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Die Neo-Menschen kommen.
Klone im Kino, Klone auf der Bühne, Klone im Roman

Von Dr. Alexander Kissler

Es handelt sich bei diesem Text um einen Auszug aus dem Buch von Alexander Kissler, Der geklonte Mensch, Das Spiel mit Technik, Träumen und Geld, © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 2006, S. 180-189

Kartografen des Lebens

Sie sind drei Mädchen, wie man sie sich nur wünschen kann, drei Mädchen aus allerbestem Hause mit überragenden inneren Fähigkeiten. Sie heißen Blossom, Bubbies und Buttercup. Sie sind die Stars des Nachmittagsprogramms deutscher Privatsender, und sie nennen sich Powerpuff Girls. Die Zeichentrickserie um Blossom, Bubbies und Buttercup erfreut sich allergrößter Beliebtheit — welches Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren wäre nicht gerne ebenso mutig, ebenso schlagfertig?

Die drei Powerpuff Girls haben bereits das „riesige Schleimmonster“ besiegt, sie haben auch den behaarten Zyklopen in die Flucht geschlagen und so ihre Heimatstadt Townsvile vor dem Untergang bewahrt. Ungemein zupass kommt es den drei Heldinnen, dass sie fliegen können. Noch manch andere nützliche Eigenschaft haben sie Professor Iotonium zu verdanken. Im Vorspann erfahren wir regelmäßig: „Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen — so waren die Zutaten, aus denen die perfekten kleinen Mädchen hergestellt werden sollten. Aber Professor Iotonium fligte dem Gebräu aus Versehen die Chemikalie X hinzu, und so wurden die Powerpuff Girls geboren. Mit Hilfe ihrer Ultrasuperkräfte haben Blossom, Bubbles und Buttercup beschlossen, ihr Leben der Bekämpfung von Verbrechen und teuflischen Mächten zu widmen.“ Sehr von fern und eher zu Unrecht erinnert die „Chemikalie X“ an jenen „Faktor X“, der Francis Fukuyama zufolge „eine wesentliche menschliche Qualität“ ausmacht, die Menschenwürde.

Die drei Mädels sind künstliche Geschöpfe, sind Klone, die geschaffen, nicht gezeugt, gemacht und nicht geboren wurden. Ein Labor ist ihre Wiege, ein Professor ihre Mutter. Vermutlich deshalb sind sie erst auf den zweiten Blick zu unterscheiden. Sie alle bestehen aus einem riesigen ovalen Kopf, der gut die Hälfte der Körpergröße ausmacht. Daran hängen zwei paarweise gebundene, nicht immer bewegliche Füße und, ansatzlos hervorragend, zwei Brote als Arme. Die Gestalt gehorcht den Gesetzen der Aerodynamik, denn fliegend bewegen die Drei sich fort. Ihr Charakter ist deutlich weniger uniform — haben sie gar eine Seele? Von Blossom, der rot gewandeten Anführerin mit dem Blütennamen, heißt es, sie sei „stark, entschlossen und vernünftig und versucht, nicht nur hart zu arbeiten, sondern das Leben auch zu genießen“. Sie ist die Heldin der Aufldärung (und sei es nur des aufgeklärten Verbrechens). Bubbies, die Blubbernde, Sprudelnde im gelben Dress, ist „das sanfteste und liebste Powerpuff Gin“, während Buttercup, auf Deutsch: Butterblume, mit ihrer Vorliebe flur gelbe Kleidung ein „forscher, hitzköpfiger Wildfang“ ist, „der keine Zeit zum Pläneschmieden hat. Sie kämpft mit harten Bandagen und hat einen Haufen Opfer vorzuweisen. Wenn böse Kräfte auftauchen, ist Buttercup zum Kampf bereit — schnell und schlagkräfrig!“

Wer heute durch das Fernsehen sozialisiert wird, der begegnet im Kinderprogramm Nachmittag flur Nachmittag kaum einem Menschen. Zwischen 13 und 18 Uhr gibt es Jungen oder Mädchen aus Fleisch und Blut fast nur in den Werbeblöcken. Manchmal zeigt ein Bekleidungshaus spielende Kinder am Rand eines Sees. Davor und danach herrschen kämpfende, schreiende, zornige Mutanten. Sie heißen Powerrangers, Actionmen, Sonic Underground oder eben Powerpuff Girls.

