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Tradition der Kirche - und was sie unaufgebbar erscheinen läßt

Von Dr. Eduard Kamenicky

Es handelt sich um einen Vortrag, den Eduard Kamenicky am 18. November 1978 in Kassel im Rahmen der Rabanus Maurus Akademie der Diözesen Mainz, Limburg und Fulda gehalten hat. Nach einer ersten Veröffentlichung in der Zeitschrift Entscheidung erschien er 1991 als Broschüre im Kral-Verlag, Abensberg, mit einem Vorwort von Matthias Silvert. Auch dieses Vorwort wollen wir dokumentieren.

Vorwort

Am 18. November 1978 veranstaltete die Rabanus Maurus Akademie der Diözesen Mainz, Limburg und Fulda mit dem Sitz in Frankfurt am Main einen Theologischen Tag in Kassel, der dem Thema "Tradition in der Kirche" gewidmet war. Dr. Eduard Kamenicky aus Wien war gebeten worden, hierzu ein Referat nach selbstformuliertem Gegenstand beizutragen. Wir machen in der Folge den Wortlaut dieses Vortrages ohne jede Änderung zugänglich.

Die unterdessen abgelaufene Zeit wirft die Frage auf, ob der Kurs Roms nicht eine Umorientierung erfahren hat, die die gemachten Aussagen über den Traditionsbruch in der Kirche relativiert. Das päpstliche Motu proprio "Ecclesia Dei" vom 2. Juli 1988 beispielsweise, das der klassischen Liturgie wieder ein gewisses Heimatrecht in der Kirche zusichert, deutet auf ein verstärktes Bemühen um Kontinuität mit der Tradition hin. Doch zeigt gerade umgekehrt der Boykott der päpstlichen Bitte wie auch der erbitterte Widerstand gegen katholische Bischöfe und Bewegungen, die sich der Notwendigkeit der Kontinuität mit der Tradition bewußt sind, wie sehr sich der Traditionsbruch in der Kirche verfestigt hat. Jede Korrektur wird als Bedrohung dessen angesehen, was als Errungenschaft des Konzils ausgegeben wird, in Wirklichkeit aber Zerfall von Glaube, Sitten und kirchlicher Disziplin ist. Die Beseitigung dieser Bedrohung scheint in den Augen der selbsternannten Konzilsverteidiger jedes Mittel zu heiligen, von der öffentlichen Verleumdung des Papstes über die Rebellion gegen katholische Bischöfe bis zur Diffamierung jener Gruppen, die deshalb als "Fundamentalisten" verketzert werden, weil sie ein gläubiges Verhältnis zum kirchlichen Lehramt haben. Deshalb sind die Analysen Kamenickys von einer Aktualität wie je zuvor.

Was den Exkurs zum Fall Lefebvre angeht, so bedeutet in unseren Augen das inzwischen eingetretene tragische und selbstverschuldete Scheitern seiner Bewegung keine Einschränkung jener Aussage, die Kamenicky mit seinem Exkurs machen wollte. Sie wird vielmehr ein weiteres Mal bestätigt durch das von weiten Kreisen praktizierte Verhalten jenen seiner Priester gegenüber, die in Einheit mit Rom verblieben sind. Die Feindseligkeit gegen die traditionstreuen Katholiken offenbart das Ausmaß der inneren Entfremdung von dem überlieferten Selbstverständnis der Kirche Jesu Christi.

München, den 26. August 1991
Matthias Silvert

_____________________

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Der Anlaß unseres heutigen Gespräches, nämlich der allgemein wahrgenommene, wenn auch verschieden beurteilte Schritt in die Distanz von bisherigen Anschauungen und Verhaltensweisen innerhalb der katholischen Kirche, der in den letzten zwei Jahrzehnten zum wohl erregendsten Phänomen des geistigen Gesamtgeschehens geworden ist, macht es notwendig, daß wir uns über die darin auf breitester Front in Frage gestellte Tradition der Kirche zunächst einmal begrifflich Klarheit verschaffen, das heißt mit größtmöglicher Deutlichkeit hervorheben und abgrenzen, was im Zusammenhang der uns hier zugewiesenen Aufgabe unter Tradition der Kirche verstanden werden will. Daß es dabei nicht allein um "Überlieferung" in jenem eingeschränkten und speziellen Sinn gehen kann, wie die Lehre der katholischen Kirche diese der Heiligen Schrift als traditiones "quasi per manus traditae" (Trient, Sessio IV, DS 1501) und somit als zweite, unerläßliche Glaubensquelle an die Seite stellt, dürfte leicht einzusehen sein. Auch unter Berücksichtigung der immer mehr ins Bewußtsein getretenen Tatsache, daß sich die Überlieferung gegenüber der Schrift als der umfassendere Bereich erweist, insoferne nämlich die Bücher des Neuen Testamentes selber bereits aus der Überlieferung der Kirche hervorgegangen sind und ohne diese weder ihrer Vorhandenheit noch ihrer Aussage nach voll verständlich wären, vermag uns die so gesehene Überlieferung, von der das Dogma der Kirche spricht, noch nicht an jene umgreifende Größe heranzuführen, die wir bei Behandlung unseres Themas in den Blick bekommen müssen. Ebenso können dies die herkömmlichen Unterscheidungen von "traditio divina" und "traditio humana sive mere ecclesiastica" oder von "verpflichtender" und "freier" Überlieferung allein nicht leisten. Es mag übrigens durchaus sein, daß wir hier auf ein geistiges Ganzes von besonderer Art und Funktion erstmals vollbewußt reflektieren, weil wir im Begriffe sind, uns von ihm zu lösen, oder weil es zumindest durch die neu entstandene Lage etwas von seiner Selbstverständlichkeit eingebüßt hat.

Traditio im Sinne von Weitergabe geistiger Güter in Treue gegenüber als wahr Erkanntem und als richtig Bewährtem ist aller Kultur, die sich wesensgemäß der Leistung der vorangegangenen Geschlechter verbunden und für die nachfolgenden Generationen verantwortlich weiß, und damit allem wahrhaft menschlichen Leben unentbehrlich. Diese Einsicht ist naheliegend und im Kern wohl so alt wie die Besinnung des Menschen auf seine geistige Existenz überhaupt. An sie denkt wohl Lacordaire, wenn er sagt, Tradition sei "ein notwendiges Element des menschlichen Lebens und das Band zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Vermittlung der menschlichen Erkenntnis" (Conférences I, Paris 1847, 178). Wie sollte es auch Aufbau von Wissenschaft im weitesten Sinn durch mögliche Verwertung gemachter Erfahrung geben ohne Überlieferung derselben?

Welche Rolle solches Weiterreichen von Erkenntnissen, Ansichten und Haltungen spielt und wie es in den verschiedenen Lebensbereichen vor sich geht, ist oft gesehen und dargestellt worden. Über seine Bedeutung für die Ausbildung des Rechtes etwa hat seinerzeit Rudolf Jhering bemerkenswerte Feststellungen getroffen, wobei besonders auffällt, wie sehr er das Moment der Zeit als hierbei wichtig hervorhebt. Er konstatiert, "daß die Geschichte auf diesem Gebiet außerordentlich langsam arbeitet, bei geringer Produktion ungemein viel Zeit gebraucht. (...) diese Arbeit ... liefert vielleicht in einem Jahrtausend nicht so viel, als die politische, Kunst und Literaturgeschichte in einem Jahrhundert" (Geist des römischen Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung, Leipzig 1852, Bd. I, 62). Und er fügt hinzu: "Am meisten Ähnlichkeit hat auch in dieser Beziehung mit dem Recht die Sprache" (ebd 63, Anm. 30).

