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Die Mannheimer Auftaktveranstaltung

Am 8./9. Juli 2011 fand in Mannheim die Auftaktveranstaltung (von Andreas Püttmann ironisch-sinnigerweise Mannheimer Ereignis genannt) zu jenem Dialogprozess statt, den Erzbischof Robert Zollitsch am 20. September 2010 in seinem Impulsreferat zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vorgeschlagen und initiiert hat.

Dazu habe ich einige kritische Anmerkungen verfasst:

* * *

Die großen Themen der Stuhlkreiskirche

Wo waren eigentlich die Theologen, als die Entscheidung des Deutschen Bundestages über die PID (Präimplantationsdiagnostik) die öffentliche Diskussion beherrschte? Gab es ein Memorandum gegen die drohende und seit dem 7. Juli eingetroffene Gefahr einer staatlich erlaubten Selektion und Vernichtung von Embryonen? Hat man von irgendwelchen Wortmeldungen, Protesten, Mahnungen oder Warnungen jener Theologen gehört, die Anfang des Jahres mit ihrem Memorandum Kirche 2011 an die Öffentlichkeit drängten? Von kaum wahrgenommenen Ausnahmen vielleicht abgesehen: Nichts! Schweigen im Lande! Dabei sind es dieselben Theologen, die sonst so sehr von der gesellschaftlichen Relevanz, dem politischen Engagement und einer notwendigen Zeitgenossenschaft moderner Theologie sprechen. Aber wenn’s drauf ankommt, ist von einem solchen Engagement nichts zu spüren. Ihr Versagen gegenüber den wirklichen Herausforderungen der heutigen Zeit bestätigt die Diagnose, die ihnen der Psychiater Manfred Lütz anlässlich des Memorandums ausgestellt hatte, nämlich dass die Theologieprofessoren in keiner öffentlichen Debatte überhaupt noch eine wirkliche Rolle spielen.

Nun hat das Großereignis des Dialogs von Mannheim die PID-Entscheidung in den Schlagzeilen der kirchlichen Publizistik abgelöst. Man zieht sich auf die innerkirchliche Spielwiese zurück, kreist um sich selbst und beschwört den Aufbruch zu einer attraktiven Kirche, den man sich von der Fortsetzung eines bereits 50 Jahren dauernden Dialogs über Zölibat und Frauenpriestertum erwartet. Das sind also die großen Themen, die alle Menschen vom Hocker reißen! In Strömen werden sie fasziniert zur Dialogkirche zurückeilen, um mitzureden und Partizipation zu leben! Was sind schon im Vergleich dazu die Themen des Lebensrechts, wo es um die Tötung ungezählter Tausender von Embryonen innerhalb und außerhalb des Mutterleibes geht? Uninteressant! Die Lebensrechtler wurden zum Dialog erst gar nicht eingeladen. Doch vielleicht kommt es doch noch anders: Die 36. der 37 Forderungswünsche wünscht sich fordernd eine Kirche 2015, die “offen und interessiert” sei. Zur Zeit ist sie noch eine Kirche der geschlossenen Stuhlkreise.


Der Nutzen des Papstes in der Dialogkirche

Ein Mitglied des ZdK, Rita Waschbüsch, bemerkte beim Mannheimer Dialogereignis erleichtert, dass an beiden Tagen das Wort Rom nicht gefallen sei, worauf zum berechtigten Entsetzen Bernhard Luthes in dessen Arbeitsgruppe jemand dazu meinte: “Gott sei Dank.” Diese Haltung ist repräsentativ für eine breite Strömung im deutschen Katholizismus, die anscheinend auch in Mannheim stark vertreten war. Für sie gilt:

