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Der Kulturrelativismus zwischen Fluch und Segen

Von P. Engelbert Recktenwald

Nicht nur Papst Benedikt XVI., auch der hl. Johannes Paul II. warnte eindringlich vor dem Relativismus. Er verhindere die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse und gefährde damit die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft [1].

Nun ist die verbreitetste Form des Relativismus der sogenannte Kulturrelativismus, dem es gerade darum geht, jede Kultur in ihrem Eigenwert zu würdigen. Deshalb dürfe der Außenstehende, so die Doktrin, nicht die ihm eigenen, der Kultur aber fremden Maßstäbe an sie anlegen. Er dürfe nicht von außen über sie urteilen, sondern müsse den sogenannten emischen Standpunkt, also die jeweilige Innenperspektive der Kultur, einnehmen, um sie zu verstehen und ihr gerecht zu werden. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen, angefangen von den Kulturen alter Naturvölker bis zu den Hochkulturen östlicher und westlicher Prägung, nicht nur die Lebensweise, Sitten, Bräuche und Konventionen betreffen, sondern auch die Maßstäbe dafür, wie sie moralisch zu bewerten sind. “Werturteile sind immer relativ zu dem kulturellen Hintergrund, aus dem sie erwachsen,” bringt es der Ethnologe Melville J. Herskovits (1895-1963), ein Schüler von Franz Boas, auf den Punkt [2]. Es gibt demnach keine allgemeinen, kulturübergreifenden Normen und Werte. Der Kulturrelativismus ist also mit einem ethischen Relativismus verbunden. Er leugnet nicht die Existenz moralischer Normen und Werte, sondern ihre universale Geltung. Mit anderen Worten: Was in dem einen Kulturkreis als gut gilt, kann in einem anderen als schlecht gelten, z.B. Infantizid und Senizid. Und eine andere Geltung als diese innerkulturelle gibt es nicht. Im Relativismus werden somit moralische Normen auf das Niveau gesellschaftlicher Konventionen herabgedrückt. Der Kulturrelativist wertet nicht, sondern lässt die Werte der jeweiligen Kultur gelten, weil es für ihn keinen absoluten Maßstab gibt, mit dem er wiederum diese Geltung, also die moralischen Standards der Kultur beurteilen könnte.

Begründer des modernen Kulturrelativismus ist der Ethnologe Franz Boas (1885-1942). Seine Schule dominiert bis heute die Ethnologie, so dass Bernard Williams den Relativismus als “die typische Häresie der Ethnologen” bezeichnen konnte [3].

Boas’ Relativismus bedeutete für die Kulturanthropologie einen Paradigmenwechsel. Bis dahin wurden die Kulturen auf dem Hintergrund eines kulturellen Fortschritts gesehen, dessen Spitze die europäische Kultur darstellt. Dieser Fortschrittsglaube war ein Produkt der Aufklärung. Die Unterschiede zwischen den Kulturen wurden im Sinne verschiedener Entwicklungsstufen gedeutet. Der damalige Stand der europäischen Kultur, nämlich der Vernunftglaube der Aufklärung, wurde dabei wie selbstverständlich als Maßstab an die als mehr oder weniger primitiv qualifizierten Kulturen der außereuropäischen Völker angelegt. Voltaire, Turgot und Condorcet haben dem Fortschrittsoptimismus am meisten gehuldigt. Dabei zeigten sie missionarischen Eifer. Die aufgeklärten Europäer sollten die “wilden Nationen” zivilisieren und ihnen die Segnungen der Aufklärung und der Vernunft bringen. Der Zustand der Vollkommenheit, auf den sich die Menschheit zubewege, bestehe gerade im Wegfall der kulturellen Unterschiede. Der Unterschied, so meinte Nicolas de Condorcet, zwischen “der Barbarei der afrikanischen Stämme, der Unwissenheit der Wilden” und dem Zustand der Zivilisation, “den die aufgeklärtesten, freiesten und vorurteilslosesten Völker, wie die Franzosen und die Anglo-Amerikaner, erreicht haben”, muss und wird verschwinden [4].

Diese naive Gleichsetzung der eigenen Kultur mit einem absoluten Maßstab, an dem sich andere Kulturen in einer Weise messen müssen, dass jeder Unterschied als Defizit erscheint, ist genau jener Ethnozentrismus, den Boas und seine Schüler mit Hilfe des Kulturrelativismus überwinden wollten. Insofern erscheint dieser Relativismus als Aufklärung über die Aufklärung; als Aufklärung, die sich der eigenen Standpunktbezogenheit bewusst ist, als die “wahre” Aufklärung.

Noch heute verstehen Relativisten sich so: “Wahre Aufklärung kann nur kulturrelativistisch argumentieren,” schrieb noch am 24. Januar 2017 der Ethnologe Bernhard Streck [5]. Gleichzeitig lassen sie oft mangelnde Reflexion über die Implikationen ihrer eigenen Position erkennen. Ist ihre Forderung nach Achtung, Würdigung oder zumindest Toleranz fremder Kulturen ihrerseits nur eine partikulare Norm der westlichen Kultur oder eine universale Norm?

