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Das Evangelium im Widerstreit der Theologen

Von Erwin Hesse

Die Ausführungen des legendären Seelsorgers und profunden Bibelkenners Erwin Hesse (1907 - 1992) über das “Evangelium im Widerstreit der Theologen” erfüllen ein wichtiges Desiderat: Sie bieten einen zuverlässigen und allgemein verständlichen Überblick über die Geschichte der Exegese und Leben-Jesu-Forschung. Wer sie studiert, wird das Urteil belegt finden, das Papst Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger in seinem Jesusbuch gefällt hat: “Aus scheinbaren Ergebnissen der wissenschaftlichen Exegese sind die schlimmsten Bücher der Zerstörung der Gestalt Jesu, der Demontage des Glaubens geflochten worden” (Jesus von Nazareth, S. 64). Dabei geht es dem Papst nicht um eine Ablehnung der historisch-kritischen Methode, sondern um ihre Selbstkritik, um ihre kritische Einordnung in den historischen Zusammenhang der weltanschaulichen Voraussetzungen, auf deren Hintergrund der jeweilige Exeget diese Methode anwendet. Das hat Joseph Ratzinger schon vor Jahren in einem viel zu wenig beachteten Aufsatz “Schriftauslegung im Widerstreit. Zur Frage nach Grundlagen und Weg der Exegese heute” angemahnt (in: Joseph Ratzinger, Hg., Schriftauslegung im Widerstreit, Freiburg im Breisgau 1989, Reihe Questiones Disputatae, Band 117. Der Band enthält außerdem Beiträge von Raymond E. Brown, William H. Lazareth und George Lindbeck). “Die Debatte um die moderne Exegese ist in ihrem Kern nicht eine Debatte unter Historikern, sondern eine philosophische Debatte”, schreibt Ratzinger. Wenn deshalb Kritiker wie der katholische Theologieprofessor Stefan Schreiber dem Papst wegen seines Jesusbuches einen “methodischen Rückschritt hinter zweihundert Jahre Jesus-Forschung vorwerfen, ist das entweder intellektuell unredlich oder Zeichen eines eigenartigen Methodenfundamentalismus, der unter das Reflexionsniveau des kritisierten Autors zurückfällt. Zum Thema wäre auch noch zu empfehlen das Werk von Klaus Berger “Exegese und Philosophie”, Suttgart 1986, erschienen in der Reihe Stuttgarter Bibelstudien als Band 123/124.

Die Studie Erwin Hesses erschien 1985 in der UNA VOCE Korrespondenz und wurde dann von der UNA VOCE Deutschland als Sonderdruck herausgegeben, der 1986 bereits in der vierten Auflage erschien.

1. Kapitel: Von Galilei zum Deismus

Grundlegende Anstöße zur Technisierung fast des ganzen Lebens, die uns heute selbstverständlich ist, gingen vor allem vom genialen Italiener Galileo Galilei aus [1] Der 1564 in Pisa Geborene überraschte bereits im 17. und 21. Lebensjahr durch wichtige Entdeckungen. Als Professor der Mathematik an die Universität zu Padua berufen, gewann er folgenschwere Bedeutung in dreifacher Hinsicht.

Erstens verlangte er, die bislang wissenschaftlich vorherrschende Methode zu ergänzen, ja zu ersetzen. Er drängte zu unmittelbarer Beschäftigung mit der Natur durch Beobachtung und Experiment (Induktion), statt vorzüglich aus als wahr angenommenen Sätzen (zumal der Theologie, Philosophie und Mathematik) in strenger Logik Schlußfolgerungen zu ziehen und damit fast ausschließlich im Bereich des Geistes zu bleiben (Deduktion).
Unleugbar gelangen ihm auf diese Weise aufsehenerregende Ergebnisse. Damit kommen wir zu seiner zweiten Bedeutung: Sie liegt auf dem Gebiet der Astronomie.
Mit Hilfe eines 1608 in Holland konstruierten und schon im folgenden Jahr verbesserten Fernrohres entdeckte er zum Staunen der Mitwelt Mondgebirge, Sonnenflecken, die Jupitermonde, den Saturnring und auf der Venus Phasen, wie sie der Mond zeigt. Auch stellte er fest, daß die Milchstraße aus einer Unsumme von Sternen besteht.
Noch größer ist seine dritte Bedeutung. Indem er für Bewegungen z.B. des Falles exakt geltende und daher mathematisch formulierbare Regeln sowie das Prinzip der Trägheit nachweisen konnte, legte er den Grund zum Entstehen der Mechanik. Durch seine Studien an ruhenden Flüssigkeiten verhalf er zum Werden der Hydrostatik. Damit regte er den Aufbau der Physik als in dieser Art neue Wissenschaft an. Das wieder führte zur Entfaltung einer gleichfalls in solcher Präzision bisher nicht möglichen Technik.

Damit begann ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte mit tiefgreifenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, aber auch weltanschaulichen Folgen. Die letzteren zeigten sich nur zu bald durch die Zusammenstöße Galileis mit der römischen Inquisition, die für die Reinhaltung des Glaubens zu sorgen hatte. Sie war gegen den angesehenen Gelehrten mißtrauisch geworden, weil er seit 1613, wenn auch beinahe nur in Briefen, von der Natur als einer zweiten Bibel sprach. Dabei ließ er anklingen, daß im Falle unterschiedlicher Darstellungen der letzteren Vorrang gebühre. Unter diesen Voraussetzungen erschien es einigen Theologen gefährlich, daß Galilei der bisher unbeanstandet gebliebenen Anschauung des Nikolaus Kopernikus temperamentvoll beipflichtete, nicht die Erde, sondern die Sonne sei der Mittelpunkt unseres Planetensystems. (Kopernikus konnte noch sein umstürzendes Werk darüber De revolutionibus coelestium orbium dem strengen Papst der Gegenreformation Paul III. widmen!) 1619 war es so weit, daß Galilei ein Redeverbot in dieser Sache erhielt. Als er sich 1632 in einer Veröffentlichung nicht daran hielt, kam es im Jahr darauf zu jenem Prozeß, der ihm eine erst strenge, dann milde Haft einbrachte. Wir können in unserem Rahmen nicht näher darauf eingehen. Hier sei nur angemerkt, daß es in der Geschichte der Forschung des öfteren “Galileiprozesse” gab, weil wiederholt kühne Neuerungen auch von namhaften Gelehrten in verletzender Weise abgelehnt wurden. Denken wir daran, wie es Wilhelm Röntgen erging. Oder wie auf ihre Liberalität stolze Wissenschaftler, der Physiker Ernst Mach und der Chemiker Wilhelm Ostwald (Nobelpreisträger, aber auch Präsident des freisinnigen Monistenbundes!) die abtaten, welche meinten, es gäbe Naturvorgänge, welche nur durch die Annahme der Existenz von Atomen zu erklären seien. (Jordan, 134-138) Tatsächlich konnten diese 1912 Max von Laue und seine Mitarbeiter als wirklich vorhanden nachweisen. (Jordan, 137) Heuzutage können wir uns ein Dasein ohne das Wissen um die Atome nicht mehr vorstellen.

Erwähnt sei noch: Ernste Bedenken der Inquisition wurden erst seit 1839 erledigt, als es Wilhelm Friedrich Bessel mit Hilfe des von dem gläubigen Katholiken Joseph von Fraunhofer (1787-1826) erfundenen Heliometers gelang, die ungeheueren Entfernungen der Himmelskörper nachzuweisen, welche allein verständlich machen, wieso sie trotz des Umkreisens der Sonne durch die Erde in weitem Bogen als unbewegliche und stets gleichplazierte “Fixsterne” erscheinen. (Angedeutet Jordan, 38) (Dieser Umstand hinderte auch den protestantischen Astronomen Tycho de Brahe, 1546-1601, sich für Kopernikus zu entscheiden!)

Viel wichtiger aber als diese erste Auseinandersetzung der Religion mit dem physikalisch-technischen Zeitalter, die nur eine kurze, zu Unrecht propagandistisch hochgespielte Episode war, ist der Irrtum, dem eine ganze Epoche, die bis heute währt, verfiel. Schuld dafür trägt jedoch nicht der Glaube, sondern der auf seine Wissenschaftlichkeit so pochende Unglaube. Wie kam es dazu?

Erinnern wir uns: Galilei, in einer Person hervorragender Mathematiker und Physiker, gelang der Nachweis, daß es in der Natur Vorgänge gibt, die durch streng geltende Gesetze geregelt werden. Der große Nachfolger, der oft vollenden konnte, was jener grundgelegt hatte, war Isaac Newton (1643-1727). Zu seinen größten Leistungen zählt die Entdeckung der Schwerkraft aller Massen, wobei er dartun konnte, daß diese nicht nur auf der Erde, sondern auf sämtlichen Gestirnen wirkt. Dabei zeigte sich wieder die deutlich für das ganze Weltall nachweisbare mathematische Gesetzlichkeit: Die Wirkung der Schwerkraft nimmt im Quadrat zur Größe der Entfernung zu oder ab. Damit konnte der Engländer die kosmischen Probleme des deutschen Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) lösen, wieso die Planeten nicht in schönen Kreisen, sondern in Ellipsen um die Sonne als einen ihrer Brennpunkte ihre Bahn ziehen. Und: Warum sie sich in der Nähe der Sonne schneller bewegen, hingegen mit wachsender Entfernung langsamer werden. Die – wie es schien – dadurch aufgedeckte Allherrschaft des Errechenbaren begeisterte Newton derart, daß er dem Werk über seine Entdeckungen den Titel “Mathematische Prinzipien der Naturwissenschaft” gab [Jordan 72].

Solche Ergebnisse schienen eine neue Weltanschauung zu begünstigen, die aus verschiedensten Gründen von England her in rasanter Weise Anhänger gewann. Als ihr Urheber gilt der 1648 zu London gestorbene Lord Herbert Cherbury. Bald nahm sie den Namen “Deismus” an. Gott wurde in ihr nicht geleugnet. Aber viele verlangten ihm und vor allem dem gegenüber, was in den Kirchen als seine angeblichen Lehren und Gebote ausgegeben wurde, ein immer größeres Selbstbestimmungsrecht (Autonomie). Diese Forderung schien die neue Naturwissenschaft zu bekräftigen, legte sie doch den Schluß nahe: Da die Bibel und sämtliche Theologen gestehen, selbst Gott könne nicht ändern, was logisch oder mathematisch feststeht, sei es ihm ebenso unmöglich, in die jetzt als naturgesetzlich fixiert erkannten Abläufe seiner Schöpfung einzugreifen. Er müsse sie daher zur Kenntnis nehmen und respektieren.

Es konnte nicht ausbleiben, daß als Konsequenz dieser Überlegungen lautstark verkündet wurde: Wunder sind also unmöglich, jedes Bittgebet erweist sich als sinnlos.

Die heftige Wunderleugnung gehörte nun in steigendem Maße zum Repertoire des Deismus. Man gestand Gott nur zu, die Welt in Allmacht und Weisheit geschaffen zu haben, doch dann durfte er lediglich den Zuschauer spielen [Jordan 78-80].

Begreiflicherweise wehrten sich Katholiken und Protestanten gegen diese Meinungen. Leider wurde der Widerstand im Protestantismus allmählich schwächer. Das lag nicht zuletzt daran, daß eine seiner Hauptparolen im Eifer des Kampfes gegen den Katholizismus zu extrem verstanden wurde, nämlich die Aussage: solus deus (“nur Gott, Gott allein”: nach einer vergriffenen Abhandlung des evangelischen Bischofs W. Stählin). Nach katholischer Auffassung wird die Gott gewiß allein gebührende Ehre auch durch Bewunderung seiner Schöpfung und Verehrung der Heiligen zum Ausdruck gebracht. Im Raum des Protestantismus wurde die Heiligenverehrung hingegen vielfach als Herabwürdigung Gottes gewertet. Dadurch wurden aber die Wunder mit der Zeit vergessen. Denn wie erkennen wir die Heiligen? Nach den Weisungen des Neuen Testamentes (Mt 7, 1; 1 Kor 4, 4) dürfen wir über Menschen nicht richten, weder positiv noch negativ. Deshalb können uns letzlich nur göttliche Zeichen, also eben Wunder, erkennen lassen, wer sicher in Gottes Herrlichkeit eingegangen ist.

