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Verzicht und Staunen

Von Dr. Eduard Kamenicky

Jeder fühlt es, jeder zweite sagt es: die Welt liegt im argen. Wer empfände heute noch immer nicht, daß auf unserer Erde irgend etwas nicht stimmt? Anders als zu allen Zeiten, so scheint es doch, prägen Mängel und Gefahren unser irdisches Dasein und stellen es in Frage. Es ist, als ob ein noch so mühsames Voran der Menschheit nicht lange mehr möglich bliebe. Manche suchen im großen nach einem Ausweg; viele nur nach einem Pförtchen, das sie selber noch durchschlüpfen läßt. Was macht die Welt so triste? Was macht das Leben so schwer? Welche Rechnung geht hier nicht auf?

Es gilt den Menschen, sich hier in eine Welt zu teilen, die groß, doch begrenzt ist. In dieser Welt wollen alle etwas, nicht wenige alles und jeder mehr. Das erste ist begreiflich, das zweite ein Wahn, das dritte aber das eigentliche Verhängnis. An diesem unersättlichen Drang nach mehr krankt die Erde. Heißt doch die allgemeine Parole: mehr Produktion, mehr Verbrauch; mehr Geld, mehr Konsum. In jedem Fall: mehr Verschleiß! Dem Einsichtigen müßte ohne jede Erprobung klar sein, daß dieses Programm unweigerlich in eine Sackgasse führt. Aber viele begreifen das anscheinend immer noch nicht, obwohl sich schon seit geraumer Zeit die Ergebnisse zeigen. Sie heißen: mehr Not, mehr Kampf, mehr Unrecht, mehr Tod, mehr Verzweiflung.

Niemand will sehen, wie es dazu kommt. Niemand weiß im Grunde hier Rettung. Man könnte wirklich an der Menschheit irre werden. Klingt es nicht wie Ironie, daß sich dieses Wesen wissenschaftlich »homo sapiens« nennt - der weise, verständige Mensch? Was ist weise an seinem Tun? Was verständig? Was auch nur im geringsten vertretbar? Millionen sterben vor Hunger. Immer weiter bleibt die Menge des erzeugten Brotes hinter der des benötigten zurück. Dennoch werden Jahr um Jahr Tausende Hektar besten Ackerbodens zubetoniert und in Asphaltflächen verwandelt. Und wozu? Damit die, die noch zu essen haben, rascher und erfolgreicher die "Welt in jene Giftwolke hüllen können, in der sie erstickt. Es ist kein Geheimnis, daß die maßlos verschwendeten Rohstoffe der Erde zur Neige gehen. Aber das hindert nicht, die kostbarsten davon, so unersetzlich sie auch sein mögen, zu immer schrecklicheren Waffen zu verarbeiten, die nur die eine Bestimmung kennen, Menschen und Güter mit unvorstellbarer Wucht zu vernichten. Man scheut nicht davor zurück, blühende Länder künstlich für immer zu Wüsten zu machen, wenn es für einen Augenblick einen strategischen Vorteil zu bieten scheint. Das alles soll »Fortschritt« sein oder zumindest ein Opfer, das er verlangt! Um seinetwillen rottet man Völker aus, mordet man Kinder im Mutterschoß, zerstört man die Welt. Ist sie nicht tatsächlich zu einem Tollhaus geworden?