In einen noch viel weiteren Horizont scheint ein universaler Überlieferungsprozeß durch andere Erwägungen gerückt. So hatte auf die Uroffenbarung als gemeinsame Wurzel jener Anschauungen, in welchen Heidentum und Christentum übereinstimmen, Heinrich Lüken, durchaus fesselnd, in einem heute verschollenen Werk aufmerksam zu machen versucht: Die Traditionen des Menschengeschlechtes oder die Uroffenbarung unter den Heiden, Münster, in zweiter (und meines Wissens letzter) Auflage 1869. Daß überhaupt alle menschliche Erkenntnis religiöser, sittlicher, sozialer und prinzipieller Art letzten Endes ausnahmslos auf die erfolgte Weitergabe göttlicher Offenbarung zurückzuführen sei, war schließlich der Grundgedanke einer philosophisch-theologischen Richtung, die sich im frühen 19. Jahrhundert entwickelt hatte und als deren Hauptvertreter Bautain, Bonald und der junge Lamennais gelten können; deren Lehre wurde in der Folge als "Traditionalismus" bezeichnet, weshalb dieses Etikett, geistesgeschichtlich vorbelastet, wenig geeignet erscheint, eine ganz anders motivierte und inhaltlich bestimmte Position in der gegenwärtigen kirchlichen Auseinandersetzung zutreffend zu benennen.

In die Richtung jenes geistigen Ganzen hingegen, das wir meinen und das uns heute hier zu beschäftigen hat, weisen vielleicht am ehesten Überlegungen, die Johann Adam Möhler darüber anstellt, wie das Weiterreichen bestimmter Überzeugungen in der Kirche vor sich geht. Er sagt einmal: "Durch vertrauensvolles Anschließen an das fortwährende Apostolat, durch die Erziehung in der Kirche, durch das Hören, Lernen und Leben in ihr, durch die Aufnahme des sie ewig befruchtenden höheren Principes wird ein tief innerlicher Sinn gebildet, der zum Vernehmen und Aufnehmen des geschriebenen Wortes einzig geeignet ist ... Dies ist der gewöhnliche und ordentliche Weg. (...) Was ist also Tradition? Der eigentümliche in der Kirche vorhandene und durch die kirchliche Erziehung sich fortpflanzende christliche Sinn, der jedoch nicht ohne seinen Inhalt zu denken ist, der sich vielmehr an seinem und durch seinen Inhalt gebildet hat, so daß er ein erfüllter Sinn zu nennen ist. Diese Tradition ist das fortwährend in den Herzen der Gläubigen lebende Wort." (Möhler, Symbolik, Mainz 1890, § 38, S. 355 - 357).

Nun ist kaum zu sehen, daß bisher jemals die Kirche im ganzen in ein Spannungsverhältnis zu dieser "Tradition", dem von dem sensus ecclesiasticus geprägten Gesamt der katholischen Überzeugungen und Lebensformen geraten wäre. Der Widerspruch gegen sie scheint vielmehr historisch auf das Auftreten heterodoxer Strömungen beschränkt und macht sich als Einzelphänomen am ehesten immer dort bemerkbar, wo noch nicht voll überwundener Paganismus unter neu dem Evangelium gewonnenen Völkern zur Geltung kommt. Darauf bezieht sich beispielsweise einmal sehr deutlich der primus praeceptor Germaniae, Hrabanus Maurus, wenn er in einer seiner Homilien sagt: "Gaudium est mihi magnum, fratres carissimi, quod vos video nomen Christianum diligere, Ecclesias frequentare, baptismum Christi filiis et filiabus vestris appetere, et veri Dei cultui studere: sed valde doleo, quod aliquibus ineptiis plurimos ex vobis obligatos errare conspicio, et inter vera religionis Christianae quaedam falsa intermiscere, quod nullo modo fieri debuit." (Homilia, Opera tom. V., 605; Coloniae Agrippinae 1626). "Es ist mir eine große Freude, vielgeliebte Brüder, daß ich sehe, wie ihr den christlichen Namen liebt, die Kirchen besucht, die Taufe Christi für eure Söhne und Töchter erstrebt und der Verehrung des wahren Gottes euch befleißigt; aber es schmerzt mich sehr wahrzunehmen, daß die meisten von euch, irgendwelchen Torheiten ergeben, irren und unter die Wahrheit der christlichen Religion allerlei Falsches mischen, was auf keine Weise geschehen sollte."

Daß wir uns heute also einem gewissen Novum in der Kirche gegenübersehen, wird als zutreffende Feststellung noch am ehesten toleriert werden. Anders freilich verhält es sich vermutlich, was den entscheidenden Rang betrifft, der von uns der noch näher zu erläuternden Tradition der Kirche zugewiesen wird. Hier ist der Einwand zu gewärtigen, eine derartig pointierte Fixierung des kirchlichen Denkens und Lebens auf das "Überkommene" könne als einseitige Rückwärtswendung nicht akzeptiert werden und wäre dem natürlichen Duktus des Daseins von allem Lebendigen stracks entgegengesetzt. Es scheint mir daher notwendig, vor Eintritt in den ersten Hauptteil unserer Darlegungen, der sich mit den verschiedenen Momenten der Tradition der Kirche befassen soll, diesem naheliegenden Einwurf kurz zu begegnen.

Zum rechten Verständnis dessen, was Tradition für die Kirche bedeutet - und zwar weit hinaus über das, was wir als ihre unerläßliche Funktion im geistigen Leben der Menschheit allgemein signalisiert haben -, müssen grundlegende Unterschiede zwischen Kultur, Gesellschaft, Menschheit und geistigem Aufstieg derselben einerseits und der Kirche und ihrem Leben andererseits präsent sein. In der Kirche spielt Tradition im Vergleich zu deren Stellenwert in profanen Bereichen eine erhöhte und, genau genommen, unvergleichliche Rolle, weil die Vollentfaltung des im geistigen Leben Erstrebten bei ihr - und zwar individuell, wie kollektiv - nicht nur vor ihr, also jeweils in der Zukunft liegt, sondern ihr zugrunde, das heißt: ihr definitiv vorausgeht, von welchem lebendigen Fundament her sie allein ihr Leben authentisch ausfalten und ihre Aufgabe erfüllen kann. Das in der Kirche Tradierte ist - auf seine Quintessenz gebracht - Christus selbst, das heißt aber die Wahrheit und das Leben, die sich von Gott her in Christus geoffenbart (und zwar sowohl erschlossen wie mitgeteilt) haben. Das ist unüberholbar, unüberbietbar, es ist schlechterdings unersetzlich und kann auch im Glauben nicht sinnvoll "hinterfragt" werden. Ein solcher Vorgang, und würde er nur hypothetisch lanciert, setzte den Glauben als Glauben im theologischen Sinn außer Kraft.

Dieser besondere Sachverhalt, an den wir uns nicht mit Hilfe des Modells ihm verwandter Bezüge heranarbeiten können, hat eine belangreiche Folge: die Ausrichtung auf den in historischer Vergangenheit liegenden Ursprung und die diesen Ursprung geschichtlich bezeugenden Wirkungen ist darum gleichbedeutend mit der lebendigen Ausspannung aller Kräfte auf die ausstehende, in der Zukunft zu erwartende Vollendung hin. Je treuer, vollkommener und rückhaltloser sich die Kirche ihrem lebendigen Wurzelgrund, Christus, anschließt und angleicht, desto entschiedener und fruchtbarer wächst sie ihrer Zielgestalt entgegen.

Im Licht dieser Tatsache spielen zahlreiche Einzelfragen, die sich an das Traditionsproblem vor dessen völliger Klarstellung wie von selbst anzuknüpfen scheinen, eine untergeordnete und jedenfalls den Fortgang unserer Besinnung nicht mehr störende Rolle. Läßt sich klären, worin wir die entscheidende und ihrem Wesen nach unentbehrliche Tradition der Kirche zu erblicken haben, können sekundäre Fragen nach der exakten Weite ihres Umfanges, nach der Erkennbarkeit ihrer Kriterien, nach der Zuständigkeit der über sie befindenden Instanzen und nach den Erkenntnishilfen, die uns zur Lösung aller dieser Einzelprobleme an die Hand gegeben sind, vorläufig, das heißt für heute, an den Rand gerückt werden. Über all das ließe sich ein sehr dickes Buch schreiben. Wir müssen uns hier aber notgedrungen auf signalhafte Hinweise beschränken, uns damit begnügen, Hauptlinien zu zeichnen und darin eine klare und verständliche Orientierung versuchen. Mehr ist nicht möglich.

