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Jaime Balmes

Von Weinand

Es handelt sich bei diesem Text um den Eintrag im Staatslexikon, hg. im Auftrage der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder, Erster Band, Freiburg im Breisgau 1889, Spalten 687 bis 704.

Don Jayme (Jacob Lucian) Balmes y Urpía, der hervorragendste katholische Philosoph und Publizist des neuern Spanien, wurde geboren den 28. August 1810 in Vich (Vic), dem alten Ausonia Oberkataloniens, aus dürftiger, aber durch christlichen Tugendsinn sich auszeichnender Kürschnerfamilie. Die hohe Begabung des Knaben entfaltete sich unter der energischen Erziehung einer starkmütigen Mutter, Therese Urpia, so früh, daß der Knabe mit sieben Jahren das Studium des Lateinischen beginnen und mit 16 Jahren den ganzen Studienkurs des bischöflichen Seminars zu Vich (Sprachen, Rhetorik, Philosophie und elementare Theologie) glänzend vollenden konnte. Seltene Liebe zur Arbeit und zur Zurückgezogenheit, Sittsamkeit und Frommsinn, ein überaus lebhafter Familien- und Heimatsinn, das Erbe der Mutter, disziplinierten den beweglichen Charakter des Knaben so glücklich, daß er schon jetzt der Liebling seiner Vorgesetzten und seiner Umgebung wurde. „Niemand“ sagt Balmes von sich selbst, “sah mich anderswo, als im Hause meines Vaters, in der Kirche, dem Seminar, in einigen Klöstern, wo ich öfter verkehrte, und in der bischöflichen Bibliothek, aus der ich mich nur entfernte, wenn man die Türe schloß.“

Die liebevolle Fürsorge des Diözesanbischofs ermöglichte dem armen Seminaristen 1826 mit Hilfe eines kleinen Benefiziums und einer Beca (Burse) im Kolleg San Carlos zu Cervera den Besuch dieser 1717 von Philipp V. gestifteten, seitdem nach Barcelona verlegten katalonischen Universität. Auch hier wurde Jayme bald der Stolz und die Freude der Lehrer und Schüler; er war überaus liebenswürdig, still, zurückgezogen, so fromm und sittenrein, daß, als er von einer schweren Brustkrankheit, deren Folgen den Keim zu frühem Sterben legen sollten, erstand, die Universität (13. Juni 1828) seine Wiedergenesung durch einen Dankgottesdienst feierte. In Cervera wurde seine geistige Überlegenheit und Eigenart bald offenbar. Wie keiner seiner Mitschüler achtete er die Lehrautorität der Professoren, aber wie keiner erstrebte er von Anfang an durch rastlosen Fleiß und meditative Studienweise den Weg zur selbständigen Beherrschung des theologischen und philosophischen Lehrstoffs. Von den sieben Studienjahren in Cervera waren vier ausschließlich der Summa des hl. Thomas von Aquin und den Kommentaren von Bellarmin, Suarez und Cajetan gewidmet, und in diesem tiefgehenden Studium erschloß sich dem scharfen Geiste in seltener Weise der Universalismus scholastischer Lehre und Methode. „Alles findet man dort,“ sagt er, “Religion, Philosophie, Jurisprudenz. In diesen lakonischen Formeln liegen alle Reichtümer begraben.“ Fortan stand seine Studienmethode für das Leben fest: „Wenig lesen, seinen Autor gut wählen, viel denken, das ist die rechte Methode. Wollte man sich darauf beschränken, das zu wissen, was in den Büchern steht, so würden die Wissenschaften nie fortschreiten; das Wesentliche ist, das zu lernen, was die andern nie gewußt haben. In jenen Augenblicken, in jener Dunkelheit gähren meine Ideen, und in meinem Gehirn wallt es wie in einem Kessel.“

Mit dem Grade eines Lizenziaten der Theologie verließ Balmes 1833 Cervera, bewarb sich in öffentlicher Prüfung (nach tridentinischer Vorschrift) in Vich ohne Erfolg um eine Kanonikats-Präbende, bereitete sich dann in 100tägigen Exerzitien auf die heilige Priesterweihe vor und kehrte nach Empfang derselben auf den Wunsch seines Bischofs nochmals nach Cervera zur ferneren Ausbildung und als Supplent der Professoren zurück (1835). Als er nach zwei Jahren 1837 als Ehrendoktor der Theologie (der höchste von der Universität in öffentlicher Bewerbung jährlich dem besten Schüler zuerkannte Preis) nach Vich zurückkehrte und dort, weil eine anderweitige Verwendung für seine Kenntnisse sich nicht bot, eine Lehrstelle – für Mathematik annahm, ahnte niemand, welchen tiefgehenden, fortan seine reichen Geistesgaben ganz beschäftigenden Problemen er nachhing. Das stille verborgene Leben in seiner Familie, an der er mit ganzer Seele hing, der entlegene, wenig Anregung und Studienmittel bietende Aufenthaltsort, ein verzehrender Arbeitseifer bei körperlicher Hinfälligkeit, sein ausgeprägter Hang zur Meditation, die vollendete Zurückhaltung seines Wesens und Charakters hielten ihn vier volle Jahre abseits alles öffentlichen Wirkens; die fieberhafte Aufregung, die Spanien damals durchflutete, schien ihn nicht zu berühren. Im Augenblick, wo er (1839) durch die Erringung des im Madrileño catolico ausgeschriebenen Preises für die beste Schrift über den Priesterzölibat vor einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, starb seine Mutter (29. Mai 1839) mit den Worten: „Sohn, von dir wird die Welt viel reden!“ Sie hatte Recht. Mit Don Jayme sollte in das Geistesleben der spanischen Katholiken ein neues Ferment kommen. Der Tod der Mutter schenkte ihn dem öffentlichen Leben.

