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Das apostolische Herz

Von P. Wilhelm Eberschweiler

"Ich sah die Übertreter und härmte mich ab, weil sie deine Gebote nicht beobachten" (Ps. 118, 158).

Das tiefe Seelenweh, das so ergreifend aus diesen Worten des Psalmisten spricht, haben alle großen und edlen Seelen empfunden, die je von wahrer Gottesliebe erfüllt waren. Ein größeres Leid kennen sie nicht, als sehen zu müssen, wie die Worte und Gebote Gottes nicht beobachtet werden, wie sein Dienst vernachlässigt wird, wie Gott, die unendliche Güte und Liebe, so wenig erkannt, so wenig geliebt wird.

Auch heute noch gibt es viele solcher Seelen, denen die Seelennot und Sündenschuld der Menschen zu Herzen geht, so daß sich ihnen die Klage des alttestamentlichen Beters auf die Lippen drängt: "Ich sehe die Übertreter und härme mich ab, weil sie deine Gebote nicht beobachten." Zum Schmerze darüber gesellt sich dann das inbrünstige Verlangen, daß die Unbilden aufhören möchten und der göttlichen Majestät wieder die volle ihr gebührende Ehre zuteil werde. Da aber dies nur in dem Grade möglich ist, als die Menschen Gott erkennen und lieben, so dürsten sie geradezu nach dieser Erkenntnis und Liebe Gottes, nicht nur für sich, sondern auch für viele, viele Seelen, ja für alle, die auf Erden leben, nah und fern. Zukomme uns dein Reich! So ruft es immerdar aus den Tiefen ihres Herzens. Sehet da, diese Gesinnung ist so recht die Quelle des Seeleneifers, sei es für die Priester und Seelsorger, die ihrem Berufe gemäß am Heil der Seelen arbeiten, sei es für alle anderen, die besonders in der von unserem Heiligen Vater so sehr empfohlenen Katholischen Aktion mitarbeiten wollen an der Rettung der Welt. Nur dann, wenn in einem Herzen dieser wahre Seeleneifer brennt, wird es zu Taten vorantreiben, und der Grund, warum es zuweilen so schwierig ist, Gläubige für die apostolische Mitarbeit zu gewinnen, liegt in dem Mangel an diesem Seeleneifer, an dieser echten Bruderliebe. "Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" So denkt man und sorgt nur für sich. Was geht das mich an? So spricht man und geht an den Armen vorüber, denen die Sünde, die größte Räuberin, alles geraubt, und die todwund am Boden liegen. Laßt uns darum einiges erwägen über den Seeleneifer, auf daß diese Quelle immerdar und immer reichlicher in unsern Herzen sprudele.

Was ist der Seeleneifer? Er ist jene edelmütige Gesinnung, welche, aus der Liebe entspringend und von ihr genährt, uns mit großem Verlangen nach dem Seelenheil des Nächsten erfüllt und uns antreibt, alles zu tun, was in unsern Kräften steht, es zu fördern. Ein zweifaches umfaßt also der wahre Seeleneifer: 1. das inbrünstige Verlangen nach dem Seelenheil; 2. eifriges Wirken für das Seelenheil; mit anderen Worten: ein apostolisches Herz und apostolische Tätigkeit.

Ein apostolisches Herz ist das erste, was die Tugend des Seeleneifers kennzeichnet, ein Herz, das ganz Bruderliebe geworden, ein Herz, das schlägt von inbrünstigem Verlangen nach dem Heil und Glück aller Menschen. Wie kommt ein solches Verlangen zustande? Wie wird es zu einer dauernden, dem Herzen eigentümlichen Gesinnung? Zu einer Gesinnung, die nicht hie und da einmal auftaucht aus der Tiefe, wenn etwa äußere Anlässe dazu antreiben, sondern die stets lebendig ist, eine vorherrschende Neigung des Herzens? Dazu ist ein dreifaches besonders erforderlich:

a) Hochschätzung und Liebe der unsterblichen Menschenseelen.