Zu diesem Ende scheint es aber nun erstens wichtig zu sein, an der Tradition der Kirche in ihrem von uns angebahnten und vorgestellten Verständnis verschiedene wesentliche Momente derselben zu unterscheiden und mit möglichster Reinheit in den Blick zu bekommen. Dieser Aufgabe wenden wir uns jetzt zu.

I. Tradition der Kirche nach ihren wesentlichen Momenten

a) Das erste essentielle Moment, das wir an der Tradition der Kirche festhalten müssen, um bei der Rede über sie festen und aus sich unerschütterlichen Boden unter die Füße zu bekommen, ist ihr inhaltliches Gefülltsein mit der in Christus und seinen Aposteln abgeschlossenen Offenbarung, die uns von Gott zuteil geworden ist. Dies bedeutet mit anderen Worten, daß es sich bei der Tradition um eine ihrem Gehalt nach eindeutig und unwiderruflich bestimmte Größe handelt, mithin fürjeden von uns um ein objektiv Vorgegebenes von materialer Distinktheit.

Anerkennen wir, daß es sich so verhält, werden dadurch ungenügende Traditionsverständnisse und -verhältnisse von selbst ausgeschlossen. Es kann dann nicht ausreichen, daß sich eine gesellschaftlich verfaßte Institution namens Kirche durch die Geschichte durchhält, die in einem Jahrtausend diesen und in einem anderen vielleicht jenen Glaubensüberzeugungen huldigte. Ein solcher historischer Lauf der Dinge berechtigte nicht mehr, bezüglich dieser Sozietät von einer sie beherrschenden und geistig prägenden Tradition zu sprechen. Als nichtentsprechend müßte aber auch ein bloßes Festhalten an Worten und Formeln erkannt werden, die einmal als Gefäße des Traditionsinhaltes, nämlich der Glaubenswahrheit, gedient haben, die aber nach und nach ihres Sinnes entleert und eines Tages in anderer als der überlieferten Weise verstanden würden. Die inhaltlich ein für allemal und zwar von dem sich offenbarenden Gott selbst autoritativ festgelegte Tradition bliebe aber zum Beispiel auch nicht intakt, wenn sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ein stillschweigender Teilverzicht der Kirche auf konkrete Inhalte der Tradition vollzöge, weil sie eben nur in ihrer Integrität das ist und bezeugt und bewirken kann, wozu sie der Kirche anvertraut wurde. Ich denke, das ist unschwer einzusehen.

Wodurch nun die Tradition der Kirche in so klar bestimmter und endgültiger Weise inhaltlich gesiegelt ist, kann auch kaum kontrovers sein, da wir uns ja bei diesem essentiellen Moment der Tradition auf dem Boden der Glaubenslehre selbst bewegen und uns bloß die Erinnerung an die darauf bezügliche Seite der katholischen Doktrin nahegelegt wird. Es geht im ganzen um das depositum fidei, deren regula remota die Tradition mit der Heiligen Schrift wie von selbst wird, wenn dem Lehramt der Kirche als dem berufenen authentischen Interpreten beider die Funktion der regula fidei proxima seu immediata zufällt. Daß mit der sie inhaltlich bestimmenden Glaubenswahrheit der Tradition dennoch keineswegs enge Grenzen gezogen sind, wird jedem einsichtig, der die Fülle der Offenbarung jemals mit ihrer ganzen Eindruckskraft auf sich wirken ließ; der sich bewußt bleibt, daß den Schatz des ausdrücklich Formulierten ein breiter und tiefer Strom des einschlußweise Geoffenbarten begleitet, mit dessen Ausschöpfung wir nie zurande kommen werden; der sich vor Augen hält, daß neben dem in sich schon immensen Reichtum der Schrift das Glaubenswissen der Kirche einhergeht, das in immer weiter schreitender Entfaltung begriffen ist, ein Wissen, das sich nicht nur in Konzilsdefinitionen und Kathedralentscheidungen manifestiert, sondern seiner ganzen mächtigen Ausdehnung nach vom Consens der Väter, der Theologen und der Gläubigen durch die Jahrhunderte hin, wie wir wissen, als Traditionsgut der Kirche beglaubigt wird. Aus diesem ersten essentiellen Moment der Tradtion der Kirche resultiert eine bemerkenswerte Besonderheit derselben: wir meinen ihre Unverfügbarkeit, solange wir in der Kirche denken und leben und uns nicht, sie verlassend, ihr gegenüberstellen; eine Unverfügbarkeit, die in dem Augenblick wirksam wird, als wir von der Tradition einen anderen als den einzig legitimen Gebrauch zu machen versuchen, nämlich sie im Glauben zu umfangen und weiterzureichen zur Erleuchtung der Geister mit der göttlichen Wahrheit, zu welchem Zwecke uns diese ja anvertraut worden ist. Gewiß hat auch der vermeintlich alterierende Eingriff in die Tradition ihrer inhaltlichen Seite nach keine objektive Veränderung von Fakten zur Folge, als ob eine Wahrheit durch ihre Leugnung oder Unterdrückung außer Kraft gesetzt werden könnte oder an ihrer Stelle Anderes, Entgegenstehendes anzufangen vermöchte, wahr und richtig zu sein; aber die aktuelle Bedeutung der Tradition für uns selber beziehungsweise jeweils den, der so über sie zu verfügen unternimmt, würde auf Grund einer freien Entscheidung relativiert, ja, wir müssen sagen, von einem segensreichen Gut in ein den Zorn Gottes erweckendes Übel verwandelt.

b) Diese inhaltlich bestimmte und gefüllte Tradition kann jedoch auf die Dauer nicht in erfolgreicher Isolierung dieses einen ihr eigenen essentiellen Momentes gesehen und festgehalten werden. Sie hat ja längst in einem riesigen Komplex ihr zugeordneter Ausdrucksformen ihren Niederschlag gefunden, die nun ihrerseits nicht beliebig sind und in sich ein zweites, wesentliches Moment eben dieser Tradition darstellen.

Dieses zweite, formale Moment zu sehen und zu würdigen, scheint mir wichtig zu sein, zumal ich es für möglich halte, daß die bisherige Betrachtung der Dinge vielleicht zu sehr bei der Sicht eines Nebeneinander stehen geblieben ist und dem lebendigen Ineinander der hier in Frage stehenden Erscheinungen unter Umständen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Und doch ist der Zusammenhang sehr leicht wahrzunehmen und einzusehen: die gläubige Bejahung bestimmter Wahrheiten durch die sie bekennenden Christen hat unvermeidlich so etwas wie eine Verleiblichung der geistigen Traditionsgüter in diesen gemäßen Formen des religiösen Lebens, des Gottesdienstes und des kirchlichen Seins überhaupt zur Folge. Und so wie es die Wahrheit und den ihr widerstreitenden Irrtum gibt, so gibt es auch die entsprechende und die nichtentsprechende äußere Gestaltung und Darstellung des im Glauben zunächst rein geistig Umfangenen.

