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Die Kraft der Verheißung

Eine theologische Farbenlehre von Dr. Christian Wirz

Liebe Schwestern und Brüder!

Kürzlich stieß ich auf einen Vortrag des Göttinger Hirnforschers Gerald Hüther. Darin erzählt er von einem Experiment.

Man habe sechs Monate alten Babys einen Film gezeigt. Da war ein Berg zu sehen. Und ein gelbes Männchen versucht, diesen Berg zu erklimmen. Das ist mühsam, das gelbe Männchen rutscht immer wieder ab, fällt zurück und arbeitet sich nur langsam den Berg hinauf. Erster Film: ein gelbes Männchen klettert auf einen Berg.

Dann hat man den Babys einen zweiten Film gezeigt. Wieder war da er Berg mit dem gelben Männchen. Aber jetzt war auch noch ein grünes Männchen da. Das hat dem gelben geholfen, indem es von hinten geschoben hat. So wurde die Sache schon leichter. Also, zweiter Film: ein grünes Männchen schiebt.

Darauf bekamen die Babys noch einen dritten Film zu sehen. Wieder war da der Berg und das gelbe Männchen. Aber jetzt stand oben ein blaues Männchen, das versucht hat, das gelbe Männchen zurückzustoßen. Also, dritter Film: ein blaues Männchen stößt zurück.

Nun hat man den Babys zwei Figuren hingestellt: eine grüne und eine blaue. Es ist klar, daß ein Säugling nichts nimmt, was ihm nicht gefällt. Alle Kinder haben die grüne Figur gewählt: den der hilft.

Sechs Monate später hat man denselben Versuch mit denselben Kindern wieder gemacht. Und bei den Einjährigen gab es schon eine Quote von 10-20%, die sich für die blaue Figur entschieden haben.

Mir scheint, daß dieser Versuch sich gut eignet, um anschaulich zu machen, was Papst Franziskus meint, wenn er eine missionarische Kirche anmahnt.

GELB

Beginnen wir mit dem gelben Männchen.

Das gelbe Männchen hat ein Problem. Es will den Berg erklimmen, und das ist mühsam. Der Berg, das sind die Schwierigkeiten, die das Leben uns in all seiner Begrenztheit auferlegt. „Alles Leben ist Problemlösen“, sagt der Philosoph Karl Popper. Leben heißt, Berge zu besteigen. Je nach Naturell und Situation kann man das durchaus schön finden – Leute klettern ja auch freiwillig auf Berge. Aber manchmal ist es lästig, verdrießlich und leidvoll.

Das geht allen Menschen so. Und der Kirche geht es auch so.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“, sagt das II. Vatikanische Konzil gleich zu Beginn seiner berühmten Konstitution über die Kirche in der Welt von heute.

Meist wird das als Imperativ verstanden: die Kirche solle sich die Freuden und Nöte der Welt zu eigen machen. So sinnvoll diese Mahnung sein mag: das steht so nicht da. Da steht ein Indikativ. Freude und Nöte der Welt sind auch Freude und Nöte der Kirche, ob sie das will oder nicht.

Die Menschen kämpfen gegen Hindernisse um ihr Leben und Überleben. Die Kirche auch. Nicht nur die Kirche plagen Sorgen um die Zukunft, nicht nur der Kirche bläst der Wind ins Gesicht. Nicht nur die Kirche muß Berge erklimmen, von denen sie noch nicht recht weiß, wie sie oben ankommen soll. Unseren Zeitgenossen geht es nicht anders: Vereinen, Firmen, Institutionen, Organisationen, Völkern und Nationen, jedem Einzelnen.

Wir sind nicht die einzigen, die es schwer haben. Sehen Sie sich abends die Tagesschau an. Anderen geht es genauso, oft weit schlimmer sogar als uns. Ich zähle jetzt nicht die Probleme alle auf, die daran zweifeln lassen, daß die Menschheit noch auf einen grünen Zweig kommt. Die kennen Sie selbst.

Die Menschheit hat ein Problem, und viel mehr als eins. Das verbindet uns mit der Menschheit.