Wem nicht viel gelegen ist an einer Person, dem ist auch am Wohl und Wehe dieser Person nicht viel gelegen. Und andererseits ist man um das Glück und Wohlbefinden anderer in dem Grade besorgt, als man sie hochschätzt und liebt. Das lehrt die tägliche Erfahrung. Ein Vater verlangt aufrichtig und mit ganzer Seele nach einer glücklichen Zukunft seines Sohnes, weil er den Sohn selbst liebt. Ein Freund wünscht dem Freund von Herzen alles Gute, weil der Freund selbst ihm lieb und wert ist. In ähnlicher Weise wird in uns das Verlangen nach dem Heil der Seelen leben und uns in dem Grade beherrschen, als wir die Seelen selbst hochschätzen und lieben.

Lernen wir von unserem göttlichen Heiland! In seiner Brust brennt ein ganz apostolisches Herz. Warum? Jesus schaut in jedem Menschen das Ebenbild Gottes. Er schätzt und liebt in ihm das Wunderwerk der schöpferischen Hand seines himmlischen Vaters. Dieser Gedanke erfüllt sein Herz mit einem unsäglichen Verlangen, jenes Ebenbild und Wunderwerk, wo immer es durch die Sünde entstellt ist, zu erneuern und noch wunderbarer und leuchtender wiederherzustellen.

Ähnliche Liebe zu den Seelen glühte in den Herzen aller großen Apostel: Paulus schätzt in den Seelen den Gegenstand der Liebe eines göttlichen Herzens: Christus hat uns geliebt! Im Lichte dieser Liebe leuchtet vor seinem Auge jede Seele in wunderbarer Schönheit, und nie kann er vergessen den unendlichen Lösepreis, um den sie erkauft sind: er hat sich für uns dahingegeben. Diese Wahrheit ergreift sein Herz stets aufs neue beim Anblick der Menschen; er sieht an ihren Seelen Christi Blut rot erstrahlen; und dieser Anblick drängt ihn unaufhaltsam zu neuer Rettungsarbeit, erfüllt ihn mit glühendem Verlangen, allen alles zu werden. Ein anderes Beispiel: Der große Weltapostel Franz Xaver! Was treibt ihn hinaus nach Indien, Japan, China? Was läßt ihn alle Mühen eines unsagbar schweren Opferlebens auf sich nehmen? - Xaverius hatte es erfaßt, was die Menschenseele wert ist, hatte es erkannt, wie auch eine ganze Welt nichts wert ist im Vergleich mit einer einzigen Seele. Daher sein unersättlicher Durst nach ihrem Heil. Daher sein stets erneuertes Gebet: Gib mir Seelen, gib mir Seelen! Nimm alles, aber gib mir Seelen! Und nachdem er schon Tausende und Abertausende von Gott erhalten, ist sein Verlangen, statt gestillt zu sein, nur noch mehr entbrannt. Wir sehen also: Hochschätzung und Liebe zu den Seelen selbst ist die Grundbedingung zum eifrigen Verlangen nach ihrem Heil.

Nun frage dich einmal: Mit welchen Augen betrachtest du die Menschen? Mit rein natürlichen? Stößt du dich zumeist an all dem Äußeren, an Mängeln, Fehlern und Sünden, die an der Oberfläche erscheinen und die Menschen oft so wenig liebenswürdig machen? Bist du gar voll von liebeleeren oder selbst lieblosen Urteilen über sie? Wieviel Bitterkeit vielleicht in deinem Herzen! - Wie ganz anders schaut ein seeleneifriges Herz die ganze Welt! Wie übersieht ein wahrer Apostel alles, was ihn aufregen, kränken, verbittern könnte! Er sieht tiefer, er schaut die Seelen im Lichte der göttlichen Liebessonne, des brechenden Heilandsherzens auf Golgatha. Willst du mitarbeiten in der Katholischen Aktion? Ist dann nicht Begeisterung vonnöten? Die aber fließt nur aus einer tiefgläubigen Erfassung des Wertes der Seelen.

b) Hochschätzung und Liebe jener Güter, die das Heil der Seele ausmachen

Wenn man um irgendein Gut nicht viel gibt, dann wird man auch nicht sehr danach verlangen, weder für sich, noch für andere. Umgekehrt verlangt man alles, was man sehr schätzt, nicht nur für sich, sondern man wünscht es auch eifrigst für seine Lieben, für alle Freunde, für alle, die man wirklich liebt, denen man darum alles Gute wünscht. Offenbar werden wir darum unseren Mitmenschen Gnade, Tugenden, das Wohlgefallen Gottes, die Seligkeit des Himmels um so eifriger wünschen, je mehr wir alles dieses uns selbst wünschen, schätzen und lieben.