Dieses Phänomen einer fortwährenden Irrealisation des Menschlichen ist bei weitem nicht auf die Populärkultur begrenzt. Ein geistiger Bruder von Professor Iotonium ist Professor Miskiewicz. Von diesem stammt die Aussage: „Warum sollten wir nicht einen erwachsenen Menschen direkt mit Hilfe der erforderlichen chemischen Elemente und des durch die DNA gelieferten Schemas herstellen? Das ist natürlich der Weg, den die Forschung in der Zukunft nehmen wird. Die künftigen Menschen werden direkt im Körper eines Erwachsenen auf die Welt kommen, einem Körper von achtzehn Jahren, und dieses Modell wird anschließend reproduziert; in dieser Idealform werden diese (...) die Unsterblichkeit erreichen.“

Gewiss, auch Professor Miskiewicz ist eine Fiktion; er zählt zum Personal eines 2005 erschienenen Romans von Michel Houellebecq, „Die Möglichkeit einer Insel“ Doch Miskiewiczs Versprechungen sind lediglich die unverhüllte Form einer sonst mittelbaren Rede, wie sie auch seriöse Wissenschaftler im Munde führen. Bereits 1996 erschien, ganz unironisch, eine Studie über das „Unsterblichkeits-Enzym“ namens Telomerase. Das Buch versprach im Untertitel „Die Umkehrung des Alterungsprozesses ist möglich.“ Umkehrung: das meint doch wohl, dass wir künftig nicht älter, sondern jünger werden, dass wir also nicht sterben, sondern leben, ewig.

Der Informatiker Aubrey de Grey aus Cambridge, als Gerontologe Autodidakt, gab im Juni 2006 einmal mehr zum Besten: Das Alter sei eine Bedrohung, eine Krankheit, die man innerhalb der nächsten 30 Jahre werde besiegen können. Durchschnittlich 1000 Jahre alt werde dann der Mensch, sofern er sich — „wie bei der Autopflege“ — einer regelmäßigen Behandlung unterziehe. Körpereigene „Killerzellen“ ließen sich „geschickt aktivieren“ und alternde Gehirnzellen mit Hilfe einer Stammzellentherapie „auffrischen“, sodass der Alterungsprozess gar nicht erst beginne. Dann werde die Verjüngung zum „fundamentalen Menschenrecht“. Allerdings müsse man bereit sein, auf Fortpflanzung weitgehend zu verzichten. „Entweder sind den Menschen viele Kinder wichtig, dann müssen sie das Sterben in Kauf nehmen. Oder aber Kinder werden nicht mehr als die große Erfüllung angesehen, weil es einfach mehr Spaß macht, 1000 Jahre zu leben. Wir Forscher haben kein Recht, den Menschen diese Wahlmöglichkeit vorzuenthalten.“

Nichts anderes verheißt der Scharlatan Miskiewicz. Und steht nicht auch hinter den Verlockungen der heutigen „Gesundheitsreligion“ die Aussicht auf einen dauerhaft leistungsfähigen Körper? Vom Mensch als Mängelwesen oder, so der Philosoph Odo Marquard, als Defektflüchter, vom Menschen als dem träumenden, scheiternden, staunenden und schaudernden Wesen, vom Menschen als Kontingenzbewältiger ist in den Diskursen über den Menschen nicht viel geblieben. Wo die Endlichkeit kein Faktum mehr ist, endet die Notwendigkeit, sich mit ihr schöpferisch auseinander zu setzen.

