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Was ist geistliche Stärke?

Eine Relecture von Hildegard von Bingen

Von Barbara Stühlmeyer

Hildegard von Bingen erscheint heute wie ein Leuchtturm aus einer fernen Zeit – eine machtvolle Prophetin und profunde Theologin, deren visionärer Weitblick durch die Tiefe ihrer Schau fest fundiert erscheint. Deshalb ist sie mehr als geeignet, Antworten zu geben, wenn man danach fragt, was geistliche Stärke sei.

Doch wenn man, wie Wibert von Gembloux, der Sekretär ihrer späten Jahre, bittet: „Lass mich deine Stimme hören“, erhält man überraschende Einblicke in ihre innere Befindlichkeit. „Der Evangelist Johannes war von Sanftmut und Demut erfüllt, deshalb erfuhr er viel über Gott“, schrieb sie ihm und fuhr fort: „Weshalb sollte ich mich nicht als armselig erfahren? … Ich zittere … immer vor Furcht, denn ich weiß mich nie sicher, ob ich etwas vermag. Doch ich strecke Gott meine Hände entgegen, um wie eine Feder, die ohne alle Schwerkraft im Winde treibt, von ihm getragen zu werden.“

Ihre Stärke, die eine genuin geistliche ist, weil Hildegard sich auf ihren Körper zeitlebens nicht verlassen konnte, immer wieder von Krankheiten geplagt wurde und fast ständig unter Schmerzen litt, wurzelt ganz und gar in Gott. Sie schildert dies in ihrem Brief an Wibert in ungewohnter Offenheit, als sie das Licht beschreibt, in dem sie ihre Schau empfängt. Für gewöhnlich ist dies der Schatten des lebendigen Lichtes.

„In demselben Licht“, so schreibt sie, „sehe ich nicht oft, aber zuweilen, ein anderes Licht, das mir als ,lebendiges Licht‘ bezeichnet wird. Wann und wie ich es sehe, vermag ich nicht zu sagen. Doch während ich es sehe, wird alle Traurigkeit und Not aus meiner Erinnerung genommen, so dass ich mich wie ein junges Mädchen fühle und nicht mehr wie eine ältere Frau.“

Dass Hildegard in ihrem Briefwechsel mit Wibert ihre Konstitution und ihr Angewiesensein auf die „umarmende Mutterliebe Gottes, die durch den Lebensquell des Wortes zu uns kam“ (Sicivias) besonders bewusst war, ist eine persönliche Geschichte. Hildegard hatte gerade Volmar verloren, den sie Symmysta, Mitmyste, Mitwissender der Geheimnisse Gottes nannte und der sie so viele Jahre begleitet und gestärkt hatte. Aber nun erfuhr sie schmerzlich, was Romano Guardini in seinen theologischen Gebeten in seinem Nachsinnen über den dreifaltigen Gott so auf den Punkt bringt: „Wenn ich nach der Vertrautheit der Gemeinschaft verlange, muss ich zum anderen Menschen gehen; und mag die Verbundenheit noch so tief und die Liebe noch so innig sein, wir bleiben doch immer getrennt. Du aber findest Dein ,Du‘ in Dir selbst.“ Zurückgeworfen auf sich und berührt durch Wiberts geordnete Liebe öffnete Hildegard sich erneut und entschlossen dem, der allein sie tragen konnte.

Dass geistliche Stärke etwas je neu zu Erbittendes, unverdient Empfangenes ist, schreibt Hildegard der Konstitution zu, die wir alle teilen. „Ich Fremdling, wo bin ich? Im Todesschatten. Und auf welchem Weg bin ich? Auf dem Weg des Irrtums. Und welchen Trost habe ich? Den Trost der Fremden. Ich aber sollte ein Zelt haben mit fünf Quadersteinen und dem Licht von Sonne und Sternen geschmückt.“ (Scivias) Die Aussage klingt desillusionierend, sie ist aber in Wahrheit realistisch. Hildegard hatte als Benediktinerin den drohenden Tod täglich vor Augen und ließ ihr Leben von der doppelten Perspektive der Endlichkeit und Ewigkeit ordnen.