In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, auf das innere Aufeinander-abgestimmt-Sein von Inhalt und Form als eine Forderung der ontischen Harmonie zu verweisen, welches die entsprechende Form an der Verbindlichkeit des Inhaltes teilnehmen läßt und sie bis zu einem gewissen Grad unserer Willkür entzieht. Das sollte schon mit dem Hinweis angedeutet werden, daß auch der formale Bereich der Tradition, in dem wir uns hier bewegen, nicht einfach in unser Belieben gestellt ist. Der Vorgang, auf den wir aufmerksam machen wollen, kann vielleicht auch mit folgenden Worten umschrieben werden: der in der Kirche tradierte Inhalt der göttlichen Wahrheit und Verheißung vermochte (dem Gesetz seines eigenen Wesens nach!) nur ganz bestimmte Formen des geistigen Lebens, des Kultes, der Frömmigkeit, der genuin christlichen Daseinsweisen hervorzubringen, nämlich jene, die in diesem Inhalt (und damit zuletzt im Vorbild Christi) schlechterdings grundgelegt und keimhaft vorgegeben waren.

Der Spielraum des Möglichen ist hierbei durchaus nicht klein. Im Gegenteil; wie wir etwa an der erhabenen Vielfalt und Schönheit der alten Liturgien, vorab derer des Ostens, ablesen können, ist gerade der wunderbaren Fülle der göttlichen Wahrheit eine verwandte Fülle ihrer irdischen Feier konform. Dennoch bewegt sich hier alles in einem ganz bestimmten Raum und Rahmen, der trotz größter Mannigfaltigkeit im einzelnen typisch und unverkennbar ist, und der sich interessanterweise auch weder mit Glück imitieren noch durch freie Schöpfungen anderer Art befriedigend ersetzen läßt.

c) Das dritte essentielle Moment der Tradition der Kirche besteht meines Erachtens darin, daß es sich bei ihr nicht um einen Komplex statischer Größen materialer wie formaler Bestimmtheit handelt, sondern um einen einzigen, großen Lebenszusammenhang. Ich möchte auf die Sicht dieses Momentes einen besonderen Akzent legen, weil mir dieser Sachverhalt weithin unbekannt zu sein scheint oder er jedenfalls oft so gut wie keine Berücksichtigung findet. Die notwendige Gegebenheit dieses dritten Momentes ergibt sich indes für den Denkenden fast von selbst, da ja auch die Tradition der Kirche nicht Selbstzweck ist, sondern funktional eingefügt erscheint in das große Ganze des von Gott entworfenen und zuletzt auch von ihm exekutierten Heilsplanes. Es geht eben nicht nur um die zuverlässige Hinterlage bestimmter Glaubensinhalte, die geoffenbart wurden, auch nicht nur um das fortgesetzte Pflegen konkreter Formen der Frömmigkeit und der Gottesverehrung; es geht um die ständige Fortdauer und Ausfaltung des Lebens der Kirche selbst, die ohne die lebendige Klammer der Tradition ihre Identität nicht bewahren könnte.

Infolgedessen muß die Tradition als eine für die Kirche konstitutive Komponente erkannt werden, ohne welche die sie tragenden Größen Glaube, Liebe und Gnade als übematürliche Wirklichkeiten nicht auf die Dauer das Eingebunden-Bleiben des irdischen Reiches Gottes in die menschlich-weltliche Realität zu verbürgen vermöchten. Wir berühren damit die vielleicht wichtigste Perspektive des Gesamtproblems Tradition überhaupt. Andenken, Erinnerung, geistige Sympathie und ideologisches Nahverhältnis irgendeiner je contemporären Eigensicht von sozial sich artikulierenden Gruppen zu dem aus Distanz so oder anders gedeuteten Entwurf einer "Gemeinde" als des vermutlichen Vermächtnisses Christi genügt bei weitem nicht, um die geschichtsmächtige Fortdauer der Stiftung des Herrn in unverfälschter Intention aufrecht zu erhalten. Nicht irgendeine Nachfolge-Organisation mit verwandter weltanschaulicher Prägung kann die Kontinuität des historischen Subjektes Kirche gewährleisten, sondern nur sie selbst in ihrer fraglosen Gegebenheit auch jetzt, sie, an deren Spitze einst zu Antiochien Ignatius stand, zu Ephesus Johannes, Petrus zu Rom und Titus auf Kreta. Nur das fernere Vorhandensein und die lebendige Wirksamkeit eben dieser unverwechselbaren und durch nichts zu supplierenden oder zu duplizierenden Gemeinschaft "en Christo", die wir Kirche heißen, läßt Heil von Gott her, Leben durch Jesus, neue Schöpfung aus dem Heiligen Geiste Wirklichkeit werden.

Was die lebendige Tradition der Kirche dem Einzelnen verbürgt, ist diese durch nichts aufzuwiegende Eingeschlossenheit des Christen in das große Ereignis des Heiles, seine brüderlich-familiäre Gebundenheit an die Apostel, seine wahre Hausgenossenschaft Gottes. Was hingegen der Zweifel an der Unverletztheit jenes Bandes in die Welt trägt, ist nichts weniger als die innerste Unsicherheit an der rettenden Präsenz Christi und seines Reiches. Unter diesem Gesichtspunkt erhält die nachweislich gegebene successio apostolica eine Bedeutung, die über die bewiesene Akkuratesse historischer Buchführung weit hinausreicht. Entweder wir sind Christi oder wir sind es nicht - das ist allein die Frage! Die Möglichkeit der positiven Antwort auf sie ruht auf einem, gewaltigen Fundament: der nachweislichen Ungebrochenheit der kirchlichen Tradition. An ihrem Sein oder Nichtsein hangt die Existenz der Kirche und die jedes einzelnen Christen. Das muß einmal in aller Schärfe geklärt und ausgesprochen werden, um die ungeheuerlichen Manipulationen mit der Überlieferung, deren Zeugen wir sind, als das, was sie sind, erkennbar zu machen.

II. Sorgen derer, denen die Tradition teuer ist.

In Anbetracht der orientierenden und klärenden Hinweise, die uns im ersten Abschnitt unserer Darlegungen ermöglicht waren, kann nun bereits in einem zweiten Abschnitt unseres Referates ganz konkret auf jene Frage eingegangen werden, die uns anläßlich dieser hier stattfindenden Tagung gestellt wurde: Welche Sorgen um die Kirche bewegt die sogenannten 'Traditionalisten' heute? Was ist ihr Anliegen? Wie sind ihre Haltungen und Initiativen zu verstehen? Wir wollen uns, des leichteren Verständnisses und der Ordnung halber, an jene Gliederung der Hauptfrage anlehnen, die sich uns im ersten Abschnitt unserer Überlegungen ergeben hat, und so unter dem Gesichtspunkt der Traditionsproblematik eine erste, vorläufige Antwort zu geben versuchen.

a) Jene Glieder der Kirche, die sich im besonderen auf die Tradition berufen und stützen, weil sie sich dieser lebendig verbunden fühlen, haben an erster Stelle die große und sie heftig bedrängende Sorge, daß gegenwärtig die von der Tradition überlieferten und verbürgten Inhalte des katholischen Glaubens nicht nur neu dargestellt, neu akzentuiert oder modifiziert, sondem gegen andere vertauscht werden und somit im Begriffe sind, verloren zu gehen.

Der hier gemeinte Vorgang ist längst nicht mehr eine Angelegenheit innerkirchlich kontroverser Theologie, sondern sie ist ein weltweites Phänomen der Verkündigung (oder Nicht-Verkündigung!), der Umerziehung der Gläubigen auf dem Wege der pastoralen (oder nicht-pastoralen!) Praxis, der Katechese oder jener Einladungen zur kritischen Reflexion über die Fragen des eigenen Lebens und der Gesellschaft, die, verbunden mit religionskundlicher Information, an die Stelle der Katechese getreten sind.