Am 29. September 1833 war Ferdinand VII. gestorben, Spanien als zweifaches Erbe die Verfassungs- und die Erbfolgefrage hinterlassend, die bis zur Stunde der Rückkehr dieses Landes zu einer nationalen Politik hindert. Ferdinand war nach der französischen Intervention als absoluter Monarch im Verfolg der Politik der Kongresse von Troppau–Laibach–Verona am 13. November 1823 zurückgekehrt; er hatte, nicht belehrt durch die blutigen Kämpfe zwischen den revolutionären Idealisten der Verfassung von Cadiz (1812) und den Anhängern des Rey neto, zu Gunsten der am 10. Dezember 1829 geehelichten neapolitanischen Marie Christine, da er ohne männliche Nachkommen war, durch die pragmatische Sanktion vom 29. März 1830 das geltende Thronfolgerecht aufgehoben, welches die Frauen, solange männliche Erben da waren, vom Throne ausschloß. Er bestätigte damit zu Gunsten der am 10. Oktober 1830 geborenen Tochter Isabella zwar nur eine (bis dahin geheim gehaltene) pragmatische Sanktion Karls IV., allein er gab das mit den Bourbonen gekommene Erbrecht, entgegen den eigensten Familieninteressen, zunächst denen seines Bruders Don Carlos, auf. (Philipp V. hatte das salische Gesetz nicht vollständig aufgehoben; er hatte nur festgesetzt, daß die Frauen bloß in Ermangelung eines männlichen Thronerben zur Erbfolge berechtigt seien.) Ferdinands Retraktion (September 1832) und die Anerkennung des Don Carlos, dann deren Widerruf und Isabellas nochmalige Anerkennung unter Christinens Regentschaft (Oktober) und der Protest des Don Carlos' (29. April 1833) schürten die Erregung im Lande; die Erhebung des gemäßigten und fortgeschrittenen Liberalismus (Moderatos und Exaltados) brachte die Revolution, und das Eingreifen der englisch-französischen Politik machte sie unheilbar.

Entgegen dem bourbonischen Hausinteresse verfolgte Louis Philippe die Sonderinteressen der orleanistischen Linie bei der Unterstützung der schwankenden Politik der Regentin unter Zea Bermudez' “aufgeklärtem Despotismus” und Martinez de la Rosas gemäßigtem Konstitutionalismus bei dem Erlasse des sogen. Estatuto real (10. April 1834), welches die altspanischen Freiheiten der Fueros, zumal der baskischen Provinzen, beseitigte. Die antinationale Politik der sogen. Quadrupel-Allianz (22. April 1834) zu Gunsten der orleanistischen Sonderinteressen führte zu den entsetzlichen Bürgerkriegen (25. Juli 1835 die blutige Erhebung Saragossas) und, seit den Exaltados unter [Juan Álvarez] Mendizabal die Regierung zugefallen [25. September 1835], zu einer so radikalen Verfolgung der Kirche, zumal der religiösen Orden, zu so brutalen Exzessen gegen die Personen und die Güter der Kirche, wie das katholische Spanien sie noch nicht gesehen. Die Entlassung dieses odiosen Ministeriums (15. Mai 1836), die schwankende Politik des Ministeriums [Francesco Xavier de] Isturiz und die Preisgabe des Estatuto real (12. August 1836) rief aufs neue die Exaltados, diesmal unter ihrem verschlagensten Generale und Staatsmann Baldomero Espartero, ans Ruder. Die Beschimpfung des Hofes in la Granja [St. Ildefonso], die Madrider Emeute, die Ermordung des Generals [Vicente Jenaro de] Queseda [15. August 1836], die siegreiche Stellung des Don Carlos in ganz Nordspanien, die neue Verfassung Esparteros (18. Juni 1837), das Erscheinen des Don Carlos vor Madrid (12. September 1837), die nun obsiegenden Erfolge Esparteros und die Konvention von Vergara (31. August 1839), sowie die Gefangensetzung des nach Frankreich übergetretenen Don Carlos führten zwar den siebenjährigen Krieg zu Ende, aber zugleich unter der Regentschaft des zum Siegesherzog erhobenen Espartero zu einer so schamlosen Erniedrigung des Königtums und so rachsüchtigen Niedertretung der Kirche und des spanischen Volkes, daß Gregor XVI. im tiefsten Schmerze über das namenlose Elend der Kirche und des Volkes öffentliche Gebete (in Form eines Jubiläums) für das unglückliche Spanien verlangte. Die furchtbare Insurrektion, die in Barcelona und in Katalonien abermals ausbrach, wurde auch jetzt wie 1842 unterdrückt, erzielte indes (Juli 1843) den Sturz des Siegesherzogs. [Ramón María] Narváez [1800 - 1868] als Führer der Moderatos übernahm die Regierung, die 13jährige Isabella wurde mündig erklärt, Marie Christine und Martinez de la Rosa kehrten zurück.