Wie kommt das? Woher rührt es? Daher, daß der Mensch nicht zu verzichten weiß. Daß er meint, nur der vernichtende Gebrauch der Güter mache reich und glücklich. Daß er sich wie das unverständige Kind nur dann als Herr der Dinge fühlt, wenn er sie herzlos zertrümmert. Diese rasende Unreife nennt er heute »Mündigkeit«, und die Katastrophe, die sie heraufbeschwört, seinen Triumph. Schon lange wütete dieser 'Wahn in der Welt, ehe er zur Gefahr anwuchs, die alles bedroht. Hätten vor Jahrhunderten schon Völker auf ihre Armada verzichtet, mit der sie einander besser bekriegen konnten, wären ihre Enkel heute in Ländern rauschender Wälder daheim. So aber sind diese in eine Öde versetzt, die nichts mehr hervorbringt, und verkommen in bitterer Armut. Gäben wir heute den zweifelhaften Luxus unserer grell illuminierten und durchlärmten Nächte auf, so könnten die Kinder unserer Kinder in einer Welt leben, in der es noch sprudelnde Bäche und sprühende Kaskaden gibt. Aber niemand ist dazu bereit. Bis wir einsehen, daß ein grünes Tal kostbarer ist als ein Atommeiler, ist wohl alles zunichte. Lieber läuft man mit Gasmasken durch das Paradies der urbanisierten Welt, ehe man auf seine tödlichen Errungenschaften verzichtet. Offenbar muß der gespaltene Mensch die Materie spalten, und wenn es sein Ende wäre. Der Zwang des »Immer weiter!« treibt den Menschen wie einen Besessenen an. Vielleicht ist ein Mann, der sich auf weitere Sicht vorzüglich der Planung von Mülldeponien, Krematorien und Irrenhäuser widmet, nur Realist. Dennoch bleibt es bedrückend.

Natürlich hat man längst die »Umwelt« entdeckt und propagiert »Lebensqualität« auf häßlichen Riesenplakaten. Aber den meisten, die davon reden, ist ein wenig verbesserte Schalldämpfung und Wasser ohne Fluor genug. An die Welt, wie Gott sie schuf, denken sie nicht mehr. Im Gegenteil; wenn man solches sagt, erhebt sich sofort zynischer Protest. Ob man denn meine, daß heute noch Menschen wie Hirten in Arkadien zu leben vermöchten! Scheinbar spürt niemand, welch schmerzliche Grenze unserer Macht und Freiheit es anzeigt, daß wir nicht einmal dazu imstande sind.

Vielleicht zwingt die »Entwicklung« den Menschen dazu, eines Tages ohne »Fortschritt« zu leben. Vielleicht kommt die große Entbehrung unfreiwillig und ganz radikal über ihn, wenn er sich mittels einiger Millionen Megatonnen hinter das Paläolithikum zurückkatapultiert hat. Das wird eine harte Zukunft. Denn die ebenen Weiten des Jungtertiär waren fruchtbar und mit Urwäldern bedeckt, und die Höhlen seiner Berge noch nicht verseucht von Uran. Vielleicht haben sogar die recht, die nur mehr eines erwarten für diese Welt: Ruin und Ende. Oder irren sie doch, von allzu viel Grauen entmutigt?

Es liegt an uns. Die Wende ist möglich. Jeder, für den Gott und Gnade auch noch »Faktoren« sind, muß ebenso denken. Die Menschen versagen entsetzlich. Wie immer, im Grunde. Aber Gott! Gott weiß immer noch Rat. Und ein erstes Wort rettenden Rates, das er uns ins Herz senkt, lautet: Verzicht. Das müssen wir zu verstehen beginnen.

»Verzicht« klingt so negativ. Fast schaudert man bei dem Gedanken, es ginge einen selbst an. Man schüttelt unwillig den Kopf. Jeder denkt sogleich: nicht haben, wo man besitzen, nicht kosten, wo man genießen, alle Sinne verschließen, wo man schlürfen und leben könnte. Das ist ein Irrtum. Er hängt wohl mit dem Verfall des Geistes zusammen, in den wir hineingeglitten sind, und einer gewissen Primitivität des Menschen, die daraus folgt. Wir erwähnten schon das kleine Kind, das sein Herrschaftsrecht über das Spielzeug übt, indem es dieses zertrümmert. Darüber sollten wir eigentlich hinaus sein. Habe ich wirklich von der Blume mehr, die in meinem Knopfloch verwelkt, als von jener, die unberührt auf der Wiese steht und im Wogen der Gräser meinem Blick entschwindet?

