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Prometheus oder Maria?

Von Prof. Dr. Georg Siegmund

Wir stehen mitten in einem Glaubenskampf, der große Verwirrung stiftet. Tief beunruhigt fragen viele nach einer Orientierung. Schon einmal stellte sich die Frage: Ist der Glaubenskampf in unserer Zeit etwas Außergewöhnliches oder stellt er nur eine Episode in der Menschheitsgeschichte dar? In einer Zeit des Umbruches besann sich Goethe auf das große entscheidende Thema, das sich durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch zieht. Er schrieb: »Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und des Glaubens.«

Dieses Goethe-Wort ist in den letzten Jahrzehnten öfters wiederholt worden, um den Sinn auch unserer Zeit zu deuten. Doch hat man in den letzten Jahren die klare Härte dieses Goetheworts nicht wahrhaben wollen. Schon die Bezeichnung »Kampf« stieß auf inneren Widerstand. Man habe - so behauptete man - im »Kampf« eines »Anti-Kommunismus« des Guten schon zuviel getan, nun sei eine Zeit der Verständigung und des Verstehens angebrochen. In einer geistig »pluralistischen« Welt müsse man auch den Atheisten guten Willen zugestehen und wie jedem anderen einen gleichberechtigten Platz auf der Bank der religiösen Bekenntnisse einräumen, um mit ihm in einen Dialog einzutreten. Das war gewiß nobel gedacht. Aber die schüchternen Versuche, mit dem Atheismus in ein wirkliches Gespräch zu kommen, stießen sehr bald auf einen »eisernen Vorhang«. Nicht die Gottgläubigen, sondern die Atheisten haben sich die charakterisierende Bezeichnung »kämpferisch« gegeben und nie aufgehört, ihren »Kampf« mit den Mitteln offener oder versteckter Gewalt zu führen und ihre Blöße nur dürftig mit ideologischen Feigenblättern zu verdecken. Nun hat die Parole »Entspannung« ihre Auswirkungen bis in den Bereich des Weltanschaulichen und Religiösen gehabt und zu einem Niederlegen der geistigen Waffen geführt, was den Gegner dazu ermuntert hat, die mangelnde Wachsamkeit zu neuen Einbrüchen auszunützen. In einer geistigen Abwehr des Atheismus, wie wir sie beabsichtigen, geht es gar nicht um einen »Kampf«, der Leidenschaften erregt, sondern um eine ruhig-sachliche Entgegenstellung der »Wahrheit«, die - wenn sie zum Leuchten gebracht wird - von sich aus die Finsternis verscheucht.

Im Vorwort zu seiner Doktorarbeit hat Karl Marx sein Glaubensbekenntnis auf »Prometheus« abgelegt. Prometheus ist in der griechischen Mythologie der Empörer gegen Zeus, der dem Obersten im Himmel den Vorwurf machte, er habe die Welt verdorben, deshalb müsse er - Prometheus - sie korrigieren und verbessern. »Prometheus« war das Stichwort, das man in der Neuzeit bewußt aufnahm. Bekannt ist das Gedicht des jungen Goethe mit der Überschrift »Prometheus«. Der junge Goethe berauschte sich an dem empörten Zorn des Prometheus und sagte dem Obersten im Himmel den Gehorsam auf. Der reife Goethe freilich nahm diese Empörung zurück. Aber er hatte jenes Stichwort erneuert, das zum Kennwort des neuzeitlichen Atheismus geworden ist. »Prometheus« haben viele große Geister der Neuzeit gehuldigt.

Der Weg des Prometheus in die Empörung begann damit, daß er sich dazu hinreißen ließ, mit Zeus zu hadern. Ihm verstärkte sich der Verdacht, Zeus, der Inhaber höchster Macht, sei nicht zugleich der absolut Heilige und Gerechte, werde in seinem Verhalten zum Menschen vielmehr von minderwertigen Motiven geleitet und enthalte eigensüchtig den Menschen Güter vor, wodurch sich eine Spannung auflud, die sich bei geringfügigem Anlaß in Anklage und Auflehnung entladen mußte.