Was vom Erlasse des Estatuto real, welchen Balmes noch in Cervera feierte, bis zum vollendeten Siege der Exaltados über Monarchie und Kirche in der Einsamkeit von Vich, wo die bis unter seine Mauern tobende Kriegsfurie ihn nur vorübergehend von seinen Studien abbringen konnte, in seinem Geiste vor sich ging, wissen wir nicht; wir hören nur gelegentlich von seiner eingehendsten Beschäftigung mit Geschichte, Jurisprudenz und besonders mit der Poesie der spanischen Mystiker. Daß das unermeßliche Unglück seines Vaterlandes, die schrankenlose Herrschaft der Revolution über den katholischen und monarchischen Geist seines Volkes, die Ergründung des hier zur Erscheinung kommenden Elends die ganze Kraft seines geistigen Arbeitens gefangen hielt, wußte kaum seine nächste Umgebung. Tiefer Ernst und eine ihm angeborene Zurückhaltung hatten sich so scharf bei ihm ausgeprägt, daß sein Freund und Landsmann, Kanonikus Antonio Soler, später von ihm sagen konnte: „Kein Wort ist je aus dem Mund von Balmes gekommen, welches das Recht gäbe, zu sagen, er sei mehr oder weniger liberal, weiß oder schwarz (nach damaliger Parteibezeichnung) gewesen. Er war nicht der Mann, der seine Gedanken hätte durchschauen lassen. Wenn man von seinen öffentlichen Schriften absieht, so ist es gewiß, daß seine innerste Meinung nicht einmal geahnt werden konnte, so groß war seine Zurückhaltung.“ Daher das allgemeine Erstaunen, als im April 1840 von ihm eine gegen Esparteros Kirchenplünderung gerichtete Schrift Observaciones sociales, politicas y económicas sobre los bienes del clero (Vich; 2.Aufl. Barcelona 1854) erschien und Martinez de la Rosa, ungeachtet der gegen seine eigene politische Vergangenheit sich richtenden Kritik, auf einen bis dahin fast unbekannten Namen sich stützend, dessen Autorität gegen Espartero in den Cortes unter Vorlesung der Hauptstellen anrief. Was solches Aufsehen verursachte, war nicht so sehr der Inhalt der Schrift, sondern der Standpunkt und die Überzeugungskraft, die sich hier zur Geltung brachten: die Frage nach den Gütern des Klerus war keine Frage liberaler oder radikaler Parteipolitik; es handelte sich in ihr um das Christentum, das Existenzrecht der Kirche, die gesamte Sozialordnung des Landes. Das kirchliche Eigentum, so alt wie die Kirche, war der Lohn für ihre Dienste, das Instrument ihrer Wohltaten, der Schutzwall ihres freien sozialen Wirkens. Durch den Feudalismus der Caritas brach die Kirche den Feudalismus der rohen Gewalt; durch den Großbesitz und die an ihm haftende politische und soziale Machtstellung wurde sie die Bildnerin aller Elemente der modernen Zivilisation in Wissenschaft, Rechtspflege, Gewerbe, Verkehr, Kunst, Gesittung bis zur Schöpfung der Nationalitäten. Der Raub des Kirchengutes ist ein Attentat auf die Nation und eine der Grundbedingungen ihrer Existenz, Freiheit und Unabhängigkeit; jede anderweitige Verteilung des sozialen Reichtums, die Verschleuderung des Kirchengutes wurde die Mutter des Pauperismus und ist der Sieg des Sozialismus.

Im Juli 1840 war Balmes nach Barcelona gezogen; er sah hier, nachdem [General Ramón] Cabrera mit den Resten der im Felde stehenden Karlisten nach Frankreich übergetreten, in schamlosen Pöbelexzessen die von Esparteros Übermut dekretierte Erniedrigung der Monarchie. Seit 29. Juni 1840 befand sich hier Marie Christinens Hof; Espartero benutzte das den spanischen Unabhängigkeitsgeist tief verletzende Gesetz über die Ayuntamientos und die blutige Niederwerfung (21./22. Juli) des gegen dasselbe sich erhebenden Volkes, um die Königin zur Abdankung zu zwingen (10. Oktober 1840). Im August 1840 trat Balmes kühn mit den Consideraciones politicas sobre la situacion de Espana (Barcelona) nochmals der siegreichen Revolution mit der Anklage der Zertrümmerung der nationalen Existenz Spaniens entgegen, die Ordnung der politischen Lage als eine weitere Grundlage der sozialen Rekonstitution mit derselben Festigkeit und Mäßigung, aber noch vollendeterer Meisterschaft des politischen Urteiles und der Sprache betonend. „Ich habe“, erklärte Balmes selbst später, Inhalt und Tendenz der Schrift genau würdigend, „nicht die Verteidigung der Königin Christine geführt; an den Personen lag mir wenig; ich hielt die gesunden religiösen und monarchischen Traditionen aufrecht. Obschon bereits damals die Bestrebungen der Revolution und der Ehrgeiz Esparteros offenbar wurden, behauptete ich doch die Notwendigkeit, daß die Regierung in königlichen Händen bleibe. Ich drückte mich mit voller Freiheit zu Gunsten der Karlisten aus, indem ich ihren Überzeugungen und Absichten Gerechtigkeit widerfahren ließ und damals schon erklärte, was ich heute (1848) wiederhole, daß bei uns kein politisches System sich befestigen kann, das nicht jene große Partei als ein Element in die Regierung aufnimmt. In dem Augenblick, als ich jene Sprache führte, waren die Karlisten unterlegen und die Revolution stand in voller Kraft.“