Blicken wir wieder ins Herz Jesu! Warum glüht es so von Begierde, alle, alle Menschen zu Kindern seines himmlischen Vaters zu machen? Niemand weiß besser, was es um die Kindschaft Gottes ist, als er, der Eingeborne vom Vater. Niemand schätzt und liebt das Wohlgefallen dieses Vaters so sehr, wie er, dessen tägliches Brot es war, den Willen des Vaters zu erfüllen (Jo. 4,43). Niemand weiß mehr das Glück, vom Vater geliebt zu sein, zu würdigen, als er, der in feierlicher Weise das Wort hören durfte: "Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe" (Mt. 3, 17).

So war und ist's auch bei allen wahren Aposteln. Warum wird ein heiliger Paulus unwiderstehlich gedrängt, allen Menschen die Gnade unseres Herrn Jesus Christus zu bringen? Warum ist sein Herz so voll von diesem Verlangen, daß sein Mund davon überfließt, daß er nicht müde wird, diesen seinen Wunsch immer zu wiederholen: "Gnade werde euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!" (Röm. 1, 7). Ganz voll ist er von diesem Verlangen! Ja, warum? - Weil er selbst die Gnade so über alles hochschätzt, die Gnade, die mit den Arbeiten, Mühen, dem Schweiß und dem Blute eines Gottmenschen erkauft wurde. Weil er kein erhabeneres Ideal kennt als die Wiederherstellung jenes Reiches in den Herzen der Menschen, das da ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste, weil diese Güter in seinen Augen von solchem Wert sind und von seinem Herzen mit solcher Begeisterung und Liebe umfaßt werden, daß alles andere, was die Welt bietet, im Vergleich damit ihm wie ein eitles Nichts vorkommt, ja sogar wie ein Schaden und Nachteil, wie wertloser Straßenkot (Phil. 3, 8).

Warum ist der heilige Ignatius ganz entbrannt vom Verlangen, das Feuer der Liebe Gottes über die ganze Welt zu verbreiten? Warum ruft er mit Ungestüm den Seinen zu: Gehet hin und entzündet alles? Warum fließen seine Tränen in Strömen? Warum muß er seinem bis zum Zerspringen vollen Herzen Erleichterung schaffen mit dem heißen Stoßgebet: "Oh, wenn doch alle Menschen dich kännten und liebten!" Das kommt daher, weil Ignatius selbst für seine Person das kostbare Gut der Gnade und Liebe über alles schätzt, weil er selbst nichts anderes mehr sinnt und denkt, wünscht, liebt, sucht und anstrebt als dieses eine Gut: Nur deine Liebe und Gnade schenke mir, und ich bin reich genug und verlange nichts anderes mehr. Und wenn derselbe heilige Eiferer für die Seelen so innig verlangt, es möchten alle die Seinen nicht wie lässige Wanderer, sondern mit Riesenschritten dem himmlischen Vaterlande entgegeneilen, wenn er von Begierde brennt, sie möchten nicht allein, sondern mit vielen andern, die sie durch Wort und Tat und Beispiel auf gleichem Wege geführt, zum letzten und glücklichsten Ziele, zum Besitz der ewigen Seligkeit gelangen, woher das alles? - Es hat wiederum seinen Grund darin, daß er selbst voll Verachtung gegen alles Irdische, hingegen voll Hochschätzung für die ewigen Güter ist, voll Liebe und Verlangen für sie, voll Sehnsucht nach dem himmlischen Vaterlande. "Wie ekelt mich die Erde an, wenn ich an den Himmel denke!" Ja, in der Tat, so wird es auch bei uns sein. Wenn wir, und nur dann, wenn wir Gnade und Tugend, Gottes Gnade und sein Wohlgefallen, die Kindschaft und Liebe des Vaters im Himmel, die ewigen Güter kennen, schätzen, lieben, wenn wir selbst ganz dafür leben, dann werden auch wir ein inbrünstiges Verlangen nach dem Heil des Nächsten empfinden und unterhalten.

