sehr aufschlussreich sind zwei Aussagen, mit denen er seine Gotteserfahrung beschreibt: Gott ist einerseits “per definitionem die Vernunft selbst”, andererseits jener, dessen Kenntnis mit dem Wissen zusammenfällt, dass ihm unser Gehorsam gebührt. Das bedeutet: Er erfährt Gott als Inbegriff und Ursprung aller moralischen Normativität und Werthaftigkeit. In Gott haben wir die ursprüngliche Identität von Vernunft und Güte, eine Identität, die in der Schöpfungsordnung den von Ratzinger postulierten, von der instrumentellen Vernunft geleugneten Zusammenhang zwischen Wert und Rationalität stiftet und plausibel macht.

In einem Essay schreibt C.S. Lewis: “Ich glaube an das Christentum, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.” Im Licht des christlichen Glaubens fügen sich alle Teilerkenntnisse wie Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen. Alles findet seinen Platz und erhält seinen Sinn. Der Vernunft hört auf, ein Fremdkörper in einer materiellen Welt zu sein, und die Werte verwandeln sich aus menschlichen Illusionen in jene Wirklichkeit, die aller anderen Wirklichkeit erst ihre Bedeutung und der Vernunft ihre Würde verleiht, so dass gilt, was Ratzinger 1987 in einer Rede einmal über die moralische Vernunft sagte: Sie “ist Vernunft im höchsten Sinn, weil sie tiefer in das eigentliche Geheimnis des Wirklichen vordringt als die experimentelle Vernunft.”

Dieser Text erschien am 30. Mai 2018 in der "Tagespost".

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