Dies im einzelnen auszuführen, würde ein vielfaches der Zeit in Anspruch nehmen, die uns zur Verfügung steht. Es ist indes nicht mehr notwendig, in diesem Zusammenhang bestimmte Autoren und konkrete Einzelfälle aus dem Leben der Kirche anzuziehen, um damit das hier Erwähnte zu beweisen, weil es sich um durchaus notorische Erscheinungen handelt, die so sehr den Alltag der Kirche heute durchdringen und beherrschen, daß der Versuch der Behauptung, dies alles gäbe es nicht und in der Kirche stelle sich alles unverändert dar wie eh und je, längst unmöglich geworden ist. Außerdem müßtejedes Eingehen auf Einzelphänomene im Rahmen einer solchen allgemeinen Äußerung den falschen Eindruck erwecken, die gegenwärtige Krise wäre durch die Behebung einzelner namhaft zu machender Fehlentwicklungen oder lokaler Mißstände zu überwinden. Der Verzicht auf die Nennung von Namen, die für diverse Anschauungen und Tendenzen in der Kirche als besonders repräsentativ gelten können, resultiert also nicht nur aus der Unmöglichkeit einer taxativen Aufzählung der hier zu berücksichtigenden Personen und Fakten auf Grund einer kompletten Induktion (die eben gar nicht mehr durchführbar ist), sondern ebenso aus dem Wunsch, jede Einengung des Blickfeldes auf Spezialfragen zu vermeiden und so die Eigenart der Gesamtsituation, in der sich die Kirche unseres Erachtens heute befindet, samt der ihr innewohnenden schwerwiegenden Problematik besser spürbar werden zu lassen.

Es ist aber durchaus möglich und wohl auch zweckdienlich, den immer wieder zu beobachtenden Vorgang zu charakterisieren, der zu der neuen Lage der Kirche durch eine gewandelte Auffassung bezüglich der Inhalte ihrer Tradition geführt hat und in dem sich die Professoren mit einem Einfluß und einem Erfolg, die historisch kaum eine Parallele kennen, zu Herren über unseren Glauben aufgeschwungen haben.

Am Anfang steht dabei meist eine Änderung der Sicht durch Verschiebung der Aspekte mit Hilfe neuer Fragestellungen und unter Verwendung einer neuen Terminologie. Will man die Dinge anders sehen lehren, als sie bisher gesehen und verstanden wurden, empfiehlt es sich, sie zunächst einmal anders zu benennen. Das ist, wie Sie alle wissen, im gesamten Gebiet der Glaubenslehre und des kirchlichen Lebens ausgiebig geschehen. Ich muß mich auf die Erwähnung einiger Beispiele, die mir besonders instruktiv scheinen, beschränken; sie reichen von der reinen Umbenennung bis zum Ersatz der einen Größe durch eine ihr ähnliche, andere. So wurde aus der Kirche die Gemeinde, aus dem heiligen Meßopfer die Eucharistiefeier, aus Christus, dem Herrn, Jesus, unser Bruder; der Heiland wird zum Retter, die Erlösung zur Befreiung, die Liebe zur Mitmenschlichkeit; statt von Seligkeit spricht man von Freude, womit, von vielen unbemerkt, der Sprung vom abgetanen Jenseits ins aktuellere Diesseits gelingt; das Reich Gottes wird behutsam und kaum merklich, aber sehr folgenreich vom Volk Gottes abgelöst (worin geschickt die Weichen von der Theokratie zur Demokratie gestellt werden - Eric de Saventhem hat dies in einer hochinteressanten Studie aufgezeigt - ), das Kerygma vom Dialog, die Mission vom Weltdienst; den Platz der alten Sorge um das Seelenheil nimmt weithin der moderne Einsatz um ein Mehr an Gerechtigkeit ein; die Gnade schrumpft zur Gesinnung des Wohlwollens, christliche Tugend und Vollkommenheit zum sozialen Engagement; wo es einmal um den Frieden mit Gott ging, dreht sich heute alles nur mehr um den Frieden unter den Menschen; die große Lücke der unzeitgemäßen Eschatologie füllt ein oberflächlich christianisiertes "Prinzip Hoffnung" aus; Unübersetzbares wird umschwiegen, mehr als an Wahrheit zeigt man sich an Freiheit und Toleranz interessiert. Es wäre reizvoll, ein Wörterbuch anzulegen, das den Austausch der Terminologien im katholischen Raum während der letzten Jahrzehnte erfaßt und dokumentiert. Es vermöchte aufzuzeigen, wie sehr hier ganze Arbeit geleistet wurde.

Man bleibt jedoch bei einer solchen umfassenden Sprachregelung nicht stehen. Ist einmal das mentale Okular neu eingestellt und das Denken auf die gewünschten neuen Inhalte konzentriert, werden in einer zweiten Phase die alten Formeln des Dogmas samt ihrem archaischen Wortlaut wieder aufgegriffen, aber in der nun möglich gewordenen "zeitgemäßen" Interpretation mit neuem Sinn erfüllt. Dabei wird vordergründig gleichsam die Tradition als Waffe gegen die Tradition gebraucht. Daß dieser Vorgang nicht nur zur Verunsicherung, sondern zur totalen Verwirrung der Gläubigen führen muß, die einer soliden theologischen Bildung entbehren oder die sich nicht unerschütterlich auf das Glaubenslicht verlassen, ist begreiflich. Einige Beispiele: Jesus wird schon "Sohn Gottes" genannt, aber was heißt dies? Der Ausdruck umschreibt den Menschen, in dem uns Gott besonders nahe gekommen ist. (Daß damit die ganze Trinitätslehre hinfällig wird, ist klar, wird aber nicht als tragisch empfunden; auch dieser philosophische "Formulierungsversuch" läßt sich mit der nötigen Hermeneutik ansprechend, wenn auch freilich ganz anders als bisher, auslegen.) Nach wie vor ist die Rede von der Jungfrauengeburt; aber nun wissen wir, daß es sich dabei nur um den literarischen Ausdruck dafür handelt, daß der Mensch Jesus ein besonderes Geschenk Gottes an uns ist. O ja, es gibt eine Auferstehung Christi in die Apostel, in uns; sie ereignet sich im Aufdämmern der Erkenntnis, daß die "Sache Jesu" weitergeht ... Und so fort. Vor den Leistungen solcher Interpretationskunst ist kein Satz der Glaubenslehre sicher, von ihrer Anwendung wird nichts grundsätzlich ausgenommen. Die Loslösung von den Inhalten der Tradition gelingt dabei immer leichter, immer vollkommener. Vieles, was sich nach wie vor Theologie nennt, wird zum selbständigen Denkentwurf, gleitet hinüber in eine Art Lebensphilosophie, in Anthropologie, Psychologie, Soziologie und Verwandtes.

Zu einem gewissen Abschluß kommen diese geistigen Vorgänge im Versuch der umfassenden Neudeutung von Evangelium und Christentum im ganzen als eines Impulses zur Gesellschaftsveränderung im Interesse der Förderung von Fortschritt, Frieden und Gerechtigkeit auf der Basis weltweiter Solidarität. Da diese Sicht gewöhnlich klinisch transzendenzfrei ist, können wir die Resultate der hier gemeinten Bemühungen als von der christlichen Tradition entfernt angeregte, aber in der entschlossenen Emanzipation von dieser säkularisierte innerweltliche Heilslehre ansprechen.

b) Die zweite große Sorge derer, die katholische Christen im Sinne der Tradition sind, ist die, daß sich der Bruch mit der Überlieferung auch in formaler Hinsicht ereignet, eine Sorge, die durch den Hinweis auf den praktisch kompletten Austausch der Formen von Gottesdienst und kirchlichem Leben als nur zu berechtigt dargetan werden kann.

Dabei läßt sich keineswegs behaupten, die Rolle jener formalen Komponente der Tradition werde auf seiten der Traditionsbewußten und der Tradition Verbundenen hoch eingeschätzt, auf seiten der Neuerer indessen gering geachtet. Im Gegenteil: es ist offenkundig, daß auch die eine totale Änderung betreibenden Kräfte die Bedeutung des Formalen sehr wohl erkennen und hoch einstufen; denn man bedient sich sehr durchdacht und planmäßig des ganzen Spektrums einer neuen Formensprache im kirchlichen Leben, um gerade durch die umerziehende Kraft von regelmäßig geübten oder erfahrenen Ausdrucksformen die gewünschte Bewußtseinsveränderung herbeizuführen.