Mit dem Erblinden gegenüber dem Wunder verlor der Protestantismus nicht nur ein überaus wichtiges und eindrucksvolles Beweismittel gegen den Deismus. Schlimmeres geschah: Gerade in den Gebieten der Reformation, die doch einmal, angesichts der angeblichen kirchlichen Mißachtung der Bibel, die Heilige Schrift, gipfelnd im Evangelium, zu Ehren bringen wollte, verlor diese ihr Ansehen. Noch einmal: Schwindende Heiligenverehrung läßt die Wunder verblassen. Damit wird aber auch die Bibel, die randvoll von diesen berichtet, immer rätselhafter, fremder, ferner. Was aber einmal fremd und fern geworden ist, wird allzuleicht als lächerlich oder sogar feindlich empfunden. Die Kapitulation weiter Kreise in der Welt des Protestantismus vor dem Ansturm des Deismus war nur noch eine Frage der Zeit.

Sie geschah in den gleichen Jahren, in denen sich von Landshut in Bayern aus der Meßgesang “Hier liegt vor Deiner Majestät”, nachdem er von Michael Haydn, dem Bruder des berühmten Josef, noch großartiger vertont worden war, zunächst im süddeutschen Raum und in Österreich durchsetzte. In diesem Liederkranz war zur Verkündigung der Frohbotschaft zu singen:

“Aus Gottes Munde gehet das Evangelium.
Auf diesem Grunde stehet das wahre Christentum.
Gott selbst ist's, der uns lehret,
der Weis- und Wahrheit ist.
Der seine Lehre höret,
wie glücklich ist der Christ!”

Der Text bekennt, daß im Evangelium und folglich in der gesamten Bibel Gott selbst zu uns spricht, sie also als Ganzes Gottes Wort ist. Ohne Zweifel hat dieser Gesang dazu beigetragen, daß zahlreiche Gläubige vor dem Abfall in den auch in katholischen Landen drohenden Deismus bewahrt blieben.

2. Kapitel: Die Abwertung des Gotteswortes

Ganz anders lautete, was in derselben Zeit im Norden ausgesprochen wurde. 1771-76 erschien in vier Lieferungen ein Werk, das den bezeichnenden Titel trug: “Abhandlung von freier Untersuchung des Canon”. Sein Verfasser war der hochangesehene evangelische Theologieprofessor in Halle/Saale, Johann Salomo Semler. Dessen Ruf beruhte auf schließlich 171 veröffentlichten Büchern, unter ihnen Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen und Holländischen. Also aus Sprachen von Ländern, in denen sich der Deismus bereits erfolgreich durchgesetzt hatte.

Zwei besonders charakteristische Sätze aus der oben erwähnten Arbeit seien hier angegeben.
Da heißt es einmal: “Heilige Schrift und Wort Gottes ist gar sehr zu unterscheiden”! [2] Im Klartext besagt dies: Lang nicht alles, was in der Bibel steht, ist hinfort noch als verpflichtendes Gotteswort anzusehen!
Wer erklärt künftig, was in der Bibel von Gott stammt und was nicht? Woran wird das erkannt? Wo findet sich der Maßstab dafür?
Semler meint dazu: “Es muß also für manche Menschen, welche die heilsame Kraft der Wahrheit zu erfahren angefangen haben, frey bleiben, sowohl von einzelnen Büchern, als von einzelnen Theilen mancher Bücher nach ihrem moralischen gemeinnützigen Werth zu urtheilen, nach ihrer eigenen Erkenntnis” (Kümmel, 75). Nach diesen Worten ist die Beantwortung der Frage, was aus der Bibel noch als Gotteswort anzusehen ist, in Zukunft jedem einzelnen, der sich dazu für fähig hält, überlassen. Der Maßstab darüber, das Zeichen dafür, was Gottes Wort ist, wird bloß noch aus dem moralischen und gemeinnützigen Wert einer biblischen Aussage gewonnen. Gottes gesamte Offenbarung ist damit auf Moral reduziert und da wieder auf Anweisungen, denen ein gewisser Nutzen und Wert für jeden zukommt.

Auf solche Weise ist die Bibel praktisch zum Freiwild geworden, dem Abschuß preisgegeben. Wie sehr das geschehen ist, werden wir in der uns gebotenen Kürze bis in unsere Zeit zu verfolgen haben.

Doch ehe wir das schildern, müssen wir zwei Fragen beantworten. Erstens: Ist der Deismus wirklich so irrig? Zweitens: Ist der Deismus tatsächlich bis heute bestimmend geblieben?

Was die erste Frage anlangt: Den Irrtum des Deismus zeigt uns fürs erste die unleugbare Tatsache des Wunders.
Es ist auffallend, wie sehr gerade in der Neuzeit die katholische Kirche von Wundern förmlich überschüttet wurde. Auf diesem Gebiet kommt, richtig verstanden, die seit Galilei erfolgreich angewandte Induktion zu ihrem Recht. Denn vorurteilsfreie, unbefangene Beobachtung erweist immer wieder das im strengsten Sinn des Wortes wunderbare Eingreifen Gottes in unsere Welt und in unser Leben. Es genügt dafür, Lourdes zu erwähnen und auf den mit dem Nobelpreis ausgezeichneten großen Arzt Alexis Carrel_ hinzuweisen.[3] Eine großartige Sammlung glaubwürdiger Zeugnisse verdanken wir Wilhelm Schamoni in seinem Werk “Wunder sind Tatsachen”.

Den Irrtum des Deismus zeigt ferner eine einfache Überlegung: Gott ist entweder allmächtig oder nicht. Seine Allmacht beweist auch für den Deisten die Schöpfung. Aber der Deist kommt in Widerspruch mit sich selbst. Denn er halbiert die Allmacht. Er nimmt sich heraus, diese beschränken zu dürfen, ja zu müssen. Doch eine derartig beschränkte Macht ist dann eben keine Allmacht mehr. Der Deist verneint also schließlich, was er zuvor bejaht hat. Da ist der Atheist viel konsequenter. Er läßt sich gar nicht darauf ein, an Allmacht auch nur zu denken, und erspart sich so den Vorwurf des Widerspruchs. So war denn der Deismus praktisch der Wegbereiter des Atheismus. Das aber zeigt zugleich mit dem Irrtum des Deismus dessen Gefährlichkeit! Gott kann eben nur ganz Gott sein. Alle Versuche einer Anatomie Gottes führen zu einem eingeschrumpften Zerrbild von ihm, zu einem Götzen, zu einem Ungott und damit zu seiner völligen Leugnung.

Drittens: Der Deismus ist aber auch unnötig. Das erweist gerade das Kind der Physik, die Technik. Nur ein Beispiel für viele: Ungeachtet der Anziehungskraft versehen wir schwerste Maschinen an ihrer Vorderseite mit Propellern, fähig zu rasendem Schwung. Oder wir bringen an ihrem Ende Strahltriebwerke an. Als Folge davon erheben sich diese jetzt entweder als Flugzeuge in schwindelnde Höhen oder rasen als Raketen ins Weltall hinein. So stellt der Mensch Kraft gegen Kraft, seinen Geist gegen Kraft. Es versteht sich, daß das, was dem Menschen möglich ist, erst recht Gott kann.

Viertens: Genau am Beginn unseres Jahrhunderts sollte der Deismus durch die Physik selbst den letzten Todesstoß erhalten. Das geschah 1899/1900 durch den Begründer der Quantentheorie Max Planck (1858-1947, Nobelpreis 1918). [4] Der große Forscher vom Rang eines Galilei und eines Newton hat sich seine Sache nicht leicht gemacht. Erst nach umsichtigen Versuchen gab er als deren Ergebnis bekannt, daß es die zur deistischen Wunderleugnung führenden streng gültigen Naturgesetze, wenn überhaupt, nur auf engstem Raum gibt. Damit ermöglichte er zugleich die Offenheit, um mit den Tatsachen fertig werden zu können, welche alsbald die neuentdeckte Welt der Atome mit sich bringen sollte. Denn da zeigte sich z. B., daß niemand voraussagen kann, wann ein Radium-Atom in seine Bestandteile Helium und Emanation zerfallen wird. Wir geben zu diesem Problem einem der erfolgreichsten Mitarbeiter Plancks, Pascual Jordan (geb. 1902 in Hannover), das Wort: “Wann wird dieses Atom zerfallen? Vielleicht schon in den nächsten Sekunden? Oder wird es vielleicht – ganz im Gegenteil – nach 10000 Jahren noch immer als unzerfallenes Radium-Atom übrig geblieben sein? ... ‘Darauf gibt es keine Antwort.’” (Jordan, 143) “Denn das schon heute gesicherte Wissen der Physik zeigt uns, daß im ... Zustand eines Radium-Atomkernes gar nichts vorhanden ist, was als ursächliche Bedingung für einen bestimmten Zeitpunkt seines Zerfalles wirken könnte”. Daraus folgt: Hier zeigt sich “die Absage der modernen Atomphysik an den Grundsatz lückenloser Determinierung”(Jordan, 144). Jordan fährt fort: “Die Quantenphysik behauptet also, daß es im Naturgeschehen echte Indeterminiertheit gibt – Spielräume eines naturgesetzlich nicht vorausbestimmten Geschehens, das auf keine Weise vorausberechnet werden kann” (Jordan, 153). Angesichts dieser Tatsache erklärt der Physiker nun ausdrücklich: “Dabei beschränkt sich diese Indeterminiertheit keineswegs auf die Vorgänge des radioaktiven Zerfalls ...” Noch schärfer gesagt: “Die Indeterminiertheit ist also das eigentlich Umfassende im physikalischen Geschehen ...” (Jordan, 154). Als Ergebnis bucht Jordan: “Grundsätzlich liegt nur eine unerwartet dünne und lückenhafte Decke zuverlässiger Zwangsläufigkeit über dem Naturgeschehen – wir marschieren gleichsam auf einer dünnen Schicht von Eis, mit unbekannten Abgründen unter uns” (Jordan, 150). Der Gelehrte scheut sich nicht, in aller gebotenen Eindeutigkeit aus diesen Erkenntnissen modernster Naturwissenschaft die weltanschaulichen Folgerungen zu ziehen, nämlich, “daß die Behauptung deterministischer Naturauffassung, Gott sei arbeitslos gegenüber dem gesetzmäßig verlaufendem Naturgetriebe, jetzt jeglichen Boden unter den Füßen verloren hat.” Damit ist dem Deismus auch von dieser Seite her das Fundament endgültig entzogen.

3. Kapitel: Das Fortwirken des Deismus

Nachdem wir den Irrtum des Deismus aufgezeigt haben, müssen wir die Frage nach seinem Fortwirken bis in unsere Tage beantworten.

Hinnehmen können wir, wenn einst Goethe in der Blütezeit dieser Weltanschauung dichtete (zumal es zweideutig ist):

“Nach ewigen, eh'rnen
großen Gesetzen,
müssen wir alle
unseres Daseins Kreise
vollenden.” (“Das Göttliche”)

Ebenso verständlich ist es, daß der junge Prager Dichter Rainer Maria Rilke als Nichtphysiker von Max Planck und den Folgen seiner 1900 bekannt gemachten Forschungsergebnisse noch nichts ahnen konnte und deshalb ganz im Sinne des Deismus ein Jahr später im Werk Das Buch von der Pilgerschaft als Gebet reimte:

“Tu mir kein Wunder zulieb.
Gib deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbarer sind.”