Der wiedererstandene Prometheus der Neuzeit nährte in sich lange den gleichen Verdacht, strengte in der Aufklärungszeit einen Prozeß gegen den christlichen Gott mit der Anklage auf Ungerechtigkeit und Despotismus an, um ihn nach jahrhundertelangen Verhandlungen zur Absetzung zu verurteilen. Bereits der Verdacht auf Ungerechtigkeit zweifelt an Gottes göttlichster Eigenschaft, seiner Heiligkeit, und zieht den Weltengott vor das Forum der menschlichen Vernunft. Der »aufgeklärte« Mensch, stolz auf die Leuchte seiner Vernunft, glaubt alles, selbst Gott und seine Schöpfung, beurteilen zu dürfen.

Wir haben festzustellen: Der neuzeitliche Unglaube ist nicht das Ergebnis eines vorurteilsfreien Sichbefassens mit der vorgegebenen Wirklichkeit, eines die Affekte zurückstellenden Begreifen-Wollens der Welt, wie sie in sich ist, also nicht Ergebnis einer neuen Einsicht, die eine alte irrige Auffassung korrigieren würde. Vielmehr rührt der Unglaube von einer »Revolte« des Menschen her, der das Wort »Freiheit« auf seine Fahne geschrieben hat. Wie Prometheus stand der moderne Mensch auf, das Joch Gottes von sich abzuschütteln, aus dem »Traum« des Gott-Dienens zu vollem Selbstbewußtsein zu erwachen, alles Herr-Sagen, Knie-Beugen und Dienen von sich abzutun, um eigener Herr und Gesetzgeber zu werden.

Die Absage an Gott erfolgte im Namen des Menschen, der seine volle Freiheit einforderte. In unausweichlicher innerer Konsequenz endet indes die Proklamierung der absoluten Freiheit bei ihrem genauen Gegenteil, bei der totalen Versklavung des Menschen. Möglich war der Protest des Prometheus nur durch Berufung auf das Prinzip einer unbedingten Gerechtigkeit, das unabhängig von jeder Despotenwillkür »gilt« und damit einem Rechtsstreit Boden verleiht. Eben die Unbedingtheit der sittlichen Werte, die unberührt von jedem Zeitfluß Gültigkeit haben, bildet die unerläßliche Voraussetzung dafür, daß der Mensch Anspruch auf Menschen-Würde erheben kann. Nur wenn es ewige Rechte gibt, besteht ein Asyl, in das sich der Mensch bei Bedrohung seiner Menschenwürde flüchten kann. Bezeichnenderweise aber vermag die einmal entfesselte Gier nach der absoluten Freiheit bei dieser Schranke nicht Halt zu machen. Lüstern lechzt der Freiheitsheld danach, sich zum Herrn und Gesetzgeber zu machen, der aus eigener souveräner Machtvollkommenheit von sich aus die Gesetze neu festlegt. Wenn sich ein »Führer« selbst gesetzbildende Macht zuerkennt, ist es mit der Freiheit und den Rechten seiner Untertanen aus.

Bereits Dostojewskij, der die Ideen des russischen Revolutionärs Netschajew, von dem der berüchtigte Revolutions-Katechismus stammt, zu Ende dachte, besaß klare Einsicht in diesen Zusammenhang, wie der oft angeführte Satz zeigt, den er einem gewissen Schigalew in den Mund legt: »Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich am Schluß zu unbeschränktem Despotismus.«

