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Soll die Biologie die Leitwissenschaft der Zukunft sein?

Von Johannes Schwarte

Für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft ist es nicht nebensächlich, welche Wissenschaft eine Leitfunktion übernimmt. So geht es auch im gegenwärtigen Streit um den Biologieunterricht um mehr als „nur“ um den Kreationismus. Der Materialismus versucht an Boden zu gewinnen.

Die hessische Kulturministerin Karin Wolff hat mit ihrer Forderung, im Biologieunterricht auch die „erstaunlichen Übereinstimmungen“ zwischen dem biblischen Schöpfungsbericht und der modernen Evolutionstheorie zu behandeln, eine sehr heftige Kontroverse ausgelöst, die durchaus an einen Kulturkampf denken lässt. (Siehe auch DT vom 10.07.2007). Denn die geäußerten Auffassungen sind teilweise von so grundsätzlicher und auch kämpferischer Art, dass der Begriff „Kulturkampf“ durchaus berechtigt ist. Es zeigt sich nämlich, dass es in Wahrheit um weit mehr geht als um den Kreationismus und damit um die Abwehr einer christlich-fundamentalistischen Ideologie, von der sich jeder aufgeklärte Christ ebenso distanzieren wird wie der aufgeklärte Naturwissenschaftler. Es geht auch um mehr als um die Frage des Verhältnisses von Biologie oder Naturwissenschaft und Religion, von Evolutionstheorie und Schöpfungstheologie. Es geht in Wahrheit letztlich um den Versuch, die Biologie als Leitwissenschaft zu etablieren, vor deren „Ergebnissen“ die Vertreter aller anderen Wissenschaften einschließlich der Theologie zu verstummen haben.

Die Öffentlichkeit sollte sich der Reichweite und Bedeutung dieses Versuchs bewusst sein. Es ist für die Humanität und auch für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft durchaus nicht nebensächlich, welche Wissenschaften eine Leitfunktion und damit auch die maßgebliche Problemdefinitionskompetenz für sich beanspruchen. Das öffentliche Bewusstsein und die öffentlichen Debatten werden maßgeblich durch diejenige(n) Wissenschaft(en) bestimmt, der beziehungsweise denen eine Leitfunktion zugestanden wird. Jeder wird auf Anhieb den Unterschied erkennen können, ob primär technische oder biologische oder sozialethische Themen die öffentlichen Debatten besetzen. Es bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Prioritätenbewusstsein der Menschen.

Im gegenwärtigen Streit um die Inhalte des Biologieunterrichts in den Schulen, der ja die Schüler entscheidend auch über sie als Menschen und ihre Herkunft unterrichten soll, scheinen jene Biologen, die sich jetzt so irritierend vollmundig und lautstark zu Wort melden, der Auffassung zu sein, dass nur die Biologie allein – und zwar ausschließlich in der von ihnen gutgeheißenen Ausprägung – befugt sein soll, Schüler über den Menschen hinsichtlich seiner Herkunft zu unterrichten. Die vom hessischen Lehrplan für die Oberstufe vorgeschriebene Erörterung philosophischer Fragen im Rahmen des Biologieunterrichts versuchen sie mit dem Argument zu unterbinden, die dafür erforderliche „grundlegende Allgemeinbildung“ könne bei den Schülern/innen von heute nicht mehr vorausgesetzt werden. Im Religionsunterricht, in dem natürlich auch der biblische Schöpfungsbericht – unter für modernen Religionsunterricht selbstverständlicher Anbindung an moderne bibelwissenschaftliche Erkenntnisse – zu behandeln ist, sehen sie eine Gefährdung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Evolutionstheorie. Deshalb hat der „Verband Deutscher Biologen“ eigens eine „Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie“ gegründet mit der Zielsetzung, einen „rein wissenschaftlichen“ und dadurch „weltanschauungsfreien“ Biologieunterricht zu fordern.