(R.M. Rilke, Ausgewählte Werke, Leipzig 1938, Bd. 1, 66).

Wie wir oben gesehen haben, irrte der arme Poet gar sehr! Seine zauberhaften Verse stürzten gewiß viele in die gleiche Fehlmeinung. Wie sehr sich diese hielt, zeigt uns ein Zitat aus dem auch von katholischen Theologen sehr beachteten Buch Jesus Christus und die Mythologie. Darin schrieb sein Verfasser, der Lutheraner Rudolf Bultmann: “Jedenfalls glaubt die moderne Wissenschaft nicht, daß der Lauf der Natur von übernatürlichen Kräften durchbrochen oder sozusagen durchlöchert werden kann.” Diese Sätze wurden 1964 veröffentlicht. Schon 1963 schrieb Jordan angesichts solcher Meinungen in seiner Eigenschaft als gleichfalls protestantischer Christ verärgert: “Das protestantisch-theologische Denken ... sucht ... die Bedeutung naturwissenschaftlicher Erkenntnis für den gläubigen Menschen (als Glaubensanfechtung oder aber als Glaubensbestätigung in Gestalt doppelter Verneinung) zu bestreiten – soweit es nicht im Bultmannschen Sinne überflüssige, nicht mehr zeitgemäße Zugeständnisse an ‘den’ Naturwissenschaftler machen möchte, welcher dabei unabänderlich als ein noch überlebender oder ausgestopfter Haeckelianer vorgestellt” (Jordan 158).

Wie wenig diese zürnende Bemerkung nützte, ersehen wir aus dem 1971 erschienenen Werk “Neutestamentliche Theologie” des prostestantischen Bibelwissenschaftlers Joachim Jeremias, wenn er das Heilswirken Jesu in der vom Deismus suggerierten Wunderskepsis mit folgenden knappen Sätzen abtut: “Jesus hat Heilungen vollbracht, die den Zeitgenossen erstaunlich waren. Es handelt sich dabei primär um die Heilungen psychogener Leiden, insbesondere um das, was die Texte Dämonenaustreibungen nennen, die Jesus mit einem kurzen Befehlswort vollzieht ... Es sind Vorgänge, die in der Richtung dessen liegen, was die Medizin als Überwältigungstherapie bezeichnet” (Neutestamentliche Theologie, Gütersloh 1971, 96). Nach dieser Ansicht eines (wie wir noch sehen werden) außerordentlich auf katholische Theologen wirkenden protestantischen Gelehrten kann bei den erfolgreichen Heilungen Jesu weder von echten Krankheiten, noch von echten Besessenheiten und schon gar nicht von echten Wundern die Rede sein!

Doch innerhalb dieser geistigen Enge forschten alle, die sich durch Semlers Kühnheit dazu ermächtigt wähnten, den wirklichen historischen Jesus zu entdecken!

4. Kapitel: Irrtümer können nur Irrtümer gebären

Wir ahnen jetzt bereits, daß aus einem dermaßen irrigen Deismus, der wieder auf den Irrtümern der Rauschzeit einer anfänglichen Physik beruht, allemal nur von vornherein zum Scheitern verurteilte Irrtümer hervorgehen konnten.

Diesem erschreckenden Schauspiel müssen wir uns nun zuwenden. [5]

Semler selbst war der erste, der dessen zu seinem eigenen Entsetzen gewahr werden sollte.
Zur Ehre Semlers muß gesagt werden, daß er durch seine Beschränkung der von Gott eingegebenen (inspirierten) Aussagen auf bloße Moralanweisungen immer noch eine gewisse Hochachtung vor der Bibel retten wollte.

Doch zur gleichen Zeit gab der inzwischen bereits angesehene Dichter und Kritiker Gotthold Ephraim Lessing durch eine Druckerei in Wolfenbüttel Fragmente eines Unbekannten heraus. Sie waren entnommen einem unveröffentlichen Manuskript mit dem Titel Apologie oder Schutzschrift für den vernünftigen Verehrer Gottes. Es handelte sich dabei um eine Rechtfertigung des Deismus. 1778 erschien das 7. und letzte Fragment mit der Überschrift “Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger”. Darin versuchte der noch geheimgehaltene Verfasser den Nachweis, Jesus sei ein von eschatologischen (endzeitlichen) Wahnideen Besessener gewesen, der, da gemäß dem Deismus alle Wunder und daher auch die von ihm erwartete Zerstörung sowie Neuschöpfung der Welt nicht eintreten konnte, verzweifelt am Kreuze starb. Die Jünger sahen sich durch die Niederlage ihres Meisters um einträgliche Erfolge und um ihr Ansehen gebracht und erfanden deswegen als Betrüger die Auferstehung, um sich so doch noch in Szene setzen zu können. Was ihnen wie ihren Nachfolgern bis in die Zeit der darum dringend nötigen deistischen Aufklärung reichlich gelang.

Diese Ansichten – Jesus ein Betrogener, die Jünger Betrüger – waren dermaßen aufregend, daß erst 1813 der eigene Sohn als ihren Urheber seinen bereits 1768 verstorbenen Vater bekanntgab, den Hamburger Orientalisten Hermann Samuel Reimarus (Kümmel 105).

Semler war über diese abschätzige Deutung derart erschüttert, daß er nur ein hilfloses Buch dagegen zu schreiben vermochte und sich niemals davon richtig erholte.

Trotzdem war es nicht schwer, Reimarus zu widersprechen. Denn zu sehr leuchtete Jesu unleugbar hohe und gesunde Intelligenz aus den Evangelien. Ebenso war einsichtig, daß seine Jünger bis in den Tod hinein Menschen höchster Sittlichkeit waren.

So hatte es z. B. der süddeutsche protestantische Theologe Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761-1851) sehr leicht, eine andere Auffassung über Jesus zu vertreten. [6] Mit der Wunderfrage tat auch er sich zeitgemäß schwer. Um eine Lösung dafür zu finden, wurde ihm gerade die durch Reimarus Jesus abgesprochene Intelligenz zum Schlüssel. Schon 1800 versuchte er sich in diesem Sinne bei einem Kommentar zu den ersten drei Evangelien. 1828 beschrieb er in gleicher Weise in vier mächtigen Bänden “Das Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des Urchristentums”. Hierin müht er sich um den Nachweis, Jesus sei in seinem Wirken aller Medizin, Physik, Technik, Psychologie so überlegen voraus gewesen, daß er dadurch die Menschen seiner Zeit erstaunte. Seine sog. Wunder waren daher nichts anderes als von einem meisterlichen Könner gewirkte, dadurch zwar natürlich erklärbare, doch eben zu seiner Zeit “verwunderliche”, darum “bewunderte” Taten. Er vollzog sie in der lauteren Absicht, die Menschen zum Guten zu führen. Da Heinrich Paulus seine Erklärung jeder Handlung Jesu bis ins Lächerliche betrieb, konnte er keine allgemeine Anerkennung finden, er stieß im Gegenteil vielfach ab.

Einen völlig anderen Weg schlug der aus Schlesien stammende, später in Berlin erfolgreich wirkende Daniel Friedrich Schleiermacher (1768-1834) ein.

Zum Teil war er noch erfüllt von der wunderfeindlichen deistischen Vernünftelei der Aufklärung. Zum andern war er aber auch schon offen für die junge Bewegung der Romantik mit ihrem Sinn für Gemüt und lebendige Geschichte. Von daher hielt er als erster 1816 zu Berlin Vorlesungen über das “Leben Jesu”. Damit schuf er die Bezeichnung, nach der künftig die radikalkritische Bemühung um die Erforschung der Gestalt des Stifters des Christentums benannt werden sollte. Auch Religion war für ihn durch Absage an die Aufklärung in erster Linie “Gefühl” und zwar “der schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott”. Deshalb schätzte er mehr als die anderen Evangelien das von Johannes, da bei diesem in einzigartiger Weise Jesus als die reinste Verkörperung der Religion dadurch dargestellt wird, daß er als der gezeichnet wird, der, wie nur je ein bester Sohn, seinem himmlischen Vater bis ins Letzte hingegeben war.

Der 1808 in Ludwigsburg bei Stuttgart geborene junge protestantische Theologe David Friedrich Strauß lernte anläßlich eines Aufenthaltes in Berlin 1831/32 in einer Nachschrift die eben erwähnten Vorlesungen Schleiermachers kennen.

Er fühlte sich von diesen wegen ihres nach seiner Meinung wirren Durcheinanders von Aufklärung und Romantik, wie er einmal erklärte, “abgestoßen”. Deshalb war er entschlossen, nun selbst in behutsamer Weise einzugreifen und für Eindeutigkeit zu sorgen.

Heinrich Paulus hatte sich vornehmlich auf die ersten drei Evangelien, Schleiermacher auf das von Johannes konzentriert. Schon deshalb kamen die eben Genannten zu ihren verschiedenen Anschauungen über Jesus. Das machte Strauß auf die in der Tat unterschiedlichen Darstellungen Christi im Neuen Testament aufmerksam. Dafür überwach geworden, steigerte er sie zu einander ausschließenden Widersprüchen, die er nunmehr überall zu entdecken meinte. Wo aber war die Erklärung dafür? Auch Strauß teilte die zu seiner Zeit inzwischen noch gesteigerte Hochschätzung der Romantiker.

5. Kapitel: Die mannigfachen Wege der Leben-Jesu-Forschung

Nun hatten 1806 Achim von Arnim und Clemens Brentano unter dem Namen Des Knaben Wunderhorn Texte deutscher Volkslieder veröffentlicht, die mitunter selbst an die Kunst eines Goethe heranreichten. Davon angeregt brachten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm 1812/13 Deutsche Hausmärchen, kurz darauf 1816/18 Deutsche Sagen heraus. Das führte Strauß zu der Idee einer Lösung seiner Probleme. In diesem Sinn veröffentlichte er 1835/36 zwei Bände Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Hier stellte er in aller Schärfe fest, was er in den Evangelien an Widerspruchsvollem aufzutreiben fand. Zugleich bot er seine Erklärung dafür an. Nach dieser war Jesus eine Sagengestalt, ähnlich wie bei uns Siegfried, Dietrich von Bern oder Parzifal, nur eben in jüdisch-orientalischem Gewand. Die Gegensätze. schienen ihm zu beweisen, daß hinter den Evangelien bestenfalls ein karger geschichtlicher Rest besteht. Das übrige zeigt sich ihm als etwas wie Märchen, Sagen – gelehrt ausgedrückt: wie Mythen. Auch das Problem der Wunder hielt er so für beantwortet. Er hielt sie für Geschichtlein, die bestenfalls irgendwelche Gedanken plastisch ausdrükken sollten. Kurzum: Das meiste im Neuen Testament war ihm nur absichtslos träumerische Dichtung einfacher, namenloser Menschen aus dem Volk, die sich einen zum Helden verklärten Jesus in blühender Phantasie schufen.

Straußens Werk stieß sofort vielfach auf erbitterte Ablehnung. Mehr als 60 Gegenschriften sind uns erhalten. Jedenfalls kostete es seinen Verfasser die Möglichkeit, irgendeine kirchliche Anstellung zu finden.