Wie der blinde Bartimäus sitzen wir da und schreien um Hilfe. Nicht nur wir, die Welt auch.

GRÜN

Wie kommen wir auf den grünen Zweig?

Das grüne Männchen gibt die simple, direkt banale Antwort. Es schiebt das gelbe Problemmännchen den Berg hinauf. Zusammen geht‘s leichter.

Verstehen Sie bitte die Farben hier nicht politisch. Wobei hier an die Rede zu erinnern wäre, die Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag gehalten hat. Da hat er zur Verblüffung aller die grüne Bewegung gelobt. Die habe nämlich ein neues Bewußtsein dafür geschaffen, daß die Natur uns nicht einfach zur Verfügung steht. Wir können mit ihr nicht machen, was wir wollen. Denn die Natur hat eine Natur, die geachtet werden muß, wenn man sie nicht zerstören will. Und – so die Spitze von Benedikts Rede – mit dem Menschen ist es genauso. Auch er hat eine Natur, die geachtet werden muß. Andernfalls richtet er sich zugrunde. Es gibt eine Ökologie des Menschen.

Sechs Monate alte Säuglinge wissen das noch. Sie wählen, wie sie geboren sind. Sie wählen ihrer Natur gemäß. Sie wählen alle das grüne Männchen. Sie wählen den Helfer und Unterstützer. Helfen liegt dem Menschen in der Natur.

In der Welt, wie Gott sie geschaffen hat, müßte sich keiner darum Sorgen machen, wie er den Berg seines Lebens erklimmt. Es gäbe genug andere, die ihm dabei helfen würden.

Vielleicht ist die Kirche die letzte, die noch an eine Natur des Menschen glaubt: eine Natur, die etwas anderes ist als sein Wunsch, tun und lassen zu können, was er will.

Deswegen ist es mehr als plausibel, wenn Papst Franziskus uns alle ermahnt: Klagt nicht über den hohen Berg, der vor euch liegt, sondern geht los und helft den Menschen, ihre Berge zu erklimmen! Mission heißt leben helfen. Mission heißt Probleme lösen helfen. Und zwar die Probleme der anderen, nicht die eigenen. Die lösen sich dann von selbst. Euch soll es zuerst um Gottes Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben, hat uns Jesus letzte Woche im Evangelium gesagt.

Wie alle ihre Zeitgenossen ist auch die Kirche in Gefahr, ihre Probleme auf die gelbe Weise lösen zu wollen: einzeln und allein, um sich selbst kreisend, sich selbst betrachtend und bemitleidend.

Die Lösung klingt paradox, liegt aber offensichtlich in unserer Natur: in dem Maße, in dem wir die Probleme der Menschen lösen, lösen sich auch unsere eigenen, weil wir nicht mehr allein kämpfen. Wenn wir der Welt helfen, wird die Welt uns helfen. Das wäre die Lösung. Aber die Wirklichkeit ist eine andere.

BLAU

Zweifellos gibt es viele Menschen in der Kirche und außerhalb, die sich verhalten wie das grüne Männchen. Aber sie sind nicht in der Mehrheit, nicht annähernd.

Schon die einjährigen Babys beginnen offenbar zu verstehen, daß die Welt anders ist, als es in ihrer Natur liegt. Sie beginnen, das blaue Männchen zu wählen: den Wegstoßer und Selbstbehaupter. Sie haben es ihrer Umgebung abgeguckt, daß man auf diese Weise erfolgreicher ist.

Wenn das schon im ersten Lebensjahr losgeht, dann können wir doch sicher sein, daß wir tief imprägniert sind von diesem Verhalten. Unsere Zeitgenossen ebenso wie die Jünger Christi.

Viele wurden ärgerlich, heißt es im Evangelium vom blinden Bartimäus, und sie befahlen ihm zu schweigen.

Es ist das, was Papst Franziskus die „individualistische Traurigkeit“ nennt, die gelb beginnt und blau endet. Jeder kämpft für sich auf Kosten der anderen. Das gibt es auch in der Kirche. Der Papst spricht von der „Starrheit der Selbstverteidigung“.