Kulturkampf der Materialisten gegen den Schöpfungsglauben

Nimmt man die Argumente des stellvertretenden Vorsitzenden dieser Arbeitsgemeinschaft, des Tübinger Biologiehistorikers Thomas Junker, zur Kenntnis, so fühlt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt: Er sieht im Religionsunterricht eine ebenso große Gefahr für die Biologie wie im Kreationismus. Den Biologielehrer sieht er solange in der Defensive, wie es den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an Schulen gibt. Die Biologie ist für ihn von Natur aus atheistisch, die Nichtexistenz Gottes eine empirische, im Alltag fortwährend bewiesene Tatsachenwahrheit. Evolutionsbiologen, die Christen sind, hält er für inkonsequent. Dies alles muss für Junker nicht aufwändig bewiesen werden, sondern es hat die Evidenz einer nicht aus der Welt zu schaffenden Tatsache. Sein Hauptproblem ist die „Lücke“ zwischen der „innerwissenschaftlichen Gewissheit“ und der „außerwissenschaftlichen Akzeptanz der Evolutionslehre“ (FAZ vom 12. Juli 2007). Dieser „Abgrund der Irrationalität“ treibt ihn um. Er bekämpft diese „Irrationalität“ auf eine Weise, die es durchaus rechtfertigt, von einem „Kulturkampf“ zu sprechen.

Dabei ist jenen Biologen, die wie Junker argumentieren, offenkundig nicht klar, dass sie genau wie gläubige Menschen, die ihrem Weltverständnis einen Schöpfergott zugrundelegen, ein „Glaubensbekenntnis“ ablegen – ein negatives allerdings – und eben keine wissenschaftliche Feststellung treffen, wenn sie behaupten, die Biologie sei „atheistisch“, „Naturalismus“ und „Erfahrung“ seien identisch und Christen als Evolutionsbiologen seien inkonsequent. Als „bekennende“ Materialisten, die sie sind, sollten sie auf einen der Erzväter des philosophisch-weltanschaulichen Materialismus hören: auf Friedrich Engels. Er war in dieser Frage ehrlich und beanspruchte nicht Wissenschaft, wo es um Glauben geht. Er bekannte, dass jeder Philosoph zu Beginn seines Philosophierens eine grundsätzliche Glaubensentscheidung zu treffen habe: nämlich die, ob Gott die Welt erschaffen hat – oder ob sie „aus sich selbst heraus“ zu erklären ist. Wie Engels diese Glaubensentscheidung für sich getroffen hat, ist bekannt. Hier geht es darum, dass der Mitbegründer einer auf fatale Weise wirksam gewordenen materialistischen Weltanschauung mit sehr ambitioniertem „wissenschaftlichem“ Anspruch „bekannte“, dass die Grundentscheidung für diese Weltanschauung eine „Glaubensentscheidung“ war, kein wissenschaftlicher „Beweis“.

Die Situation ist heute grundsätzlich nicht anders als zu Zeiten von Engels im 19. Jahrhundert. Davon scheinen diejenigen Biologen nichts zu wissen, die kulturkämpferisch – aber geistig hoffnungslos rückständig – die Unvereinbarkeit von Biologie und Schöpfungsglauben behaupten.

Auch von den Klarstellungen Adolf Portmanns (1897 – 1982), eines Großen der Biologie, bezüglich der Grenzen dieser Wissenschaft scheinen sie nichts zu wissen. Als Reaktion auf den Rassismus der Nationalsozialisten, den Portmann als Folge einer Grenzüberschreitung der Biologie deutete, wies er die Biologie in ihre Grenzen und warnte vor einer biologistischen Engführung in der Frage nach dem Ursprung des Menschen: „Wie manche seltsame Auffassung, die aus biologischen Argumenten ihre Nahrung zog“, schreibt er 1951, „hätte nie groß werden können, wenn die biologische Arbeit schon in ihrem eigenen Bereiche von einem umfassenderen Blickpunkte aus geleitet worden wäre“. Es sei „ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, dass von der Erforschung tierischen Verhaltens aus die Basis für die Beurteilung des menschlichen Daseins mit Sicherheit gefunden werden könne“. Die Biologie ermögliche zwar bedeutsame Vergleiche, „durch die unsere Eigenart deutlicher hervortritt“, aber „das Erfassen dieses biologisch Besonderen ist nur ein Teil unseres Versuchs, aus den Tatsachen unseres eigenen Menschenlebens die Gesetze zu finden, nach denen wir die Führung unseres Lebens richten“.

