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Gottesbeweis aus der zwischenmenschlichen Liebe

Von Josef Seifert

Die erste Reihe dieser Argumente für die Existenz Gottes, denen wir uns zuerst zuwenden möchten, geht von unserer Erfahrung zwischenmenschlicher Liebe aus:

Da ist es zunächst die Erfahrung der Liebenswertheit der menschlichen Person, eines Kindes, eines Ehegatten, des Vaters, der Mutter oder des Freundes. Diese Erfahrung und Einsicht, daß ein Mensch einen Gesamtwert besitzt, auf den nur die Liebe eine angemessene Antwort ist: persona amanda est propter seipsam, wie die polnischen Personalisten um Karol Wojtyła formulieren, kann uns motivieren, nach der Quelle dieses Wertes der Liebenswertheit der Person zu fragen: Verlangt die Liebenswertheit der endlichen Person nicht nur einen geistigen, freien und allmächtigen, sondern auch einen liebenden Schöpfergott als ihre Quelle? Wie könnte eine nicht-personale Ursache, oder wie könnte auch eine kalte und lieblose Person jenen wunderbaren Wert der Liebenswertheit und Schönheit einer Person qua Person erkären, der sich in einzigartiger Weise in dem Lächeln eines kleinen Kindes enthüllt? Muß dieser Wert einer kontingenten Person nicht seinen Ursprung in der Liebe haben? Es ist als würde uns in jedem Lächeln eines Kindes, in dem uns seine Liebenswertheit aufstrahlt, die absolute Liebe selbst, die seine Quelle ist, zulächeln.

Auch jene Charakteristik jeder Liebe, die Dietrich von Hildebrand in seinen profunden Werken über das Thema intentio benevolentiae nennt (Dietrich von Hildebrand, Metaphysik der Gemeinschaft; ders., Das Wesen der Liebe, Kap. 7; ders., Reinheit und Jungfräulichkeit) und die auf alle objektiven Güter für die geliebte Person abzielt, bliebe ohne Gott tragisch und unerfüllt. Denn wie sollen wir ohnmächtig Liebenden den Geliebten über das Alter, die Krankheit, den Tod hinaus beglücken oder glücklich sehen? Wie sollen wir ihn ferner jemals, selbst in den seligsten Momenten unserer Liebe, so umfassend beglücken wie wir dies für ihn oder sie ersehnen und ersehnen sollen? So ist die im Wesen der Liebe gründende intentio benevolentiae, das Wohlwollen der Liebe, ohne Gott als höchstes Gut des Geliebten, als Einzigem, der sie erfüllen kann, ewig unerfüllbar. Man könnte sagen: die intentio benevolentiae ist tragisch, wenn Gott nicht existiert.

Aber auch die intentio unionis, die in jeder Liebe lebende Sehnsucht nach Einheit, Gemeinschaft und einer Vereinigung, die die Erwiderung der Liebe voraussetzt, kennt ungezählte äußere, aber auch innere Hindernisse, sodaß sie in ihrer letzten Richtung auf eine im tiefsten Wert und der vollendeten Gegenseitigkeit der Liebe begründeten Gemeinschaft in diesem Leben und ohne Gott unerfüllt bleibt. Nur durch Gott, das absolute Gut oder besser den absolut Guten, ist die intentio unionis in ihrer ganzen Tiefe und metaphysischen Dimension erfüllbar.

Gemeinschaft und Einheit sind ferner nur in dem Maße möglich, in dem Menschen sich in einem objektiven Wertbereich, in etwas in sich Wertvollem treffen, welches, wenn Personen sich ihm zuwenden und angemessen auf es antworten, sie durch seine vereinigende Kraft (seine virtus unitiva; zu diesem Begriff vgl. Dietrich von Hildebrand, Metaphysik der Gemeinschaft) zu vereinen imstande ist. Diese Personen vereinigenden Werte sind nicht nur jene, die in den Liebenden existieren und dem gemäß eine besondere Rolle in ihrer personalen Einheit spielen, sondern auch jene Werte, die außerhalb der in Liebe vereinten Personen existieren und auf die sie gemeinsam blicken, die sie gemeinsam erleben und denen sie sich in einer angemessenen Wertantwort zuwenden. Obwohl auch endliche Güter und Werte wie die Schönheit in Natur und Kunst, die sittlichen Werte und die Werte der Person, wenn sie erkannt und beantwortet werden, ihre vereinigende Kraft entfalten, so kann nur die unendliche Gutheit Gottes die letzte Einheit zwischen Personen begründen und bleibt die personale unio immer wesenhaft begrenzt, wenn sie nur in endlichen Werten und Gütern fundiert ist.

