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Dogma und Leben

Von Peter Lippert

Das Wort "Dogma" weckt viele Rätselfragen auf, die den Menschen unserer Zeit quälen.

In früheren Jahrhunderten wurde in der Christenheit in langen, leidenschaftlichen Kämpfen gerungen um dogmatische Differenzen: wie die Rechtfertigung des Menschen vor sich gehe, ob der Heilige Geist vom Vater und Sohn oder vom Vater allein ausgehe, ob Christus homoiusios oder homousios mit dem Vater sei; andere dogmatische Fragen haben die theologischen Schulen auf das heftigste erregt, wie z. B. die Fragen der Gnadenlehre und der Prädestination.

Der heutige Mensch kann diese Erregung kaum mehr verstehen. Er ist gewohnt, im Religiösen das Übergewicht so sehr auf das Persönliche, das Subjektive zu legen, daß ihm die dogmatischen Bekenntnisse fast gleichgültig geworden sind. Er ist auch auf religiösem Gebiet prinzipienmüde geworden.

Die katholische Kirche hält dagegen mit unbeugsamer, zäher Energie an den Dogmen fest, wie sie von den großen christlichen Konzilien formuliert wurden. Liegt in diesem Festhalten nicht etwas Starres und die Gefahr der Erstarrung? Das Leben ist flüssig, das Dogma scheint starr zu sein. Wird es also nicht das Leben umklammern und fesseln und seinen lebendigen Fluß so starr und unbeweglich machen, wie es selber ist? Ist denn eine derartige Uniformität des Denkens, eine Dogmatisierung des Religiösen notwendig? Ist sie überhaupt gut und zweckdienlich?

Die katholische Kirche besteht aber nicht bloß unerschütterlich auf dem apostolischen Symbolum. Sie hat im Laufe der Zeit ihre dogmatischen Lehren in sehr erweiterten und umfangreichen Glaubensbekenntnissen zusammengefaßt und legt sie ihren Mitgliedern auf die Lippen, und wer sich nicht zu ihnen bekennt, der kann nicht in ihrer Mitte bleiben, wenn er auch beteuert, daß er mit glühender Liebe an dieser Kirche hänge.

Und es sind nicht bloß Dogmen im eigentlichen Sinne, von Gott geoffenbarte Wahrheiten, deren Bekenntnis die Kirche fordert, sondern außerdem noch eine große Anzahl kirchlicher Festsetzungen, dogmatischer Bestimmungen im weiteren Sinne, Voraussetzungen des Dogmas und Folgerungen aus ihm, besonders philosophischer Art.

Selbst die Theologen können kaum alle diese Entscheidungen über “Sachen des Glaubens und der Sitten” ihrem Bewußtsein stets gegenwärtig halten. Und die katholischen Laien aus gebildeten Kreisen und erst recht das einfache Volk haben von der Mehrzahl derselben keine Ahnung. Wozu nun all diese dogmatischen Bestimmungen? Ist es notwendig, sie alle zu kennen? Ist das Wissen und die Überzeugung überhaupt etwas Religiöses? Ist Religion etwas Intellektuelles?

Die katholische Kirche legt eine so starke Betonung auf die Rechtgläubigkeit. Ist es denn nicht gleichgültig, welche religiösen Vorstellungen der Mensch hat, wenn er nur guten Willens und ehrlich ist gegen seinen Gott? Ist es nicht genug, daß er edel sei, hilfreich und gut? Und können die dogmatischen Bekenntnisse uns überhaupt gut und besser machen? Sind sie wirklich fruchtbar für das Leben und die Tat?

Dies sind einige der Fragen, die im Worte “Dogma” schlummern. Es sei versucht, sie wenigstens einer gedanklichen Lösung nahe zu bringen. Vielleicht daß damit auch der Weg gezeigt ist zu einer Lösung, die unserem Leben dient, die uns in den fröhlichen und sichern Besitz unserer dogmatischen Religion setzt. -

Die Dogmen des Christentums sind nicht der Ausdruck eines religiösen Erlebnisses, nicht die begriffliche Fassung subjektiver, seelischer Vorgänge. Der liberal-protestantischen und modernistischen Theologie sind die Dogmen ursprüngliche Erlebnisse, die in Begriffen erstarrt, gleichsam kristallisiert sind: sie sind ein Erzeugnis des Glaubens; so wäre das Auferstehungsdogma eine Kristallisationsform des Osterglaubens. In Wirklichkeit ist der Osterglaube geweckt worden von der Auferstehungstatsache. Freilich betrachtet auch die Religionspsychologie alles Religiöse nur von der subjektiven Seite; und so bedeuten ihr auch die Dogmen nicht mehr als religiöse Vorstellungen. Damit ist sie in gutem Recht. Sie ist eben Psychologie. Aber die Theologie und erst recht das religiöse Leben kann von der metaphysischen Bedeutung der Dogmen nicht absehen.