Aus den kritischen Schriften gegen Strauß ragen die seines ehemaligen Lehrers hervor, des in Tübingen als Kirchengeschichtler wirkenden Ferdinand Christian Baur (1792-1860). Er war durch eine entscheidende Anregung zum Vollbluthistoriker gereift, durch die Römische Geschichte Barthold Georg Niebuhrs. Dieser hatte als Finanzbeamter begonnen, brachte es jedoch zum preußischen Gesandten im päpstlichen Rom. Das bot ihm Zeit zu jenen Studien, durch die er 1812 den ersten Band seines oben genannten Hauptwerkes herausbringen konnte. Nach seiner Heimkehr als Universitätsprofessor nach Bonn berufen, konnte er dort 1832 seine Arbeit vollenden. Sie wurde für die gesamte Geschichtsforschung bahnbrechend, weil er als erster historische Quellenkritik betrieb. Das heißt, er begnügte sich nicht damit, alte Berichte achtungsvoll zu verwerten, sondern überprüfte sie vorher in strengster Weise auf ihre Glaubwürdigkeit. Davon angeregt, veröffentlichte Ferdinand Christian Baur 1831 eine vielbeachtete Abhandlung über Die Christuspartei in der korinthischen Gemeinde. Darauf gestützt trat er 1846 und 1847 in den Tübinger Jahrbüchern Strauß entgegen. (Ehe wir darauf eingehen, sei erwähnt, daß Baur auch die Symbolik, oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten von Johann Adam Möhler, erschienen 1832, scharf angriff, was jedoch diesem Gelegenheit zu einer überlegenen, ausführlichen Antwort bot.)

Baur wies Strauß nach, daß seine Erklärung der Entstehung der Evangelien unannehmbar sei. Denn einmal stehen hinter ihnen nicht Namenlose, sondern wohlbekannte Persönlichkeiten von Rang, wie Petrus und Paulus. Zum anderen waren diese beiden wie ihre Schüler und Anhänger, die Petriner und Pauliner – so nannte sie Baur – alles eher als Märchen erfindende und Mythen erträumende Menschen. Ihnen ging es im Gegenteil um ein bedeutungsvolles Anliegen, um die hehren Ansichten des gleichfalls historisch deutlich erfaßbaren Jesus von Nazareth. Was aber den Petrus und Paulus sowie deren Anhang fehlte, war ausgerechnet das, was ihnen Strauß zumutete, nämlich Absichtslosigkeit. Sie fochten nach Baur in hartem Streit wider einander, weil sie das Wollen Jesu ganz verschieden verstanden und deuteten. Von dieser gegensätzlichen Sicht aus bildeten sich bekämpfende Parteien. Weil jede Schriften verfassen ließ, erscheinen uns diese so widersprüchlich. Sie sind eben nicht absichtslos, sondern bewußt gegen die Andersdenkenden „tendenziös" gewendet. Von diesem Gesichtspunkt aus urteilte Baur über die Herkunft der einzelnen Schriften des Neuen Bundes. Dadurch hoffte er auch, die Zeit ihrer Entstehung feststellen zu können. Wie viele, empfand Baur die Philosophie des großen Zeitgenossen Georg Wilhelm Hegels als für sein Bemühen sehr hilfreich. Dieser war der Ansicht, jeder geistige Prozeß vollzöge sich in drei Schritten: Zunächst werde eine Behauptung aufgestellt (These), dann erfolge Widerspruch (Antithese), hierauf ergebe sich als beste Lösung der Entschluß zur Vereinigung der bislang widersprechenden Meinungen (Synthese). In dieses Schema preßte Baur die Bücher des Neuen Testamentes. These und somit das grundlegende Buch war für ihn das Matthäusevangelium. Es gab nach seiner Meinung am besten Jesu Lehre wieder. Dann entbrannte der Streit: Die Pauliner meinten, Jesus hätte nur den Glauben verlangt. In diesem Sinne schrieb Baur nur vier Briefe als sicher Paulus zu: Gal, Röm, 1 u. 2 Kor. Die Petriner verfochten angesichts des drohenden Gerichtes die Heilsbedeutung der Werke. Das zeige sich sehr stringent in der nach ihm früh verfaßten Apokalypse. Hierauf zeichnete sich allmählich der Versuch zu einer Synthese ab: Glaube und Werke. Etwa in dem – wieder nach Baur – nicht mehr von Paulus stammenden Brief an die Philipper. Noch später, erst im 2. Jahrhundert, sei das johanneische Schrifttum entstanden.

Strauß nahm diese Korrekturen gelassen zur Kenntnis. Im Wesentlichen fühlte er sich nicht widerlegt. Bejahte doch auch sein Gegner nicht die Jungfrauengeburt, eine wirkliche Auferstehung Christi und dessen Gottheit. Für ihn war dergleichen nur ein Versuch, im Streit der Meinungen die Bedeutung Jesu zur Begründung der eigenen Ansichten aufzuwerten. Damit verlor für Strauß auch von seiten seines Gegners her das Christentum jedes Recht auf den Anspruch unbedingten Glaubens. Sein Weg zur Freidenkerei war offen. 1872 schrieb er in deren Sinn jenes Buch, das von den Massen verschlungen wurde: Der alte und der neue Glaube. Es wurde eine Hauptursache des Unglaubens weitester Kreise bis heute. Einen guten Freund und Helfer fand er in dem Franzosen Ernest Renan. Der las als Subdiakon sein kritisches Buch über die Evangelien. Davon beeindruckt, verzichtete er auf die Priesterweihe. 1663/64 verfaßte er in elegantem Französisch gleichfalls ein negatives Werk über das Leben Jesu, welches in viele Sprachen übersetzt und neuerlich zahlreiche Menschen am Glauben irre werden ließ. In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, daß ein anderer Feind des Christenums Strauß als minderwertigen “Kulturphilister” mit brillantem Spott abtat. Das geschah 1872 durch Friedrich Nietzsche im I. Stück seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen über “David Strauß. Der Bekenner und der Schriftsteller”.

Trotz des letztlichen Mißerfolges gegen Strauß dürfen wir die Leistung Baurs nicht unterschätzen. Er hat jedenfalls gegen diesen nachgewiesen, daß dem Neuen Testament zu einem erheblichen Teil geschichtliche Tatsächlichkeit nicht abgesprochen werden kann.

Obschon hierin mit seinem Lehrer einig, fiel jedoch zu dessen Schmerz und Empörung einer der besten Schüler von ihm ab. Das geschah 1856 durch Albrecht Benjamin Ritschl. Er widersprach Baurs Auffassung, Petrus und Paulus seien tiefgreifend gegeneinander gestanden. Mit vollem Recht sah er sie, im Wesentlichen einig und treu das Erbe Jesu hütend, Seite an Seite stehen. Das führte auch zu Korrekturen der Anschauungen Baurs über Herkunft und Entstehungszeit der einzelnen Bücher des Neuen Bundes.

In diesem Fall kam ihm eine große Entdeckung rein sachlich vorgehender Wissenschaftler zu Hilfe. Schon 1835 hatte ein Nichttheologe, der in Berlin wirkende Germanist Karl Lachmann (u. a. wurde er bekannt durch seine Arbeiten über das Nibelungenlied), als kundiger Kenner alter Schriften erfaßt, daß nicht das Evangelium des Matthäus, sondern das des Markus das älteste sein müsse. Dafür sprach der Umstand, daß es sich offenkundig als das Grundschema sowohl für Matthäus als auch für Lukas erwies.

Unabhängig davon kam drei Jahre später der sächsische Pfarrer Johann Christian Wilke zum gleichen Ergebnis. (Er konvertierte später zur katholischen Kirche.) Im selben Jahr erzielte in einer Gegenschrift gegen Strauß auch der Philosoph Georg Christian Weiße dieses Resultat. Aber er ging zugleicheinen Schritt weiter. Er war der Erste, der vermutete, es müsse neben dem ursprünglichen Markusevangelium noch eine Quellenschrift gegeben haben. Anders konnte er es sich nicht erklären, daß sich in den Evangelien sowohl des Matthäus wie des Lukas über das bei Markus Berichtete hinaus wortwörtlich gleiche Aussagen Jesu finden. Das alles konnte Ritschl gegen Baur gut gebrauchen. Bewies es doch, daß nicht, wie jener selbstsicher gemeint hatte, Matthäus, sondern Markus das erste und damit Jesus am nächsten kommende Evangelium geschrieben hat. Vollends kamen die neuen Auffassungen zum Siege, als sie Hermann Julius Holtzmann, der Lehrer Albert Schweitzers, zusammenfaßte und vertiefte.

Ritschl war zwar im strengen Sinn kein Bibelgelehrter. Dennoch schien durch ihn eine wohltuende Ruhe in die bisher so stürmisch hin und her wogende Erforschung des Lebens Jesu zu kommen. Das verschaffte ihm ein so großes Ansehen, daß bald seine besten Schüler hervorragende Lehrkanzeln besetzen konnten. Man nannte sie die Ritschleaner.

6. Kapitel: Der deutsche “Kulturprotestantismus”

Das geschah zur denkbar besten Zeit. Denn 1870 wurde der Traum von einem protestantischen Kaiserreich, den bisher die katholischen Habsburger verhindert hatten, endlich Wirklichkeit. Im selben Jahr wurde nach den Siegen Helmut Moltkes über zwei katholische Kaiserreiche: 1866 bei Königgrätz über die österreichisch-ungarische Monarchie, 1870 bei Sedan über Frankreich, dieses im Spiegelsaal von Versailles durch den bald darauf zum Fürsten erhobenen Otto von Bismarck ausgerufen. Es verwirklichte in kleindeutscher Lösung, also mit Ausschluß Österreichs und seines Herrscherhauses, die Vereinigung aller übrigen deutschen Länder in einem geschlossenen Staat unter der Führung der Hohenzollern.

Kaisertum bedeutet nach abendländischer Auffassung Weltverantwortung für die gesamte Christenheit. Zu ihrer Erfüllung lieferte namentlich Ritschl die dringend benötigte Theologie. Man bezeichnete sie als “liberalen Kulturprotestantismus”. Der Ausdruck “liberal” sollte zeigen, daß er auf freier Forschung beruhte. Das Wort “Kultur” brachte zum Bewußtsein, nunmehr seien Glaube und moderne Wissenschaft versöhnt.

Dieser Kulturprotestantismus beruhte auf drei Säulen:

  • 1. Jesus ist zwar, mindestens im strengen Sinn, nicht Gott, doch der beste Bote des wahren Gottes und größte Bringer seiner Gnade. Er verkündet Gott als den liebend sorgenden und zur Versöhnung bereiten Vater aller Menschen.
  • 2. Keiner hat die Botschaft Jesu so gut verstanden und so treffend wiedergegeben wie der darum von den Reformatoren mit Recht hochgeschätzte Paulus.
  • 3. Das von Jesus zentral verkündete Gottesreich ist, wie es auch die Katechismen Luthers lehren, in uns. Es besteht in der aus dem Glauben an Jesus möglichen Liebe zu Gott und den Menschen.

Der nüchterne Norddeutsche Ritschl erklärte das realistisch folgendermaßen: “Das Reich Gottes werde nicht durch Weltflucht und Kontemplation, sondern durch die auf die Erfüllung der Zwecke des Nächsten gerichtete Ausübung der weltlichen Berufsarten verwirklicht”. In solchem Sinn bereiten selbst “Familie, Volk” und dgl. auf jenes vor.
In diesem Zusammenhang sei auch angemerkt, daß Ritschl in bezug auf das Bekenntnis zu Jesus als “Herr und Gott” meinte, dies sei nur in dem Sinn zu verstehen, daß uns durch ihn Gottes größte Wohltaten zugewendet werden, nämlich Sündenvergebung und, wie oben verstanden, Reich Gottes! (RGG Sp 1115 f.)

Dem ist noch beizufügen, daß der von Rudolf Bullmann hochgeschätzte protestantische Theologe Julius Hermann nicht vergaß, angesichts der Bergpredigt ergänzend zu erklären: “Jene paradoxen Worte Jesu sind nicht eine allgemeine Regel ... sie sind ein Appell an das Gewissen und wollen ihm sagen: Urteile selbst mit deinem eigenen Gewissen, was jene Worte in der heutigen Weltlage und in deiner besonderen Situation von dir verlangen.”