Aus jahrzehntelangem Leid ist dem russischen Menschen die Einsicht aufgegangen, welche Solschenizyn stellvertretend für Millionen formuliert hat: »Die Sittlichkeit steht über dem Recht! Denn das Recht ist nur unser menschlicher Versuch, irgendwie in Gesetzen einen Teil jener sittlichen Sphäre niederzuschreiben, die über uns steht ... Die Sittlichkeit steht immer über dem Recht. Und diesen Standpunkt darf man nicht aufgeben ... Das Gute und das Böse sind äußerst reale Begriffe ... Das Weltübel sammelt sich mit ungeheurem Haß und ungeheurer Kraft. Es breitet sich über die Erde aus, man muß ihm Widerstand leisten, anstatt ihm eilfertig alles zu geben und immer wieder zu geben, was es fressen will ... «

Wer begriffen hat, daß es der Geist des »Prometheus« ist, der auf eine die ganze Welt umspannende Revolution ausgeht, fühlt sich gedrängt, nach einem Gegen-Bild Ausschau zu halten, unter dessen Führung sich ein Ausweg aus der Sackgasse der Weltgefährdung auftut. Hierfür brauchen wir dem Geist der Zeit nicht gewaltsam ein Bild aufzupressen, gegen das er sich innerlich wehren würde, sondern nur jenes Bild aufzugreifen, das Johann Gottlieb Fichte, der Vater des deutschen Idealismus, der als junger Mann Prometheus auf seinen Schild erhob, in seiner reifen Zeit selbst noch als erlösendes Gegen-Symbol erschaut hat. Er erkennt in dem menschlichen Eigenwillen, der sich dem göttlichen Willen entgegenstellt, den Grund allen Weltübels. Eine falsche Selbstliebe verschließt dem Menschen das Tor zur Seligkeit, statt dessen stürzt sich seine am Sinnlichen entzündete Gier auf Trebern, die ihn nicht befriedigen können. Zur höheren Moralität steigt der Mensch erst empor, wenn er seinen Eigen-Willen zur Autonomie aufgibt und sich einfügt in das, was Gott will.

Bei seinem Bemühen, diesen Grundgedanken durch ein Beispiel zu verdeutlichen, spricht Fichte von der Schönheit, die es in dieser Welt nur als Spiegelung der Urquelle der göttlichen Schönheit gibt. Vollkommen schön ist in dieser Welt nur das vollkommene Durchleuchten der göttlichen Idee, ohne daß menschliche Eigenwilligkeit dieses Leuchten trübte.

Verwirklicht ist die vollkommene menschliche Schönheit im Bild einer »heiligen Frau, welche, emporgehoben in die Wolken, eingeholt von den himmlischen Heerscharen, die entzückt in ihr Anschauen versinken, umgeben von allem Glanze des Himmels, dessen höchste Zierde und Wonne sie selbst wird, ... ganz verflossen ist in die eine Empfindung: Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe immerfort, wie Er will ... «

Das bewußte Ja-Wort Marias, das unbeirrt auf Gott gerichtet bleibt, ohne mit einem einzigen Blick der Selbstgefälligkeit aus dieser Höhe zu fallen, ist es, was das volle Durchleuchten möglich macht. Schon ein Blick wohlgefälliger Selbstbespiegelung hätte genügt, das Bild dieser Schönheit trübe und stumpf zu machen.

In dieser Sicht tritt Maria dem Mythos Prometheus in genauer Entsprechung als Gegen-Symbol gegenüber. Prometheus wird zum symbolhaften Titanen durch die eigenmächtige Revolte gegen Gott, in der er Gott volles Selbstbewußtsein und männliche Tathärte entgegensetzt. Marias Haltung ist die Demut des Kindes, die jedoch in bewußtem Ja und in der unbedingten, niemals zurückgenommenen Bejahung des Gotteswillens den Bereich des naiv Kindlichen ebenso überschreitet und zur vollendeten Reife der Schönheit der Frau auf den Wolken gelangt. Damit ist Maria der Prototyp, Bild der vollendeten christlichen Haltung, die der ebenso ausgesprochenen prometheischen Versagung gegen Gott entgegentritt. Die Kirche feiert Maria über alles Gefühlsmäßige hinaus als die Kraft, die wirklich der Schlange den Kopf zertritt, die Irrtümer besiegt, die im Laufe der Kirchen-Zeit mit der christlichen Wahrheit in Widerstreit geraten. Sie wendet auf sie geradezu das Schriftwort an: »Furchtbar bist du wie ein geordnetes Kriegsheer« (Hoheslied).