So wenig man in Mannheim Wert auf das legte, was der Papst sagt, so sehr drängte man auf sein Wort, als im März 2010 die Skandalberichterstattung über die innerkirchlichen Missbrauchsfälle ihren Höhepunkt erreichte. Ein Widerspruch? Keineswegs! Im Mannheim wünscht man das Schweigen des Lehramts, im zweiten Fall das Reden des Sündenbocks. Der Papst soll schweigen, wenn es gilt zu entscheiden, was Glaubenssache ist, die nicht verhandelbar ist. Man will glauben dürfen, was man will. Wenn es dann aber zu Skandalen kommt, weil die Morallehre aufgeweicht wurde, bis alle Dämme brechen, dann soll sich bitte der Papst dafür entschuldigen! Da hat der Papst dann doch noch eine nützliche Funktion: nicht als oberster Lehrer oder gar als Stellvertreter Christ (wer glaubt denn noch an so etwas?), sondern als oberster Depp, dem man für den eigenen Mist, den man gebaut, den Schwarzen Peter zuschieben kann.

Hat man damit das Lehramt abgeschafft? Keineswegs! Es hat nur seinen Träger gewechselt. Schon im Vorfeld des jetzt gestarteten Dialogs wurde häufig betont, dass es keine Tabus geben dürfe! Selbst höchstverbindliche Lehramtsentscheidungen etwa über die Unmöglichkeit des Frauenpriestertums werden zur Verhandlungsmasse erklärt. Als aber Rom vor zwei Jahren den Dialog mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. ankündigte, warf man dem Papst vor, unaufgebbare Positionen zur Disposition zu stellen. Indem man selber bestimmt, was unaufgebbar ist, und gleichzeitig Rom das Recht dazu abspricht, wirft man sich zum Lehramt auf. Denn genau durch diese Funktion ist das Lehramt definiert.

Damit tun die Modernisten spiegelbildlich dasselbe wie die Piusbruderschaft, die sich als Oberzensor aller päpstlichen Äußerungen geriert. Der Unterschied liegt nur in der Absicht: Bei der Piusbruderschaft ist es der gut gemeinte, aber schlecht gemachte Versuch, den Glauben zu verteidigen. Bei den Modernisten ist es der schlecht gemeinte, aber gut gemachte Versuch, den Glauben zu ändern. Der erste ist schon gescheitert, der zweite wird scheitern. Und man hat den Eindruck, dass es Bischöfe gibt, die alles daransetzen, an diesem Scheitern unschuldig zu sein.


Dialog am Konzil vorbei

Der Gesprächsstoff scheint schon jetzt ausgeschöpft, die Prioritäten festgelegt. Weit mehr als die Hälfte der Teilnehmer will eine Protestantisierung der katholischen Kirche. Es geht um die bekannten Reizthemen: Gleichberechtigung der Frau, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, homosexuelle Lebenspartnerschaften. Wer eine Erneuerung der Kirche und eine Glaubensvertiefung in voller Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen anstrebt, gehört in den Stuhlkreisen der Delegierten zur quantité négligeable.

Regina Einig in ihrem Leitartikel Dialog auf Gegenkurs in der Tagespost vom 12. Juli 2011 über die Auftaktveranstalung zum bischöflich initiierten Dialogprozeß, die am 8. Juli in Mannheim begann.


Dialog auf dem Boden des Glaubens?

Zwar soll der Dialogprozess gemäß Bischofskonferenz “auf dem Boden der kirchlichen Glaubens-, Lehr- und Liturgietradition” stattfinden, de facto aber ist dies nicht der Fall - wie jetzt Claudia Kock in der Tagespost von heute am Beispiel der Auftaktveranstaltung im Bistum Berlin darstellte. Der BDKJ hatte zur “Impulsveranstaltung” eingeladen, 40 Personen nahmen daran teil. Weder die Konzilstexte noch andere Lehramtsdokumente spielten eine Rolle, diskutiert wurde vielmehr “aus dem Bauch heraus”, so dass etwa die “Gleichstellung homosexueller Partnerschaften” gefordert wurde. Der Diözesanpräses Claudius Teuscher holte die Diskutanten nicht etwa auf den Boden der Glaubenslehre zurück, sondern hieb in die gleiche Kerbe, indem er von einer Kirche träumte, “in der neben der Ehe auch andere Formen der Partnerschaft Wertschätzung erhalten.”