Religion ist gewiß etwas Innerliches, Persönliches, das sich in der Tiefe der Seelen ereignet. Aber sie ist mehr als ein Spiel seelischer Prozesse, mehr als ein schöner Traum. Sie ist eine Stellungnahme der sittlichen Persönlichkeit zum letzten Grund und Zweck der Welt und des Lebens; sie ist also eine Bewegung zu einer Wirklichkeit hin, und diese Wirklichkeit ist es eben, die in den Dogmen begrifflich und vorstellungsweise erfaßt wird. Religion ist wesentlich transzendent, sie überschreitet das Bewußtsein und ergreift durch das Dogma eine transsubjektive Welt.

Die Frage aber, wie weit unsere Vorstellungen und Begriffe überhaupt imstande sind, eine Wirklichkeit außerhalb des Bewußtseins zu bedeuten, können wir hier beiseite lassen. Es ist eine allgemein erkenntnistheoretische, nicht eine religiöse Frage.

Die Dogmen sind Ausdruck einer Wirklichkeit; sie haben einen ontologischen Charakter. Die erste Frage, die wir an sie richten müssen, ist also nicht eine Frage nach ihrem persönlichen Wert, nach ihrem Lebensgehalt, nach ihrer anregenden Kraft, nach ihrer Verwandtschaft und ihrem Widerspruch mit unsern übrigen Ideen, nach ihrer ethischen und ästhetischen Fruchtbarkeit. Die erste Frage muß eine Wahrheitsfrage sein: sind sie ein Ausdruck der Wirklichkeit, die sie bedeuten wollen? sind sie wahr oder falsch? Ohne den Wahrheitswert kann auch ihr Schönheits- und Stimmungswert keine religiöse Bedeutung mehr beanspruchen.

Die Mehrzahl der christlichen Dogmen nun gibt Aufschlüsse über eine Tatsachenwelt, die uns auf andere Weise nicht zugänglich ist, die wir aus dem Material, das uns vorliegt, nicht ableiten, mit den Mitteln unserer wissenschaftlichen Erkenntnis nicht restlos analysieren können. Sie wird uns nur gegeben durch Mitteilung aus einem höheren Geistesleben, durch göttliche Offenbarung. Daß in Gott drei Personen sind, daß die Bibel von Gott inspiriert ist, daß Maria ohne Erbsünde empfangen, daß in der Eucharistie der lebendige Christus gegenwärtig ist, alle diese Tatsachen können uns nur durch göttliche Versicherung gewiß werden. Ihr Tatsächlichkeitscharakter wird aber dadurch nicht beeinträchtigt. Die christlichen Dogmen bedeuten eine Wirklichkeit so gut wie die Sätze unseres übrigen Wissens, das unserer eigenen Erfahrung und Einsicht entstammt. Und aus dieser Wirklichkeit quillt der religiöse Wert und der befruchtende Einfluß, die bewegende und hinreißende Kraft der Dogmen. Wer in den Dogmen nichts anderes sähe als überlieferte Vorstellungen, an die wir durch kirchlichen Bekenntniszwang gebunden werden, dem müßten sie eine Last und eine Qual sein. Denn wahrhaft unerträglich wäre es, durch eine äußere Macht an Vorstellungen gefesselt zu werden, die nur auf die Überlieferung sich berufen könnten und die unserem Leben nur mehr tote und leere Formeln wären. Das einzige entscheidende Recht des Dogmas ist seine Wahrheit und Tatsächlichkeit.

Es erhebt sich aber nun die weitere Frage: Welches Interesse hatte Gott daran, uns die Tatsachen des christlichen Dogmas mitzuteilen, und welches Interesse haben wir daran, sie zu erfahren und auf Gottes Treuwort hin zu bekennen? So kommt also jetzt die Frage nach dem Lebenswert des Dogmas doch zu ihrem Recht. Denn der weise Gott würde uns wohl kaum eine Tatsache mitteilen, die unserer Seele und unserem Leben nichts zu bedeuten hätte.

