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“Angst und Schrecken”

Über das neue Evangelium der Hirnforscher

Von P. Engelbert Recktenwald

“Da geht es nur mit Drohungen, Angst und Schrecken”, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. So äußerte er sich in einem Interview mit Dieter Sell vom Evangelischen Pressedienst. Es ging dabei um Maßnahmen, die die Bevölkerung dazu bringen sollen, die Corona-Regeln zu befolgen.

Wir dürfen also nüchtern feststellen: Während die Kirche schon längst jede Drohbotschaft überwunden hat, kehrt diese in säkularem Umfeld wieder. “Drohungen, Angst und Schrecken” sind einerseits schreckliches Mittelalter, wenn es darum geht, das Evangelium von allem zu reinigen, was die empfindsame Seele des modernen Menschen verletzen könnte. Und gleichzeitig sind sie höchst moderne Methoden auf dem Stand der neuesten Wissenschaft, wenn es darum geht, die Menschen zum Gehorsam gegen den Staat zu bewegen. Denn der Wissenschaftler Roth weiß: “Reine Appelle an Verstand und Einsicht haben überhaupt keine Wirkung.” Vorbei also das hehre Ideal der Aufklärung, das Kant einmal formulierte: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” Nicht Aufklärung, sondern emotionale Einschüchterung wird von dem renommierten Wissenschaftler empfohlen, oder in seinen eigenen Worten: “der emotionale Vorschlaghammer”. Aber seien wir fair und fügen hinzu, dass er diesen Hammer nur bei 10% der Menschen für nötig hält, bei den Uneinsichtigen. “80 Prozent brauchen da gelegentlich nur eine kurze Auffrischung”, meint er gnädig. Auffrischung, um was zu erreichen? Um sie “bei der Stange zu halten.” Man beachte die Wortwahl! Sie verrät, wie das Menschenbild aussieht, worauf - und das steht letztlich dahinter, wie wir sehen werden - jede Art des Materialismus hinausläuft. Noch deutlicher wird Roth gegen Ende des Interviews. Da lobt er die Italiener, weil sie “inzwischen zu fanatischen Befolgern der Vorsichtsmaßnahmen geworden” seien. Er findet Italien “toll”! Denn: “Immer und überall wird man überwacht, im Supermarkt wird die Körpertemperatur gemessen.” Das also ist die schöne, neue Welt, die uns diese Art von Wissenschaft als Ideal vor Augen stellt. Erinnert uns ein solcher Staat nicht an Hobbes’ “Leviathan”?

Da trauern wir doch glatt der Aufklärung nach! Wie christlich war sie doch im Vergleich zur Roth-Vision des 21. Jahrhunderts! Kant glaubte noch an die Vernunft des Menschen und an die Möglichkeit sittlicher Einsicht. Roth dagegen weiß: “Kants Appell” an Vernunft und Sittengesetz ist wirkungslos. “Moralische Appelle funktionieren nur, wenn sie mit der Drohung der Ausgrenzung verbunden sind.”

Doch lassen wir Roth Gerechtigkeit widerfahren! Ein Stück Wahrheit ist in seinen Aussagen durchaus enthalten, eine Wahrheit, mit der die Kirche schon von alters her vertraut ist. Und diese Wahrheit lautet: Der Mensch besitzt aufgrund der Erbsünde eine gefallene Natur und ist zur Verantwortungslosigkeit und zum Egoismus geneigt. Die Kirche ist weise genug zu wissen, dass sie in ihrer Verkündigung daran anknüpfen muss. In den meisten Fällen, sagt die hl. Katharina von Siena, wenden sich die Menschen von der Sünde ab aus Furcht vor der Strafe. Deshalb stellt auch Jesus selbst die Zuwendung zum Himmelreich zunächst als eine Sache der Klugheit im wohlerwogenen Eigeninteresse dar, wie wir etwa an dem Gleichnis von den fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen erkennen können. Seitdem die Modernisten Hölle, Fegfeuer und überhaupt einen strafenden Gott abgeschafft haben, ist es mit dem Evangelium nicht etwa besser geworden, im Gegenteil: Die Frage des ewigen Seelenheils spielt keine Rolle mehr. Sie ist abgelöst worden von einer modernen Neuauflage des Rangstreits der Jünger (Lk 9,46-48), der nun sogar synodale Weihen erhält. Höchstes Ziel ist es nicht mehr, Seelen in den Himmel, sondern Frauen in klerikale Machtpositionen zu führen.

Solcher Rangstreit, ja letztlich der Krieg aller gegen alle ist der unerlöste Zustand der Menschheit, der nur, so meinte Thomas Hobbes in seinem “Leviathan”, durch Drohung, Angst und Schrecken seitens der übergeordneten Macht des Staates in einen erträglichen Zustand des sozialen Friedens überführt werden kann.