In zwei Dialogveranstaltungen in Essen am 13. Juli und in Gelsenkirchen am 18. Juli (an dieser nahmen etwa 300 Personen teil) wurden katholische Positionen sogar ausgebuht, wie Marlene Frölich berichtet. Diese wurden von der jungen Generation vertreten, während die üblichen Reformforderungen von den Dialogteilnehmern im Rentenalter ausgingen.


Dialogprozess: Das Wesentliche liegt woanders

Noch während die in der Kirche verbliebenen Katholiken in ihrem sogenannten Dialogprozess über den Komfort und die Zeitgemäßheit der Glaubensbestuhlung abstimmen, hat der Papst milde vor „Oberflächlichkeiten“ gewarnt. Er hat die Laien gelobt, aber gleichzeitig die Wichtigtuerei mancher Gremienarbeiter belächelt, denn das Wesentliche der Kirche, sagt er, liegt woanders. In der Anbetung.

Matthias Matussek in Christ und Welt, 41/2011


Was wesentlich ist

Was helfen uns alle gescheiten Vorträge über das Zweite Vatikanische Konzil, wenn inzwischen der Glaube wegbricht. Es bringt doch auch nichts, Verunsicherung unter die Leute zu tragen und beispielsweise über Frauenordination zu sinnieren. Das ist schlicht unredlich. Lehramtlich ist das doch längst entschieden. Solche Diskussionen führen nicht weiter. Anders ist das bei der Eucharistie. Da wird es wesentlich. Und wir begeben uns auf das Niveau des Herrn. Wenn wir niederknien – wie die Hirten oder die Heiligen Drei Könige –, bringt uns das auf Augenhöhe mit Jesus Christus.

Kardinal Joachim Meisner im Interview mit Markus Reder, Tagespost vom 29. Dezember 2012, über den Eucharistischen Kongress, der für Juni 2013 in Köln geplant ist.


Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz

Als mir im Vorfeld der Freiburger Diözesanversammlung, die vom 25. bis 28. April stattfand, Meldungen begegneten, in denen wieder einmal der Aufbruch beschworen wurde, den man sich von der Versammlung erwarte, stellte ich mir die Frage, an was für Aufbrüche hier wohl gedacht werde. An jene Neuaufbrüche, wie sie etwa von Initiativen wie Nightfever ausgehen, wo Jugendliche Christus in der Eucharistie und im Bußsakrament neu entdecken? Also an einen Aufbruch zur Neuentdeckung und Vertiefung des Glaubens? Wer skeptisch war, erhält jetzt Recht: Nein, es geht schon wieder um solche Dinge wie das Diakonat der Frau, also um Strukturreformen statt Geisteserneurung. Es geht nicht um neuen Wein, sondern um neue Schläuche für den alten abgestandenen Wein. Die Öffnung des Diakonats für die Frau wird ebensowenig eine Glaubenserneuerung bewirken wie etwa die schon geschehene Öffnung des Ministrantendienstes für Mädchen. Sie wird auch ebensowenig wie sie die Begehrlichkeiten der Reformwütigen befriedigen, sondern nur neue wecken, etwa im Blick auf das Frauenpriestertum. Die ewige Frustration, das Erkennungsmerkmal der deutschen Kirche, wird nicht ab-, sondern zunehmen. Was bei all dem auf der Strecke bleibt, ist das, was den Namen Aufbruch wirklich verdient: Erneuerung des Glaubens, Evangelisation, Bekehrung. Machen wir uns nichts vor: Wenn Theologen wie Herbert Haag schon vor Jahren offen zu lehren wagten, dass Christus keine Priester eingesetzt habe, dann zeigt dies nur, dass der Nährboden jener Reformwünsche großenteils nichts anderes als ein abgestorbener Glaube ist, ein verweltlichtes, vom Übernatürlichen gereinigtes Verständnis des Priestertums.
Solange die berufenen Wächter des Glaubens diesen Reformwünschen immer wieder nachgeben, wird jede Glaubenserneuerung blockiert. Keine Aufbruchsrhetorik kann darüber hinwegtäuschen. Nach über vierzig Jahren Reformerfahrung sollte man das eigentlich gelernt haben. Als Alternative bliebe nur das trotzige Motto: “Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz.”

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