Die Naturwissenschaften forschen niemals wertfrei

Über die Evolutionstheorie schreibt Portmann vor fünfzig Jahren: Sie wirke zwar „mit der Kraft einer Wahrheit, die von der Forschung endgültig dem Dunkel des Geheimnisses entrissen worden“ sei, doch empfiehlt er dem biologischen Forscher, sie „mit der Zurückhaltung zu erfassen, die der Forscher seinen Zeugnissen gegenüber aufbringen muss“. Er bezeichnet sie als einen „kühnen Wurf der Deutung gewaltiger Tatsachenmassen, in allen seinen Einzelheiten aber immer Objekt strenger Kritik und Aussprache, in seinen letzten Folgerungen nach allen Seiten über das wissenschaftlich Fassbare hinaus in die Sphäre des Glaubens führend“. „Aus dem tiefem Glaubensbedürfnis der Gegenwart holt dieser kühne Versuch denn auch seine besondere Kraft“.

Portmanns nachdrückliche Hinweise darauf, dass die biologische Forschung entgegen der heute weitverbreiteten Auffassung eben nicht wertfrei, sondern standortgebunden oder weltanschauungsbezogen ist, dürften in keinem Biologieunterricht fehlen: „Keiner von uns erforscht unvoreingenommen das Wesen des Menschen“, heißt es bei ihm. „Niemand fügt das Resultat seiner Analyse Strich um Strich auf einer reinen weißen Fläche zum Bilde zusammen, sondern wir gliedern die Ergebnisse unseres Forschens ein in ein Bild, von dem manche Umrisse, oft kaum sichtbar, bereits gegeben sind durch die geistige Arbeit der Vergangenheit und durch die Macht der uns umgebenden Meinungen.“

Der Mensch einer christlich geprägten Zeit finde einen „anderen Vorentwurf für seine Arbeit als der eines materialistischen Zeitalters, einen anderen der Fortschrittsgläubige aus der frühen Zeit der Abstammungslehre als deren späte Söhne“. Das wissenschaftliche Arbeiten, „darin dem künstlerischen Schaffen vergleichbar, setzt mit einem Vorentwurf ein, an dem die weitere Arbeit stetsfort ändert, an dem manche Züge schwinden, andere an Gewicht gewinnen, von denen aber doch viele Grundzüge in aller Wandlung bestehen bleiben“. Und ein letzter Satz von Portmann, der für die gegenwärtige Kontroverse formuliert sein könnte und der geeignet ist, einen drohenden Kulturkampf um den Stellenwert der Biologie als Wissenschaft im Konzert anderer Wissenschaften abzuwehren: „Unsere Arbeit wird von der Gewissheit geleitet, dass auch das biologisch Fassbare wesentlich mitbestimmt ist von jenen Seiten des Menschen, die mit anderen als den Methoden der experimentellen Biologie erforscht werden müssen“.

Die Übereinstimmung zwischen Engels und Portmann sollte vollmundigen Biologen zu denken geben. Vor allem Portmann sollte ihnen mehr intellektuelle Bescheidenheit nahelegen. Allen Versuchen gewisser Biologen, die Biologie als Leitwissenschaft zu etablieren und für sich die alleinige Kompetenz zu Auskünften über die Herkunft des Menschen zu reklamieren, ist mit guten Gründen entschieden entgegenzutreten.

Dieser Artikel erschien am 24. Juli 2007 in der "Tagespost, Katholische Zeitung für Politik, Kultur und Gesellschaft".