Aus einem weiteren und noch tieferen Grund ist eine Erfüllung der innersten Intentionen menschlicher Liebe ohne Gott nicht möglich: nur wenn der menschliche Geliebte an seiner richtigen Stelle in der Welt der Güter steht und in seiner Endlichkeit erkannt und geliebt wird, sehen wir einerseits seinen tiefsten Wert, der gerade im Gottesbezug liegt, und vermeiden wir andererseits jene Idolisierung der geliebten menschlichen Person, welche häufig vorkommt und zu einer „falschen Liebe“ führt, welche die Quelle vieler Tragödien menschlicher Liebesbeziehungen ist. Wir lieben den Menschen am besten, wenn wir ihn ganz als Menschen und in der Wahrheit menschlicher Liebe lieben, nicht wenn wir ihn vergötzen.

Noch ein weiterer wesenhafter Bezug jeder zwischenmenschlichen Liebe zu Gott verdient Erwähnung, der Aspekt der Umformung und Umgestaltung menschlicher Liebe durch die Gottesliebe. Erst wenn wir die geliebte Person in Gott lieben, erst wenn wir sie auch als von der Liebe selbst geliebt und angenommen erleben, lieben wir sie in der Wahrheit. Daher könnte man scharf formulieren: wenn Gott nicht existierte, in und durch den allein wir einen geliebten Menschen voll lieben können, gäbe es die Liebe in ihrer Eigentlichkeit nicht; aber umgekehrt offenbart sich die Wirklichkeit Gottes in jeder wahren Liebe in dem Maße, in dem sie wahre Liebe ist.

Erst wenn wir die geliebte Person gleichsam durch den Blick ihres Geliebtseins von Gott her sehen, können wir sie voll und ganz lieben, gleich in welcher Kategorie der Liebe wir sie lieben, mit Elternliebe, Kindesliebe, bräutlicher und ehelicher Liebe, Freundesliebe usf. Dietrich von Hildebrand hat diese höchste zwischenmenschliche Liebe, die nur aus dem Fundament der Gottesliebe möglich ist, mit Bezug auf das Hohelied der Liebe im Ersten Korintherbrief (Kor 1:13) und auf die ganze christliche Tradition, als caritas oder agape bezeichnet und gezeigt, daß die Qualität der caritas die Gottesliebe) und in ihrer vollkommensten Gestalt die Liebe zu Christus) notwendig voraussetzt, daß sie sich besonders in der Feindes- und Nächstenliebe zu jedem Menschen auswirkt, daß sie aber in keiner Weise mit dieser zusammenfällt. Dies ist nicht nur der Fall, weil sie in erster Linie in der Gottesliebe lebt und ihre Quelle hat, sondern die caritas bewahrt auch nicht nur alle zwischenmenschlichen Lieben in ihrem vollen spezifischen Charakter, anstatt sie zu zerstören oder zu nivellieren, sondern sie bringt sie gleichsam erst zu sich selber (Dietrich von Hildebrand, Das Wesen der Liebe).

Wenn aber der kostbarste zwischenmenschliche Akt, zu dem der Mensch fähig ist, die Liebe, erst durch die Gottesliebe ihren wahren Logos entfaltet und ihre diversen Hindernisse und Grenzen überwindet, wie kann dann die Bedingung und der Garant des Sinnvollsten und Wertvollsten, aber auch das Wahrsten in der Welt, nämlich der Liebe, eine Illusion sein?!

Es handelt sich bei diesem Text um einen Auszug aus dem Buch von Prof. Dr. Josef Seifert, Erkenntnis des Vollkommenen - Wege der Vernunft zu Gott, Bonn 2010, ISBN: 978-3-942605-00-7, €28.90.

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