Wenn die Mahnung des Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner stimmt — „So wie der Mensch sich sieht, wird er“ —‚ wenn auch Michel Foucaults Einsicht zutreffend ist, dass staatliche Biopolitik und „Animalisierung des Menschen“ Hand in Hand gehen, dann verschwindet der Mensch schneller, als er kam. Dann sind wir bereits eingetreten in jene Phase, die Michel Houellebecq imaginiert: „Was auch immer man vom Menschen denken mochte, eines ließ sich nicht leugnen: Er war ein erfinderisches Säugetier gewesen.“

Besonders gut lässt sich das rasante Verschwinden des Menschen — genauer: die Selbstaustreibung des Menschlichen — tatsächlich an seinen Erfindungen ablesen. Wesentlich menschlich ist gewiss der Versuch, zur Welt ein objektives Verhältnis zu gewinnen, also von sich abzusehen. Plessner hat deshalb die Formel geprägt, den Menschen zeichne eine dergestalt doppelte Bestimmung aus; Umweltgebundenheit, wie bei den Tieren, verbinde sich mit Weltoffenheit. Heute scheint sich indes der objektive Blick auf die Welt in einen objektivierenden Blick auf den Menschen verwandelt zu haben.

Was einst der Nächste war, ist das gerade durch seine Nähe fremd gewordene Objekt wissenschaftlicher Betrachtung. Und mit diesem Objekt wird verfahren wie mit den meisten Gegenständen, bevor sie endgültig verschwinden, seien es aussterbende Tiere, Radioempfänger der Frühzeit oder Telefone mit Drehwählscheibe: Man vermisst sie, ehe man sie vermisst. Der verschwindende Mensch ist der Mensch im Stadium seiner fortwährenden Vermessung, und diese Vermessung, die Verzifferung menschlicher Seinsweise, geht der Archivierung und Musealisierung des Homo sapiens voraus.

So ist es denn kein Wunder, dass im 21. Jahrhundert eine längst überwunden geglaubte Disziplin wiederkehrt, eine anthropometrische Übung par excellence, die Schädellehre. Endgültig ruiniert schien die Phrenologie Franz Joseph Galls. Der Arzt und Anatom, geboren 1758, gestorben 1828, unterteilte das menschliche Hirn in 27 Regionen, die 27 Sinnen oder Eigenschaften entsprechen sollten: Fortpflanzungstrieb, Kinderliebe, Würg- und Mordsinn, Tonsinn, Zahlensinn, Kunstsinn, Witz, Dichtergeist, Nachahmungssinn, Sinn für Gott etc. pp. In solch zugespitzter Form würde heute niemand mehr der These zustimmen, dass unsere Zu- und Abneigungen stets einen materialen Grund haben, dass sie im Gehirn verankert seien und somit niemand aus seiner Haut könne, niemand für seine Taten voll verantwortlich sei. Doch der Hirndeterminismus des frühen 19. Jahrhunderts feiert 200 Jahre später ein glänzendes Comeback.

Schon 1998 veröffentlichten Arthur Toga und John C. Mazziotta ihr weithin rezipiertes Buch „Brain Mapping“. Die computergesteuerte Hirnkartografie soll vielschichtige Strukturen visualisieren. Möglich ist eine solche Sichtbarmachung geistiger Prozesse aber nur, wenn man, ganz im Sinne Galls, die Lokalisierbarkeit nichtstofflicher Vorgänge voraussetzt, wenn man also eine genau umrissene Materie für den Urgrund alles spezifisch Geistigen hält. Die Hirnfotografien, die Toga und Mazziotta ihrem Buch beigeben, erinnern stark an die Zeichnungen, auf denen Franz Joseph Gall das Gehirn mit Bleistift und Lineal in 27 Regionen unterteilt hatte.