Ihr war klar, dass wir auf dieser Erde nur Durchgangsgäste sind, und sie machte sich die Konstitution der Unsicherheit, die sie als Mensch im Allgemeinen und als chronisch kranke Frau im Besonderen prägte, zunutze, um sich ganz von dem tragen zu lassen, der die Dunkelheiten ihres Lebens erhellte.

Geistliche Stärke fand sie auch in der Gemeinschaft der Glaubenden, die von demselben Licht der Gnade erleuchtet ist. Den Zusammenhang zwischen persönlicher Gottesbeziehung und in der Kirche wirksam werdender aufbauender und stärkender Kraft verdeutlicht Hildegard in ihrer Sequenz zu Ehren des heiligen Eucharius. „Du bist sehr glücklich gewesen, als das Wort Gottes dich im Feuer der Taube unterwies, wo du wie das Morgenrot erleuchtet wurdest und so das Fundament der Kirche bautest.“ Wer Gott in sich Raum gibt, in dem kann, wie es im Hymnus zu Ehren des heiligen Matthias heißt, der Heilige Geist singen und spielen, weil er sich seiner Berufung, klingende Stimme im Chor der Engel zu werden, bewusst ist. Grundlage für dieses anfanghafte Mitschwingen im zehnten Chor ist die zarte, sich verletzlich machende Offenheit. Denn „wo es die Frage im Menschen nicht gibt, gibt es auch keine Antwort des Heiligen Geistes“ (Scivias).

Ein Weiteres ist wichtig: Wer die Grundhaltung der geistlichen Stärke in sich entfalten will, muss sich bewusst werden, dass keiner eine Insel ist. Hildegard bringt diesen Zusammenhang in ihrem Liber vitae meritorum zum Ausdruck. Dort sagt die Herzenshärte: „Ich habe nichts hervorgebracht und auch niemanden ins Dasein gesetzt. Warum sollte ich mich um etwas bemühen oder gar kümmern? So was werde ich schön bleiben lassen. Ich will mich für niemanden stärker einsetzen, als auch er mir nützlich sein kann. Gott, der da alles geschaffen, der soll auch schön dafür geradestehen und für sein All Sorge tragen! ... Was für ein Leben müsste ich führen, wenn ich auf alle Stimmen der Freude oder der Trauer antworten wollte! Ich weiß nur von meiner eigenen Existenz; möge auch jeder andere wissen, wer er ist!“

Die Barmherzigkeit korrigiert diese Fehlhaltung in ihrer Antwort, indem sie auf das world wide web, die untrennbare Verbundenheit alles Lebendigen verweist: „O du versteinertes Wesen, was behauptest du da? Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten, ein Stein strahlt seinen Glanz auf die anderen, und jedwede Kreatur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung. ... Ich bin in Luft und Tau und in aller grünenden Frische ein überaus liebliches Heilkraut. Übervoll ist mein Herz, jedwedem Hilfe zu schenken. ... Den Gebrochenen helfe ich auf und führe sie zur Gesundung. Eine Salbe bin ich für jeden Schmerz.“ Das Spannende an Hildegards Ethikkonzept ist, dass es sich im Dialog entfaltet. Eingebettet in die Rahmenvision von einem Mann, Gott, der zwischen Himmel und Erde ausgespannt in sich selbst ruhend dasteht und seinen Blick in alle vier Himmelsrichtungen schweifen lässt, kommen 35 Paare von Fehlhaltungen und geistlichen Grundhaltungen, oder – um einen älteren Begriff zu verwenden – von Lastern und Tugenden zu Wort. Bemerkenswert ist: Die Fehlhaltungen, die die Seele verkrümmen, zeigen sich Hildegard in einprägsamen Bildern, die ihren Charakter treffend visualisieren.

Die geistlichen Grundhaltungen nimmt sie dagegen über das Hören wahr. „Das Ohr ist der Anfang der vernünftigen Seele“ und das horchende Wahrnehmen des Wortes wird in diesem Konzept gleichsam nebenbei eingeübt. Die Gruppierung der Paare ist keineswegs zufällig gewählt. Sie bildet vielmehr ein sinnstiftendes geistliches Netzwerk, innerhalb dessen Hildegard neben den geistlichen Grundhaltungen selbst auf weitere heilende Kräfte aus dem reichen Schatz der Kirche verweist, wie die sieben Gaben des Heiligen Geistes oder die acht Seligkeiten.