Das religiöse Leben ist eine Bewegung zu einer Wirklichkeit hin. Wie wir durch unsere Sinne und unser Erfahrungswissen und unsere Kulturarbeit angeschlossen werden an die Weltwirklichkeit, so durch die Religion an die Wirklichkeit Gottes. Durch das religiöse Leben soll sie in unsern Geist und unser Wesen einströmen, soll es beeinflussen, tragen und gestalten, soll unsere Gedanken und unsere Tat bestimmen. Es muß also vor allem unser Denken an die Gotteswelt der christlichen Dogmen angeschlossen werden, und dies kann nur geschehen durch den Glauben. Jene Welt kann sich ja nur erschließen durch göttliche Mitteilung, und jedes Wissen, das sich der Überlegenheit und Treue eines andern anvertraut, nennen wir Glauben. Dies also, der Glaube, ist die erste religiöse Tat, die das Dogma uns entlockt.

Ist der Glaube überhaupt etwas Religiöses? Ist das Wissen, die Überzeugung ein religiöses Werk und Leben? Das Wissen als solches ist gewiß nicht religiös. Auch der Mann der theologischen Wissenschaft kann recht unreligiös und unfromrn sein; und jene verlorenen und verkommenen Existenzen, deren Zustand wir Hölle nennen, haben ein tüchtiges religiöses Wissen und führen doch keine Spur religiösen Lebens.

Das Wissen ist nur dann religiös, wenn es die ganze Persönlichkeit auf Gott hin lenkt. Das Wissen und Schauen der Seligen im Himmel ist religiös, weil es in Harmonie steht mit ihrem sittlichen Wesen, weil ihr Gottschauen sie gut macht. Ein solches Wissen ist auch der christliche Glaube. Er ist nicht ein bloßer Wortglaube, ein leeres Bekenntnis der Lippen, ein totes Wissen, ein Gedächtnisstoff und ein auswendig gelernter Katechismus. Der Glaube ist eine Anerkennung der Überlegenheit des göttlichen Geisteslebens, eine Neigung von Geist zu Geist. Eine Ehrfurcht ist er, eine Selbstbeherrschung, eine Demut und eine Ehrlichkeit. Er macht uns gut, und darum ist er religiös.

Der Glaube ist ein religiöses Leben intellektueller Art. Aber er ist erst eine Vorbedingung und Vorbereitung, ein Brückenbauen, ein Fundamentlegen. Der Glaube schafft erst den Anschluß unserer Seele an die neue göttliche Wirklichkeit des Dogmas. Und nun muß aus dieser Wirklichkeit Leben und Bewegung in immer reicherer Fülle überströmen in unser Wollen und Handeln.

Da gibt es nun allerdings Dogmen, die unserem praktischen Leben unmittelbar nichts bieten als eben die Möglichkeit, sie zu glauben. Etwa die Tatsache, daß auch die ersten acht Kapitel des ersten Buches Paralipomenon, die fast nur hebräische Eigennamen enthalten, von Gott inspiriert sind. Oder daß der Heilige Geist vom Vater und Sohn ausgeht, aber nicht erzeugt wird. Wir möchten vielleicht meinen, daß wir solche Dogmen ohne Schaden für unsere religiöse Betätigung vermissen könnten.

Allein wir dürfen die christlichen Dogmen nicht in ihrer Vereinzelung betrachten; wir müssen sie als ein Ganzes nehmen; die einzelnen Wahrheiten sind Glieder und Teile in dem großen Wahrheitsbau, den die Offenbarung Gottes im Verein mit menschlicher Geistesarbeit aufgeführt hat, in dem die religiöse Seele wohnt und sich entfaltet und auswirkt. In den materiellen Bauwerken, die dem religiösen Leben dienen, in den christlichen Kathedralen, ist doch auch das Dachgerüst und die Grundmauer eine Notwendigkeit, obgleich sie unmittelbar nichts beitragen, unsere Religiosität zu beflügeln. Das tut nur der Hochaltar und die Weiträumigkeit und das ahnungsreiche Dämmern des Gotteshauses. Solcher Art aber sind gerade die zentralen Wahrheiten des christlichen Dogmensystems: sie sind Altar, sie sind ahnungsvolle Unendlichkeit und leuchtende Farbe.