Das Hauptbeispiel dafür ist die Liturgie als die Herzmitte des kirchlichen Lebens. Aber auch der neue Stil der gremialen und kollektiven Leitung der Gemeinden samt der ganzen Praxis des kirchlichen Rätesystems steht unverkennbar im Dienste der neuen Ecclesiologie.

So wie auf dem Gebiet der dogmatischen Konfrontation ist es auch hier nicht möglich, mittels einer umfassenden Analyse der an Zahl und Fremdheit erdrückenden Masse der neuen kirchlichen Lebensformen diese ihrer zumindest unterschwellig akatholischen und achristlichen Tendenz zu überführen, es ist aber auch hier so wie dort gar nicht notwendig: Die kleinsten Details der dekretierten Neu-Ordnung sind hierbei oft die aufschlußreichsten, vor allem, weil sie, in ihrer summativen Wirkung betrachtet, keinen Zweifel über die Richtung offenlassen, die hier verfolgt wird, und über die Absichten, die klugerweise unausgesprochen bleiben.

Ich darf mich also auch hier des Einzelnen als eines kleinen Beispiels bedienen und dazu einladen, diese zum Teil winzigen Mosaiksteine selber zusammenzusetzen zu dem Bild jener traditionsfremden Anschauungen, unter deren Herrschaft wir geraten sind.

Wenn man es früher - wie sogar ein amtliches Dokument zu formulieren sich nicht entblödet - für der Ehrfurcht gegenüber dem physisch präsenten Leib des Herrn angemessen hielt, daß der Priester bei der Feier der heiligen Geheimnisse nach vollzogener Konsekration die Finger, die den heiligen Leib berührt hatten, nicht mehr öffnete - und wenn man das gleiche heute nicht mehr für angemessen und erfordert erachtet, dann hat sich offenbar etwas in der Meinung bezüglich der Weise der Gegenwart des Herrn in den eucharistischen Gestalten geändert. Wenn man es früher für entsprechend ansah, den Leib des Herrn knieend zu empfangen, heute aber "das heilige Brot" im Vorübergehen händisch in Empfang nimmt, so drückt doch auch dies ohne Zweifel sehr deutlich und sprechend einen Wandel des eucharistischen Denkens aus. Wenn der lebendige Glaube an die wirkliche Gegenwart Christi im heiligen Opfer, aber auch das Bewußtsein der tiefen Symbolik des Altares, auf dem das welterlösende Opfer des menschgewordenen Gottessohnes im Mysterium gegenwärtig wird, es bisher als selbstverständlich erscheinen und empfinden ließ, daß der Priester diesen gesalbten und Gott geweihten Altar zu wiederholten Malen bei der Feier der heiligen Liturgie in tiefster Ehrfurcht küßte, heute aber das "Delikt" des Altarkusses während des Canons unter Umständen zur sofortigen Anzeige beim zuständigen Bischof führt, muß doch eine Auffassung vom liturgischen Geschehen herrschend geworden sein, die der überkommenen diametral entgegengesetzt ist und mit ihr schlechthin unvereinbar erscheint. Was soll man dann erst von der räumlichen Neu-Ordnung der in Versammlungshallen umgewandelten Gotteshäuser halten, die es de facto unmöglich macht, dem Kreuz Christi seinen Platz auf dem Altar zu erhalten? Was von den Maßnahmen, welche die uralte Tradition, das göttliche Opfer über dem Grab der Heiligen zu feiern, durch stillschweigende Entfernung der Reliquien und Ausmerzung des Reliquienkultes einfach ignoriert? Was soll man sich denken angesichts der Entblößung der Heiligtümer von aller Zier, ganz so, als hätten dereinst im Bilderstreit die lkonoklasten recht behalten und wäre das islamische Ideal der Bildlosigkeit zum Dogma der katholischen Kirche erhoben worden? Es ist nun einmal allgemein menschlich und unabdingbar, daß die äußere Haltung der inneren entspricht und umgekehrt, daß beide Komponenten des humanen Tuns miteinander im Einklang stehen, aufeinander abgestimmt sind, voneinander gar nicht getrennt werden können. Wenn man nun früher im Gottesdienst häufig das Knie beugte, heute fast überhaupt nicht mehr, ehedem den Altar in Wolken des Weihrauchs hüllte, was jetzt beinahe nie und nirgendwo mehr geschieht, wenn man sich einst im anbetenden Kultakt Gott zuwandte, neuerdings aber der Gemeinde Aug in Aug präsidiert, dann sind das keine Kleinigkeiten, Nichtigkeiten oder Nebensächlichkeiten, sondern äußerst beredte Signale für eine neue Haltung, die neuem Denken entspricht oder, durch die befohlene Übung und ständige Wiederholung, zu einem solchen neuen Denken erzieht.

Die Eingriffe, die wir in kürzester Zeit in die gewachsene Liturgie erlebt haben, sind in keiner Weise mit der Ehrfurcht vereinbar, die die Kirche den überlieferten Formen des Gottesdienstes bisher immer entgegengebracht hat. Es ist ein singuläres Phänomen in der Kirchengeschichte, das im Kreise wirklich Versierter bereits die Frage aufwirft, ob vieles von dem, das heute als "rechtmäßig eingeführt" gilt, tatsächlich rechtmäßig eingeführt wurde. (Auf diesen Aspekt werden wir im dritten Teil unserer Darlegungen noch einmal zurückkommen, wenn wir kurz von dem Recht auf die Tradition sprechen.)

Diesen Punkt abschließend sei nochmals betont, daß die formale Seite der Tradition nicht um ihrer selbst willen urgiert und ihre Güter nicht in Ablösung vom Glauben als solchem verteidigt werden sollen; vielmehr halten wir dafür, daß die gewachsenen Formen des kirchlichen und gottesdienstlichen Lebens authentische Interpretation der tradierten göttlichen Wahrheit sind und an deren Unersetzlichkeit und Unaufgebbarkeit partizipieren.

c) An dritter Stelle muß nun die Sorge genannt werden, daß sich durch die eben erwähnten Vorgänge der Lebenszusammenhang der Kirche löst mit der möglicherweise eintretenden schließlichen Folge, daß dort, wo die Kirche noch zu sein scheint oder ihre Vorhandenheit zumindest behauptet wird, eben diese Kirche eine Tages nicht mehr ist.

Die Ansichten darüber, wie weit der Prozeß in dieser Richtung vorangeschritten ist, sind ähnlich vielfältig und different wie die Zerfallsphasen selbst, in welchen sich die Kirche an verschiedenen Orten vor unseren Augen von sich wegentwickelt. Daß, um etwas deutlicher zu werden, heute kein vergleichbarer Zustand der Kirche etwa in den Niederlanden einerseits und in Polen andererseits vorausgesetzt oder plausibel gemacht werden kann, dürfte wohl klar sein.

Um wahrzunehmen, daß es sich bei dem, was wir erleben, nicht um einen natürlichen, organischen Entwicklungsprozeß handelt, müssen wir ferner die Feststellung treffen und auswerten, daß sämtliche übrigen, uns historisch zugänglichen Teilabschnitte der Kirchengeschichte samt den ihnen eigenen, besonderen Einsichten, Ausdrucksweisen, Leistungen und Eigentümlichkeiten aller Art untereinander im vollen Einklang des Glaubens und des Lebens stehen, sich allesamt aber von der neuen Sicht von Kirche und Christentum gleich charakteristisch abheben; daß alle anderen Stufen von Theologie, Liturgie, Frömmigkeitsleben und Glaubenspraxis überhaupt miteinander harmonisierbar sind, wenngleich es, was sich von selbst versteht, sehr unterschiedliche Grade und Etappen der Entfaltung gibt, zwischen denen sich aber keine inneren Widersprüche aufweisen lassen, kein Bruch. Das ist neu. Das ist einmalig. Das ist unvergleichlich. Und das ist Anlaß zu tiefster Sorge um die Kirche, die sich von Christus herleitet, die uns während einer fast zweitausendjährigen Geschichte in vollkommener Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit begegnet und die nun anhebt, sich mit einem Mal ganz anders zu verstehen, zu beurteilen, zu entwerfen und zu betätigen.