Mit »Prometheus« und »Maria« sind also zwei einander von der Wurzel an grundverschiedene Letzthaltungen versinnbildet. Hat der Geist der Zeit bisher unter dem Zeichen des »Prometheus« gestanden, so ruft die Einsicht in das Scheitern dieses Geistes ihn zu einer Kehre hin zum Gegen-Zeichen »Maria«.

Der katholische Christ ist darüber hinaus des Glaubens, daß Maria nicht bloß eine Idee, nicht bloß ein Bild, Mythos oder Symbol ist, vielmehr eine höchstpersönliche Wirklichkeit, die dem Weltgeschehen nicht tatenlos zuschaut, sondern sich an die Menschen unserer Zeit mit der Aufforderung zu einer Sinnesänderung gewandt hat, um weiteres Unheil von der Menschheit abzuwehren. Der Unglaube wurzelt in einer affektiven, radikalen, unbelehrbaren Vorentscheidung, mit der es keinen Kompromiß geben kann. Er vermag die Unentschiedenen zu faszinieren und zu blenden. Angesichts der so häufigen Verblendung besteht keine andere Möglichkeit für eine Wendung als dadurch, daß der wachgewordene Einzelne eine »Metanoia«, eine »Umsinnung« oder »Sinnesänderung« vornimmt. Nachdem die Päpste im letzten Jahrhundert immer eindringlicher auf Maria als das »Zeichen am Himmel unserer Zeit« hingewiesen haben, darf der gläubige Christ von heute nicht mehr abseits stehen und die Dinge dahin treiben lassen, wohin sie drängen.

Gewisse namhafte Leute haben die geistigen Wächter der Zeit zu trösten versucht mit dem Hinweis darauf, daß nach der äußersten Gottentfremdung »ganz von selbst« wieder eine Umkehr und Rückkehr zu Gott erfolgen werde. Das ist ein fataler Irrtum! Solche automatische Rückkehr in die Ausgangsposition gibt es nur bei untermenschlichen Naturereignissen. So umläuft die Erde die Sonne mit Perihel und Aphel. Auf eine Zeit größter Annäherung folgt eine Zeit größter Entfernung. Einem Beobachter im Weltall könnte es zeitweise so scheinen, als ob die Erde vor der Sonne fliehe und sich in alle Ewigkeit immer weiter von ihr entferne. Dann aber würde er zu seiner Verwunderung gewahren, daß ein Umschwung erfolgt. Die Erde nähert sich von neuem der Sonne.

Solche automatische Umschwünge gibt es in der untermenschlichen Natur, aber nicht in der Geschichte des Menschen. Man hat unsere Zeit eine Zeit der »Flucht vor Gott« genannt, eine Zeit der »Gottesferne«, ja des »Gotteshasses«. Man hat gemeint, wir hätten bereits die äußerste Entfernung von Gott erreicht, und uns damit trösten wollen, Gott käme schon wieder von selbst »in Sicht«. Nein, er kommt nicht von selbst in Sicht. Erst wenn wir - wie der verlorene Sohn der Parabel - den Mut aufbringen, uns selbst aufzumachen und zum Vater zurückkehren, kommt Gott von neuem in Sicht. Dazu sind wir heute alle aufgefordert.

Der Text wurde zunächst als Vortrag in einer Sendung des Radios Vox Fidei veröffentlicht und erschien dann in schriftlicher Form im FELS, Oktober 1976. Ausführlich hat Siegmund die Geschichte des Atheismus in seinem Werk Der Kampf um Gott dargestellt, 3. Auflage 1976, 514 Seiten.


Zum Thema: Michael Novak: Einsame Atheisten

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