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Die Missbrauchssünden und der Mainstream
der deutschen Moraltheologie

Von P. Engelbert Recktenwald

Dieser Text erschien zuerst in der März-Ausgabe 2010 des Vatican-Magazins.

Der Missbrauchsskandal an katholischen Schulen hat einerseits zu einer erfreulichen Aufklärungsoffensive geführt, die hoffentlich zu einer größeren Sensibilität bei allen Verantwortungsträgern beiträgt, um in künftigen Fällen schneller und konsequenter zu reagieren. Möglichen Tätern muss jede Illusion genommen werden, sie könnten unentdeckt bleiben und sich in Sicherheit wiegen. Schon anlässlich des irischen Missbrauchsskandals hatte der bekannte Moraltheologe Vincent Twomey SVD die Inkompetenz mancher Bischöfe beklagt, die sich unter anderem in der Tendenz zeige, sich hinter der Bischofskonferenz zu verstecken, statt energisch die persönliche Verantwortung, die Kardinal Ratzinger schon 1994 angemahnt hatte, wahrzunehmen (Tagespost vom 10. Dezember 2009).

Andererseits hat der Skandal eine neue Diskussion nicht nur über den Zölibat, sondern über die Sexuallehre der Kirche überhaupt entzündet. Ausgerechnet der Jesuit Klaus Mertes, der Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der die Missbrauchsfälle an seiner Schule an die Öffentlichkeit brachte, verband seine Offensive mit einer pauschalen Kritik an der kirchlichen Sexuallehre. In der Presse wurde das als mutige Selbstkritik bezeichnet. In Wirklichkeit ist es keine Selbstkritik, sondern eine Fortsetzung des publizistischen Kampfes gegen die kirchliche Lehre mit anderen Mitteln. Dieser Kampf wird seit über vierzig Jahren so erfolgreich geführt, dass Theologen, die treu zur kirchlichen Morallehre stehen, an vielen Universitäten kaum eine Chance haben, auf einen Lehrstuhl für Moraltheologie berufen zu werden. Der Mainstream im deutschen Katholizismus zeichnete und zeichnet sich gerade durch eine kritische Distanz zur kirchlichen Morallehre aus, und der Jesuitenorden bildet dabei, wie Alexander Kissler bemerkt hat, vielfach gerade die “Speerspitze des Neuen”. Theologen wie Prof. Giovanni Sala SJ, die fest auf dem Boden der kirchlichen Lehre stehen, sind die große Ausnahme. Nichts spricht dafür, dass die Jesuitenschule in Berlin ebenfalls eine Ausnahme bildet.

Noch nie hat die Kirche eine so ausgewogene, gut begründete und in einer tiefschürfenden Anthropologie verankerte Sexuallehre vorgelegt wie unter Papst Johannes Paul II. in dessen “Theologie des Leibes”, die er unermüdlich immer wieder vortrug und in der er gerade aus der Würde des menschlichen Leibes einen dieser Würde gemäßen Umgang mit der Sexualität ableitet. Doch diese Lehre wurde in Deutschland boykottiert. Sie kam nie an der Basis an, weil sie weder in der Theologie noch in der Verkündigung rezipiert, geschweige denn weitervermittelt wurde.

Wenn man also über die individuellen Gründe des jeweiligen Missbrauchsfalls hinaus einen Zusammenhang sehen will mit der dahinterstehenden Lehre, dann ist sinnvollerweise nicht die Lehre, die der Papst in Rom vorträgt, ins Auge zu fassen, sondern die Lehre, die hier in Deutschland in der Moraltheologie vorherrscht. Und genau einen solchen Zusammenhang sieht der schon erwähnte Vincent Twomey SVD. Was er über den irischen Missbrauchsskandal sagt, gilt erst recht für den deutschen: “Das Problem wurde noch durch eine bestimmte Art von Moraltheologie verschlimmert, die in Abrede stellte, es gebe Handlungen, die in sich (intrinsisch) schlecht seien. Bestenfalls kommt dabei Untätigkeit in moralischer Hinsicht heraus; schlimmstenfalls jedoch ein lasterhaftes Verhalten.”

Diese Art von Moraltheologie wird heute von vielen Theologen vertreten, die im offenen Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen. Sie vertreten die Ansicht, dass es keine in sich schlechten Handlungen gibt. Jede Handlung sei einer möglichen Güterabwägung unterworfen, und bei jeder Handlung sei die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, dass es Umstände geben könne, unter denen sie gerechtfertigt sei. Darüber zu urteilen, ob ein solcher Fall vorliegt, liege in der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Demgegenüber lehrt die Kirche, dass es einerseits Handlungen gibt, die aufgrund bestimmter Umstände verwerflich sein können, andererseits aber auch Handlungen, die immer und unter allen Umständen verwerflich sind. Diese werden in sich schlecht (intrinsece malum) genannt. Der Clou der dissidenten Moraltheorie besteht gerade darin, die Existenz solcher Handlungen überhaupt zu leugnen. Wenn es keine in sich schlechten Handlungen gibt, dann ist es auch der Kindesmissbrauch nicht. Und dann ist es der Phantasie des Täters überlassen, Umstände und Gründe zu konstruieren, um sich vor seinem eigenen Gewissen zu entlasten und seine Tat zu rechtfertigen.