Hatte Balmes seit der fruchtlosen Erhebung der Moderatos in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli sich überzeugt, daß es sich in Spanien um etwas ganz anderes handle, als dynastische Interessen und politische Parteikämpfe, und daß deren Obsiegen nach keiner Seite hin mehr die Zukunft sichern könne, dann mußten die Ursachen so furchtbarer Krankheitserscheinungen tiefer gesucht werden. Seine beiden ersten politischen Schriften, eine strenge Rechenschaftslegung über die Wirklichkeit der politischen und sozialen Lage Spaniens, waren Pfadfinder seines rastlos arbeitenden Geistes geworden, und mit aller Energie auf Studien zurückgreifend, die, in Cervera angeregt, in der jahrelangen Einsamkeit zu Vich vertieft wurden, kam er jetzt zur Klarheit, daß den Krankheitserscheinungen der Zeit eine Fälschung der christlichen Zivilisation zu Grunde liege, die allein einen wissenschaftlich ausreichenden Grund für das beständige Schwanken der modernen Gesellschaften zwischen Freiheit und Despotie, zwischen Fortschritt und Verelendung, zwischen Leben und Tod biete. Es handelte sich für Balmes um geschichtlich-philosophische Forschungen über den Entwicklungsgang der modernen Zivilisation; sie kamen in Barcelona zum Abschluß, und im Jahr 1842 begann die Drucklegung des Werkes, welches er unter dem furchtbaren Wechsel der eigenen Lebensschicksale und der seiner Umgebung „seinen Traum, seine Hoffnung, sein Ideal in dieser Welt“ genannt hatte. Das Werk erschien unter dem Titel: El Protestantismo comparado con el Catolicismo en sus relaciones con la civilizacion europea (Barcelona 1842-1844, 4 Bde.; 3. Aufl. das. 1849): „Protestantismus und Katholizismus in ihren Beziehungen zur europäischen Zivilisation“ (aus dem Spanischen übersetzt von F. X. Hahn, Regensburg 1862, 2 Bde.). Den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen, die Balmes selbst als eine Weiterführung der Untersuchungen Bellarmins und Bossuets nach den Anforderungen unserer Zeit bezeichnet, legt er in folgenden Worten im Hinblick auf die tiefen und nicht endenden Umwälzungen der Neuzeit also dar: „Diese Erschütterungen waren so gewaltig, daß der Boden unter unseren Füßen so zu sagen sich öffnete und der menschliche Geist, der eben noch voll triumphierenden Stolzes unter Siegesjubel und Beifallsgeschrei und gleichsam mit Lorbeeren überladen einherschritt, erschreckt in seinem Laufe innehielt und von tiefem Gefühle bewältigt an sich die Frage stellte: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist meine Bestimmung?“ Das Problem der Zivilisation, wie es die Revolution gestellt, war also nicht, wie [François] Guizot [1787 - 1874] es gestellt, das Problem der fortschreitenden Freiheit, sondern das Problem der die Freiheit bestimmenden, leitenden und ihr Wirken allein erklärenden Gesetze der Religion. Hinter der durch die namenlose Barbarei des Radikalismus geschändeten Zivilisation erhebt sich die religiöse Frage in ihrer Riesengestalt, das Haupt im Himmel, die Füße im Abgrund, auf dem Gipfelpunkte der Gesellschaft, hoch über der überraschenden Entwicklung der materiellen Interessen, dem Fortschritt der empirischen und exakten Wissenschaften, dem immer noch steigenden Einflusse politischer Erörterungen. Die entscheidende Frage ist: „Was hat in religiöser, sozialer, politischer und literarischer Beziehung das Individuum und die Gesellschaft der Reformation des 16. Jahrhunderts zu verdanken?“ Nach einer im großen Stile gehaltenen Parallele zwischen dem Einfluß des Katholizismus und des Protestantismus im allgemeinen führt Balmes dieselbe hinsichtlich der Stellung des Individuums, der Ehe, der Familie, der bürgerlichen und der religiösen Gesellschaft, der Befreiung der Sklaven, der Erhebung der menschlichen Persönlichkeit, der Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes, des öffentlichen Gewissens, der Milderung der Sitten, der Caritas, der Inquisition, der religiösen Orden, der sozialen und politischen Doktrinen, der Wissenschaften und Künste in detaillierter Fassung, methodisch, in oft bewundernswert poetischer und beredter Sprache durch. Seine Behandlungsweise ist gleich weit entfernt von Guizots doktrinär-mechanischer Darstellung wie von Donoso Cortez' blendenden Antithesen hinsichtlich der Prinzipien; auch läßt er sich nicht, wie [Jean Marie-Sauveur] Gorini [1803 - 1859], in historische Detailkritik gegen Guizots Irrtümer ein; seine Erörterung bleibt immer historisch-dogmatisch, da, wo die Sache es erfordert, spanische Verhältnisse besonders berücksichtigend. Das Resultat seiner Forschungen resümiert Balmes (Kap.73) selbst wie folgt: „Vor dem Protestantismus hatte sich die europäische Zivilisation so weit entwickelt, als es möglich war; der Protestantismus aber lenkte sie in falsche Bahnen und brachte den neueren Völkern unberechenbares Unheil; die Fortschritte, die seit der Reformation gemacht wurden, sind nicht durch ihn, sondern trotz ihm gemacht worden.“

Man sieht es diesen epochemachenden Untersuchungen der größten Zeit- und Weltprobleme, ihrer für den heutigen Geschmack oft zur Weitschweifigkeit neigenden Auseinandersetzung der Prinzipien und geschichtlichen Gesetze nicht an, daß sie in einer Zeit endloser Unruhe, anderweitiger Arbeiten des Verfassers, zuletzt unter dem Entsetzen des Bürgerkriegs, in dessen nächster Nähe, ihre letzte Form erhielten. - 1840 hatte Balmes noch in Vich die kleine aszetische Schrift Máximas de San Francisco de Sales para todos los dias de ano, dann eine Kinderlehre über die Grundbegriffe der Religion von wunderbarer Einfachheit und Kraft, wohl von allen Schriften des Verfassers, soweit das spanische Idiom in Europa, Amerika und Asien herrscht, die verbreitetste, unter dem Titel La religion demonstrada al alcanze de los ninos (deutsch Freiburg 1863) verfaßt.