Hier ist auch der Ort, in Gestalt eines knappen Exkurses ein Wort zum Fall Lefebvre zu sagen. Wir haben es dabei nach meiner Überzeugung nicht mit einer Rebellion zu tun, sondern mit dem schlichten, völlig klaren, von einem bestimmten Personenkreis als notwendig und in sich selbstverständlich erachteten Fortbestehen der katholischen Kirche in ihrer überlieferten Glaubensüberzeugung und Lebensform, eine Erscheinung, die - und das ist höchst beunruhigend - immer mehr zum erratischen Block innerhalb einer total gewandelten ecclesialen Landschaft wird. Die Härte und Unversöhnlichkeit, mit der die offizielle Kirche Lefebvre gegenübersteht und die einen so auffallenden Kontrast bildet zu den Parolen der Kollegialität, des Pluralismus, der Toleranz und der ökumenischen Gesinnung, zeigt vielleicht mehr als alles andere, worauf ich Sie hinweisen durfte, wie dick der Strich ist, den die Kirche unter ihre Vergangenheit und damit unter die Tradition gezogen wissen will. Wenn praktisch alles geduldet werden kann innerhalb dieser im Sinne weltlicher Verhaltensweisen so großzügig und weitherzig gewordenen Kirche, nur nicht das, was bis vor kurzem von ihr selber heilig gehalten und unter strengster Verpflichtung auferlegt worden war, dann muß sich ein geistiges Beben von der Stärke 12 ereignet haben - anders ist dies nicht zu erklären. Im Falle Lefebvre hat das "Experiment Treue" zu einem Resultat geführt, das durch seine bloße Existenz und die mit ihr gegebene Möglichkeit des Vergleiches dem Gesamtzustand der Kirche eine bestürzende Diagnose stellt. Diese Chance zum Vergleich scheint mir ebenso wichtig wie die Vergeßlichkeit der Menschen groß. Denn im Grunde müßte jeder Christ, der die letzten beiden Dezennien wach miterlebt hat und in seiner Jugend den Geist der Überlieferung der katholischen Kirche noch in sich aufnehmen konnte, zu einer einigermaßen zuverlässigen Beurteilung der Lage fähig sein. Wir versuchen heute, das Merkwürdige dieser Lage unter dem Gesichtspunkt des erfolgten Bruches mit der Tradition zu begreifen.

Um diese ganze Problematik jedoch nicht nur von der Seite einer bestimmten Überzeugung aus aufzurollen, die, mag sie noch so sehr die bisher allgemeine und für die katholische Kirche selbstverständliche gewesen sein, heute sicher nicht von jedermann geteilt wird, möchten wir in einem dritten, sehr knapp zusammengerafften Teil unseres Referates diese Problematik als eine einfach menschliche und darin zudem ungemein schwierige beleuchten, was im Augenblick vielleicht am meisten etwas zum gegenseitigen Verständnis beitragen kann.

III. Bruch mit der Tradition als menschliches Problem

Wir möchten hier in aller Kürze auf drei Seiten dieses vielschichtigen Problems aufmerksam machen, die uns am besten die Lage jener veranschaulichen können, welche sich außerstande sehen, den heute vorgenommenen und befohlenen umfassenden Wandel in der Kirche mitzumachen.

Es gibt hier Schwierigkeiten bereits im Bereich der Erkenntnis oder, sagen wir es stichworthaft:

1. ein noetisches Problem.

Der Bruch mit der Tradition stellt für viele ein noetisches Problem deshalb dar - gerade deshalb, müßten wir exakterweise sagen -, weil sie das Überlieferte nicht bloß um seines Überlieferungscharakters willen (was anzunehmen naheliegend schiene), sondern um seiner Wahrheit willen bejahen. Hier müßte man einmal daran erinnern, daß gerade der "mündige" Christ, um dieses verbrauchte Wort ausnahmsweise einmal in einem Kontext einzusetzen, wo es seinen ursprünglichen Sinn zur Geltung bringen kann, das von der Kirche im ganzen Gelehrte nicht einfach deshalb annimmt, weil es die Kirche sagt, sondern weil er von dessen Richtigkeit überzeugt ist.

Ein weiterer Schritt des Gedankens macht aber klar: auch die positivste Einstellung zum Prinzip des Gehorsams in der Kirche und dessen theologischer Motivation kann nicht den Akt der inneren Zustimmung zu etwas ermöglichen, das in seiner sachlichen Unrichtigkeit durchschaut wird. Analoges gilt von dem nicht als unwahr, sondern als falsch im Sinn von verhängnisvoll Erkannten. Es ist dies, wie ich meine, ein noch viel zu wenig gesehener Sachverhalt!

Nun handelt es sich aber bei der radikalen Neuorientierung der kirchlichen Verkündigung und Theologie, des Glaubenslebens und seiner Folgerungen de facto um eine befohlene neue Sicht der Dinge, zu welcher aber mitnichten stichhaltige Argumente für die erwünschte neue Überzeugung mitgeliefert werden. (Aus diesem Umstand darf man allerdings für niemanden einen Vorwurf ableiten, da es jene Argumente eben gar nicht gibt und niemand zu in sich Unmöglichem verpflichtet werden kann.) Außerdem entsteht in jedem Falle das unüberwindliche Dilemma, daß die Kirche entweder jetzt oder früher geirrt und Irriges gelehrt oder eingefordert haben muß, was man an sich, wenn man will, dahingestellt lassen sein kann, womit aber die Glaubwürdigkeit der Kirche als solche vertan ist. (Auf diese bedeutende Schwierigkeit wurde in den letzten Jahren schon oft und von vielen Seiten hingewiesen, ohne daß jemals dazu in halbwegs befriedigender Weise Stellung bezogen worden wäre. - Der Dialog, den wir heute hier versuchen, steckt ja noch in den Kinderschuhen!)

Der einzige theoretische Ausweg aus der Schwierigkeit, die ja bei geänderten Punkten der Lehre, welche allmählich zum Gemeingut der Kirche werden, besonders groß ist, der aber wegen seiner Unstimmigkeit nicht gangbar erscheint, besteht in der Doktrin von der Geschichtlichkeit der Wahrheit. Kann man sich dieser aber aus triftigen Gründen nicht anschließen und das wird ein gesund und konsequent Denkender eben überhaupt nie können , dann bleibt die Schwierigkeit unbehoben und die Annahme der "neuen Lehre" wegen der Widersprüche, die sie in den Erkenntnisbereich des Einzelnen hineinträgt, unzumutbar.

Der Bruch mit der Tradition ist aber auch

2. ein moralisches Problem.

Dieses Problem wurzelt darin, daß dem Christen das Gewissen als letzte Instanz der Entscheidung bekanntgemacht wurde, die aber nun, überraschend genug, sich jeweils dem Spruch einer amtlichen Verfügung zu beugen hätte. Das wird in dem Augenblick schwierig, in dem das auf diesem Wege Verfügte die Einsicht in seine Notwendigkeit, ja seine blanke Vemünftigkeit unmöglich macht.

Was meinen wir, wenn wir von einem moralischen Problem sprechen? Wir denken an die undelegierbare Verantwortung des Einzelnen für sich selbst, wir denken an seine Verantwortung für die, die ihm in besonderer Weise anvertraut sind. Wir denken aber auch (und vielleicht mehr, als es erwünscht ist!) an die Mitverantwortung des einzelnen Gläubigen für die Kirche. Und wir denken insbesondere an die Pflicht, die wir angesichts der empfangenen Tradition zweifellos haben: sie nicht nur für uns zu besitzen und zu nützen, sondern sie unverfälscht und ungemindert zu bewahren und weiterzugeben an jene, die nach uns kommen und die ja ganz auf diesen unseren Dienst und unsere Bereitschaft zu ihm angewiesen sind! Man muß sich wohl erst einmal überlegen, was das heißt ...