Aber wie kommt der Mensch dazu, schon in frühester Kindheit so sehr gegen seine Natur zu handeln?

Gerald Hüther erklärt das in seinem Vortrag so: Das Kind mache im Mutterleib zwei wesentliche Erfahrungen: Verbundensein und Wachsen. Für den Ungeborenen ist es die größte Selbstverständlichkeit, daß beides zusammengeht: wachsen und verbunden sein. Dann wird es geboren und macht die Erfahrung, daß beides nicht mehr ohne weiteres zusammengeht. Entweder wird ihm die alte Verbundenheit geraubt, weil die Umwelt ihm deutlich macht, daß er nicht so ist wie erwünscht. Oder er wird am Wachsen gehindert, weil er „im Honigtopf der mütterlichen Verbundenheit“ regelrecht erstickt. Beides ist ein Unglück. Und auf dieses Unglück, das im Gehirn dieselben Prozesse auslöst wie körperlicher Schmerz, reagiert der Mensch, indem er sich nimmt, was er kriegen kann. Wenn er nicht bekommt, was er braucht – Wachstum und Verbundenheit mit anderen Menschen, dann nimmt er sich eben, was er kriegen kann. Das Kind frißt Schokolade, der Erwachsene geht wild shoppen und nimmt sich, was er kriegen kann an Macht, Geld, Image, Sex, Luxus und Wohlstand.

Aber das ist alles nur Ersatz für die fehlende Einheit von Verbundensein mit anderen und Wachstum. Das grüne Männchen ist mit anderen verbunden und kann deswegen wachsen. Das blaue Männchen ist allein und traurig: „individualistische Traurigkeit“.

Ich überlasse es Ihnen, diese Traurigkeit auf unsere Kirche zu beziehen, in der die einen die Einheit verraten, um wachsen zu können, und die anderen das Wachstum aufgeben, um die Einheit zu wahren. Unser Kummer wird sich aber nur in Freude verwandeln können, wenn beides zusammengeht – wie wir es alle in den ersten neun Monaten unseres Lebens erfahren haben.

Aber das geht nicht so leicht. Wir haben schon im ersten Lebensjahr gelernt, blau zu handeln. Wir können das nicht auf Knopfdruck ändern. Schlimmer wird es noch dadurch, daß sich unser erlernter Individualismus ideologisiert hat. Die Welt predigt zwar grün. Niemand wird sagen, daß blau besser sei als grün. Aber die Welt handelt doch blau. Und sie streicht das blaue Männchen grün an und nennt Glück, was Unglück ist. Die Welt predigt Freiheit und meint Beliebigkeit. Sie predigt Selbstbestimmung und meint Individualismus. Jeder will wachsen, aber ohne die nötige Verbundenheit mit den anderen. Jeder will tun, was er will, aber ohne Rücksicht auf seine Natur.

Wer dem gelben Männchen helfen will, muß nicht nur gegen den Berg kämpfen, sondern auch noch gegen die blauen Männchen, die oben stehen und ihre individuelle Freiheit verteidigen.

Das grüne Männchen war die Lösung, die Gott im Sinn hatte. Aber die Lösung geht nicht mehr. Wir können nicht zurückkehren in den Mutterschoß. Wir können nicht zurück hinter Adam und seinen Sündenfall. Was passiert ist, können wir nicht allein durch Gutmenschentum aus der Welt schaffen. Es steckt zu tief in uns, das blaue Männchen.

Wie kann uns aber dann noch geholfen werden?

WEISS

Gerald Hüther sagt: Es geht. Wir haben die ersten Monate unseres Lebens anders gedacht und gefühlt. Wir können es. Wir brauchen nur einen guten Grund zum Umdenken: einen Grund, der starker ist als die Macht des blauen Männchens.