Somit ist das Streben nach der Vollkommenheit das vorzüglichste Mittel des Apostolats. Man wird doch andern nicht verschaffen wollen, worauf man für sich selbst wenig Wert legt. Wie wichtig ist daher für die äußere Arbeit der innere Geist! Wie notwendig für den Seeleneifer der Tugendeifer! Wer sein eigenes Heil vernachlässigt, wird nie in rechter Weise für das Wohl anderer sorgen; es liegt ihm eben überhaupt nicht viel an den ewigen Gütern. - Erforsche dich also, ob dein äußerer Eifer aus der reinen Quelle des wahren Tugendeifers, aus der Liebe zu Gott und den Menschen hervorfließt.

c) Erkenntnis des Elends und Unglücks der Sünder

Noch eine dritte Quelle des Seeleneifers entspringt im Herzen des Apostels und wächst zu einem großen Strom unermüdlicher Arbeit für den Menschen: Es ist die wahre Erkenntnis des Elendes, dem die Seelen anheimfallen, die jener geistigen Güter entbehren. Sünde, Beleidigung Gottes, geistiger Tod, verabscheut sein von Gott, verworfen, verdammt, ein Opfer ewiger Qualen werden! Was für entsetzliche Dinge!

Das hatte ein Moses erfaßt! Er wurde darob von solchem Eifer für die Rettung seines Volkes beseelt, daß er sich selbst ganz vergaß. Niedergeworfen vor dem Herrn ruft er: "Ach, das Volk hat eine übergroße Sünde begangen, und sie machten sich goldene Götter, ich beschwöre dich, verzeihe ihnen ihre Sünden, und wenn du das nicht tun willst, so lösche mich aus deinem Buche aus, das du geschrieben hast" (II. Mos. 32, 31). Und wie wird es dem Psalmisten ums Herz, wenn er der Sünder gedenkt! Er möchte vor Schmerz vergehen. "Ich sehe die Übertreter und härme mich ab, weil sie deine Worte nicht beobachten" (Ps. 118,158). Und wiederum: "Mein Eifer verzehrt mich, weil meine Feinde deiner Worte nicht gedenken" (Ps. 118,139). Und noch mehr: "Aus meinen Augen rinnen Tränenbäche um jener willen, die nicht halten dein Gesetz" (Ps. 118, 136). In welchen Schmerz ist ein Jeremias versenkt, während er auf den Trümmern Jerusalems sitzt! Wie seufzt und klagt er, wenn er der Sünden seines Volkes gedenkt und all ihrer Folgen! "Schwer hat Jerusalem gesündigt; hinweggenommen ist von der Tochter Sions all ihr Schmuck; sie ist unstet geworden; alle, die sie hoch erhoben, verachten sie; denn sie sehen ihre Schmach; ihr Unflat klebt an ihren Füßen, sie bedachte nicht das Ende; sie ist tief gestürzt und hat keinen Tröster" (Klagel. 1, 8 f.). Und so fährt der Prophet fort zu klagen, und seinen Tränen wird erst Einhalt, seinen Schmerzen erst Linderung zuteil, als der Herr ihn die zukünftige Erlösung schauen läßt.

Und was ließ unserem Heiland, als die Fülle der Zeiten gekommen war, keine Ruhe und Rast mehr? Was drängte ihn, den Himmel zu zerreißen und aus dem Schoße des Vaters niederzusteigen? Das Sündenelend der Menschheit, das ihm so sehr zu Herzen ging, die Sklaverei, in der Satan sie gefesselt hielt. Das konnte er nicht länger mehr ansehen. Und so kam er denn unseretwegen und um unseres Heiles wegen. Und was ist das für ein Schmerz, der vom ersten Augenblick seines irdischen Lebens bis zum letzten Augenblick ihn nicht mehr verläßt, den der Prophet schon längst in seinem Herzen geschaut und in die Worte gefaßt: "Mein Schmerz ist immerdar vor meinem Angesichte" (Ps. 37,18). - Unsere Sünden sind es, unsere Missetaten. Ihrer gedenkt Jesus alle Zeit. Die unendliche Beleidigung seines Vaters, die darin liegt, die erdrückende Schuld, die sie auf uns laden, das ewige Feuer der Hölle, dem sie uns überantworten, O das sind Dinge, deren Anblick sein allerheiligstes Herz nicht ertragen kann. Jesus lebt einzig für die Seelen, und je mehr er sieht, wie die Menschen selbst so kalt und gleichgültig sind, um so mehr drängt es ihn, mit einer Taufe getauft zu werden, mit der Bluttaufe zum Heile der Welt. “Baptismo autem habeo baptizari, et quomodo coarctor, usque dum perficiatur” (Lk. 12,50).