Natürlich werden die Vertreter jener Moraltheorie das entrüstet zurückweisen und von einem Missbrauch ihrer Theorie sprechen. Außerdem wäre es interessant, ob Twomey tatsächlich einen empirischen Zusammenhang zwischen der Theorie und dem irischen Skandal belegen kann. Aber es kann nicht geleugnet werden, dass mit der Zurückweisung der Lehre vom In-sich-Schlechten der Weg frei gemacht wird, die Güterabwägung auch auf den Missbrauch von Kindern anzuwenden, so wie einige Theologen, etwa die Moraltheologin Sigrid Müller, sie ja auch auf die Tötung von Kindern, nämlich ungeborenen, anwenden. Und es ist kein Zufall, dass es dieselben Theologen sind, wie etwa Hans Küng, die dem Lehramt Rigorismus in Sachen Abtreibung wie auch in Sachen Keuschheit vorwerfen. Doch in beiden Fällen ist dieser angebliche Rigorismus nichts anderes als die Kehrseite der absoluten, keine Ausnahme zulassenden Schutzwürdigkeit der menschlichen Person in Bezug auf Leib und Leben. Es ist widersprüchlich, in der Praxis von der Kirche eine Null-Toleranz-Politik zu fordern, in der Theorie aber eine Aufweichung der Normen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche kann nur wiederhergestellt werden, indem sie von ihren Priestern in dem hier relevanten Bereich die Orthopraxie mit derselben Strenge einfordert wie die Orthodoxie und so Leben und Lehre in Übereinstimmung bringt.

Es gab Theologen, die konnten sich nicht genugtun, gegen Papst Johannes Paul II. wegen seines Festhaltens an der traditionellen Lehre zu polemisieren. 1989 erschien die Kölner Erklärung, in der über 220 Theologen gegen den Papst in einer Weise Stellung bezogen, dass der oben verwendete Ausdruck des “Kampfes” gegen Rom nicht übertrieben erscheint. Vordergründig erschien die Erklärung als Protest gegen verschiedene Bischofsernennungen, tiefergründig richtete sie sich gegen das Lehramt. Anlass war eine Rede vom 12. November 1988, in der der Papst die Lehre von den in sich schlechten Handlungen in aller Deutlichkeit herausstellte. Er nannte sie “einen Zentralpunkt der christlichen Lehre von Gott und Mensch” und führte aus: “Wohl gemerkt, was hier in Frage gestellt wird, wenn man diese Lehre ablehnt, ist der Gedanke der Heiligkeit Gottes selbst. Indem er uns dazu vorausbestimmt hat, heilig und makellos vor ihm zu sein, hat er uns ‘in Christus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die er für uns im voraus bereitet hat’ (Eph 2,10): jene sittlichen Normen sind einfach ein Erfordernis, von dem kein geschichtlicher Umstand dispensieren kann, ein Erfordernis der Heiligkeit Gottes, das sich konkret und keineswegs abstrakt jeder einzelnen menschlichen Person mitteilt.”

Der Mainstream des deutschen Katholizismus dagegen zeichnete sich durch fortschreitende moralische Lockerungsübungen aus, so dass etwa 1987 in einem Roverheft des DPSG Kondome als Bestandteil der Grundausstattung des Pfadfinders empfohlen wurden. “Keuschheit” und “Selbstbeherrschung” wurden zu Fremdwörtern. Priester, die Frauen anmachten, beriefen sich aufs Zweite Vatikanische Konzil, das vieles lockerer sehe als früher. Während die Psychotherapeutin Christa Meves katholisch wurde, weil sie in der kirchlichen Morallehre ein Bollwerk gegen den zerstörerischen Einfluss der sexuellen Revolution erkannte, gab es innerhalb der Kirche viele, die mit der Revolution bis hin zu den Forderungen der Grünen nach einer Legalisierung des Sex mit Kindern liebäugelten oder sie gar in die Kirche hineintragen wollten. So ist es nicht verwunderlich, dass einer der Täter am Canisius-Kolleg von einem Opfer als faszinierender Priester beschrieben wird, der “sehr fortschrittlich dachte” (in der taz vom 3. Februar).

Überspitzt ausgedrückt könnte man sagen: Für die Lockerungsübungen beruft man sich aufs Konzil, wenn es aber schief geht und zum Skandal kommt, ist plötzlich der Papst dran schuld. Ehrliche Selbstkritik sieht anders aus. Sie sollte den Irrweg zugeben, den man mit der Abwendung von der kirchlichen Lehre eingeschlagen hat. Gewiss bietet auch sie keinen absoluten Schutz vor Kindesmissbrauch, denn die beste Lehre beraubt den Menschen nicht der Möglichkeit, von seiner Freiheit einen schändlichen Gebrauch zu machen. Aber wer vom Wert der Keuschheit überzeugt ist, tut sich leichter, diese Tugend auch zu leben. Wer das Ausleben der Sexualität in allen möglichen Spielarten als Menschenrecht ansieht, tut sich schwerer, absolute Grenzen zu respektieren. Die aus Überzeugung verinnerlichte Lehre der Kirche über die Existenz dieser Grenzen im Sinne einer Humanisierung der Sexualität ist allemal ein größerer Schutz vor dem Absturz in schlimme Vergehen als eine Moraltheologie, die diese Grenzen aufweicht, das Lehramt der Kirche infragestellt und die Grenzziehung dem orientierungslos gewordenen und den Launen der öffentlichen Meinung ausgelieferten Gewissen des Einzelnen überlässt.


Weitere Infos und Stellungnahmen zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

Kardinal Lehmann zum Missbrauchsskandal

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