Ende Juli 2005 strahlte die ARD eine Dokumentation über den, so der Titel, „Sitz des Bösen“ aus und rehabilitierte ebenfalls die Schädellehre. Die Frage, ob es eine biologische Ursache für Gewalt gebe, wurde bejaht; die „Spurensuche im Täterhirn“ führte zu demselben Ergebnis wie Galls Suche nach dem „Os malorum“, dem Knochen des Bösen. Das menschliche Verhalten ist demnach durch die Anatomie des Gehirns vorbestimmt. Zurecht weist der Historiker Michael Hagner darauf hin, dass der Wissensraum der Hirnforschung auch heute von der Phrenologie Galls dominiert wird — ein durchaus erschütternder Befund. Jene Denkweisen, die nicht unerheblich zum Aufstieg des Totalitarismus nationalsozialistischer wie stalinistischer Prägung beigetragen haben, gelten als der Neurowissenschaften Dernier Cri.

Der Mensch geht demnach auf in dem, was in sein Hirn hineingelegt ist; er wird der, der er werden muss. Geschichte wird negiert. Die Therapie von Gewalttätern wäre folglich zwecklos, aber auch Bildungsprogramme geraten unter Legitimationsdruck. Weshalb soll der Staat in ein Hirn investieren, dessen, mit Gall gesprochen, „vergleichender Scharfsinn“ nur schwach ausgeprägt ist? Womit wir wieder bei Michel Foucault wären und dessen Diktum, der moderne Mensch sei „ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“ Denkbar wäre, dass ein notorisch klammer Staat solche Forschungslehren wie die eben genannten nicht an sich vorbeiziehen ließe, ohne das Sparpotential zu erkennen, ohne den Rotstift bei den Resozialisierungsmaßnahmen oder den Mitteln für Haupt- und Realschule anzusetzen.

Möglich geworden ist ein solch instrumentelles Verhältnis des Menschen zum Menschen, seit man Persönlichkeit und Gehirn und später dann Mensch und Genom identifiziert hat. Das Hirntodkriterium war der entscheidende Schritt auf dem Weg zum Menschen als Festplatte. Kaum noch des Wunderns wert ist es da, wenn Richard Dawkins die Nerven Kabel nennt und die Muskeln Maschinen und das Gehirn einen biologischen Computer und die ganze Spezies einen „Computer zur Bestimmung von Durchschnittswerten“ — notabene sollen all diese Technizismen auf keinen Techniker deuten, der sie ersann und konstruierte, sondern auf die Darwinsche Erzählung von der natürlichen Selektion und der Kreativität des Zufalls. Deren Resultat soll auch die berühmte rhetorische Frage des Richard Dawkins sein: „Was in aller Welt glauben wir denn zu sein, wenn nicht Roboter, wenn auch überaus komplizierte?“

Beherrschte Welt

Der Mensch, sagt bekanntlich Houellebecqs Professor Miskiewicz, ist Materie plus Information, und Letztere ist in der DNA gespeichert. Miskiewicz hat sich darum einer Endzeitsekte angeschlossen, den Elohimiten — Anklänge an die Klon-Sekte der Raelianer sind unüberhörbar — und will in deren Auftrag Menschen züchten. Die „elohimitische Kirche“, lesen wir, „war der Freizeitgesellschaft, in der sie entstanden war, völlig angepasst. Der Elohimismus übte keinerlei moralische Zwänge aus und beschränkte das menschliche Dasein nur auf die Kategorien Eigennutz und Begehren, berücksichtigte jedoch das fundamentale Versprechen, das allen monotheistischen Religionen gemein ist: den Sieg über den Tod. (...) Er begrenzte die Tragweite dieses Sieges und den Inhalt des Versprechens auf die unbegrenzte Verlängerung des materiellen Lebens, also auf die unbegrenzte Befriedigung der sinnlichen Begierden.“

Sobald die Elohimiten spüren, dass ihr Körper schwächer wird, begehen sie feierlich Selbstmord. Ihre DNA ist ja gespeichert, und Miskiewicz oder einer seiner Nachfahren wird sie dereinst auferwecken zum ewigen Leben als Klon. Der Mensch wird also auch hier vermessen — in des Wortes doppelter Bedeutung. Man versichert sich seiner, archiviert und kartografiert ihn, bevor er in seiner bisherigen Form nicht mehr anzutreffen sein wird. Was tritt an seine Stelle? In Houellebecqs „Möglichkeit einer Insel“ sind es die Neo-Menschen, zeugungslos produzierte Klone, die, etwa um das Jahr 4000, in völliger Vereinzelung leben, ohne Schmerz und ohne Glück, und dann und wann die zu Wilden zurückentwickelten Menschen alten Schlags aus Langeweile erschießen.