Ich kenne einen Baum. Seit den Tagen meiner Kindheit. Ich habe ihn im Frostkleid des winterlichen Reifes gesehen und im Blütengeflimmer des Frühlings. Seine sommerliche Krone hat mich ebenso gegrüßt wie sein herbstliches Laub. Immer wieder sehe ich ihn, von Zeit zu Zeit, wie einen alten Freund, und ich freue mich. Ich habe nie eine Frucht von seinen Zweigen gebrochen. Ich habe nie in seinem Schatten geruht. Ich weiß nicht, wem er gehört. Ich habe keine Ahnung, in wessen Boden er wurzelt. Und doch ist er mir zu eigen, nun schon Jahrzehnte lang. Ich sage nicht, wo er steht. Das ist mein Geheimnis. Ich verlange auch nicht, zu ihm hinzugehen und seinen Stamm zu berühren. Es genügt mir zu sehen, wie er treu in der Landschaft ragt. Ich bin froh, daß ihn noch immer kein Blitz getroffen, kein Tor gefällt hat. Ich weiß nicht, ob viele Forstmagnaten an ihren unabsehbaren Waldgütern ähnliche Freude haben wie ich an diesem Baum. Ich »besitze« ihn nicht und ich »nutze« ihn nicht. Aber dieser unvermeidliche Verzicht hat ihn mir übereignet und macht mich innerlich reich. Gewiß, wenn er einmal verschwunden sein wird von seinem Platz, wird dies ein trauriger Tag. Ein schmerzlicher Tag - für mich. Aber für ihn? Wird ihn dies, schon längst verpflanzt in eine geistige Welt, etwas anhaben? Gründet er doch bereits tief in ganz anderem Erdreich, wo er nicht mehr morsch wird, wo ihn keine Säge erreicht und kein Wetterstrahl zersplittert.

Vielleicht wird auch dir einmal ein Korb mit Früchten geboten, in dem du die schönste Birne deines Lebens zu erblicken meinst. Glaub mir, du kannst sie nicht vollkommener genießen, als wenn du den Korb weiterreichst, ohne sie zu berühren. - Wie füllt sich das Herz des Menschen, der zu verzichten versteht, mit unverlierbaren Schätzen!

Freilich erhebt sich auch hier die Frage: Wie komme ich dahin? Niemand hat mich so recht das Verzichten gelehrt. Ich habe keine Fertigkeit darin. Wem es ernstlich darum zu tun ist, das Verzichten zu erlernen, der vernehme das zweite Wort, das der Geist ihm zuraunt. Dieses Wort heißt: Staunen.

Damit beginnt es. Daß wir innehalten, vor den Dingen verharren, uns ihrer Schönheit offnen und eben dabei aufhören, brutale Menschen zu sein. In unserer Welt herrscht der brutale Mensch - und sie sieht danach aus. Wäre dem nicht so, hätten wir vielleicht keine Autobahn, aber auch kein Umweltproblem. Abu Simbel stünde an seinem alten Platz, und die Gärten des Sallust waren niemals verbaut worden. Der »Mensch von heute« versteht nicht, was dies fur eine Bedeutung hat, und man kann es ihm wohl auch nicht erklären. Sein Standort liegt im Koordinatensystem von Profit und Behagen, andere Werte zählen da nicht. Ist das denn nötig? Daß irgendwo ein Tempel aufragt, eine Quelle springt, eine Pinie grünt, ein Kreuz seinen Platz hat neben dem Feldrain? Ich glaube schon. Denn an der fortschreitenden Zerstörung dessen, was edel und gut, was sinn- und segensreich ist, gehen wir endlich selber zugrunde. Wir tilgen die Züge ihrer göttlichen Herkunft und ihrer heiligen Bestimmung aus dem Antlitz der Welt und werden in ihr heimat- und hoffnungslos.