Auch die Aufeinanderfolge basiert auf den von der zur Zeit des Beginns der Niederschrift 60-jährigen Hildegard sensibel beobachteten „Rückenschäden der Seele“ bei denen, ganz ähnlich wie bei körperlichen Fehlhaltungen, einem Dominoeffekt gleich die eine auf die andere folgt. Die gute Nachricht, die sie im Verlauf ihres Werkes unermüdlich wiederholt, ist: Der Ausstieg aus der Spirale der seelischen Verkrümmung ist jederzeit möglich. Geistliche Stärke ist kein Manna, das vom Himmel fällt. Sie kann und muss bewusst trainiert werden.

Das Vorhandensein der geistlichen Grundhaltungen garantiert ein fein austariertes Gleichgewicht der Kräfte. Die Frage, wohin sich die Waage am Ende neigt, wird mitten im Herzen jedes Einzelnen entschieden. Er ist aufgerufen, Gott bis zu sich selbst entgegenzukommen und mithilfe der Kräfte, die Er ihm schenkt, bei sich zu wohnen und so aus der Mitte seines Wesens heraus zu einem Mitarbeiter an der Schöpfung zu werden. Mit dem Trainieren der geistlichen Stärke aber ist es so eine Sache. Denn der Begriff Tugend ist bei uns aus der Mode geraten. Er scheint entbehrlich, weil seine moralinsaure Substanz die Seele weder aufbaut noch nährt. Hildegard meint aber, wenn sie von dem spricht, was wir in der Vergangenheit mit Tugend übersetzt haben und wofür ich den Begriff geistliche Grundhaltung vorschlage, etwas höchst Lebendiges.

Das Wort, das sie verwendet, heißt virtus. Es bildet gemeinsam mit weiteren Worten desselben Wortstammes ein in seinem Kern von geistlicher Stärke kündenden Bedeutungsnetzwerk, dessen Synergieeffekte seine Wirkung verstärken und sie reiche Früchte tragen lassen. Virtus steht in Verbindung mit vir (Mann), virgo (Jungfrau) und viriditas (grünende Lebenskraft). Vor allem die viriditas macht deutlich: Bei den geistlichen Grundhaltungen geht es um sein seelisches Wachstumspotenzial. Der Mensch, der sich auf sie einlässt, blüht auf, entfaltet sich und wird nicht gedemütigt oder kleingemacht. Die Lebenskraft, die sich in den helfenden und heilenden geistlichen Grundhaltungen entfaltet, kommt von Gott, der die ganze Schöpfung trägt und lenkt. Sie hilft dem gut geschaffenen, unter den Belastungen des Lebens aber niedergebeugten und manchmal in seiner Seele verkrümmten Menschen, sich wieder aufzurichten und frei vor Gott zu stehen, dessen volles Werk er ist.

Hildegards Leitmotiv im Hinblick auf die geistliche Stärke ist, kurz zusammengefasst, dieses: Wir müssen uns bewusst sein, dass wir, ausgespannt zwischen Himmel und Erde, auf dieser Erde im Status der Pilgerschaft sind. Wir müssen uns mit aller Kraft darum bemühen, geistliche Stärke wie einen seelischen Muskel zu trainieren und systematisch aufzubauen.

Und wir müssen uns vollkommen dessen bewusst sein, dass dabei zugleich alles von Gottes Gnade durchleuchtet ist. Denn es gilt, was Hildegard im Liber Scivias sagt: „Keine Tugend besteht … aus eigener Lebenskraft, sondern sie ist nur ein leuchtendheller Schein, der von Gott her im Werk des Menschen aufstrahlt. Denn der Mensch wird durch die Tugenden vollendet, weil sie das Werk des in Gott wirkenden Menschen sind.“

Der Artikel erschien im Mai in der Tagespost und wird hier mit freundlicher Erlaubnis wiedergegeben.


Eduard Kamenicky: Mea res agitur

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