Wohin die gegenwärtig auch von katholischen Theologen gebrauchten Ausdrücke “Appell” und “Situation” führen können, zeigt das nunmehr folgende: “Aus der Gesinnung heraus, mit der wir mit Jesus einig sind, wollen wir den nationalen Staat und lassen uns dadurch nicht irremachen, wenn manches in diesem Gebilde ... mit der Lebensführung und Stimmung Jesu in so grellem Widerspruch steht, wie die Waffenrüstung und ihr mutiger Gebrauch”! [7]
Auf solche Art hatte der deutsche Staat, was er brauchte, und es kann kein Zweifel darüber bestehen: Wenn er bis 1914 technisch, wirtschaftlich und militärisch durch den Fleiß und die Disziplin seiner Bürger in der ganzen Menschheit führend wurde, dann verdankt er das nicht zuletzt seinem festen Bund mit einem so begriffenen Christentum!

Wie stark sich der Protestantismus in der Art Ritschls durchsetzen konnte, zeigt sich daraus, daß bedeutende Theologen der kommenden Generation ihm Gefolgschaft leisteten. Das gewichtigste Beispiel dafür bietet Adolf von Harnack.
Wie seine berühmt gewordenen öffentlichen Vorlesungen über Das Wesen des Christentums zeigen (Wintersemester 1899/1900), stimmte er mit Ritschl meistens überein. Wir entnehmen ihnen als besonders charakteristisch folgende Sätze: “Nicht der Sohn, allein der Vater gehört in das Evangelium, wie es Jesus verkündigt hat, hinein.” [8] Daraus folgt: Nicht an Jesus glauben, sondern wie er glauben, nämlich an die Vaterliebe Gottes und an den unendlichen Wert der Menschenseele. [9]
Die Einheit zwischen einem liberalen Christentum und dem damaligen Reich brachte es mit sich, daß der Theologe Harnack zum idealen Vorbild des deutschen Gelehrten werden konnte. Darum war er es, der 1900 anläßlich des 200jährigen Bestehens der preußischen Akademie der Wissenschaften, deren Gründer übrigens Leibniz war, ihre Geschichte schreiben sollte.
1905 wurde er nichts weniger als Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek. Die Krönung aber fand seine Anerkennung dadurch, daß er ab 1910 Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften war.

Der Glanz, der von diesem liberalen Protestantismus ausging, war so groß, daß selbst katholische Theologen von ihm geblendet wurden. Unter ihnen vor allem ein Franzose, Alfred Loisy. Bereits 1889 hatte er als Professor für Bibelwissenschaft in Paris die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel bestritten. Deshalb amtsenthoben, veröffentlichte er 1902 als Programmschrift ein Werk über das Evangelium und die Kirche, dessen Kernsatz lautete: Jesus verkündete das Reich Gottes, statt dessen kam die Kirche. Das Buch kam auf den Index. Obwohl sein Verfasser sich zunächst unterworfen hatte, setzte er dennoch den einmal eingeschlagenen Weg in der Art der radikalen Bibelforschung seit Seniler fort. So war 1908 die Exkommunikation unvermeidlich. Aber Loisy blieb nicht allein. Mancherorts meldeten sich ähnliche Stimmen im Katholizismus.
Deshalb griff der damalige Papst, der später heiliggesprochene Pius X., trotz seiner persönlichen Gutmütigkeit energisch ein. 1907 veröffentlichte er das Rundschreiben Pascendi, in dem er die Übernahme liberal protestantischer Auffassungen als unannehmbaren “Modernismus” brandmarkte.

Während also Katholiken von den neuen Forschungsmethoden verwirrt wurden, sahen viele Protestanten, von ihnen fasziniert, überlegen auf die Katholiken als geistig Zurückgebliebene herab, ja sie wurden oftmals als Staatsbürger zweiter Ordnung behandelt.

Es gab jedoch auch anders gesinnte evangelische Christen. Sie litten schwer an der offenkundigen Zersetzung des ihnen überlieferten Glaubens. Gar manchem drängte sich die Frage auf: Stehen nicht die Katholiken oft den Reformatoren näher, als die meisten unserer modernen Theologen und aus ihrer Schule kommend viele Prediger? Die Reformatoren glaubten, wie jetzt noch die katholische Kirche, an die Gottheit Christi. Sie waren auch, anders als die meisten in der Gefolgschaft Ritschls, des Glaubens, daß wir nicht schon durch die Güte des himmlischen Vaters, sondern nur durch das Leiden und Kreuz Jesu Christi mit Gott versöhnt werden. Die alte Kirche stand Luther auch näher als der Neuprotestantismus durch ihre Überzeugung von der wirklichen Gegenwart Christi im Altarsakrament. (Dieser Reformator hat sie, wenn auch schmerzlich abgeschwächt, im Grunde beibehalten!) Aus solchen Gründen stieg die Zahl von Protestanten, die katholisch wurden.

Doch nun zurück zur Theologie des Kulturprotestantismus. Wir sagten: Aus Irrtum kann nur Irrtum stammen. Angesichts der Intelligenz des Menschen und seines tiefen Verlangens nach Wahrheit muß über kurz oder lang, was falsch ist, als solches offenkundig werden.

Sollte das bei Ritschl und' Harnack anders sein? Keineswegs! Schon längst hatten sich kritische Stimmen dagegen gewendet.

7. Kapitel: Albert Eichhorn und die „religionsgeschichtliche Schule"

Gerade die zweite Säule, auf die sich der Kulturprotestantismus besonders stützte, sollte in überaus dramatischer Weise ins Wanken kommen, nämlich die Ansicht: Niemand hätte Jesus so gut verstanden, wie der von den Reformatoren besonders geschätzte Paulus.

Der Erste, der daran zu zweifeln begann, war der aus der Lüneburger Heide stammende, 1856 geborene Albert Eichhorn.[10] Schon als junger Student der Theologie beschäftigte er sich eingehend mit der Kirchengeschichte. Dabei stieß er auf die Hauptwerke des Berliner Historikers Johann Gustav Droysen (1808-1884). [33] Nachdem dieser 1833 über Alexander den Großen geschrieben hatte, veröffentlichte er in den folgenden Einzelbänden bis zum Jahre 1843 jenes bahnbrechende Werk, das 1877/78 in einer Gesamtausgabe seiner Arbeiten unter dem Titel „Geschichte des Hellenismus" erschien. Mit diesem von ihm geschaffenen Namen bezeichnete der große Forscher die Epoche, welche die Folge der siegreichen Eroberungszüge des mazedonischen Herrschers war. Droysen sah ihre Eigenart und Größe vor allem darin, daß unter griechischer Führung vordem getrennte uralte Kulturen und religiöse Kulte einander begegneten, sich gegenseitig beeinflußten, ja miteinander verschmolzen. (Ein Vorgang, der als „Synkretismus" bezeichnet wird.) Dadurch erlebte das Heidentum eine früher nicht gekannte Blütezeit. Zum ersten Mal besaß die Menschheit eine richtige Weltsprache, welche die Verständigung der Völker um das Mittelmeer außerordentlich förderte.

Der junge Eichhorn stellte sich sofort die Frage: Was bedeutet das für das Judentum und vor allem: was für das spätere Christentum? 1886 in Halle Privatdozent geworden, ging ihm auf, daß er allein mit der Fülle der Probleme, die sich daraus ergaben, nicht fertig werden konnte. Darum suchte er nach jungen begabten Theologen, die sein Anliegen begriffen und zur Mitarbeit bereit waren. Über die Treffsicherheit seiner Auswahl kann man nur staunen. Als ersten gewann er 1888 Hermann Gunkel, später tätig als Professor für Altes Testament. 1892 schlossen sich ihm der kommende Neutestamentler Wilhelm Bousset und der bereits im gleichen Fach tätige Johannes Weiß an. (Dessen berühmtester Schüler wird einmal Rudolf Bultmann sein!) 1897 kam William Wrede dazu, im Jahr darauf der aus der Schweiz stammende Paul Wernle, 1900 Wilhelm Heftmüller, 1905 Hugo Greßmann (ein Alttestamentler). Zu diesem Kreis, der sich bald unter der Bezeichnung „religionsgeschichtliche Schule" einen großen Namen machen sollte, stießen noch der Altphilologe und der vielseitige Theologe Richard Reitzenstein sowie der spätere Soziologe Ernst Troeltsch. Die Genannten gingen mit stürmischer Begeisterung und emsigem Fleiß an ihr Werk. Eines der wichtigsten Ergebnisse ihrer Studien war (wie übrigens auch die anderen) erschreckend. Keiner hat es offener ausgesprochen, wie wir aus den Erinnerungen Paul Wernles wissen, als William Wrede, der ihm unter vier Augen erklärte: „Paulus ist der Verderber des Evangeliums Jesu"!

Wie kamen die Genannten zu diesem negativem Ergebnis, das die zweite Säule des herrschenden Kulturprotestantismus, ja der Reformation überhaupt, nicht nur zum Wanken, sondern zum Einsturz brachte? Nach ihrer Meinung hätte sich Paulus in seinem Bemühen, möglichst viele Heiden des hellenistischen Raumes (aus dem er selbst durch seine Geburt zu Tarsus in Kleinasien stammte,) für Jesus zu gewinnen, weithin deren heidnischen Anschauungen angepaßt. Zu diesen zählten sie vorzüglich:

1. Den Kyrioskult. Mit diesem Ausdruck (lat. dominus, deutsch „Herr") wurden Götter, Halbgötter und oft auch Herrscher angesprochen. In gleicher Weise sei auch der schlichte Jesus, um so möglichst Eindruck zu machen, durch diesen Würdenamen vergottet worden.

2. Im Neuen Testament finden sich deutliche Stellen, die belegen, daß für Paulus, aber auch schon lange zuvor und erst recht später für Johannes Jesus, ehe er Mensch wurde, von Ewigkeit her als Gott existierte („Präexistenz"). Nach der religionsgeschichtlichen Schule geht diese Auffassung auf eine bereits vor der Entstehung des Christentums vorhandene Gnosis zurück, die als den eigentlich wahren und guten Gott den Menschen selbst ansah. Dieser sei erst durch einen minderwertigen Schöpfergott aus seiner beseligenden Ewigkeit in diese armselige Welt verbannt worden. Die Aufgabe der Gnosis (das Wort bedeutet zu deutsch soviel wie „Erkenntnis") sei es, den Menschen ihre Herkunft und damit ihr wahres Wesen zum Bewußtsein zu bringen, um sie zu ermutigen, den Weg zu ihrer Befreiung in die vergessene und verlorene eigene Göttlichkeit zu wagen.

3. Auch die Heilsbedeutung und die bald entstehende Sitte der liturgischen Feier des Kreuzestodes Jesu sowie die Annahme seiner siegreichen Auferstehung leite sich aus nichtchristlichen Vorstellungen ab. Zur Begründung wies man auf die sog. „Mysterienkulte" sterbender und wieder erstehender Gottheiten bzw. Halbgötter hin (Kore im griechischen Eleusis, Osiris in Ägypten, Adonis in Syrien und Palästina, Attis in Kleinasien).

4. Aus diesen düster gesehenen Schicksalen, die nach vorchristlicher Gnosis der Gott „Mensch" sowie die Mysteriengottheiten in der Welt zu erleiden hätten, leite sich besonders die paulinische Schau der Erbsünde und der Notwendigkeit einer Erlösung her.

