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Die auf Dich warten

Von Eduard Kamenicky

Es gibt sie, nach dem Wort der Schrift, die auf Dich warten, o Herr. Nicht auf bessere Zeit, auf günstigen Wind, auf glückhafte Wendung, nicht auf Menschen und deren mächtige Geneigtheit, auch nicht auf eine Zukunft im gewohnten Verstand und das, was sie bringen wird (und die anders sein könnte) - sondern auf Dich und auf nichts sonst. Sie halten ihr Herz hinaus in die unheimliche Stille des Alls. Sie wollen ihre Einsamkeit nicht übertünchen. Es steht ihnen der Sinn nicht danach, sich eine Geborgenheit vorgaukeln zu lassen, die nur aus Flitter und Stimmung ist, gefügt aus gekünstelten Gefühlen und schwankend wie der Schein aus baumelnder Ampel in der Dezembernacht.

Und es sind viele, nach dem Wort der Schrift, die so auf Dich warten. Und obschon sie keiner hier zu unterscheiden vermag, und sie durch die Menge der Leute hindurchgehen, als wären sie nicht, sind doch sie es, die diese Zeit zum Advent machen, und nicht das verfremdete Glockengetön und die Paradiese des Einkaufs und nicht die süßen Choräle. Sie senken den Tagen der Dunkelheit die Schwerkraft ihrer Sehnsucht ein und machen, daß mancher an der Gegenwart zu schleppen beginnt wie an einem kotklumpigen Schuh. Sie bewirken, daß dieses Haus unserer Irdischkeit, das so sicher geschlossen scheint, irgendwo offensteht in der Tiefe, und merkwürdige Zugluft einströmt von anderswo, ein Frösteln erregend und peinlich den Einen, den Anderen ein Aufatmen bescherend, belebend und traut. Sie brechen lautlos ein Loch in das Dach dieser unvollendbaren Welt und machen über ihr die Sterne eines ganz anderen Himmels bewußt, als er aus Schaufenstern glitzert.

Doch obschon es viele sind, kennen und begegnen sie einander kaum. Es wäre auch ihrem Werk entgegen. Fänden sie sich, so freuten sie sich; aber diese Freude wäre Gefahr und Versuchung. Es gewährte ihnen zu viel des Trosts. Es minderte die Innigkeit ihrer Erwartung. Es bräche wie eine zu frühe Erfüllung mitten in ihren Tag, da sie noch zu tragen und schweigend zu harren haben. Übrigens: alles Entscheidende kann der Mensch nur allein und er muß es allein vollbringen. Denn das ihm hier Abverlangte ist eine unvertretbare Leistung. Wie gut, wenn ich glaube. Kein Anderer kann es für mich. Wohl, wenn auch andere glauben, aber es entlastet mich nicht. Mit dem Hoffen ist es ebenso. Und mit dem Lieben erst recht. Und mit dem Warten. Da kann es keinen Platzhalter geben wie etwa beim Zahnarzt. Ich harre oder ich harre nicht. Ich bin bereit oder lasse vermissen, was nach dem Wort der Schrift das gegürtete Stehen heißt mit brennender Lampe. Sich auf die Zahl der Anderen verlassen, sich durch das Tun der Gemeinschaft gedeckt und der Sorge enthoben fühlen, das ist Art der törichten Jungfrau. Es ist nicht die Weise jener, die zu warten verstehen.

Warten ist ein ernstes Geschäft. Dem Ungeduldigen ist es bloß ein Vergeuden der Zeit, ein Verspielen des Glücks, ein schmerzliches Untätigbleiben. Dem in sich selbst Befangenen ist es vollends bar jedes Sinns, denn etwas, das jenseits seiner selbst wäre, sucht er ja nicht. Für den Gierigen wird es zur Qual, die ihm immer aufs neue vorzuenthalten strebt, was schon genossen sein könnte. Aber dem Hoffenden ist das Warten ein weites Feld, ein lebendiges Tun, ein stilles Wachsen voll Werdelust. Es dehnt den Raum des Entbehrten, es baut die Welt der Verheißung, es reift den, der sie einst in Besitz nehmen soll. In den unausschreitbaren Hallen des Harrens, die die Seele auf Wanderschaft ziehn, kann das Ersehnte seine wahre Größe gewinnen vor den staunenden Augen des Geistes, und das Herz kann sich langsam gewöhnen an göttliches Übermaß.