Doch im Unterschied zu Hobbes und Roth bleibt das Christentum nicht bei der Diagnose der Unerlöstheit stehen. Es weiß: Der Mensch kann erlöst werden, weil er seiner Natur nach fähig ist zur Liebe. Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht (1 Joh 4, 18). Der Mensch hat eine Vernunft, die ihn, wenn sie geheilt und erlöst wird, zu verantwortungsvollem Handeln aus sittlicher Einsicht befähigt. Er ist mehr als das Objekt einer Dressur, die ihn durch Lohn und Strafe zu einem bestimmten Verhalten abrichtet. Die Erlösung befreit seinen Willen zu einer Liebesfähigkeit, die jede knechtische Furcht hinter sich lässt. Christus wollte die Menschen nicht einfach bei der Stange halten, sondern in die Freiheit führen, sie nicht emotional konditionieren, sondern mündig machen. Das Christentum kennt ein Menschenbild, das geprägt ist von Würde und Freiheit.

Die neuzeitliche Philosophie dagegen ist geprägt von einem ständigen dialektischen Pendelschlag zwischen Pessimismus und Optimismus. Hobbes und Roth stehen in der pessimistischen Tradition: Der Mensch ist schlecht, und deshalb helfen nur Sanktionen, Kants Appell an die sittliche Einsicht ist wirkungslos.

Die Aufklärung steht in der optimistischen Tradition: Der Mensch ist gut. Aufklärung im Sinne von Bildung genügt, um vernünftiges Verhalten zu erreichen. Wenn der Mensch erst einmal von den Vorurteilen der Religion und des Aberglaubens befreit ist, um der Wissenschaft Platz zu machen, kommt der moralische Fortschritt ganz von selber.

Beiden Positionen gemeinsam ist die Leugnung der Erlösung. Die pessimistische Position sieht die elende Situation des Menschen, die das Christentum als seine Erlösungsbedürftigkeit erkennt. Aber da es keine Erlösung gibt, bleibt nur die Macht des Staates, um den Menschen in Schach zu halten. Die optimistische Position setzt den erlösten Menschen voraus und schreitet deshalb von Enttäuschung zu Enttäuschung. Für viele Aufklärer war die Französische Revolution eine erste solche Enttäuschung, vor allem wegen des Tugendterrors Robespierres, dem über 20.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Revolutionäre, die sich ja als Exekutoren der Aufklärung verstanden, beließen es nicht bei Appellen, sondern waren in der Praxis radikale Hobbesianer. “Tugendterror”: Das ist quasi die Kurzformel für den praktischen Pessimismus im Dienste des theoretischen Optimismus. Der Terror sei ein Ausfluss der Tugend, meinte Robespierre. Es war alles nur gut gemeint...

Für den Pessimismus ist Erlösung nicht möglich, für den Optimismus nicht nötig. Beiden Traditionen ist es eigen, dass die Erlösung auf der Strecke bleibt. Das Christentum dagegen ist pessimistisch genug, um zu erkennen, dass der Mensch der Erlösung bedarf, und optimistisch genug, sie für möglich zu halten. Das Christentum ist realistisch.

Doch damit die Vernunft des Menschen erlöst und zu einer machtvollen sittlichen Antriebskraft avancieren kann, muss sie überhaupt existieren. Genau das bestreitet Gerhard Roth. Er leugnet nicht nur die Erlösung, sondern das mögliche Subjekt solcher Erlösung. Er gehört zu den naturalistischen Hirnforschern, die das Selbstverständnis des Handelnden für eine Illusion halten. Dieses Selbstverständnis besteht darin, dass ich mich in meinen Handlungen als deren Urheber verstehe, der sich zu ihnen aus Vernunft und Einsicht frei entschließt. Doch in Wirklichkeit, so meint der Naturalismus, sind unsere Handlungen Produkte des Gehirns und seiner neuronalen Prozesse.

So macht der Naturalismus aus der Wissenschaft den Totengräber der Vernunft. Die Aufklärung, die die Vernunft auf den Thron erheben wollte, endet mit einer aufgeklärten Wissenschaft, die die Vernunft abschafft. Das Idealbild des Staates, das Roth entwirft, ist auf dem Hintergrund des Naturalismus völlig konsequent: Wo es keine eigenverantwortliche Vernunft mehr gibt, ist der totale Überwachungsstaat kein Übel mehr.

So wie die Modernisten durch ihre optimistische Leugnung der Notwendigkeit einer Drohbotschaft das ewige Heil wie eine Billigware verramschen, die keiner Mühe mehr wert ist, so schrumpfen die Materialisten durch ihre pessimistische Leugnung der Möglichkeit einer Überwindung der Drohbotschaft den Menschen auf ein Wesen, das keiner Aufklärung fähig ist. Die einen begraben den Glauben im Namen eines naiven Optimismus, die anderen die Vernunft im Namen eines hoffnungslosen Pessimismus. Und es zeigt sich: Beide, Glaube und Vernunft, sind am besten doch noch bei der Kirche aufgehoben, deren Menschenbild im ewig wahren Evangelium jenseits jener Dialektik von Pessimismus und Optimismus verankert ist.

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Recktenwald: Die Vernunft retten

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