In Barcelona war Balmes im Frühjahr 1841 zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt worden; dort fand er, als er im Juli desselben Jahres zu dauerndem Aufenthalte eintraf, einen Kreis tüchtiger, für seine Ideen und Arbeiten begeisterter Männer, vor allem [José] Tauló, dem Verleger seiner Consideraciones politicas. Dieser bewog ihn zu Anfang 1842 zu einer Reise nach Frankreich, um dort eine gleichzeitig mit der spanischen Ausgabe des „Protestantismus und Katholizismus“ erscheinende französische Ausgabe dieses Werkes zu besorgen und in Albéric de Blanche Raffin, einem der Redakteure des Pariser Univers, den Übersetzer und späteren Biographen zu finden. So zurückhaltend Balmes auch hier trotz der ihm dargebrachten Ovationen sich zeigte, dem engern Verkehr mit der katholischen Presse, namentlich den Annales de philosophie chrétienne von [Augustin] Bonnetty [1798 - 1879], wich er nicht aus. Während er ihnen in dem herrlichen, französisch (in die Revue critique et littéraire) geschriebenen Aufsatze über die Persönlichkeit und Bedeutung seines Landsmannes Mariana huldigte, lehnte er ein Zusammentreffen mit Guizot, das sehr gewünscht wurde, ab, welcher der streng sachlichen und überaus edel und ruhig gehaltenen Kritik seiner Histoire de la civilisation persönliche Erwägungen entgegengestellt hatte, die in Fragen wie die vorliegende rein wertlos waren. Von einem kurzen Besuche in England brachte er von der religiösen Anlage des Volkscharakters eine hohe, von der materialistisch-radikalen Weltpolitik eine äußerst geringe Wertschätzung mit. - Als er im Oktober nach sechsmonatlicher Abwesenheit wieder in Barcelona eintraf, war er einer der von der Geheimpolizei Esparteros ständig Überwachten. Dies hinderte ihn nicht, sofort mit zweien seiner Freunde, [Joaquin] Roca y Cornet [1804 - 1873], einem Philosophen und Literaten, und [José] Ferrer y Subirana [1813 - 1843], einem Juristen, vorab in des erstern Zeitschrift Religion, welche von nun an halbmonatlich als La Civilizacion erschien, dann nach 1½ Jahren in La Sociedad allein (ein Jahr lang) mächtig auf die Zeitströmung aus religiös-nationalem Gesichtspunkte einzuwirken (1843 und 1844). In letzterer erschienen die Cartas á un esceptico [Briefe an einen Skeptiker] (1-14); die letzten 11 Cartas wurden der Gesamtausgabe (Barcelona 1846; deutsch von Dr. Fr. Lorinser, Regensburg 1864) beigefügt. Diese „Briefe“ sind für die Beurteilung der Gesamtanlage des Verfassers das Bedeutsamste, für den weitesten Leserkreis sicherlich das Nützlichste. Sie trafen den wundesten Fleck der Zeit und der Menschen: die Skepsis in Sachen des religiösen Denkens nach allen ihren Erscheinungen auf dem individuellen wie öffentlichen, religiösen wie politischen und sozialen Gebiete. In nachhaltig kräftiger, oft poetisch hinreißender Sprache wird das Wesen und die letzte Ursache der modernen Religions- und Gottlosigkeit dargelegt, und es ist bewundernswert, wie Balmes das an sich haltlose und jedem Angriff immer wieder sich entziehende, alles auflösende Wesen der modernen Skepsis zu fassen versteht. Wie in keiner andern Schrift bricht sich hier der Genius des spanischen Volkscharakters, Gläubigkeit und gesunder Menschenverstand, triumphierend Bahn.

Die Lage, in welcher Balmes diese umfassende publizistische Tätigkeit entfaltete, blieb eine der gefahrdrohendsten. Auf die erwähnte erste Niederwerfung der Moderatos durch Espartero waren schon im Juli und Oktober 1841 neue Erhebungen gefolgt. Wegen Einführung des neuen Konskriptionsgesetzes (13. November 1842) kam es am 15. November zwischen Garnison und Volk in Barcelona zum Straßenkampfe, in welchem erstere vom Fort Montjuich zum Bombardement der Stadt zu schreiten sich anschickte. Die von der Zentraljunta erwirkte Schonung wurde von dem herbeigeeilten Espartero verworfen; am 3. Dezember ließ er das Bombardement eröffnen, am 15. ergab sich die verwüstete Stadt. 12 Millionen Realen Kriegskontribution und Belagerungszustand in Permanenz konnten indessen die neue Erhebung im Juni 1843 nicht hindern. Bis dahin hatte Balmes in der Unglücksstadt ausgehalten; jetzt floh er. Nach den Straßenkämpfen des 2. September und dem neuen Bombardement des 4. und 7. September kam es im November erst zur Unterwerfung. Als Balmes am Tage nach der Übergabe seinen Weg durch die Trümmerhaufen nach dem armen Hause seines Bruders suchte, wo er wohnte, konnte er auf den von einer Bombe verletzten Arbeitstisch seiner Dachstube als Frucht seiner erzwungenen Einsamkeit eine wahre Perle unter seinen Schriften niederlegen: El criterio (6. Auflage, Barcelona 1867; deutsch unter dem Titel: "Weg zur Erkenntnis des Wahren” von Theodor Nißl, Regensburg 1852). Das Buch ist mehr als eine populäre Logik, es ist eine Art Einführung in die Philosophie für solche, welche dieselbe nicht schulgemäß studieren. Balmes formuliert die Gesetze des gesunden Menschenverstandes und verfolgt ihre Anwendung auf das eigene geistige Leben, das äußere Verhalten, Glauben, Denken, Urteilen, die Haupterscheinungen der Außenwelt. Genau in den Definitionen, anziehend in der Darstellung, tief und voll Salbung wie ein Mystiker analysiert Balmes, ohne sich an methodische Strenge zu binden, meist im Anschluß an eine allen geläufige, sofort zu kontrollierende Beobachtung. Man braucht bloß das letzte (22.) Kapitel “Vom praktischen Verstande” (Separatausgabe von Dr. Heinrich Brinkmann, Münster 1863), zu lesen, um das Geheimnis zu entdecken, warum diese Schrift seinen Landsleuten die liebste wurde.