Gewiß, es ist viel Dunkel über ihnen und ihrem Geschick, die da so wartend dahingehen, verharren, schauen, hoffen und abermals aufbrechen zu fußwunder Pilgerschaft. Denn sie zählen ja nicht und niemand beachtet sie. Der Wunsch ihrer Herzen fällt nicht ins Gewicht, die Maßstäbe ihres Urteils werden nicht angelegt. Niemand ordnet die Dinge gemäß ihrer Schau, keiner kümmert sich um die Kunde ihrer Erkenntnis. Daß es Menschen gibt, die die Erfüllung des Daseins aus ganz anderen Bereichen erhoffen, ist ein Vorwurf, der beunruhigt, ein Querschuß, der empört, und verfällt der allgemeinen Verleugnung. Solches darf nicht sein. Denn es stellt alles menschliche Bemühen und Genügen in Frage, ihm ist Ziel kein Ziel und Leben allein keine Befriedigung mehr. Wie sollte sich nicht alle Welt einig wenden gegen eine solche Bedrohung ihrer Zufriedenheit? Was könnte ihr derartige Wünsche annehmbar machen?

Aber es ist auch Licht. Es dringt durch die Ritzen jener Wand, die jeden Ausblick verstellen sollte. Es blüht in der Finsternis auf und haftet an ihr wie Glutstaub, im Funkenflug versprüht aus müden, brennenden Augen. Es ist des Herzens Licht, das sich tausendfach spiegelt und etwas von wahrer Zuversicht und vom Glanz unverlierbaren Wertes hineinstrahlt in die dunkeln Dinge einer mißverstandenen Welt. Und es ist noch mehr. Es ist das Licht des Erwarteten selbst und der erste Schimmer seiner treuen Heraufkunft, nach dem Wort der Schrift. Denn all die vielen, die auf Dich warten, werden nicht enttäuscht.

Anmerkung:
Der Vers “Denn all die vielen, die auf dich warten, werden nicht enttäuscht” aus Psalm 24 ist das Thema der Meßliturgie vom 1. Adventssonntag und wird dort dreimal gebetet: im Introitus, im Graduale und im Offertorium.


Erwartung - unser Leben als Advent (nach Heb 11,1)

Von P. Franz Prosinger

“Es ist aber Glaube im Hinblick auf das zu Erhoffende eine Grundlage, ein Beweis für die Dinge, die nicht gesehen werden” (Heb 11,1). Um unser Leben als Erwartung recht zu erfassen, müssen wir hier gut unterscheiden zwischen einem bloßen Meinen, Vermuten oder Für-Wahrscheinlich-Halten und dem hier gemeinten Glauben. Wer bei einer Bergbesteigung das Gipfelkreuz noch nicht sieht und sagt, er glaube, es sei nicht mehr weit, der vermutet mit mehr oder weniger großer Sicherheit – nur wenn es ihm eine glaubwürdige Person zugesichert hat, kann er es im eigentlichen Sinn glauben. So ist es auch ein gewaltiger Unterschied, ob jemand an ein Weiterleben nach dem Tod “glaubt” aus einem unbestimmten Gefühl, ob er damit rechnet nach der berühmten Wette Pascals (weil man mehr verlieren kann, wenn es doch existierte und man sich darauf nicht eingestellt hat) – oder weil es eine höchst glaubwürdige Person zugesichert hat: “Laßt euer Herz nicht durcheinanderbringen. Glaubt ihr an Gott? So glaubt auch an mich! Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn nicht: hätte ich dann zu euch gesprochen: Ich gehe hin, euch einen Platz zu bereiten.” (Joh 14,1f).