Hüther sagt, normalerweise dürfte es schwierig sein, daß ein 85-jähriger Mann noch Chinesisch lernt. Aber wenn der sich jetzt eine junge 65-jährige Chinesin verliebt und für sie nach China zieht, glauben Sie nicht, daß der in einem halben Jahr Chinesisch kann? An unseren physischen Voraussetzungen liegt‘s nicht. Es liegt an der Motivation. Es geht mit einer Verheißung.

Und genau das ist unsere Mission. Wir sind gesandt, den Menschen eine Verheißung zu bringen: die Vision eine anderen Lebens.

Gebote und Verbote, Regeln und Normen, Strukturen und Traditionen helfen für sich genommen nichts, so wahr sie auch sein mögen. Was einzig hilft, ist eine Verheißung: eine reale und konkrete Verheißung.

Warum schreit denn der blinde Bartimäus so laut? Er wird nicht immer geschrien haben. Er wird meistens stumm, leidend, leise bettelnd an der Straße gesessen haben. Warum schreit er plötzlich aus Leibeskräften? Warum läßt er sich von niemandem beruhigen? Warum entwickelt er plötzlich einen Willen und Kräfte, mit denen er um die halbe Welt laufen könnte? Weil er eine Verheißung hat! Die Möglichkeit, wieder sehen zu können, ist zum Greifen nahe! Jesus ist zum Greifen nahe!

Wir brauchen keine Unternehmensberater und Werbeagenturen, die sich klug ausdenken, mit welchen Verheißungen wir die Zeitgenossen ködern können. Unsere Verheißung ist keine von diesen Ersatzbefriedigungen: keine Tüte Haribo, kein iPhone und keine Versicherung. Unsere Verheißung ist schon da. Sie heißt Jesus Christus. Christus kommt von oben, von Gott her. Ich möchte ihn in dem Bild vom Experiment als weiße Figur oben auf den Berg stellen. Eine weiße Figur, die alle diejenigen, die sich hinaufquälen, bei der Hand faßt und heraufzieht. So wie es auf den Osterikonen des christlichen Ostens zu sehen ist, auf denen der Auferstandene, Adam und Eva an den Handgelenken gepackt hat und herauszieht aus der Unterwelt des Todes und der Sünde: der sie befreit von der Mühe des Berges und der Herrschaft der blauen Mächte.

Jesus steht da oben. Und er streckt seine Hände aus. „Die Gegenwart Gottes muß nicht hergestellt“ werden, schreibt Franziskus, sie muß „entdeckt“ und „enthüllt werden“.

Jesus macht mit Bartimäus etwas, das keiner von uns könnte. Wir könnten ihm beistehen, ihn trösten, uns zu ihm setzen, ihn führen, wohin er will, ihm aus der Zeitung vorlesen. All das können wir tun, und Bartimäus würde es uns danken. Aber Jesus tut etwas viel Größeres, was wir nicht können: er gibt dem Blinden das Augenlicht wieder. Er zieht von oben, wo wir nur von unten schieben können.

Die größte Hilfe, die die Jünger dem Blinden geben können, ist, ihn zu Jesus zu führen: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.

Was aber macht den Menschen Mut? Was bewegt sie, aufzustehen und zu Jesus zu gehen? Gute Ratschläge am wenigsten, so richtig sie sein mögen. Gute Ratschläge wirken etwa genauso, wie wenn man den Menschen das Telefonbuch vorlesen würde, sagt Gerald Hüther. Allein die Verheißung hilft. Wir müssen den Menschen die Schönheit Christi zeigen und die Herrlichkeit des Lebens, das er uns schenkt.

Dabei spielt das Zeugnis des Wortes eine große Rolle. Papst Franziskus hält sehr viel davon. Es ist bemerkenswert, daß ein nicht geringer Teil seiner Enzyklika aus Reflexionen über eine gute Predigt besteht.