Bis zum Übermaß ist die Erde mit Sünden bedeckt, aber noch größer ist das Verlangen, das darob in Jesu Herz entbrennt, durch sein Leiden ein Meer von Gnaden zu verdienen. Unendlich ist die Schuld, die sich zwischen Gott und den Menschen aufgehäuft hat; aber auch unendlich ist die Begierde, die darob in Jesu Herz entzündet wird, den Schuldbrief am Kreuz mit seinem eigenen Blute zu tilgen. Furchtbar ist der kalte Tod, den die Sünde in die Welt gebracht hat, unwiderstehlich seine Macht, kein Mensch, der ihm sein Opfer entreißt; aber stark wie der Tod ist die Liebe Jesu, und stärker noch sind die Flammen derselben, wie sie in seinem Herzen auflodern, die es mit einem unsäglichen Verlangen erfüllen, den Stachel des Todes durch seinen Tod zu vernichten.

Entsetzlich wüten die Flammen der Hölle, ein Feuermeer, das in Ewigkeit nicht erlischt, aber noch unauslöschlicher ist jenes Feuermeer, das im Herzen Jesu entbrannt ist. Da glüht der Eifer, von dem es im Hohenliede heißt: "Seine Leuchten sind Leuchten von Flammen und Feuer" (Hohel. 8,6). Und wiederum: "Viele Wasser vermögen die Liebe nicht auszulöschen, und ganze Ströme reißen sie nicht mit weg."

Ein Meer von Leiden ist über Jesus hereingebrochen, aber seinen Liebeseifer vermochte es nicht zu löschen. Noch mehr zu leiden war er bereit. Schon war sein Blut in Strömen geflossen, schon war der Kaufpreis hundertfach und noch darüber geboten, schon war zur Übergenüge erfüllt, was der Prophet gesagt: "Bei ihm ist überreiche Erlösung" und noch dürstet ihn. Mich dürstet nach Leiden für die Seelen. Ja, hören wir, was er eines Tages der heiligen Brigitta sagte: "Ich habe dich geschaffen und habe kein Glied an meinem Leibe geschont, habe ein jedes desselben zur Qual hingegeben für dich; aber zu all dem würde ich auch jetzt noch, wenn es geschehen könnte, wiederum eher mich kreuzigen lassen, als die Seelen verlieren; so sehr liebe ich dieselben."

Das Herz Jesu, das Ideal eines seeleneifrigen Herzens

Das Ideal eines seeleneifrigen Herzens ist in Wahrheit das liebeglühende Herz Jesu; darinnen glühte heiß und warm das dreifache Verlangen, von dem wir gesprochen:

a) Jesus liebt die Seelen als Ebenbilder Gottes, als Tempel bestimmt zur Wohnung seines Heiligen Geistes, und der Eifer für dieses sein Haus verzehrt ihn;

b) Jesus schätzt und liebt Tugend und Heiligkeit, die allein die wahre Zierde des Hauses des Herrn sind; und daher sein heißes Verlangen, alle in dieser Zierde glänzen zu sehen. Das Wohlgefallen des Vaters und das Glück der Vereinigung mit ihm geht Jesus über alles, und darum seufzt sein Herz und ruft mächtig empor: Vater, O ich will, daß die, die du mir gegeben, auch da seien, wo ich bin;

c) Jesus haßt und verabscheut endlich nichts so sehr wie die Sünde. Er kennt kein größeres Unglück, als von Gott verworfen zu werden: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet", und daher sein unwiderstehliches Verlangen, die Sünden zu tilgen, das Unglück der ewigen Verwerfung, ja, jeglichen, auch den geringsten Schaden von den Seelen abzuwenden. Wahrlich, voll von Seeleneifer ist das Herz Jesu. Das Verlangen nach unserm Heile ist eine dauernde, tief innewohnende, eigentümliche Gesinnung, eine mächtige, unwiderstehliche Neigung, eine Hauptleidenschaft.