Infolgedessen ist es auch ein ganz anderes Warten: ein distanziertes “Abwarten und Tee trinken”, ein beunruhigendes “vielleicht oder auch nicht” oder ein sicheres Ausschau Halten nach der zugesicherten Ankunft. Von letzterem spricht der Hebräerbrief: eine bewiesene Existenzgrundlage für den, der glaubend hört. Schon die ganze Schöpfung erweist sich als eine solche Zusicherung: “In Glauben erkennen wir, daß die Welten so recht bereitet worden sind, daß aus dem Nicht-Erscheinenden das zu Erblickende entstand” (ebd. Vers 3). Die Schöpfung will nicht vordergründigen Zwecken dienen, sondern durch das Sichtbare hindurch in das Unsichtbare weisen (Röm 1,19f). Das Sensorium für diese hintergründige Wirklichkeit ist jedem Menschen anvertraut. Der hl. Paulus nennt es “Gehör des Glaubens” (Gal 3,2.5; vgl. Röm 10,17; Heb 4,2). In staunendem Schauen soll der Mensch verweilen und wartend hineinlauschen in die hintergründig sich mitteilende Botschaft. “Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, / Du mein tieftiefes Leben; / daß du weißt, was der Wind dir will, / eh’ noch die Birken beben.” (R.M. Rilke).

Eigentliche Existenzgrundlage ist aber der an jeden einzelnen Menschen direkt ergehende Ruf: “Sei ohne Furcht: ich erlöse dich; ich rufe dich bei deinem Namen: mein bist du” (Is 43,1). Hier ruft nicht ein Fremder aus unergründlicher Souveränität, sondern ein Vater aus liebender Zuneigung. Und doch gilt es, die abalienietas zu ertragen: wir sind nicht aus uns selbst und finden uns auch nicht in uns selbst. Es ist ein alienus, ein Anderer, der uns ins Dasein ruft und den wir nicht voreilig vereinnahmen dürfen. Das Hohelied des Alten Testamentes besingt das Spiel der Liebe zwischen Gott und der Seele im Bild von Braut und Bräutigam. Zu Beginn steht der Ruf der Gnade, die namentliche Offenbarung: “Er küßte mich mit dem Kuß seines Mundes... wie ausgegossenes Öl ist dein Name” (Hld 1,1f). “Horch! Mein Geliebter!” (2,8), “er schaut zu den Fenstern herein, er spät durch die Gitter” (2,9) – “ach wenn doch dein Auge einfach wäre, so wäre dein ganzer Leib licht” (Mt 6,23 – das Auge ist das Fenster der Seele). Der Bräutigam klopft, doch die Braut ist noch nicht bereit (Hld 5,2f). Auch der Kirche von Laodizea läßt der Herr sagen, er stehe vor der Türe und klopfe an: “Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich einkehren und Mahl mir ihm halten und er mit mir” (Offb 3,20). Da die Braut des Hohenliedes noch mit sich selbst beschäftigt war und die Türe zu spät öffnete, war der Bräutigam weg, verschwunden: “Ich geriet außer mir wegen seines Rückzugs. Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht; ich rief nach ihm, doch ergab mir keine Antwort” (Hld 5,6). Da spielt kein genius malignus mit seinem homunculus wie eine Katze mit einer Maus, sondern der barmherzige Herr, der seinem Geschöpf die Türe nicht einrennen will, um es in Freiheit zu gewinnen. Dazu braucht es auf beiden Seiten viel Geduld.

Am zweiten Adventsonntag (Missale von 1962) schreibt der hl. Paulus vom “Gott der Geduld” und von der Hoffnung, die wir aus der Geduld und dem Trost der Schriften schöpfen (Röm 15,4f). Vor unvordenklichen Zeiten hat er verheißen, daß ein Nachkomme der Frau der Schlange den Kopf zertreten werde (Gen 3,15), aber erst mußte das Menschengeschlecht – eine Familie ausgenommen – in der Sintflut ertrinken, weil die Bosheit überhandgenommen hatte (Gen 6,5-8). Vor viertausend Jahren versprach Gott dem Abraham, daß in seinem Nachkommen alle Völker der Erde gesegnet werden (Gen 12,3; Gal 3,8.16), wonach die Söhne Israels 400 Jahre lang im Sklavenhaus Ägyptens vergessen schienen. Vor dreitausend Jahren versprach Gott durch seinen Propheten Natan einen Nachkommen Davids: “Ich will den Thron seiner Königsherrschaft für immer befestigen. Ich will ihm Vater sein und er wird mir Sohn sein.” (2Sam 7,13f). Aber nach der Zerstörung Jerusalems und einem 70-jährigen Exil in Babylon schien jede Aussicht zu schwinden.