Die christlichen Dogmen müssen als Ganzes genommen werden, in dem auch die sogenannten “unfruchtbaren” Lehren ihre Stelle haben. Man kann aus dieser Kette von Tatsachen nicht ein Glied herausnehmen, ohne daß die ganze Verknüpfung reißt. Man kann aus diesem Bau nicht einen Stein herausbrechen, ohne daß alles zumal versinkt. Das Christentum verliert alsdann seine Verankerung in der Wirklichkeit, und die innerlichste und glühendste Religiosität ist dann nichts mehr als eine schöne Dichtung, ein holder Traum.

Es gibt in der Tat dogmatische Gebiete, in denen schon die geringste Abweichung von der Wahrheitslinie mit grausamer Konsequenz zu einer Verheerung des religiösen und sittlichen Lebens führt. In gewaltigen Bildern hat dies Chesterton in seinem seltsamen Buche Orthodoxie geschildert : “Es erklärt sich hier, was alle modernen Kritiker des historischen Christentums so unerklärlich finden. Ich meine jene ungeheuren Fehden um geringfügige theologische Fragen, die mächtige Erregung um eines Wortes, einer Geste willen ....
Nicht eine Herde Schafe hatte ja der Hirt der Christenheit zu leiten, sondern eine Herde von Tigern und Stieren, von schreckhaften Idealen und gewaltigen Lehren, von denen jede stark genug war, um eine Irrlehre zu begründen und die Welt zu verwüsten; die Kirche war eine Löwenbändigerin ....
Hätten die Bändiger zu Rom den kleinsten Ring geopfert, der Löwe des antiken Pessimismus würde seine Kette in den finstern Wäldern des Nordens durchbrochen haben. Ein unrichtiges Wort zur Kennzeichnung des Symbolismus, und die schönsten Statuen Europas wären zertrümmert worden. Eine Lücke in den Definitionen, und alle Lustbarkeit hätte ein Ende gefunden ....
Nie hat es etwas so Gewagtes und Leidenschaftliches gegeben als die Orthodoxie. . . . Einerseits hielt sie den von allen weltlichen Mächten gestützten Arianismus am Zügel, der das Christentum zu sehr verweltlicht hätte. Alsbald machte sie eine andere Schwenkung, um einen Orienralismus zu vermeiden, der eine zu große Abkehr von der Welt nach sich gezogen hätte .... Höchst einfach wäre es gewesen, in eine der offenen Fallen des Irrtums und der Übertreibung zu geraten, wie eine Sekte nach der andern, eine Mode nach der andern sie gestellt haben. In eine der Manieren der Gnostiker oder der christlichen Sciencisten zu verfallen, wäre in der Tat naheliegend und zahm gewesen. Aber sie alle vermieden zu haben, war in der Tat ein hinreißendes Geschehnis.”

So rechtfertigt Chesterton jene eifersüchtige Treue, mit der das kirchliche Lehramt auch die geringste Verschiebung des dogmatischen Tatbestandes zu verhindern sucht. Im Interesse des religiösen Lebens selbst muß eine solche Verschiebung, die im Grunde immer einen Verlust bedeutet, der Menschheit erspart bleiben.

Sämtliche Dogmen, auch die “unfruchtbaren”, haben somit wenigstens eine regulative Bedeutung; sie sind Gerüste und Dämme, welche das religiöse Leben vor dem Zerfließen, vor dem Überfluten und Versanden bewahren. Denn dieses Leben wogt allzeit zwischen entfernten Polen auf und nieder, zwischen Rationalismus und Pietismus, zwischen Weltarbeit und Weltflucht, zwischen Zentralisation und Individualisierung. Die Eindämmung durch die unzerbrechlichen und unverrückbaren Normen des Dogmas, die wie Felsenufer zu beiden Seiten aufgepflanzt sind, ist also nicht eine Bindung und Fesselung der Religiosität, sondern eine Führung. Diese Normen schützen das religiöse Leben, wenn auch nicht jeder einzelne ausdrückliche Kenntnis von ihnen hat; sie sind eine Bürgschaft gegen die Übergriffe des allzu Persönlichen, gegen menschliche und zeitgeschichtliche Launen und Leidenschaften und Willkürlichkeiten. Sie schützen die Religion vor dem Menschen, auch vor den Persönlichkeiten, welche die Kirche regieren; denn auch diese sind gebunden durch das Dogma.