Mitten in diese aufstrebende Popularität fällt für Balmes der wichtigste Abschnitt seines Lebens, insofern ihm ein unmittelbares Eingreifen in die Politik zufiel. Narvaez hatte mit fester Hand die Zügel der Regierung ergriffen; es galt, Spanien nach all dem Elend grenzenloser revolutionärer Zerrüttung seinen monarchischen und religiösen Traditionen wiederzugeben. Nachdem Narvaez in den Guardias civiles eine stets schlagfertige Schutzmacht gegen die revolutionären Exzesse errichtet, die verbannten Bischöfe zurückberufen, den Verkauf der Kirchengüter sistiert, eine Versöhnung mit dem Heiligen Stuhle angebahnt, die progressistische Presse gezügelt und (Oktober 1844) in den Cortes eine der nationalen Reform günstige Majorität gefunden, schien es, als ob der Thron Isabellas II. sich befestige. Die große Aufgabe war, dieser Rekonstitution des Landes in den politischen Kreisen festen Halt und nachhaltige Kraft zu sichern, und diese Aufgabe fiel Balmes ohne sein Zutun zu. Ein durch soziale Stellung und persönliche Autorität ausgezeichneter Kreis spanischer Adeliger, der Marquis von Viluma an der Spitze, legte ihm die Herausgabe einer politischen Zeitschrift nahe. Unter Wahrung seiner vollen Unabhängigkeit verstand sich Balmes dazu; Mitte Februar 1844, sechs Monate nach Esparteros Sturz, erschien in Madrid, wohin Balmes seinen Wohnsitz verlegte, die Zeitschrift El pensamiento de la nacion mit dem Programm, auf die von dem revolutionären Konstitutionalismus emanzipierte Monarchie die soziale Regeneration Spaniens im Innern und dessen volle nationale Unabhängigkeit nach außen zu bauen. Die von Balmes geforderte Revision der Verfassung von 1837 setzte Narvaez (Mai 1845) durch. Der Eintritt Vilumas in die Regierung, damals Gesandter in London, scheiterte zwar, aber die Reformen gingen, zumal nach der Unterdrückung des Espartero-Primschen Pronunciamento von Logroño, ihren Weg, und man kann sagen, daß fast drei Jahre lang durch den publizistischen Einfluß des Pensamiento die höchsten Lebensinteressen der Nation, die Verfassungsfragen, die Kirchenfrage, die Beziehungen zum Ausland, die Heiratsfrage der Königin so objektiv und gründlich, so ernst und entschieden von den maßgebenden Kreisen verhandelt werden konnten, wie nie zuvor. Der Pensamiento wurde eine politische Macht.

Je mehr die spanischen Verhältnisse sich konsolidierten, desto mehr trat die Verheiratung Isabellas in den Vordergrund; sie beschäftigte die spanischen Staaatsmänner nicht weniger wie ganz Europa, zumal seit die Doktrinäre des Pariser und die Tories des Londoner Kabinetts die “spanischen Heiraten” - Isabellas Schwester, die Infantin Luisa, war nach der veränderten Successionsordnung mit in Frage - zum Ausgangspunkt gewählt, die verlorenen Fäden der Beeinflussung der spanischen Politik wiederzufinden. Balmes' Scharfsinn hatte sofort in der von Guizot ganz der kurzsichtigen Politik Louis Philippes angepaßten Stellungnahme Frankreichs eine Gefahr für die Zukunft Spaniens erkannt und trat dem nach Spanien selbst verpflanzten Intrigenspiel gegen die Kandidatur des Prinzen Carlos, des Sohnes und Erben des Don Carlos, damals unter dem Titel eines Grafen von Montemolin in Bourges residierend, auf das entschiedenste entgegen. Für ihn war diese Heirat die unwiderrufliche Lösung der spanischen Staatsfrage durch tatsächliche Beseitigung der Succesionsfrage, die Garantie der nationalen Unabhängigkeit, die Versöhnung des Autoritäts-und Freiheitsprinzips, der Ausgleich zwischen Monarchie und Repräsentativverfassung. Je mehr die Frage der Verheiratung zum Gegenstand öffentlicher Verhandlung, selbst in den Cortes, und Anlaß zur Erörterung internationaler Staats- und Vertragsfragen wurde, desto entschiedener, geistesmächtiger verfocht Balmes das nationale Programm, und seine Autorität war damals so groß, daß das ganze spanische Volk, vorab die Karlisten selbst, diese Lösung freudig begrüßt hätten. Balmes tat mehr. Auf Don Carlos' Abdankung zu Gunsten des Grafen Montemolin hatte er unmittelbar Einfluß; das würdevolle Manifest des letzteren und die in demselben eingegangene Verpflichtung gegen die Repräsentativinstitutionen (23. Mai 1845) ging durch seine Hand. Balmes war damals in Frankreich und blieb den Sommer in Paris und Belgien. Als er zurückkehrte, erkannte er alsbald, daß die Kandidatur des Grafen von Montemolin durch die französische Diplomatie beseitigt und somit den Kandidaturen Louis Philippes der Weg offen stand. Mit erneuter Entschiedenheit erhob sich nochmals Balmes gegen jede Verbindung mit dem schwankenden Thron der französischen Orléans. Umsonst.