Kutscheras Biologismus

Die Berechtigung der Warnung Johannes Schwartes vor einem Biologismus, der die Biologie auf dem Hintergrund eines materialistischen Weltbildes als Leitwissenschaft etablieren will, der in Bezug auf die Gesamtwirklichkeit ein Deutungsmonopol zukomme, ist kürzlich auf beeindruckende Weise durch einen Artikel des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera im Laborjournal (6/2008) bestätigt worden. Allen Ernstes behauptet er dort: “Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie.” Die Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ist für ihn simpel: Erstere haben es mit der Realität, letztere mit Worten zu tun, also mit dem, was andere Menschen gedacht und geäußert haben. Deshalb nennt er die Geisteswissenschaften Verbalwissenschaften, im Gegensatz zu den Realwissenschaften. Wie ernst ihm diese Abqualifizierung der Geisteswissenschaften ist, zeigt sich in seinem gelegentlichen Gebrauch des englischen ghost sciences und in der rüden Zurückweisung eines Versuches von Remigius Bunia, den Verbalwissenschaften dadurch eine gleichwertige Dignität zuzuschreiben, dass menschliche Gedanken und Worte ebenfalls zur Realität gerechnet werden ("Wir Verbalwissenschaftler"). Er bestätigt damit die Richtigkeit der Interpretation seiner Einschätzung der Geisteswissenschaften durch Robert Czepel, Wissenschaftsredakteur beim ORF, nach Kutschera seien die Geisteswissenschaften “quasi Blabla-Disziplinen, die sich nicht in die Belange der Naturwissenschaften einmischen sollten.”

Kutschera fühlt sich in den Geisteswissenschaften einem Chaos ausgeliefert, das nirgends einen Halt liefert: “Das Experiment ist dem Realwissenschaftler der Halt im geistigen Chaos, der Verbalwissenschaftler dagegen rudert in den Nebeln von Avalon, ohne je ein Ufer zu erreichen.” Also muss alle Realität auf das experimentell Überprüfbare heruntergefahren werden. Es bleibt nur noch ein biologistischer Materialismus übrig. Beispiel gefällig? “Denken aber ist ein biologischer Vorgang und das Verständnis seiner Produkte deswegen Sache der Biologie.”

Merkwürdig: Fällt Kutschera nicht der Widerspruch auf zwischen dem, was er beansprucht, und dem, war er tut? Betreibt er, indem er seinen Artikel über die Wissenschaften schreibt, etwa Biologie? Hat er, um Bunia zu widerlegen, Experimente angestellt? Hat er dessen biologischen Vorgänge untersucht oder nicht vielmehr die Logik seiner Gedankengänge nachvollzogen? Schon in diesem Fall zeigt sich, dass sich beispielsweise die Gesetze der Logik nicht auf biologische Vorgänge zurückführen lassen. Analog läßt sich das für die Gesetze der Mathematik zeigen, anschließend für jene der Erkenntnis als intentionalen Akten, und schon sind wir mitten in die Philosophie hineingelangt auf einem Weg, wie ihn schon Edmund Husserl beschritten hatte.

Alexander Kissler argumentierte in der Süddeutschen Zeitung ähnlich: “Die Biologie soll aufsteigen zur Königsdisziplin, deren hartem Urteil sich alles Geistige zu fügen habe. Damit aber wird das eigene Denken kontaminiert: Sind Kutscheras Auslassungen nicht geistige Produkte zum Lobpreis des Geistfernen? Lassen sich seine Worte im Experiment überprüfen? Und was legitimiert ihn, der die Vertrautheit mit dem naturwissenschaftlichen ‘Methodenarsenal’ als Bedingung für jede Wortmeldung fordert, zu einer solchen Standpauke auf erkennbar fremdem Gebiet?”

“Kissler’s (sic!) Grütze” ist die freundliche Betitelung, mit der die Brights-Bewegung den Kissler-Artikel bedachte. Antwort auf die Argumente? Fehlanzeige! Vielleicht sollte man es doch ein wenig mit Philosophie versuchen.