Das Leben ist ja relativ, zeitgeschichtlich bedingt, ist eine Strömung und braucht gerade darum eine Führung im Absoluten, wie in einem unveränderlichen Strombett. Eine der wertvollsten Erkenntnisse, zu denen Eucken [Rudolf Eucken, 1846-1926, Philosoph und Literatur-Nobelpreisträger] auf seinem Wege gelangt, ist die Notwendigkeit des Absoluten im Geistesleben. Das Leben zerfällt uns in lauter zusammenhanglose Punkte ohne das Absolute, das Gemeinsame, das Bleibende, das im Fluß der Erscheinungen Beharrende. Hier hat die rein geschichtliche, relativistische Betrachtungsweise ihre Grenze. Die Bedeutung des Absoluten nehmen nun im religiösen Leben des Christentums die Dogmen ein. Sie sind das Überkosmische, Übermenschliche, Überzeitliche.

Die regulative Bedeutung der Dogmen ist aber nicht ihre wichtigste und erste Funktion. Es muß Dogmen geben - und gerade die Hauptwahrheiten des Christentums sind von dieser Art -, die auch Quellen sind und ewige Ursprünge für das religiöse Leben. Die Verpflichtung auf ihr Bekenntnis ist dann nicht eine Unterbindung und Austrocknung des Religiösen, sondern ein Anschluß, der den Zugang offen hält zu unerschöpflichen Vorratskammern. Das sind jene Dogmen, welche durch ihre Majestät uns erschüttern, durch ihre Lieblichkeit uns erfreuen, durch ihre Menschlichkeit und Zutraulichkeit uns locken, durch ihr Feuer uns entzünden zu welt- und himmelstürmender Tat.

Ein paar Beispiele: Die Tatsache, daß Gott Vergelter und Anwalt des Sittlichen ist, daß er die Aufopferung, die Güte, die Reinheit und Seelengröße liebt und endlich zu ihrem Rechte und Siege bringen wird. Ebenso anderseits die Tatsache, daß alles Böse von Gott verurteilt, verworfen und verdammt wird, eine ewige Niederlage erleidet. Wie könnten wir diese Dogmen missen? Unser ganzer sittlicher Optimismus und Heroismus gründet sich darauf. Sie sind die Grundlage alles höheren Lebens. Weiter die Tatsache, daß ein Vaterherz uns liebt und ein liebendes Auge über uns offen bleibt, wenn auch alle lieben Menschenaugen über uns erloschen sind. Die andere Tatsache, daß es ein ewiges Leben gibt, eine Unsterblichkeit, einen Triumph über Tod und Vernichtung, über Leid und Weh, über alle die dunklen und schweren Dinge, die wir auf diesem Leben lasten sehen. Die Tatsache, daß unser Gebet zum himmlischen Vater nicht eine Illusion ist, sondern ein wahrhaftiges Reden und Zwiesprachehalten. Die Tatsache, daß in der Eucharistie Jesus lebt und weilt und uns nahe ist mit starker Hand, als nimmermüde Kraft, als nie versiegender Trost. Wie haben alle diese Dogmen befruchtend, begeisternd, belebend auf die Religiosität gewirkt! Es gäbe kein Christentum mehr ohne diese Gewißheiten.