Der Relativist hat zwei Optionen, was den Umgang mit der Toleranz angeht. Die eine beschreibt der Philosoph Paul W. Taylor (1923-2015) so: Der normativ-ethische Relativist “vertritt auch in bezug auf die Toleranz eine relativistische Auffassung” [6]; “... wenn er konsequent ist”, müsste Taylor allerdings hinzufügen. Der konsequente Kulturrelativist müsste sagen: Ich bin tolerant, weil Toleranz ein Wert der Kultur ist, der ich angehöre. Doch in Wirklichkeit - und das ist die zweite Option - folgern Boas und seine Schüler die Toleranz aus der Unterschiedlichkeit der Kulturen und deren jeweiligem Eigenwert. Das heißt, Toleranz ist für sie eine universale Norm, weil sie gerade kulturübergreifend das Verhältnis zwischen den Kulturen regeln soll. Herskovits etwa spricht von der “Würde”, “die allen Sitten und Gebräuchen zukommt”, vom “Wert der Vielfalt von Kulturen.” Er spricht von der “Notwendigkeit der Toleranz gegenüber allen Überzeugungen, selbst wenn sie von den eigenen abweichen”, und unterstreicht “die Gültigkeit jedes Regelsystems und aller seine Wertimplikationen für jene Menschen, die danach leben” (Herskovits 1978, S. 58). Er fordert die Toleranz also nicht deshalb, weil sie zufällig eine Partikularnorm seiner eigenen Kultur ist, sondern weil er sie für eine universale Norm hält, die dem kulturübergreifenden Wert der Kulturenvielfalt und dem jeweiligen Eigenwert einer jeden Kultur gerecht wird. Und dieser Eigenwert wird wiederum nicht verstanden als ein bloß relativer Wert in Bezug auf die der Kultur eigenen Wertmaßstäbe, sondern als ein absoluter Wert, weil er ja gerade auch die Achtung kulturfremder Menschen fordert.

So steht der Relativist vor einem Dilemma: Entweder hält er die Toleranzforderung für eine partikulare oder für eine universale Norm.

Im ersten Fall ist er konsequent und spricht der Toleranzforderung eine universale Geltung ab. Dann kann er Toleranz nicht im Namen des Wertes einer jeden Kultur, der von allen zu achten sei, einfordern, sondern nur von den Angehörigen jener Kulturen, in denen Toleranz als Partikularnorm sowieso anerkannt ist. Er kann auch nicht behaupten, dass eine tolerante Kultur besser sei als eine intolerante. Er hat auch keinen Maßstab zur Beurteilung von Bemühungen, durch Reformen, etwa durch die Abschaffung der Sklaverei oder die Emanzipation der Frau, die moralischen Standards einer Kultur zu ändern. Denn nach den Maßstäben einer Sklavenhaltergesellschaft sind solche Reformen schlecht, und universale Normen, auf die sich der Reformer gegenüber den Verfechtern des Status quo berufen könnte, gibt es laut den Relativisten nicht.

Im zweiten Fall ist der Relativist inkonsequent und erkennt doch implizit universale Normen und Werte an, obwohl er sie explizit verwirft. Er verwirft die universale Geltung moralischer Normen, propagiert aber die universale Geltung der Toleranz. Er leugnet universale Werte, reklamiert aber für Kulturgüter universale Anerkennung. Dieser Denkstil befindet sich in einem performativen Selbstwiderspruch. Bernard Williams nennt deshalb den Relativismus “die absurdeste Anschauung”, die in der Moralphilosophie je vertreten wurde (Williams 1978, S. 28).

Anmerkungen:

[1] Ansprache beim internationalen Treffen der Führer der Christdemokraten in Rom am 23. November 1991

[2] Melville J. Herskovits, Man and his Works, New York: Alfred A. Knopf 111970, dt. Übersetzung in: R. Ginters, Relativismus in der Ethik, Düsseldorf: Patmos 1978, S. 52.

[3] Bernard Williams, Der Begriff der Moral, Stuttgart: Reclam 1978, S. 28.

[4] Marie Jean Antoine de Condorcet, Der Fortschritt des menschlichen Geistes (1794), in: Barbara Stollberg-Rilinger, Europa im Jahrhundert der Aufklärung, Stuttgart: Reclam 2000, S. 368.

[5] Bernhard Streck, Alle Kultur ist prekär. Die relativistische Ethnologie als Aufklärung, mit Datum vom 24. Januar 2017 veröffentlicht auf der Website des Global South Studies Center Cologne http://gssc.uni-koeln.de/node/1416, abgerufen am 15. Februar 2017.

[6] Paul W. Taylor, Principles of Ethics, Encino und Belmont: Dickenson Publishing Company 1975, dt. Übersetzung in: R. Ginters, Relativismus in der Ethik, Düsseldorf: Patmos 1978, S. 38.

Fortsetzung auf der Startseite

Dieser Aufsatz erschien zuerst in Die Neue Ordnung, Dezember 2017, S. 453-460. Sie können ihn auch hören.


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