Aber die Verkündigung des Wortes ist nicht nur Sache derer, die zur Predigt bestellt sind. Jeder Christ ist Missionar. „Und das geschieht spontan“, sagt der Papst, „an jedem beliebigen Ort, am Weg auf dem Platz, bei der Arbeit, auf einer Straße.“ Nach einem „persönlichen Gespräch“ empfiehlt er „das Wort Gottes vorzustellen, sei es mit der Lesung irgendeiner Schriftstelle oder erzählenderweise, aber immer im Gedanken an die grundlegende Verkündigung: die persönliche Liebe Gottes, der Mensch geworden ist, sich für uns hingegeben hat und als Lebender uns sein Heil und seine Freundschaft anbietet.“

Stellen Sie sich das mal bildlich vor! Ich sehe mich in Gronau [Christian Wirz war von 2007 bis 2019 Pfarrer in Gronau/Leine] bei Penny an der Kasse aus dem 1. Korintherbrief zitieren. Ich sage das nicht, um mich lustig zu machen, ganz im Gegenteil. Ich sage das, um deutlich zu machen, daß es nicht so harmlos ist, was der Papst von uns verlangt. Mit reiner Mitmenschlichkeit ist es nicht getan. Es reicht nicht, grüne Unterstützer- Männchen zu sein. Wenn wir nicht von der weißen Gestalt sprechen, die oben steht und uns zieht, kann niemand diese Gestalt Jesu sehen. Die vornehme Zurückhaltung, explizit vom Glauben zu sprechen, werden wir aufgeben müssen.

Dennoch: nur predigen reicht auch nicht.

Ich hatte in meiner Gemeinde mal einen indischen Priester, der eine großartige Arbeit gemacht hat. Aber er mußte sich in manchem umstellen. Eines Morgens fand er sein Auto zugefroren. Er mußte sich erst mal einen Eiskratzer organisieren und wäre um ein Haar zu spät zur Messe gekommen. In seinem Ärger rief er aus: „Ich bin nicht von Indien nach Deutschland gekommen, um Eis zu kratzen!“

Da hatte er Recht. Tatsächlich war er nicht zum Eiskratzen nach Deutschland gekommen, sondern um Gottes Wort zu verkündigen und die Sakramente zu spenden. Aber um all das tun zu können, ist es manchmal nötig, vorher so banale Dinge zu tun wie Eis zu kratzen.

Die Gnade setzt die Natur voraus, wußte schon die alte Scholastik. Die übernatürlich Hilfe setzt die natürlich voraus.

Deswegen mahnt Papst Franziskus, daß der Predigt des Wortes Gottes bei Penny an der Kasse eben ein persönliches Gespräch vorausgehen soll, „in dem der andere Mensch sich ausdrückt und seine Freuden, seine Hoffnungen, die Sorgen um seine Lieben und viele Dinge, von denen sein Herz voll ist, mitteilt.“

Wir können den Menschen die Schönheit Jesu, der oben steht und sie hinaufziehen will, nicht zeigen, wenn wir nicht von unten ganz praktisch helfen und schieben.

Denn es ist ja so: die Menschen sind mißtrauisch gegenüber unseren Worten. Sie fürchten, wir wollten ihnen das Leben schwermachen. Und tatsächlich wird ja die Lehre der Kirche zuweilen als „nicht hilfreich“ bezeichnet. Manchmal ist das unsere Schuld, manchmal ist es unvermeidbar.

Wir alle haben seit unserem ersten Lebensjahr gelernt, daß man in dieser Welt am besten vorankommt, wenn man sich verhält wie das blaue Männchen. Das steckt so tief in uns! Und aus blauer Perspektive sind all die grünen Unterstützer und auch noch jener große Weiße „Emporzieher“ tatsächlich nicht hilfreich. Das liegt aber nicht an denen, sondern an der Perversion des blauen Männchens, das sich seiner eigenen Natur entfremdet hat. Der Teufel findet Christen generell nicht hilfreich. Deswegen schreibt Franziskus: „In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube enthält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit“. Der alte Mensch, der blaue Mann in uns muß erst gekreuzigt werden. Und das tut weh. Denn er wohnt schon länger in mir als ich sprechen kann.