Mag sein, daß manchen - trotz allem - die Kraft bleibt, sich als Christen hinüberzuretten in die andere Welt. Wir wollen es glauben und gerne erflehen. Aber für viele wird das Scheitern umfassend sein. Wer nichts mehr lieben darf, ohne enttäuscht zu werden, wer keinen Halt mehr sieht und keine Grenze, die jedermann achtet, zerbricht zuletzt. Hier liegt auch das große Problem einer Kirche die sich gläubigen Menschen unerträglich macht. Handelte sie je weniger »pastoral« als eben jetzt? Aber auch die Entstellung der Welt, die uns Gott verkündet, ist ein religiöses Problem, ihre Heilung ein geistlicher Auftrag. Wer aus den Zügen einer Landschaft nur mehr den empörenden Egoismus skrupelloser Geschäftsleute ablesen kann und nicht mehr die Güte eines Vaters im Himmel, ist arm daran. In dieser Lage sind heute aber schon Millionen von Menschen, und niemand erlöst sie daraus.

Unser Staunen an den Dingen und ihrer urgründigen Herrlichkeit hebt sie zurück in die göttliche Sphäre und läßt uns die Spuren des Schöpfers wieder erkennen. Auch das Staunen muß man lernen und üben. Man muß es ausstreuen wie den Samen einer köstlichen Frucht. Verzicht ist Entsagung fürs erste; Staunen aber Freude von Anfang an. Seine Gegenstände sind unzählbar wie die Schöpfungen und Schickungen Gottes selbst, seine Einübung ohne Ende in dieser Welt, sein Segen unerschöpflich. Schon die Alten wußten, noch ehe die Sonne des Evangeliums aufgegangen war, daß mit dem Staunen das Weisewerden anhebt - und damit das wahre Menschsein.

Es gibt (wie für jede Verwirrung) ein rechtfertigendes Wort, das auf dem Gegenpol steht, und immer wieder, gerade unter Christen, tüchtig mißverstanden dazu herhalten muß, das Furioso der Schändung des Kosmos zu verharmlosen und gar religiös zu verbrämen; es ist das vergewaltigte Schriftwort: »Macht euch die Erde untertan.« Auch die, die nichts davon hören wollen, daß die Frau dem Manne untertan sei, die »Untertanen« als Kreaturen voll Sklavenmoral in die Archive versunkener Königreiche abschieben und mit Entrüstung das Ansinnen von sich weisen, als Geschöpfe Gott absolut untertan zu sein, führen ständig diesen Satz im Munde, der sie nach ihrer Meinung zur Plünderung des Weltalls ermächtigt. Aber unterwerft erst euren Leib dem Geist und eure Seele dem Herrn, euren Willen Seinem Gesetz und euer Leben Gott - dann reden wir weiter! Es geht nicht an, daß Menschen ohne Ehrfurcht und ohne Theologie die Bibel als Brechstange der göttlichen Ordnung mißbrauchen. Nur wer Gott dient, darf herrschen, nur er weiß, was das heißt. Im Namen und in der Vollmacht Christi die Geschöpfe in seine Hut wie in zitternde Hände nehmen, in dankbarer Ergriffenheit über Gottes Geschenk und in demütiger Liebe zu allem.

Wenn ihr diese Gesinnung habt, dann kommt und empfanget die Welt zu treuer Verwaltung. Je mehr ihr Gott zu gehorchen versteht, desto fügsamer sollt ihr sie finden. Denn die Dinge sind dem Menschen hold nach dem Maß seiner Liebe zu Gott. Dann wird euch die Welt immer mehr aufgehen als Denkmal Seines Geistes und als blanker Spiegel, der euch die Schätze Seines Herzens enthüllt. Tretet heran an die Welt, aber anders als bisher: nicht feilschend und forschend, sondern staunend und liebend. Nicht nehmend und raffend, sondern gebend und lassend. Dann ist der Schrecken besiegt und das Grauen gebannt. Eine bessere Welt ist euer Lohn schon hier, und euer Erbe die Hoffnung.

Der Text erschien im FELS, Mai 1975

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