Auch unser Seeleneifer muß so beschaffen sein. Nicht ein Eifer, der abhängig ist von äußeren Verhältnissen, der nur dann auflebt und tätig ist, wenn äußere Wirksamkeit sich bietet, sondern ein Eifer, der im eigenen Inneren wurzelt, der eine Haupttriebfeder unseres Seelenlebens bildet, der große innere Tugend ist und darum jeden Tag und jede Stunde tätig ist, dessen Leben Apostolat ist, ein Leben für anderer Heil. Ein apostolisches Herz schlägt unaufhörlich von Verlangen nach dem Seelenheil. Aus uns selbst besitzen wir nun freilich ein solches Herz nicht, oh, kein einziger nennt es von Natur aus sein eigen; im Gegenteil, aus uns selbst fleischlich gesinnt, lieben wir eher die Erdengüter als die Seelen; aus uns selbst irdisch gesinnt, haben wir für Tugend und Heiligkeit wenig Verständnis und treue Liebe; aus uns selbst blind und leichtsinnig, werden wir wenig berührt von dem, was der Seele Verderben bringt. Gleichgültig, kalt und steinern ist unser Herz in dieser Beziehung. “Cor lapideum”, wie der Heilige Geist sagt (Ezech. 11,19).

Aber es gibt ja jemanden, der verheißen hat, er werde das steinerne Herz hinweg nehmen aus unserer Brust und uns ein neues geben. Noch mehr, er hat sich schon gewürdigt, dieses Wunder der Gnade an uns zu wirken. Er hat uns hinausgeführt aus der Welt oder uns doch ihre Eitelkeit erkennen lassen; er hat voll Erbarmen uns an sich gezogen in seine Nähe durch die Gnade der Kindschaft und die Firmgnade, durch die stets wachsende Liebe, die er eingießt in der heiligen Kommunion in unser Herz. Bei dem wunderbaren Lichte, in welchem wir wandeln (vgl. I. Petr. 2, 9), tritt um so krasser hervor die Finsternis, in der zahllose Seelen begraben sind; bei den Schönheiten, Wonnen und Reichtümern, die wir im göttlichen Herzen schauen und auch schon genießen, wird uns um so klarer die entsetzliche Armut verblendeter Sünder; in der Vereinigung endlich mit diesem Herzen, da entzündet sich unser Herz, da lernt es schlagen von inbrünstigem Verlangen, alle, alle möchten teilteilhaftig werden des Lichtes, der Wonnen, der Reichtümer unseres Herrn und Gottes.

Oh, so halten wir uns doch in der Nähe desjenigen, der nicht nur das Ideal, sondern auch der Schöpfer eines apostolischen Herzens ist! Seien wir stets bemüht, in Vereinigung mit ihm zu leben und in eine immer innigere Gemeinschaft mit ihm zu treten! Und weil das nur in dem Grade geschehen kann, als wir selbst unser Herz reinigen und demütig werden, so seien wir rastlos um Reinheit und Demut bemüht! Dann wird der wahre Eifer immer mehr unser Anteil werden und sich unermüdlich und freudig betätigen im Bereich unserer Berufsarbeiten, dann werden wir reiche Früchte im Weinberge Gottes ernten, und unsere Krone wird einmal doppelt herrlich sein.

P. Wilhelm Eberschweiler SJ (1837-1921) war gebürtiger Saarländer. Der “Apostel der frohen Gottesliebe” (so der Spruch auf seinem Grabstein) starb im Ruf der Heiligkeit. 1951 wurde sein Seligsprechungsprozess eingeleitet. Über 80.000 Gebetserhörungen sind aktenkundig. Dieser Text ist entnommen dem Buch Wilhelm Eberschweiler, Gnade und Tugend als Inbegriff des inneren Lebens. Geistliche Unterweisungen besonders für die Zwecke der monatlichen Geisteserneuerung von P. Wilhelm Eberschweiler S.J. Zusammengestellt, ergänzt und herausgegeben von P. Walter Sierp S.J., Limburg an der Lahn: Verlag Steffen, 31955, S. 222-233.


Franz Prosinger: In der Tiefe des geistlichen Lebens

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