Die Debatte geht weiter

Nun hat Alexander Kissler in der Oktoberausgabe 2008 von Cicero das Thema wieder aufgegriffen (Deutschlands wichtigste Vordenker). Nachdem er die Thesen Kutscheras referiert hat, führt er den philosophischen Bestsellerautor Richard David Precht (“Wer bin ich, und wenn ja, wie viele”) mit schwerem Geschütz ins Feld: “Precht wirft den Naturwissenschaften vor, ‘über ihre Geschichte, die oft eine Geschichte der bombastischen Irrtümer ist, viel zu wenig nachzudenken.’ Er erinnert an die ‘Arroganz’ der Biologie des 19. Jahrhunderts, die ‘nachher in Rassentheorie und Sozialdarwinismus als Legitimationen für den Holocaust ‘entartet’ ist. Auch die Rassentheoretiker haben gedacht, sie betreiben Wissenschaft.’ Außerdem verlasse jeder Naturwissenschaftler das Feld der nackten Fakten, sobald er seine Daten interpretiert: ‘Beweisführung ist immer Geisteswissenschaft.’”

Schützenhilfe, so berichtet Kissler, bekam Kutschera dagegen vom Chemiker Peter Atkins, der Philosophie für einen primitiveren Vorgänger der Wissenschaft hält und Letztere auf die experimentierende Naturwissenschaft reduziert. Hinzu kommt, dass “der Siegeszug der Hirnforschung” “dem naturwissenschaftlichen Triumphalismus in die Karten spielt”, einen Rückfall in die Frontstellung des 19. Jahrhunderts provoziert und letztlich das als bare Münze nimmt, womit 1883 Wilhelm Dilthey den Monopolanspruch der Naturwissenschaften ad absurdum führen wollte, indem er schrieb: “Solange nicht jemand behauptet, dass er den Inbegriff von Leidenschaft, dichterischem Gestalten, denkendem Ersinnen, welchen wir als Goethes Leben bezeichnen, aus dem Bau seines Gehirns, den Eigenschaften seines Körpers abzuleiten und so besser erkennbar zu machen imstande ist, wird auch die selbstständige Stellung einer solchen Wissenschaft nicht bestritten werden.” Genau jenes aber behaupten heutzutage Naturwissenschaftler vom Schlage eines Kutschera.


Die Evolutionstheorie als Megatheorie

Scholz: Wo sehen Sie die Gefahren einer Absolutsetzung der Evolutionstheorie?

Lüke: Die Evolutionstheorie ist eine naturwissenschaftliche Theorie und hat als solche einen empirisch bestimmten Aussagerahmen. Wenn man sie zu einer neuen Metaphysik aufbläst, verliert sie ihre naturwissenschaftliche Dignität. Eine naturwissenschaftliche Theorie, die sich selbst als Ganze oder auch eines ihrer Elemente, zum Beispiel den Zufall „metaphysiziert“ „metafüsiliert“ sich als Naturwissenschaft selber.

Scholz: In welchem Sinne?

Lüke: Sie verstrickt sich schon auf der Ebene der Erkenntnis in unaufhebbare Widersprüche. Den Zufall zur alles entscheidenden Größe in diesem Welttheater zu erheben ist keine Naturwissenschaft, sondern ein philosophisch unzureichend durchdachtes Glaubensbekenntnis. Wenn alles bis hin zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis und zur Religion nur eine Finte der Evolution ist, um die biologische Fitness zu maximieren, dann wird auch die naturwissenschaftliche Erkenntnis selber zu einer Finte der Evolution, und der Zirkelschluss ist perfekt. Hier wird versucht, eine metaphysisch überhöhte Evolutionstheorie zur alles umfassenden Megatheorie zu kreieren.