Der Neo-Mensch ist zunächst eine weitere Spielart des Neuen Menschen, und damit bewegt sich Houellebecq in geradezu klassischen literarischen Bahnen. Den Neuen Menschen wollte Paracelsus im 16. Jahrhundert aus Sperma und Pferdemist gewinnen. Im 18. Jahrhundert sollte er aus zusammengesetzten Leichenteilen entstehen; dieses Modell hört auf den Namen Frankenstein, der bekanntlich ein Wissenschaftler war, kein Monster. Der Neue Mensch sollte in den Laboren durch Züchtung entstehen — oder aber durch Pädagogik und Terror. Ganz unverdächtig konnte Alfred Ploetz 1910 auf dem Soziologentag die „Ausmerzung untüchtiger Keimzellen“ fordern, ehe Fritz Lenz die Rassenhygiene propagierte und versprach, „die Menschheit (...) auf eine Höhe zu fuhren, die sie bisher noch niemals erreicht hat“. Bevorzugtes Mittel waren Verhütung, Sterilisation, Kastration, das Endziel war die krankheitsfreie Gesellschaft.

Damit hatten die Literaten wie die Eugeniker, die Wissenschaftler wie die Demagogen Anteil am utopischen Denken. Nun ist man versucht, auch die heutigen Konstrukteure des Zukünftigen diesem Diskurs zuzurechnen — Houellebecq etwa oder seinen Schriftstellerkollegen Kazuo Ishiguro. In dessen Roman „Alles, was wir geben mussten“ (2005) werden Menschen gezüchtet, um als Organspender zu dienen; die Klone sterben in jungen Jahren, wenn ihre Organe die höchste Qualität erreicht haben. Weder Ishiguro aber noch Houellebecq sind Utopisten. Was sie schreiben, sind gerade keine Utopien, und dieser Umstand ist das fundamental Neue jener Zukünfte, die der Mensch des 21. Jahrhunderts sich gibt.

Utopien waren bisher stets soziale Gegenentwürfe als Stachel im Jetzt, von Thomas Morus bis Tommaso Campanella, von Francis Bacon bis Charles Fourier. Utopien waren die gewendete Gegenwart. Was heute Zukunft sich nennt, ist die bis zu ihrem Endpunkt verlängerte Gegenwart. Nichts kategorial Anderes gerät den Autoren in den Blick, das katastrophisch verdichtete Heute triumphiert auf unabsehbare Zeit. Wo es keine Geschichte mehr gibt, keine Kontingenz und keinen Zufall, keine Schöpfung, keine Schuld, kein Leid ist das Zukünftige, ist das, was unbekannt auf uns zukommt, in einem sehr realen Sinne undenkbar geworden.

Im Jahre 4000 schreibt Daniel25, der 25. Klon nach dem Prototyp namens Daniel: „Ich bin mit Daniel24 identisch und weiß, dass ich in Daniel26 einen ebensolchen Nachfolger haben werde.“ Eine rein serielle Existenzform ist das Dasein der Protagonisten bei Houellebecq. Alles ist Episode, nichts ist Geschichte. „Die regelmäßigen kleinen Freuden der Neo-Menschen“, schreibt Daniel25, „bestanden im Wesentlichen darin, kleine, übersichtliche Einheiten zu sortieren, zu ordnen, zu klassifizieren und winzige Gegenstände sorgfältig und planmäßig umzustellen.“ Der Neue Mensch ist somit ein Wissenschaftler alten Typs, der sich einzig dadurch von seinen Vorläufern innerhalb der Menschengattung unterscheidet, dass sein Sortieren, Ordnen, Klassifizieren Selbstzweck geworden ist. Keine Zukunft auch hier.