Eine moralische Frage ist es aber auch, ob wir, wie schon in früherem Zusammenhang angedeutet, nicht nur eine Verpflichtung gegenüber den Gütern der Tradition haben, sondern ein Recht auf sie. Es läßt sich sehr schwer vorstellen, daß Dinge, die das innere Leben ungezählter Menschen so tief berühren, der Verfügungsgewalt weniger in einer Weise überlassen sein könnten, daß diese über den Besitz oder Nichtbesitz jener Güter seitens vieler frei und geradezu willkürlich zu befinden vermöchten. Die Tradition der Kirche ist eine geistige Hinterlassenschaft von gewaltiger Größe; die Kirche ist wohl deren Verwalterin, aber jeder Christ ist rechtmäßiger Erbe. Auch hier gibt es vieles, was erst durchdacht werden müßte. Wenn der Christ, wie die Kirche lehrt, "Anspruch" auf die Sakramente hat und wenn ihm diese nicht ohne einen Grund, den der Betreffende selbst als Hindernis setzt, verweigert werden dürfen, dann ist es wohl undenkbar, daß ihm die Tradition, aus der er lebt, eines Tages schlankweg vorenthalten wird.

Wie verhält es sich dann aber mit den Riten, die die geistliche Lebenswelt des einzelnen Gläubigen formen? Wie etwa mit dem Wortlaut der Symbola, die dem Christen einst von der Kirche feierlich übergeben wurden und die man auch zu unserer Zeit noch dem zum Gebrauch seiner Vernunft Erwachenden als die eherne und zuverlässige Richtschnur seines heiligen Glaubens eingeprägt hat? Kann man da, um nur ein Ärgernis erregendes Beispiel zu nennen, eines hübschen Tages von einem "Reich des Todes" zu reden beginnen, das es gar nicht gibt und welches die gesamte christliche Überlieferung nicht kennt? Kann man so en passant die Auferstehung des Fleisches in eine Auferstehung der Toten verwandeln? Kann man durch mutwillige Änderung klassischer Gebetstexte Millionen von Gläubigen das gemeinschaftliche Beten auf lange Zeit vergällen, weil die unvermeidliche Verwirrung angesichts verschiedener Wortlaute die Teilnahme am Gebet verleidet? - Stoßen wir auf diesem Gebiet nicht auf eine ganze Flut von Rechtsverletzungen, die den Glauben erschüttem und die Liebe vieler Herzen erkalten lassen?

Der Bruch mit der Tradition ist schließlich

3. ein existentielles Problem.

Es ist dies vielleicht das gravierendste Moment überhaupt, das wir namhaft machen können, und dabei jenes, das am wenigsten gesehen und berücksichtigt wird.

Man müßte sich einmal klar machen, was bei der Entwicklung des geistigen Menschen zur Vollpersönlichkeit vor sich geht, welche Komponenten dabei eine Rolle spielen, welche Bedeutung den Gütem des Glaubens darin zukommt, seien es in innerster Überzeugung umfangene Wahrheiten, seien es Weisen des religiösen Lebens, seien es sinnfällige Ausdrucksformen der Verbundenheit mit Gott, der Einbezogenheit in die Gemeinschaft der Heiligen, des Eingegliedertseins in die große Familie der Gotteskinder. Gerade derjenige, der sein Christsein nicht als eine Draufgabe der irdischen Existenz passiv hinnimmt, der in die Welt des Glaubens tätig hineinwächst, der sich die Schätze der Überlieferung geistig aneignet, tritt in ein personal voll verantwortetes Verhältnis zur Tradition, das nicht durch Eingriffe von außen gestört werden dürfte, das vor allem nicht auf Befehl gelöst und widerrufen werden kann. Die Tradition der Kirche wird in diesem ausgezeichneten Falle, der eigentlich paradigmatisch sein müßte für das freibewußte und vorbehaltlose Christwerden jedes einzelnen Gläubigen, den die Gnade Gottes getroffen hat, selber zu einer Konstituante der betreffenden Persönlichkeit und kann ohne gewaltsame Zerstörung derselben von dieser nicht mehr abgelöst werden. Wo man solches durch medikamentöse Einwirkung oder handfeste Manipulationen chirurgischer Art dennoch versucht, kommt es zu einer verbrecherischen Verstümmelung der Person unter weitgehender Ausschaltung der ihr von Natur aus eigenen Grundkräfte und den ihr zustehenden Funktionen.

Es ist erschütternd zu sehen, wie sich Analoges in der Kirche abspielt, die nicht davor zurückschreckt, ihren Kindern Dinge aus den Händen und aus dem Herzen zu reißen, die ein Stück ihrer selbst geworden sind. Es sind Fälle bekannt, wo (ich möchte sagen: zum unwiderleglichen Beweis des hier Behaupteten und theoretisch Formulierten) Priester buchstäblich an gebrochenem Herzen gestorben sind, weil sie das heilige Meßopfer nicht mehr in der ihnen über alles teuren und von ihnen unaussprechlich geliebten Weise feiern durften. Müßten solche Begleiterscheinungen einer sogenannten Reform nicht den stumpfesten Menschen aufschrecken und nachdenklich machen?

Bruch mit der Tradition - ein existentielles Problem. Ich meine, wie man einem Menschen seine Sprache, seine Volkszugehörigkeit, seine Heimat, sein eigenes Wesen nicht verbieten, nicht nehmen, nicht durch anderes ersetzen kann, so auch nicht die geistige Welt, in der er lebt und atmet. Denken Sie nur an die historische Ungeheuerlichkeit des religiös motivierten Genozides an den Altgläubigen Rußlands. Sollte ein so furchtbares Beispiel für Blindheit und Unrecht in der katholischen Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts irgendwie Schule machen?

Hier liegen viele ungelöste und vielleicht wirklich noch ganz unbedachte Probleme. Wir wollen gegen niemanden einen Vorwurf erheben. Wir wollen niemandem den guten Willen absprechen. Wir wollen gerne voraussetzen, daß die überwältigende Mehrheit der Christen in der Kirche für die Kirche nur das Beste im Sinne hat. Aber wir können nicht schwarz heißen, was wir als weiß erkennen, und umgekehrt. Ich halte persönlich nach jahrelanger, intensiver Beschäftigung mit allen diesen Fragen den Weg, den die Kirche in unseren Tagen eingeschlagen hat, für einen Irrweg. Oder sagen wir milder: für eine Sackgasse. Ich würde Sie anlügen, wollte ich Ihnen zu Gefallen das Gegenteil sagen. Aber das erwarten Sie nicht von mir. Das trauen Sie mir gar nicht zu. Dafür danke ich Ihnen.

Lassen Sie mich mit einem Wort des Genius dieser Akademie, des großen Katholiken Hrabanus Maurus schließen, dessen Zuversicht ich mir trotz allem, was ich heute sagen mußte, zu eigen mache: "Confido tamen omnipotentis Dei gratiae, quod fidem et sensum Catholicum in omnibus tenuerim, nec per me quasi ex me ea protuli, sed authoritati innitens maiorum, per omnia illorum vestigia sum secutus." (De institutione clericorum, praefatio. Opera, tom. VI., pag. 2. Coloniae Agrippinae 1626). "Ich vertraue dennoch der Gnade des allmächtigen Gottes, daß ich den Glauben und den katholischen Sinn in allem festgehalten habe, daß ich nicht durch mich, gleichsam aus mir selbst, etwas vorbrachte, sondern, gestützt auf die Autorität der Alten, in allem deren Fußstapfen gefolgt bin."


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