sDie geheimen Verhandlungen Louis Philippes mit dem Tory-Kabinett einerseits und der spanischen Regierung andererseits hatten zu einer Abmachung geführt, in welcher Louis Philippe, um Englands Empfindlichkeit zu schonen, für seinen jüngsten Sohn Montpensier auf die Hand Isabellas verzichtend, die ihrer Schwester Luisa nahm, während Isabella dem Herzog von Cadix [Cadiz], einem Brudersohne des Don Carlos, Don Francisco d'Assisi, zugewiesen wurde. Die Haltung der spanischen Diplomatie erbitterte Balmes aufs tiefste; er zog sich in die heimischen Berge zurück. Sein politischer Scharfblick hinsichtlich der Stellung Louis Philippes erhielt unerwartet schnell Recht. Anfangs 1846 übernahmen in London die Whigs unter John Russel die Regierung, und Lord Palmerston, der entschlossenste Gegner des französischen Einflusses, griff nochmals die Angelegenheit der "spanischen Heiraten" auf, proklamierte die Kandidatur des Neffen des Prinz-Gemahls seiner Königin, beschuldigte Louis Philippe des Wortbruchs und brachte ihn um den Rest seiner Achtung in Frankreich. Allein der französische Einfluß siegte nochmals, als Lord Palmerston, den revolutionären Instinkt seiner Politik nicht zügelnd, die Progressisten offen unterstützte, den Hof herausforderte und Marie Christine jetzt selbst die Annahme der französischen Forderungen betrieb und den Abschluß der beiden Heiraten unter unerhörten Festlichkeiten (10. Oktober) durchsetzte. Lord Palmerston vergaß dem Könige der Franzosen und dem spanischen Hofe diese ihn überlistende Energie nie; letztern gab er den progressistischen Umtrieben preis. Die Zeit der Reformpolitik war vorbei. Louis Philippe warf er Verrat vor; das Einvernehmen der beiden Mächte war zerstört, der Pariser Hof war, als die Stunde der Gefahr schlug, ohne Stütze, und Frankreich stand der englischen Revolutionspolitik offen. Der König hatte buchstäblich, wie Balmes gesagt, „in seiner Torheit sein Todesurteil vollzogen“. „Die einzige Hoffnung, die uns blieb, ist auf immer verschwunden", klagte Balmes. Am 31. Dezember 1846 erschien der Pensamiento zum letztenmale. Alle Bitten der Freunde vermochten nichts gegen diesen Entschluß, mit dem Balmes auf reiches Einkommen verzichtete, seine Würde und Unabhängigkeit fortan in vorwurfsvolles Schweigen hüllend. Einen Monat nach der Doppelhochzeit (10. November 1846) nahm er von den spanischen Diplomaten, die Gevatter standen, Abschied. "Der Tag wird kommen," sagte er, "wo sie, niedergebeugt durch bittere Erinnerungen, glücklich sein würden, wenn sie die geleisteten Dienste und den empfangenen Lohn vergessen könnten." Balmes stand am Ende seiner politischen Laufbahn; er hatte seine Aufgabe, dem "Gedanken der Nation" siegreichen Ausdruck zu verschaffen, gelöst; bis zur Stunde hat ihn kein spanischer Publizist und Staatsmann in der Schöpfung einer wirklich nationalen Politik übertroffen; letztere steht heute prinzipiell genau an der Stelle, auf welcher Balmes sie verlassen.

Mit einer Freude und Emsigkeit, die alle an ihm bemerken konnten, kehrte Balmes jetzt nach 20jähriger Unterbrechung zu den Thomasstudien von Cervera zurück. In der bewegtesten Zeit seines Lebens hatte er die zehn Bücher der Filosofia fundamental (Barcelona 1846, 1849 und später, 4 Bde.; deutsch von Dr. Franz Lorinser, Regensburg 1855, 2 Bde.) entworfen; jetzt vollendete er sie wie im Fluge und arbeitete daneben den Curso de filosofia elemental (Madrid 1847; deutsch von Dr Franz Lorinser, Regensburg 1852 – 1861, 4 Teile.) aus. Daß er auch mit diesen beiden Werken dem großen Ziele seines Lebens treu blieb, Spanien seiner katholischen Vergangenheit wiederzuschenken, blieb er sich bei der Abfassung vollauf bewußt. Die "Fundamente" sind eine Philosophie im Geiste des hl. Thomas nach den Anforderungen der Neuzeit, genauer eine Prüfung der Fundamentalfragen der Philosophie, dogmatisch und kritisch zugleich. Es handelt sich für Balmes nicht um die Aufstellung eines durchgebildeten Systems, sondern um die von dem christlichen Denken geforderte Stellungnahme zu den einzelnen Grundproblemen der neuern Philosophie, wie solche sind die Gewißheit, die Sensationen, die Idee, Ausdehnung und Raum, das Sein, Einheit und Zahl, die Zeit, das Unendliche, die Substanz, Notwendigkeit und Causalität; seine Kritik umfaßt die Philosophie seit Descartes, besonders Leibniz, Malebranche, die Materialisten des 18. und die deutschen Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts. Die Wissenschaft vom Absoluten, das ist das Resultat seiner Spekulation, sucht die Philosophie vergeblich auf den Irrgängen des von Gott abgewendeten Denkens; ihre Quelle ist Gott selbst, für Balmes wie für Gregor von Nazianz, das Licht alles geistigen Lebens. Erhaben in seiner philosophischen Konzeption, wird auch hier die Sprache bei aller Nüchternheit oft von aszetischer Milde und Kraft durchleutet, wie verklärt, während in der Elementarphilosophie (Logik, Metaphysik, Ethik, Geschichte der Philosophie) ganz die Sprach- und Anschauungsweise des Criterio wiederkehrt mit der hier unentbehrlichen Rücksicht auf schulgemäße Doktrin und Methode.