5. Auch die christlichen Sakramente (bes. Taufe und letztes Abendmahl) hätten ihr Vorbild in hellenistisch-heidnischen Zauberriten. So äußerte z. B. Eichhorn, der seine ganze Kraft und Gesundheit als unermüdlicher Anreger verbrauchte (er mußte im Alter von 57 Jahren seine Lehrtätigkeit aufgeben und starb nach 13 Jahren schwerer Krankheit 1926), in dem wenigen, das er schrieb, der Bericht über die Stiftung des Abendmahles gehe auf gnostische Quellen zurück. [12]

Leider wurden diese Gedanken auch durch volkstümliche Schriften weit verbreitet. Dadurch verschuldete die religionsgeschichtliche Schule nach der stürmischen Blütezeit des Deismus und den skeptischen Jesusdarstellungen von Strauß und Renan eine dritte Welle des Glaubensschwundes in breitesten Schichten des abendländischen Menschentums. Aus dieser Welt der Verunsicherungen und Verneinungen des gesamten christlichen Erbes kamen auch Leute wie Adolf Hitler und Alfred Rosenberg (wie dessen „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts" überreich beweist!). Sie ist auch die Hauptursache für den Abfall des Religionswissenschaftlers Friedrich Heiler vom katholischen Glauben, der für ihn nur das bis in unsere Zeit hineinreichende Ergebnis des hellenistischen Religionsgemisches ist.

8. Kapitel: Albert Schweitzers “Leben Jesu-Forschung”

Doch nicht nur die zweite Säule des liberalen Kulturprotestantismus, dessen Verehrung des Paulus, kam ins Wanken, sondern auch die dritte: Gegen die Anschauung, das von Jesus verkündete Gottesreich sei im gläubigen Menschen und werde durch diesen verwirklicht, wandte sich der bereits im Zusammenhang mit Eichhorn erwähnte Johannes Weiß. [13] Bevor er jenen kennenlernte, verfaßte er 1892 als a. o. Professor für NT in Göttingen einen Aufsatz von 67 Seiten über Die Predigt Jesu vom Gottesreich. Ein Glück, daß dessen Inhalt dem Schwiegervater des Schreibers nicht mehr bekannt werden konnte, da er vor der Veröffentlichung gestorben war. Das war niemand anderer als Ritschl! In vollem Widerspruch zu ihm erkannte Weiß, daß sich Jesus das Gottesreich keineswegs schon gegenwärtig dachte, sondern erst von der Zukunft her und da nicht als Tat des Menschen, sondern allein Gottes erwartete. Nach seiner Meinung sollte es durch die Zerstörung der Welt und ein Gericht über die gesamte Menschheit als Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde machtvoll kommen.

Das Echo auf diesen Artikel war stürmisch geäußerte allgemeine Empörung! Traf doch Weiß damit nicht bloß die herrschende Ansicht des damaligen Protestantismus, sondern Martin Luther selbst. Als Beleg sei hier wiedergegeben, was der Reformator in seinem “Kleinen Katechismus” aus dem Jahr 1551 anläßlich der Erklärung des Vaterunser über das Kommen des Gottesreiches zu uns schrieb. Dabei stellte er zunächst die Frage: “Wie geschieht das?” Die Antwort lautet: “Wenn der himmlische Vater uns seinen heiligen Geist gibt, daß wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade gläuben und göttlich leben, hie zeitlich und dort ewiglich.” [14] (Angemerkt sei, “göttlich leben” in diesem Zitat bedeutet soviel wie “fromm leben”.) Jedenfalls sehen wir aus Luthers Worten, daß sich für ihn das Reich Gottes im gnadengewirkten Leben vollzieht, das allerdings über das zeitliche Dasein hinaus im Jenseits seine Fortsetzung findet.

Zugunsten seines ganz anders lautenden Verständnisses Jesu konnte Weiß unerwartete Schützenhilfe finden. Um sich auf eine kleine Prüfung vorzubereiten, die ihm ein Stipendium ermöglichen sollte, las der angehende Theologiestudent Albert Schweitzer als Rekrut (Jahrgang 1875) bei einer Manöverpause im Herbst 1894 auftragsgemäß im griechischen Text Mt 10, 23. [15] Die Stelle lautet auf deutsch: “Verfolgt man euch in einer Stadt, so flieht in eine andere. Amen, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels noch nicht fertig sein, bis der Menschensohn kommt.” Dabei ging dem jungen Leser auf, daß offenkundig nicht nur, wie sein kommender Lehrer für das Neue Testament, Hermann Julius Holzmann, meinte, Markus einigermaßen historisch verläßlich sei, sondern ebenso auch Matthäus. Denn, so dachte Schweitzer, wie hätte er sonst Worte Jesus zuschreiben können, die nicht eingetroffen sind? Das kann er nur getan haben, wenn sie von ihm tatsächlich gesprochen wurden. Dabei leuchtete ihm noch etwas blitzartig auf: Zeigt die angegebene Stelle nicht deutlich, daß der Rabbi aus Nazareth seine Wiederkunft als Menschensohn, somit in Herrlichkeit erwartete, also eschathologisch (endzeitlich) dachte? Im Laufe seines Studiums vertiefte sich diese Überzeugung so sehr, daß Schweitzer 1901 in zwei Schriften für die Habilitation als seine sichere Ansicht darlegte, Jesus habe das Gottesreich in der Form eines wunderbaren Eingreifens Gottes in Geschichte und Natur erwartet. Für diese Arbeiten wurde ihm zwar die Dozentur zuerkannt, im übrigen erfuhr er aber die gleiche völlige Ablehnung wie Johannes Weiß. Nur äußerte sich diese in seinem Fall nicht durch Empörung, sondern in peinlichem Schweigen.

Dadurch hellhörig geworden, ging Schweitzer, veranlaßt durch die Frage eines Studenten, zum Gegenangriff über. Er verfaßte im Laufe eines einzigen Jahres die erste umfassende Geschichte der gesamten durch Semler ohne Rücksicht auf Dogma und Kirchenlehre eingeleiteten kritischen Erforschung des Lebens Jesu.

Zu diesem Zweck mußte er hunderte von Büchern durcharbeiten. Zum Glück waren sie fast alle, nach seinen eigenen Worten, wie “kaum irgendwo auf der Welt” aus dem Nachlaß einiger Professoren für Bibelwissenschaft der Straßburger Universität- und Landesbibliothek “sozusagen vollständig” vermacht worden. (Selbstdarstellung 15)

Bei der ungeheuren Arbeit, die da zu leisten war, bedurfte der Autor natürlich der Entspannung. Doch war seine Lebenskraft so enorm, daß es ihm dafür einfach genügte, nebenbei ein anderes Buch über Johann Sebastian Bach zu schreiben. Dieses Thema lag ihm als bereits anerkanntem Organisten und Orgelfachmann ohnehin nahe. Er verfaßte es als Elsässer in der ihm wie sein Deutsch vertrauten französischen Sprache.

Dem Werk über die Leben-Jesu-Forschung wurde zunächst der für viele nichtssagende Titel Von Reimaras bis zu Wrede gegeben. Besser war dann der Name der zweiten Auflage 1913, der sachlich lautete Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Das Ergebnis seiner Forschungen faßte Schweitzer gleich am Beginn zusammen, indem er positiv erklärte: “Die größte Tat der deutschen Theologie ist die Erforschung des Lebens Jesu”. Dennoch mußte er in der “Schlußbetrachtung” zugestehen: Der “Ertrag der Leben-Jesu-Forschung ... ist negativ”. Es trifft auch Ritschl und Harnack, wenn er sofort darauf äußert: “Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreichs verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Es ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie in ein geschichtliches Gewand gekleidet wurde.” (Bd. 2, 620)

Der tiefste Grund für das Versagen sogar begabtester Gelehrter der Gestalt Jesu gegenüber liegt nach dem Urteil Schweitzers im Fehlschluß: “So fand jede folgende Epoche der Theologie ihre Gedanken in Jesus, und anders konnte sie ihn nicht beleben.” Ärger noch: “Und nicht nur die Epochen fanden sich in ihm wieder: jeder einzelne schuf ihn nach seiner eigenen Persönlichkeit.” Das gilt im Grund auch von der religionsgeschichtlichen Schule im Gefolge Eichhorns, so objektiv wissenschaftlich sie sich gab. Darum nannte er mit Absicht auf dem Titel der 1. Auflage den Namen eines ihrer typischen Vertreter, des damals in Breslau lehrenden William Wrede. Dessen abschätziges Urteil über Paulus erwähnten wir schon. Aufsehen erregte sein 1901 erschienenes Buch über Das Messiasgeheimnis in den Evangelien, mit dem Untertitel: “Zugleich ein Beitrag zum Verständnis des Markusevangeliums”. In dieser Arbeit bucht ihr Schreiber als Resultat: Die Berichte zumal bei Markus, Jesus habe Menschen und Dämonen verboten, ihr Wissen um seine Messianität zu verbreiten, komme davon, daß er weder wirklich der Messias gewesen sei, noch sich als solcher gefühlt habe. Um jedoch den Glauben der jungen Kirche an Jesus als Messias dennoch für berechtigt zu erklären, hätte Markus die Schweigegebote erfunden.

Wenn Wrede richtig gesehen hätte, wäre der Glaube an das Evangelium, das selbst den Liberalen als das verläßlichste galt, auf das tiefste erschüttert.

Schweitzer setzt sich nicht weniger als 18 Seiten lang damit auseinander (L-J-F Bd 2, 382-401). Das Ende davon ist ein schwerwiegendes Urteil: Er verweist auf die “Unnatur” der Vorgehensweise Wredes. Er begehe neuerlich den Fehler wie auch sonst fast alle: Er deute Jesus von unserer Zeit her. Da das damalige Zeitgefühl mit einem Messias nichts anzufangen weiß, darf es Jesus nicht gewesen sein.

In gleicher Weise handeln, wie Schweitzer gut darlegte, auch die andern aus dem Kreise Eichhorns. Jesus und Paulus werden derart aus der Mythologie des hellenistischen Heidentums erklärt, daß Paulus als Zeuge nicht mehr ernst genommen werden kann und Jesus selbst zu einer mythischen Figur wird, deren Existenz letztlich, wie durch Arthur Drews, geleugnet wird.

Trotzdem sieht Schweitzer einen Hoffnungsschimmer: Er strahlt von Jesus selbst aus. Denn was geschah mit ihm? Fast alle, die sich mit Jesus beschäftigten, wollten einen Jesus nach ihrem oder ihrer Zeit Geschmack finden. Doch das war auf die Dauer unmöglich: “Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück.” Das will sagen: Jesus darf nicht von unseren Vorstellungen, sondern nur von seinen eigenen Voraussetzungen her begriffen werden.

Darum sieht Schweitzer Jesus so: Er war ein treuer Jude, der wie zahlreiche andere in seinen Tagen in den Bannkreis eschatologischer, also endzeitlicher Erwartungen geraten war. Auch er rechnete demnach mit dem nahen Weltende und mit allem, was bei Propheten und Apokalyptikern in der Art des Daniel und einer nach “Henoch” benannten Schrift darüber zu erfahren war, was ihn nicht hinderte, durchaus selbstständige Gedanken zu äußern, 47 vor allem dadurch, daß er sich selbst für den Messias hielt.

Nach Schweitzer sind nur drei aus der Unzahl der Forscher diesen einzig richtigen Weg zu Jesus gegangen: Vor 120 Jahren Reimarus, wenn er ihn auch in der stolzen Überheblichkeit der deistischen Aufklärung deshalb verachtete. Erst Johannes Weiß wagte diese Schau wieder. Doch sieht sich Schweitzer genötigt, ihm als Mangel vorzuwerfen, daß er die Eschatologie Jesu nur in seiner Predigt suchte und dadurch übersah, daß Jesu gesamtes Wirken bis in die Moral hinein davon geprägt war. Der dritte in dieser Reihe ist Schweitzer selbst. Da er zu seinem eigenen Staunen erkennen konnte, wieviel namentlich bei Markus und Matthäus von da aus seinen ureigenen Sinn erhält und als sicher geschichtlich richtig sich erweist, nannte er seine Ansicht “konsequente Eschatologie”.

Es tat ihm persönlich weh, daß er mit seinen Erkenntnissen nicht nur fast der gesamten “Leben-Jesu-Forschung” entgegentreten mußte, sondern dadurch auch “das Lebenswerk Heinrich Julius Holtzmanns zerstörte,” an dem er zeitlebens “mit Liebe und Dankbarkeit” hing (Selbstdarstellung 17).