Zusammengehalten werden die verstreut lebenden Individuen der Neomenschenzeit von einer einzigen verbindenden Gewissheit. Daniel24 benennt sie: „Die Intelligenz ermöglicht die Beherrschung der Welt.« Weltbeherrschung statt der Plessnerschen Weltoffenheit — dieser Paradigmenwechsel begann mit Bacon und wurde vollendet im 20. Jahrhundert, als man das Menscheninnere, den genetischen Kern nicht mehr nur betrachtete, sondern ihn in seiner Substanz veränderte. Die Umweitgebundenheit ist damit perdu, der Mensch wird Teil einer beherrschten Welt, die er selbst geschaffen hat, wird Produkt wie diese. Die Welt indes, in der die Klone namens Daniel leben, ist eine entvölkerte, verkohlte Welt nach Dürre, Atomkrieg und Flutwelle.

Ewige Verlängerung des Heutigen, Wissenschaftsgläubigkeit, Entindividualisierung — um in diesen Kategorien zu denken, braucht es in der Tat kein Morgen. Die Gegenwart arbeitet bereits daran, auf biotechnischem ebenso wie auf politischem und ökonomischem Gebiet. Der Mensch als Festplatte ist nicht zuletzt jener flexible Mensch, den sich Wirtschaft und Bildungspolitik zurechtschnitzen. Der Mensch als bindungsloses Bindeglied, als Funktionsträger in rasch wechselnden Kontexten wird zum Ideal verklärt durch einen anwendungsorientierten Bildungsbegriff, der Wissen zur Information herabstuft, durch die Weigerung, den inneren Zusammenhang von Menschenbild und Bildung anzuerkennen, und durch die Dressur des Ichs mittels seiner eigenen Ängste und Ansprüche. Die Grenzen des Menschseins sind dann die Grenzen des von Fall zu Fall Machbaren.


Der Beginn der Korruption

Ja, es ist so wie im "Besuch der alten Dame" bei Dürrenmatt. Die Dame setzt einen exorbitanten Preis aus einem Dorf, wenn sie einen Menschen, den sie gerne tot sehen möchte, töten, und die Leute weisen das erst entrüstet von sich. Aber mit der Zeit fangen sie an, zu überlegen: Was kostet es uns, diesen Menschen am Leben zu lassen, wie viele Millionen? Das ist doch eigentlich zuviel. Und in dem Augenblick, wo sie diese Frage stellen, was kostet es uns, den Menschen am Leben zu lassen, ist im Grunde die Korruption geschehen und die Würfel sind gefallen. Denn in Wahrheit kostet es sie gar nichts, diesen Menschen am Leben zu lassen. Nur, der Tod brächte ihnen etwas, und sie verrechnen den entgangenen Gewinn als Verlust. Und so ist es auch hier. Wenn wir davon ausgehen, dass bestimmte Mittel uns nicht zur Disposition stehen, dann kann ein noch so großer therapeutischer Gewinn daran nichts ändern. Wenn man aber einmal vor Augen führt, all die Menschen, denen geholfen wird, und dann wird man gefragt: "Ja und dieser winzige Embryo, das ist dir mehr wert als all diese Scharen von geheilten Menschen?", dann ist die Korruption passiert. Denn wenn das eine Abwägung ist, dann kann sie nur ausgehen zu Gunsten der Therapie auf Kosten des Lebens der Menschen im frühesten Stadium.

Robert Spaemann am 21. Oktober 2001 Jahren im Deutschlandfunk in seiner Antwort auf die Frage Günter Müchlers, ob die Inaussichtstellung therapeutischer Erfolge die Moral korrumpiere.


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