“Als aber die Fülle der Zeit gekommen, da sandte Gott seinen Sohn: geboren aus einer Frau, geboren unter das Gesetz, um die unter dem Gesetz freizukaufen – damit wir die Sohnschaft empfingen” (Gal 4,4f). Und dieser Frau ließ er durch seinen Engel Gabriel sagen: “Groß wird er sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Und geben wird ihm Gott, der Herr, den Thron seines Vaters David. Und König wird er sein über dem Haus Jakob in Ewigkeit und seines Königtums wird kein Ende sein” (Lk 1,32f). So wie das Gottesvolk insgesamt, so muß auch jede einzelne Seele warten können. So wie es dort falsche Messiaserwartungen gab, so daß Johannes im Kerker fragen mußte: “Bist du es, der da kommen soll, oder haben wir noch auf einen anderen zu warten” (Lk 7,19), so müssen auch unsere Erwartungen gereinigt werden. Täglich müssen wir von neuem dem Vater im Himmel sagen: “Dein Reich komme, Dein Wille geschehe” (Mt 6,10), und beten, daß wir der Versuchung nicht erliegen.

Das soll nun keineswegs negativ klingen. Zwar hat jeder Tag sein eigenes und ihm genügendes Übel (Mt 6,34)... und “wer von euch kann – mag er sich noch so aufreiben – seiner Lebenszeit nur eine Elle zulegen?” (Mt 6,27) Aber diese uns unbekannte Lebensspanne ist spannungsgeladen. Wir erwarten Großes und in jedem Augenblick kann sich der Vorhang öffnen. “Ihr sollt Menschen gleichen, die auf ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit zurückkommt, damit sie ihm, wenn er kommt und anklopft, alsogleich auftun” (Lk 12,36).

Wie eine Braut soll die Seele auf ihren Bräutigam warten. Wer Großes erwartet, hat ein großes Herz und leuchtende Augen. Der kleinkarierte Bürger wartet ängstlich, ob ihm seine Lebensversicherung noch rechtzeitig ausgezahlt wird. Der Zweifelnde wartet verunsichert, wie bestellt und nicht abgeholt, und spürt die spottenden Blicke der Nachbarn immer mehr auf sich gerichtet, die da sagen: “Wo bleibt nun dein Gott?” (Ps 42,4) – und seine Seele ist gekrümmt über sich selbst und brodelt vor sich hin (Vers 6). Der Glaubende aber steht in Erwartung wie eine Mutter, die das neue Leben schon in sich spürt und den Tag freudig erwartet, an dem sie es auch schauen und in ihren Händen tragen darf. “Ich bin gewiß, daß ich schauen darf die Güte des Herrn im Lande der Lebenden. So harre des Herrn und sei stark! Sei tapferen Mutes und harre des Herrn!” (Ps 27,13f)

Freilich wird der Tag der Geburt noch eine letzte Bewährung bedeuten, ob wir unser Leben zunächst in Seine Hände legen und Ihm überlassen können. So ist der Vorhang zugleich das Tor des Todes und des Lebens. Jede voreilige Vereinnahmung muß von uns genommen werden. In besonderer Weise können wir den Advent unseres Lebens zu Beginn des Kirchjahres einüben. Wer sich seine eigene Weihnachtsstimmung vorzeitig selbst zurechtmacht und nicht warten kann, hat schon beim Einstieg alles verspielt.


Advent, Zeit der Sehnsucht

Von P. Engelbert Recktenwald

“Wie der Hirsch verlangt nach dem Wasser der Quelle, so verlangt, o Gott, meine Seele nach dir” (Ps 42,2).