Der Preis, der für die Entdeckung des allein wahren eschatologischen Jesus gezahlt werden muß, ist allerdings sehr hoch.

Ist doch das Gottesreich in diesem Sinne bis heute nicht gekommen und das Gefüge der Welt und ihres Laufes im All unerschüttert geblieben. Deshalb muß nach Schweitzer, was Jesus darüber sagte, von uns Heutigen preisgegeben werden, ebenso die aus der Sorge vor dem Weltgericht gepredigte Ethik des Verlassens von Familie und Besitz (L-J-F Bd 1, 39-41; Bd 2, 622-624).

Dennoch findet Schweitzer auch in dieser nach seiner Auffassung zeitbedingt fehlerhaften Verkündigung Jesu gerade für unsere Zeit besonders Bedeutungsvolles.

In seiner Botschaft vom Reiche Gottes habe Jesus jedenfalls auf eine gewaltige universale Zukunft der gesamten Menschheit gehofft. Diese schien ihm des höchsten Einsatzes wert. Im Gegensatz dazu hätten wir “das große Ziel einer sittlichen Endvollendung der gesamten Menschheit verloren” und bewegten uns immer noch “innerhalb der Parkmauem nationaler und konfessioneller Ideale”! (L-J-F Bd 2, 626).

Schweitzer fällt es leicht, den angeblichen Irrtum Jesu in Kauf zu nehmen. Denn seine Weltanschauung war auch sonst sehr vage. Das evangelische Kirchenlexikon stellt fest: “Sein Gottdenken hält er seit seinem 15. Lebensjahr in bewußter Schwebe zwischen Theismus und Pantheismus” (RGG V, Sp 1607). Wie nur je ein Deist, lehnt er Wunder als etwas “Übernatürliches” ab, sie gelten ihm in betontem Anschluß an Strauß als “mythische Bestandteile”(L-J-F 53). Seine Lieblingsphilosophen waren Schopenhauer und Nietzsche, die er für “die beiden großen elementaren Denker der modernen Zeit” hielt (Selbstdarstellung 39). Übersah er dabei, daß beide das Christentum leidenschaftlich haßten? Jedenfalls folgte er ihnen darin, daß er “metaphysischer Agnostiker” (RGG V, Sp 1607) wurde, der somit nicht nur das stolze Vertrauen der Aufklärung zur Vernunft, sondern auch das gesunde Ja zu ihr preisgab. Mit jenen hielt er sich dafür lieber an des Menschen Willen. Darum begnügte er sich auch Jesus gegenüber mit einem “Verstehen von Wille zu Wille” (L-J-F 627) was nach ihm praktisch bedeutet, “daß wir den Gedanken des durch sittliche Arbeit zu schaffenden Reiches mit der selben Vehemenz denken, mit der er (Jesus) den von göttlicher Intervention zu erwartenden in sich bewegte.” Begründung: „Daß er (Jesus) eine übernatürlich sich realisierende ‘Endvollendung’ erwartet, während wir sie nur als Resultat der sittlichen Arbeit (scil. des Menschen) begreifen können ...”!

Schweitzer zog die persönlichen Konsequenzen aus dem Ertrag seiner Forschungen durch sein Studium der Medizin, um, statt weiter Theologie zu betreiben, als Tropenarzt in Erfüllung der Liebesforderung Jesu 1913 in den afrikanischen Urwald zu gehen. 1952 erhielt er für seine Bemühungen um eine friedvolle Zukunft der Menschheit den Nobelpreis.

Genau besehen, landete Schweitzer in dem, was er den anderen Leben-Jesu-Forschern vorwarf, im Negativen. Auch bei ihm blieb von Jesus nichts als das, was sich für unsere Zeit einigermaßen gebrauchen läßt. So endete er dort, wo Semler begonnen hatte: Vom Neuen Testament ist für ihn ebenso nur annehmbar, was von “moralischem gemeinnützigen Wert” ist!

Unbekümmert um Schweitzers Kritik brachte noch 1913 ein Mitarbeiter Eichhorns, Wilhelm Bousset, sein dickes Buch Kyrios Christos, Geschichte des Christusglaubens von den Anfängen bis auf Irenäus heraus. Neuerdings wird hier versucht, den Glauben an die Gottheit Jesu aus dem hellenistischen Heidentum herzuleiten. Doch diesmals war es ein anderer aus dem gleichen Kreis, der uns schon bekannte Paul Wernle, der darüber kritisch urteilte: “Nun gestehe ich meine einstweilen unbesiegte Skepsis gegenüber der neuen Art der religionsgeschichtlichen Schule ... Wozu braucht dann Paulus, braucht unsere heutige Erklärung den Umweg über jene hellenistischen Mythen und Mysterien?” (Kümmel 403).

War das Nein zur fast gesamten protestantischen Leben-Jesu-Forschung durch Albert Schweitzer, seine eigene sehr eingeschränkte und dürftige Bejahung Jesu sowie Wernles Skepsis gegenüber den Zweifeln der religionsgeschichtlichen Schule das letzte Wort führender protestantischer Theologen?

Doch da kam 1914: der erste Weltkrieg brach aus!

Wir weisen angesichts dieses schrecklichen Geschehens auf einiges hin, das in unserem Zusammenhang von Bedeutung ist.

Auch zahlreiche protestantische Theologen mußten an die Front, erlebten Sturmangriff, Trommelfeuer, das sich zu blutigen Materialschlachten steigerte, erlitten Erschöpfung, Verwundung, den Tod bester Kameraden, Gefangenschaft. Damit erfuhren sie, daß die Weissagungen biblischer Apokalyptik nicht bloß zeitbedingte, uns nicht mehr berührende Irrtümer sind, wie liberale Forscher oft behaupteten. In Stunden letzter Angst lernten viele anders als in Jahren fortschrittsgläubiger Wohlfahrt beten. Die überstanden, kehrten als innerlich Gewandelte in die Heimat zurück.

Und dann 1918: Zusammenbruch! Mehr als die Katholiken verloren die Protestanten. Der stolze Traum von ihrem Kaisertum war zu Ende. Auch gab es keinen Landesfürsten mehr, der nach der Meinung des Luthertums als “Summus Episcopus” das äußere “Regiment” seiner Landeskirche zu besorgen hatte.[16] Jede mußte sich jetzt unabhängig vom Staat organisieren. Damit kam zu Ehren, was in der alten Christenheit seit je bestand: das Bischofsamt. [17]

9. Kapitel: Karl Barth - der Rufer

Schwieriger war freilich die Frage zu beantworten: Wie wird es theologisch weitergehen? Die gottesgelehrte Skepsis der Liberalen war in diesen Tagen kaum gefragt. Da ertönte zur rechten Stunde die rechte Stimme! Nach einer wenig beachteten ersten Auflage im Jahre 1919 brachte der als Pfarrer in der Schweiz wirkende, durch seine Tätigkeit im Vorkriegsdeutschland vielen noch bekannte Theologe Karl Barth, in 2. Auflage völlig umgewandelt, 1921 einen eigenwilligen Kommentar zum Römerbrief heraus. Dieser wirkte wie ein Posaunenstoß.

Stark von Albert Schweitzer beeindruckt, verschärfte Barth dessen abschätzige Kritik an der bisherigen Leben-Jesu-Forschung. Er warf ihr nicht nur Unverständnis für die eschatologische (endzeitliche) Ausrichtung Jesu vor, er verlangte, um vieles mehr kritischer zu sein, als es die bisherige Bibelkritik war. Wegen ihrer Verlorenheit ins bloße Detail war sie unfähig, das Ganze, die Urtatsache zu erblicken, welche die Bibel über die gesamte Weltliteratur emporhebt: Daß alle, die an jener schrieben, genauso wie Paulus, der Verfasser des Römerbriefes, niemals sich, sondern ausschließlich des wahren Gottes Wort verkünden wollten! Dazu allein wußten sie sich gesandt und ermächtigt.

Aus der Blindheit dafür stammte nach Barth der Grundfehler fast aller Bibelgelehrten seit Semler: Statt sich von Gott verurteilen zu lassen, maßten sie sich an, dessen Wort und damit ihn selbst von oben herab zu beurteilen. Leidenschaftlich forderte darum der Verfasser der neuen Erklärung des Römerbriefes eine “Achsendrehung um 180 Grad”! Die Bibel dürfe nicht länger passives Objekt für den Menschen bleiben, sie müsse in Gottes Namen und Auftrag wieder aktives Subjekt gegenüber seinem sündigen Geschöpf werden. Solcherart versuchte ein gewaltiger Rufer mit ungemeinem Erfolg die Botschaft des apostolischen Schreibens an die Römer für unsere Zeit vernehmbar zu machen. Wie tiefgreifend das wirkte, zeigt die Tatsache, daß Barth, ohne Dozent oder auch nur Doktor zu sein, als richtiger Theologieprofessor nach Göttingen, bald darauf nach Münster und sodann Bonn berufen wurde. 1932 begann der zu hohem Ansehen Gelangte, seine Hauptarbeit, eine “Kirchliche Dogmatik”, zu verfassen, die schließlich bis 1967 zu 13 mächtigen Bänden im Lexikonformat anwuchs. In diesem Werk war bereits der Titel durch die zwei Worte “Kirchlich” und “Dogmatik” eine Herausforderung an den bisher im Protestantismus seiner theologischen Fakultäten herrschenden Geist der Aufklärung und des liberalen “Freisinns”.

Pate für diese Anschauungen war der wegen seines kaum bekannten Dänisch bis vor kurzem nicht verdient gewürdigte, 1855 verstorbene geniale Sören Kierkegaard. Er hatte in der Zeit, in der Hegels Philosophie den Glauben zerstörend in seine Heimat einbrach, durch aufwühlende Bücher voll einer Dramatik, die oft an Shakespeare gemahnte, den unbedingten Glaubensanspruch Gottes zu Heil oder Verderben betont.

Neben ihm wirkte auf Barth noch Martin Kähler, der 1889 mit einem Vortrag in Wuppertal versucht hatte, die Bibel dadurch vor liberaler Verflachung und Zersetzung zu retten, daß er mit Nachdruck darauf hinwies, ihre Verfasser seien weder Betrüger, Träumer noch Sagendichter, doch auch nicht in erster Linie Historiker. Ihnen ginge es vielmehr wie Jesus darum, zu predigen! Das besagt, sie wollten Gottes Anruf zu Erbauung und Heil des Menschen verkünden [18]. Durch den bibelgriechischen Ausdruck für Predigt, nämlich Kerygma (wortwörtlich: Heroldsruf), sollte diese Anschauung über Barth hinaus folgenschwer prägende Bedeutung erlangen.[19]

Neben dem Ernst der Nachkriegszeit ist es sicher vor allem Karl Barth [20] zu verdanken, daß die protestantische Bibelwissenschaft wieder eine echte theologische Disziplin werden wollte. Er war es auch, der die Einengung durch den Deismus bei vielen aufzusprengen vermochte. Ihm war klar: Wenn die Bibel Gottes Wort ist, kann sie nicht lügen. Sie berichtet von Wundern, also gibt es diese. Das galt für ihn selbst – zum großen Erstaunen, ja Erschrecken unter Kollegen – für die Gottestat der Jungfrauengeburt.

Durch lange Zeit ließ das alles auch Katholiken dankbar aufhorchen. Dies geschah besonders, insofern sich Barth gegenüber jeglichem nationalsozialistischen Neuheidentum in unbedingter Treue zum biblischen Erbe bekannte.