Der Theologe und Biologe Prof. Dr. Ulrich Lüke in einem Interview mit Christoph Scholz, erschienen in der “Tagespost” am 20. Oktober 2007. Lüke war Teilnehmer der diesjährigen Tagung in Castel Gandolfo mit Papst Benedikt XVI., die sich wie letztes Jahr mit dem Thema Schöpfung und Evolution befasste. Vor einem Biologismus warnt auch Johannes Schwarte.


Die andere Dimension

“Das hat ja schon Ludwig Wittgenstein festgestellt: Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. Die Welt, sagt er, ist alles, was der Fall ist: Tatsachen, Ereignisse, wie man es nennen will. Aber der Sinn dessen, was geschieht, gehört einer anderen Dimension an. Sie können also die Welt vollständig beschreiben, ohne je auf den Sinn zu sprechen zu kommen. Dass wir uns das heute so schwer vorstellen können, liegt auch daran, dass sich unser naturwissenschaftliches Denken sowohl von der Kausalität, also von Ursache und Wirkung, als auch von der Teleologie, der Annahme einer Zielgerichtetheit des Weltprozesses, verabschiedet hat. Aber in unserer Lebenswelt haben wir es nach wie vor mit zielgerichteten Prozessen zu tun. Der Hund läuft zum Fressnapf, und wir erklären dies damit, dass er Hunger hat. Wir können natürlich statt dessen einen komplizierten Mechanismus in seinem inneren System beschreiben vom ersten Reiz bis zum Fressen. Verstanden haben wir den Vorgang jedoch erst mit seinem Hunger.”

Robert Spaemann im Interview mit Holger Fuß Herr Spaemann, wie beweisen Sie die Existenz Gottes?, erschienen im PM-Magazin, April 2008, S. 40 - 45.


Gehörlose Aufklärer
“Manchmal treten Biologen auf, die den gläubigen Menschen einschließlich ihrer Theologen erklären möchten, dass die Glaubenssysteme inhaltlich unsinnig und nichts als soziokulturelle Produkte Darwinscher Evolutionstheorie seien. Durch diese frei erfundene Scheinwelt oder Hinterwelt falle es der biologischen Art Mensch leichter, mit der wirklichen Welt klar zu kommen.
Wenn sich dann ein solcher Aufklärer, nachdem er erklärt hat, was Religion wirklich ist, selber stolz zum Atheismus bekennt, erinnert mich das stark an einen Gehörlosen, der den versammelten Musikern erklären möchte, was Musik ist. Musik, sagt dieser Gehörlose, das seien nur diese schwarzen Striche und Punkte auf dem fünflinigen Papier. Was diese Musiker hörten, sei Einbildung, trüge aber auf raffinierte Weise zu einer Wirtschaftsankurbelung für Partiturverlage und Musikalienhandlungen bei. Und darin bestünde ihr eigentlicher Sinn.”

Aus: Ulrich Lüke, Das Säugetier von Gottes Gnaden. Evolution, Bewusstsein, Freiheit, Herder 22006, S. 15 Prof. Dr. Ulrich Lüke ist Biologe und Theologe.


Sind Physiker aufgeklärter als Biologen?

Wieso sind heute Physiker eher bereit als Biologen, von den Grenzen der Naturwissenschaft zu sprechen?

Zeilinger: Wie war es denn mit der Physik im 19.Jahrhundert? Erinnern wir uns an die Antwort von La Place auf die Frage nach Gott: „Diese Hypothese benötige ich nicht.“ So geht es den Biologen vielleicht heute: Sie brauchen das noch nicht. Sie können noch alles wunderschön in einem kausalen, materialistischen Bild durchziehen. Die sind noch nicht so weit. Die kommen noch drauf, dass man nicht alles beantworten kann.

Anton Zeilinger, Professor am Institut für Experimentalphysik der Universität Wien und einer der bedeutendsten Quantenphysiker der Gegenwart, im Interview mit der Presse vom 12. Februar 2009. Selbstverständlich gilt sein Verdikt nicht für alle Biologen, sondern für solche wie Dawkins und seine Epigonen.


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