Die Verheißung, die wir den Menschen zu bringen haben, kann sich nur durchs Kreuz erfüllen. Dafür muß sie sehr stark sein. Dafür muß sie unbedingt hilfreich – ganz subjektiv hilfreich – beginnen.

Erst wenn die Menschen sehen können, daß wir nicht gekommen sind, ihnen das Leben schwer zu machen, sondern ihnen zu helfen, werden sie bereit sein, von ihren Ersatzbefriedigungen abzulassen, um sich von Christus emporziehen zu lassen. Das geht nicht ohne Mühe und Anstrengung – wie Chinesisch lernen. Aber wenn die Verheißung vor Augen steht, wird das Mühsame ganz leicht – paradoxerweise, ohne deshalb aufzuhören, mühsam zu sein.

Seit dreizehn Jahren fahre ich regelmäßig in den Libanon. Die Gemeinschaft Junger Malteser organisiert dort alljährlich Urlaub mit behinderten Menschen, die aus verschiedenen Heimen in und um Beirut kommen. Wir sitzen bei ihnen, wir begleiten sie, wir spielen mit ihnen, wir beten mit ihnen und feiern gemeinsam die heilige Messe.

Glauben Sie mir, wenn es wieder ansteht, habe ich nie Lust dazu! Der blaue Mann in mir möchte lieber richtig Urlaub machen. Vier Wochen mit Behinderten zu verbringen ist erstmal nicht attraktiv. Gar nicht!

Aber wenn ich da bin, geschieht etwas Erstaunliches und Wundervolles. Und ich glaube, daß hier die Mitte dessen liegt, was Franziskus die missionarische Dynamik nennt.

Während ich diese Menschen von unten schiebe, um ihnen ganz praktisch und banal zwischen Essen, Klo und Ballspiel zu helfen, den Berg ihres Lebens leichter zu erklimmen, kommt plötzlich von oben die Hand Jesu und zieht. Nicht nur den behinderten Menschen – das hoffe ich jedenfalls – sondern mich. Ich schenke nicht nur eine Verheißung, und zwar fast ganz ohne Worte, sondern ich empfange sie. Viele junge Menschen, die mitfahren, um bloß etwas Soziales zu tun, bekommen einen neuen Zugang zum Glauben. Sie erfahren, wie Christus von oben zieht. Sie sehen es im Tun der anderen, und sie spüren es im eigenen Tun. Und mir geht es genauso.

Wenn ich nach Hause zurückkehre, bin ich totmüde. Aber ich habe ein helles Licht gesehen. Ich habe eine Verheißung bekommen. Ich bin hinaufgezogen worden. Von Jesus Christus. Als Bartmäus zu Jesus kommt, da werden ihm die Augen geöffnet. Welche Augen? Die des Leibes oder die des Glaubens? Beide wohl. Bartimäus hat etwas gesehen. Schon bevor seine leiblichen Augen geheilt wurden. Er hat eine Verheißung gesehen, ein Licht, das ihn aus Leibeskräften schreien ließ. Dein Glaube hat dir geholfen, sagt Jesus. Die Verheißung wirkt physisch. Gerald Hüther kann uns erklären, wie sie das Gehirn verändert.

Der Herr zieht uns wirklich empor.

Und meinen sie nicht, daß die Jünger, die dabeistanden und längst zu glauben meinten, auch in neuer Weise sehend wurden? Und daß der Weg mit Jesus ein ganz neuer war, seitdem Bartimäus ihn mitging? Vielleicht hat sich ja einer bei Bartimäus bedankt, daß er sie dazu gebracht hat, ihn zu Jesus zu führen, weil er so laut geschrien hat.

Denn hätte er nicht so laut geschrien, dann hätten sie ihn vielleicht gar nicht zu Jesus geschoben. Und dann hätten sie nicht erleben können, wie Jesus ihn hochgezogen hat – und sie – seine Jünger – gleich mit. Amen.

Es handelt sich um eine Fastenpredigt zu Mk 10,46-52 und zu "Evangelii Gaudium", die am 9. März 2014 in der Basilika St. Godehard in Hildesheim gehalten wurde.


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