Allein, auf die Dauer sollte es auch Barth nicht anders ergehen als den Vorgängern seit Semlers Zeiten. Sein Ansehen begann zu sinken. Eine Hauptursache dafür waren allzu unbekümmert und dazu noch schroff geäußerte Einseitigkeiten. Einige von ihnen, die leider ausgerechnet im katholischen Raum unselig nachwirken, seien hier erwähnt:

1. Barth betonte mit Recht, daß Gott anders, ja ganz anders als Mensch und Welt ist. Diese Wahrheit überzog er aber durch seine Behauptung, Gott sei nur anders! Deshalb mußte er strikt die katholische Lehre von der analogia entis ablehnen, derzufolge es bei allen Unähnlichkeiten doch entfernte Ähnlichkeiten zwischen Gott und seiner Schöpfung gibt. Durch das Nein zu dieser Auffassung wurden für Barth sämtliche Gottesbeweise und jedwede theologia naturalis hinfällig. Das will sagen: Nach ihm können wir durch unsere Vernunft weder für noch gegen Gott auch nur das Geringste von Belang aussagen. [21] Einzig das Gotteswort der Bibel, gipfelnd und letztlich gesichert nur in Jesus, vermöge uns von Gott zu künden. Folgerichtig wurden darum alle Religionen, ja grundsätzlich Religion als solche, als götzendienerische Anmaßung des Menschen abgelehnt. Diese extreme Auffassung schadete nicht nur dem in manchen Belangen aussichtsreichen Gespräch Barths mit katholischen Theologen. Er wurde dadurch – ganz gegen seinen Willen – Mitursache für den weltweiten Atheismus der Gegenwart und dafür, daß es zu einer richtigen “Gott-ist-tot-Theologie” kommen konnte. Denn es ist durchaus verständlich, daß ein Gott, der, wenn Barth recht hätte, für uns Menschen nicht erkennbar ist, viele nicht mehr zu interessieren vermag. Damit trug Barth zu jenem Ereignis bei, das bereits vor Jahren der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber die “Gottesfinsternis”, Martin Heidegger den “Fehl Gottes” unserer Zeit nannten.

2. Als Theologe, der aus der Glaubenswelt Calvins kommt, mußte Barth mit dessen Lehre fertig werden, Gott habe von Ewigkeit her die Menschen entweder zur Seligkeit oder zur Verdammnis vorherbestimmt. Er wurde es auf folgende Weise: Da nach seiner Ansicht der Mensch nicht nur mit seiner Vernunft, sondern mit seinem ganzen Tun radikal vor Gott scheitert, erklärte er, unser ewiges Heil hänge bloß von Jesus ab, weil er allein nicht nur Mensch, sondern auch Gott ist. Darum ist dieser Gottmensch aufs Kreuz gestiegen, um alle Strafe für die Sünde, also auch Tod und Hölle (diese durch die Gottverlassenheit) auf sich zu nehmen. Durch eine derartige Liebestat seien nun ausnahmslos alle Menschen erlöst. Einmal deswegen, weil das Tun des menschgewordenen Gottes vollauf genügt, zum anderen, weil jeder Sühneversuch von seiten des Menschen völlig wert- und zwecklos sei.

Es steht unleugbar fest, daß diese Irrlehre, nach welcher selbst die ärgsten Sünder in den Himmel kommen, auch in katholischen Kreisen weit verbreitet ist. Und das nicht nur bei Hans Küng, sondern, wie das folgende Gebet aus einem Begräbnisritus beweist, selbst in der Liturgie: Gemäß einer “1. Variante” ist bei der katholischen Beerdigung eines Erwachsenen nämlich folgendes zu sprechen: “Denn wir werden unseren Mitbruder (unsere Mitschwester) einst wiedersehen und mit ihm (ihr) in Liebe vereint sein. Durch Gottes Erbarmen wird sich die Gemeinschaft, die zum Gebet für unseren Verstorbenen (unsere Verstorbene) hier versammelt ist und dann wieder auseinandergeht, einmal in Freude wiederfinden im Reich Gottes. Das ist der Trost, den wir uns gegenseitig spenden aus dem Glauben an Christus” (Behelf eines Pastoralamtes, ohne Jahreszahl, 13 f.). Mit diesen Sätzen wird in aller Form und Eindeutigkeit allen anwesenden Trauergästen, mögen sie auch Ungläubige, Apostaten, Konkubinarier oder was immer sein, ihr ganz gewisses ewiges Heil bescheinigt. Während vom alten Ritus und seinem Gerichtsernst Impulse zu Besinnung und Bekehrung ausgingen, wird nunmehr die weitverbreitete moralische Laxheit bekräftigt.

3. Wie Gottesbeweise verneint Barth jeden Versuch, als Bedingung für das Fortleben des Menschen nach dem Tod in persönlicher Identität die Existenz einer unsterblichen Seele anzunehmen. Nach ihm ist Gott auch hier der jeweils allein Bestimmende. Deshalb meint er, der Mensch zerfalle im Tode ganz, es bleibe von ihm weder Leib noch Seele. Nur die Gnade göttlicher Allmacht vermag um der Auferstehung Christi willen den Tod zu überwinden. Dieser Anschauung entspricht es wieder, wenn im neuen Stundengebet und im Novus Ordo bei den Messen für Verstorbene nirgends das Wort “Seele” zu finden ist. (Es gibt also keine “Seelenmessen” mehr, nicht zu reden von anderen dogmatischen Konsequenzen!)

4. Abschließend seien noch praktische Folgerungen aus Barths theologischen Ansichten angeführt:
Da nach ihm des Menschen Verhalten vor Gott letztlich nicht zählt, darf sich, wer Christ heißt, nicht für erlöster oder gar heiliger als andere dünken. Er kann lediglich dafür dankbar sein, daß er zu glauben vermag, was Außenstehenden noch verborgen ist: Daß nämlich durch Christus de iure die “Heiligung der ganzen Menschenwelt” schon geschehen sei! Durch diese Anschauung dürfte Barth Urheber der Lehre KarlRahners sein, jedermann sei, richtig gesehen, bereits ein “anonymer Christ”. Genau genommen, beziehe sich das Wort “katholisch” auf die gesamte durch Christus erlöste Menschheit. Wenn demnach dieses Wort selbstsicher von einem Teil derselben in Beschlag genommen wird, ist dies, immer nach Barth, ein Zeichen von “Unbußfertigkeit” und “Hochmut”, das erweise, wie sehr gerade diejenigen, die sich so nennen, in Wirklichkeit “akatholisch” sind. Wahre Kirche müsse deshalb “bescheiden” und nach jeder Seite “offen” bleiben, dürfe sich nie als “Selbstzweck” “darstellen” und “verherrlichen”. Sie könne bestenfalls nur “Bewegung in der Richtung auf ein Ziel” hin sein, zu welchem gehöre, gerade von der bereits durch und in Christus erfolgten Erlösung, ja Heiligung ausnahmslos aller Zeugnis zu geben!

Ebenso einen Minimalismus fördernd erscheinen ethische Aussagen Barths. Etwa, wenn wir lesen: “Und so darf auch der Mensch ausgehen auf seine Arbeit ... aber auch dichten, denken und musizieren .. essen und trinken, fröhlich und .. traurig sein, lieben und auch einmal hassen ... das alles in eigener Erfahrung und Tätigkeit ... Der wahre Gott... erlaubt es ihm, eben das zu sein, wozu er ihn gemacht hat. Er ist zu vornehm, um ihm das nun doch wieder zu verübeln und zu verwehren.” Mit Recht beurteilt in einem Aufsatz über Barth, dem wir das angeführte Zitat entnehmen, dessen Verfasser: “So erweist sich der Gott der radikalen Gnade in Christus als ein liberaler Gott ... über dem bitteren Du mußt und dem strengen Du sollst erscheint das heitere Du darfst als die Ermächtigung des Evangeliums im Leben” (Neuenschwendner, 97 f.).

Damit mündet Karl Barth nach dem heroisch aufwühlenden Beginn seiner Wirksamkeit in einer bürgerlich bequemen Christlichkeit. Schlimmer noch: Der so tapfer und überlegen als großes Hindernis für die Begegnung mit dem wirklichen Jesus einen Deismus ablehnte, der Gott zum Gefangenen seiner eigenen der Schöpfung gegebenen Naturgesetze machte, erfindet einen neuen Deismus: Gott der Gefangene durch die Erlösung, die sein Sohn am Kreuz wirkte! Gott, der nicht mehr fordernder Richter sein darf, sondern sich gnädig liebend mit den Menschen abfinden muß, wie immer sie sind oder handeln!

Anmerkungen:

[1] Vgl. Art. von Heimo Dolch in Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1960) Bd. 4, Sp. 494 f. Pascual Jordan, Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage (Oldenburg/Hamburg 19685) 28 u. ö. (Im folgenden zit. unter “Jordan”)!

[2] Nach Werner Georg Kümmel, Das Neue Testament. Geschichte der Erforschung seiner Probleme (Freiburg/München 1958) 74. Im folgenden zitiert unter “Kümmel”!

[3] Vgl. Alexis Carrel, Der Mensch. Das unbekannte Wesen. (Taschenbuchausgabe) München 1955, 121 f.

[4] Dazu bes. Jordan 121, 141, 149-159 u.ö.

[5] Über die Ansichten der im folgenden erwähnten radikalen Forscher 1. Kümmel (mit Texten) und 2. Albert Schweiter, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 2 Bde, als Taschenbuch Gütersloh 19773, im folgenden “L-J-F” zitiert.

[6] Vgl. Schweitzer, Bd 1, 90-96. Schweitzer berichtet, daß H. Paulus 1804-1807 vor katholischen Theologen zu Würzburg Vorlesungen im Geist der Aufklärung halten mußte, bis Widerstand dies beendete (a.a.O. 89).

[7] Nach L. Goppelt, Theologie des Neuen Testamentes (Göttingen 1957), Bd. 1, 167; 29

[8] Vgl. Neudruck TB Gütersloh 1977, S. 90

[9] Vgl. sinngemäß a.a.O. 96, 101, 103, 112 f.

[10] Vgl. bes. Hugo Greßmann, Albert Eichhorn und die religionsgeschichtliche Schule (Göttingen 1914)

[11] Werke Droysens als Taschenbücher (München 1980) sowie in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt

[12] Belege dafür bei Kümmel unter den Namen der angegebenen Mitarbeiter Eichhorns

[13] Über ihn Leben-Jesu-Forschung, Bd 1, 52 ff. und 275 ff.; Bd 2, 549ff. und 599f.

[14] Aus Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (Göttingen 19563) 513

[15] Nach Albert Schweitzers Selbstdarstellung (Leipzig 1931) 3-5. Im Folgenden zitiert unter Selbstdarstellung.

[16] Die Religion in Geschichte und Gegenwart (Tübingen 19593) Art. Kirchenregiment, Bd. 111, Sp. 1520-22.

[17] a. a. O., Art. Bischof, Bd. I, Sp. 1306-08.

[18] Vortrag zugl. unter “Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus” (München 19694).

[19] Vgl. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, a. a. O., Art. Kerygma, Bd. III, Sp. 1251-54. Ebenso Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1961) Bd. 6, Sp. 125 f.
Kritisch Jürgen Roloff in Das Kerygma und der irdische Jesus (Göttingen 1970) 9-13.

[20] Über Barth vgl. U. Neuenschwendner, Denker des Glaubens (Gütersloh 19733), 71-98, u. H. G. Pöhlmann, Gottes Denker (Reinbek b. Hamburg 1984), 27-54.

[21] Gegen die Meinung von einer “religiösen Irrelevanz der Naturwissenschaften” wendet sich bitter P. Jordan: “Die Neigung, gegenüber theologischer Glaubensgewißheit die naturwissenschaftliche Erkenntnis als nicht erwähnenswert zu betrachten, hat neuerdings unter den evangelischen Theologen, welche der Karl-Barth-Mode zum Opfer gefallen sind, weite Verbreitung gefunden.” (a. a. O. [s. Anm. 1], 29 u. 24).

Fortsetzung: [Seite 2]


Leo Scheffczyk:
Entmythologisierung und Glaubenswahrheit in mythenloser Zeit

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