Der Advent ist die Zeit der Sehnsucht. Der Zyklus des Kirchenjahres, der mit dem Advent beginnt, lädt uns ein, den großen Gang der Heilsgeschichte nachzuvollziehen, das Schicksal des Menschengeschlechtes in unserem eigenen Leben wiederzuleben, noch einmal Zeugen zu sein der Erbarmungen des Herrn. Advent ist die Zeit der Sehnsucht, des Harrens auf die Erlösung, auf das Erscheinen des Herrn, auf Weihnachten. Und nur nach dem Maße unserer Sehnsucht wird uns die Gnade des Herrn, die Freude von Weihnachten zuteil.

Wir sind zur Sehnsucht berufen! Zu jener Sehnsucht nach dem Herrn, von der die Patriarchen und Propheten beseelt waren. Und die ihre Erfüllung findet an Weihnachten. Aber nach Weihnachten ist die Sehnsucht nicht abgeschafft. Sie bleibt bestehen. Sehnsucht ist die Existenzform wie des Gerechten des Alten Bundes, so auch noch viel mehr die des Christen. Aber durch das erste Weihnachten, als die Fülle der Zeit gekommen, hat diese Sehnsucht eine neue Qualität und Intensität empfangen. Die Sehnsucht des Alten Bundes war ausgespannt zwischen Verheißung und Erfüllung, Finsternis und Licht (cf. Eph 5,8), zwischen Hören und Sehen: im Alten Bund hörten die Israeliten von dem Wort Gottes, das an die Propheten ergangen war. Im Neuen Bund ist das Wort Gottes Fleisch geworden und sichtbar unter uns erschienen (cf. 1 Joh 1). Deshalb ist die Sehnsucht des Christen ausgespannt zwischen Anfang (der Erfüllung) und Vollendung (der Erfüllung), zwischen Licht und Licht, zwischen Sehen und Sehen: zwischen dem Licht, das in unserem Herzen aufgestrahlt ist (2 Kor. 4,6), und dem unzugänglichen Licht, in dem Gott wohnt (1 Tim 6,16); zwischen dem Sehen wie im Spiegel und in Rätseln (1 Kor 13,12) und dem Sehen von Angesicht zu Angesicht. Jetzt schon sehen wir den Herrn: sich verbergend in der entstellten Gestalt des Geringsten seiner Brüder (Mt 25,40); sich gleichzeitig verbergend und offenbarend hinter dem Schleier der Liturgie und Seiner Kirche; sich verbergend und hingebend unter den Gestalten von Bort und Wein. So sehen wir den Herrn, und unsere Sehnsucht ist nicht bloß ahnende Sehnsucht aus der Verheißung, sondern sehende Sehnsucht aus der Erfüllung. Aber was wir von ihm sehen, ist noch nicht ER selbst. “Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Und was wir einmal sein werden, ist noch nicht offenbar. Wir wissen aber, wenn es sich offenbart, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist” (1 Joh 3,2). Dieses Sehen steht uns noch bevor, und darauf hin spannt sich unsere Sehnsucht.

Das also ist unsere Sehnsucht: sehnendes Sehen und sehendes Sehnen. Trinken und Dürsten, Dürsten und Trinken. “Wer von mir trinkt, den dürstet noch mehr” (Sir 24,21). Wehe dem, den nicht dürstet! Wehe dem, den nicht nach dem Ewigen, nach der Schau des Ewigen dürstet, weil er im Vergänglichen sein Genügen findet. Wen nicht dürstet, der wird verdursten. Er kann nicht empfangen jenes “Wasser, das ins ewige Leben sprudelt” (Joh 4, 14).

Advent: Zeit der Sehnsucht; Zeit, wie Daniel ein “vir desideriorum”, ein Mann der Sehnsüchte (Dan. 10, 11) zu werden!

“Es dürstet nach Gott meine Seele, nach dem lebendigen Gott; wann darf ich kommen und schauen das Angesicht Gottes?” (Ps. 42, 3).


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