Hier ist nun auch ein weites Feld offen zu freier Entfaltung der Individualität. Es hat vielleicht jedes tiefere religiöse Leben seinen eigenen Zentralpunkt, sein großes Dogma, das beherrschend in der Seele steht, um das alle andern religiösen Tatsachen und Gedanken sich gruppieren. Dem einen ist diese Mittelpunktsidee das Dogma vom Vatergott und seiner treuen Vorsehung, die den Sperling nicht fallen läßt, die auch die ärmste Blume auf dem Felde noch in königliche Prachtgewänder kleidet, die um so mehr auch für uns Sorge trägt, für uns kleingläubige Menschenkinder. Dem andern ist das beherrschende Dogma vielmehr das ernste, strenge Herrentum Gottes, des Allheiligen, des Absoluten, vor dem wir alle nur niedrige Knechte sind und verächtlicher Staub; gegen den wir nicht das mindeste Recht besitzen, keine Forderung und keinen Anspruch erheben können. Einem dritten ist die “scientia Christi” aufgegangen, die Christuserkenntnis, diese Frömmigkeit der paulinischen Briefe, der kein anderer Name so stark und süß klingt wie der Name Jesu. Ein vierter schöpft aus dem Kreuz, aus der Passion und den heiligen fünf Wunden des Erlösers eine kraftvolle und milde Frömmigkeit. Ein letzter endlich - und vor allem das schlichte Volk mit seinem Kinderherzen ist dafür empfänglich - hat das psychologisch feinsinnige und feingefühlte Dogma von der Gemeinschaft der Heiligen verstanden. In seiner praktischen Religiosität nimmt die Heiligenverehrung einen bedeutenden Raum ein.

Dieser dogmatische Individualismus, dieses Recht auf ein Lieblingsdogma, wie man es heißen könnte, darf nicht verkümmert werden. Der religiöse Fortschritt der Menschheit ist an diesen Individualismus geknüpft. Daß die Dogmen nicht erstarren, sondern flüssiges Leben werden in der Menschheit, daß immer aufs neue die Gemüter sich in die Dogmen versenken, daß immer neue Tiefen und Kraftquellen sich auftun, daß immer neue Einsichten und Befruchtungen und Antriebe gewonnen werden, das liegt vor allem an diesem dogmatischen Individualismus.

Freilich verlangt der Fortschritt auch eine gewisse Weite. Wir dürfen uns nicht so sehr verengen, daß wir aus den christlichen Dogmen uns eine Auffassung heraussuchen und für alles andere kein Verständnis und keine Empfänglichkeit besitzen. Es ist ja gewiß richtig, daß hochentwickelte Seelen nur einen einfachen Glauben brauchen, nicht einen komplizierten, vielteiligen, unübersichtlichen. Aber Einfachheit bedeutet nicht Dürftigkeit, nicht Einseitigkeit. Der höchst entwickelten Religiosität heiliger Menschen klingt jedes Dogma in einer einzigen Harmonie. Es ist eine religiöse Aufgeschlossenheit der Seele denkbar, der jedes Wort des Kredo etwas sagt. Und dabei wird ihr religiöses Leben nicht etwas Gespaltenes, nicht eine zusammenhanglose Summe von vielerlei Andachten.

Wer z. B. den Gottesgedanken in seiner weltübersteigenden Wucht einmal begriffen hat, dem wird auch das Dogma von der Dreipersönlichkeit dieses Gottes leicht eine Ahnung von der Tiefe des innergöttlichen Lebens geben, von den ungeheuren Spannungen und von der überquellenden Fülle dieses Daseins, einer Fülle, die geschaffene, begrenzte Naturen sprengen müßte in auseinanderfallende Teile. Die Größe des dreipersönlichen Gottes gibt aber auch den rechten Maßstab zur Schätzung des Gottmenschen, und wem einmal die Majestät und Herrlichkeit der Menschwerdung aufgegangen ist, der wird auch die Mutter Jesu und die Marienverehrung verstehen, dem wird auch das Dogma ihrer unbefleckten Empfängnis unerschöpflichen Stoff des Entzückens und der freudigsten Dankbarkeit liefern.

So kommt es nur darauf an, daß wir und jeder einzelne von uns ein Dogma besitzen, das uns lebendig macht, das zu unserem Herzen redet und es aufweckt. Dann werden in seinem starken Klang auch die übrigen Wahrheiten des Christentums mittönen, wenn auch leiser und wie von ferne, so wie auf das Geläute einer Abendglocke alsbald eine einmütige Antwort erschallt von allen Türmen der umliegenden Hügel und Täler. Dann werden unsere Dogmen jene bleibende Stimmung und Herzensgesinnung in uns erzeugen, die wie ewiger Sonnenschein über der Seele liegt, siebenfach und vielfältig an Kraft und Gehalt, und doch nur eine einzige, einheitliche, weiß leuchtende Klarheit.

Der Aufsatz Dogma und Leben erschien 1913 in den Stimmen der Zeit und wurde wiederveröffenticht in Peter Lippert S. J., Aufstiege zum Ewigen, Freiburg im Breisgau: Herder, 1940

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