Im Frühjahr 1847 waren auch diese Arbeiten vollendet. Eine Sammlung seiner politischen Schriften: Escritos politicos (Madrid 1848) war unter der Presse. In der Einleitung hatte er nochmals in gedrängter Übersicht von seinen politischen Anschauungen sich Rechenschaft gegeben. Erschöpft von Arbeit, ergriffen von dem nicht mehr endenden Wechsel des Gesundheitszustandes, niedergebeugt von dem Schauspiel des Hoflebens der jungen Königin, der im März 1847 wieder zur Herrschaft gelangenden Progressisten unter [Francisco] Serrano [Domínguez] [1810 - 1885] und der überhandnehmenden intellektuellen und moralischen Korruption, sehnte er sich fort von Madrid. Seine Freunde bestanden auf einer Erholungsreise. Nach einmonatlischem Aufenthalt in den Bädern von Ontanedo an der kantabrischen Küste (Santander) besuchte er nochmals Frankreich und Paris und kehrte Mitte Oktober mit der Überzeugung von der bevorstehenden Katastrophe nach Madrid zurück. Der Sturz Serranos und Narvaez nochmaliger Eintritt in die Regierung beruhigten ihn nicht mehr über Spaniens nächste Zukunft. Für ihn blieb nur noch eine Hoffnung, der öffentlich Ausdruck zu geben er stille bei sich beschlossen hatte.

Alsbald nach seiner Rückkehr erschien die kleine Schrift Pio nono (Madrid 1847), formell eine der glänzendsten, aber inhaltlich selbst seine nächste Umgebung so wenig befriedigende Verteidigung der von diesem Papste bis dahin befolgten Reformpolitik, daß namentlich von seiten der damals maßgebenden Regierungspolitiker er in keiner Weise geschont wurde; seine Ansicht, das Reformwerk des von ihm wegen seiner Frömmigkeit, Tugend und Menschenliebe gefeierten Papstes sei eine historische Notwendigkeit, nahm er mit sich ins Grab. Schmachvolle Verdächtigung seiner Ehre und Unabhängigkeit, die unerhört brutale Niedertretung der katholischen Interessen nach der Niederlage des Sonderbunds (November 1847), der Ausbruch der Pariser Februarrevolution, die progressistische Erhebung in Madrid (26. März 1848) und Furcht vor den Greueln des Straßenkampfes drückten den von dem Wiederausbruch seines Brustleidens schwer Gebeugten vollends nieder. In der Sehnsucht nach der Luft seiner katalonischen Berge hatte er Madrid vor Ausbruch der Märzrevolte verlassen. In Barcelona konnte er noch an der lateinischen Übersetzung seiner Elementarphilosophie arbeiten, die er dem Pariser Erzbischof [Denis Auguste] Affre (gest. 17. Juni 1848) für Schulzwecke zugesagt.

Am 15. Mai befiel ihn im Hause seines Bruders das Todesfieber; zu seiner großen Freude konnte er am 28 Mai nach Vich gebracht werden. Am heiligen Fronleichnamsfest empfing er bei dem in seinem Sterbezimmer gefeierten heiligen Opfer die Wegzehrung. "Niemand" sagte sein Bruder, "hat aus seinem Munde auch nur eine einzige Klage gehört." Er starb nachmittags am 9. Juli 1848. Kurz vor dem Eintritt in den Todeskampf sagte er: "Mir ist wohl, zwei Menschen leben in mir: der eine ist geistlich der andere leiblich. Der leibliche Mensch beschäftigt mich wenig." In tiefer, vollendeter Ruhe, wie in der Meditation begriffen, das Auge auf die vor ihm stehende Statue Marias geheftet, schied er von hinnen. Das übermächtige Geistesleben hatte ihn vor der Zeit aufgerieben; er war noch nicht 38 Jahre alt. Fürstliche Ehren von weltlicher wie geistlicher Seite geleiteten ihn zu Grabe; in Vich schuf die Stadtbehörde vier Tage nach seinem Tod zu dauernder Erinnerung an ihren besten Sohn den "Balmesplatz". Ein Aufruf an ganz Spanien verlangte für "den großen Verteidiger des katholischen Glaubens, den christlichen Philosophen, den frommen und ausgezeichneten Schriftsteller, den Priester Jakob Balmes" ein würdiges Denkmal. Ende Januar 1848 hatte die Madrider Akademie den Marquis von Viluma mit Einstimmigkeit beauftragt, ihn wegen seiner Verdienste um die spanische Sprache einen Sitz anzubieten; Balmes nahm an, hat seinen Sitz aber nie eingenommen. Der Schmerz ganz Spaniens über seinen frühen Tod war ein gerechter: Balmes war ein priesterlicher Charakter in der ganzen Größe seines Wortes; ein Mann der Wissenschaft, der Frömmigkeit, des Opfers, vor dessen makelloser Hoheit auch die Gegner sich beugten, dessen Einfluß es in erster Linie mit zuzuschreiben ist, daß Spanien nicht mehr die Wege des Entsetzens zu wandern hatte, von welchen er es in der verzehrenden Glut seiner Liebe zur Kirche und zu seinem Volke abgelenkt hatte.

Überblickt man sein Lebenswerk auf allen Gebieten der praktischen wie theoretischen Politik und Philosophie, so wird man bei tieferem Nachforschen unschwer die eine große Idee erkennen, welche dasselbe beherrscht: den Kampf gegen die rationalistische und die Verteidigung der christlichen Gesellschaftsauffassung. Erstere trat ihm im Guizotschen Doktrinarismus entgegen, in der allgemeinen Skepsis gegenüber den Grundwahrheiten der Religion, in den Verirrungen des philosophischen Denkens, letztere in der katholischen Tradition, in dem übernatürlichen Glauben, in der zeitgemäßen Wiederbelebung der scholastischen Philosophie. Alle Wahrheit strömte für ihn aus einer Quelle, aus Gottes zwiefacher Schöpfung im Reiche der Natur und der Gnade, aus ihrer harmonischen Einheit im Glauben, Lehren, Leben der Kirche; alle Erkenntis hatte für ihn eine Norm, die Glaubensregel und die große Tradition der katholischen Philosophie; alles Wirken stand bei ihm in strenger Abhängigkeit von einem Ziele, Spanien seiner katholischen Vergangenheit und damit einer glorreichen Zukunft wiederzugeben. Hätte er die erste vatikanische Konstitution Dei Filius Pius' IX., hätte er die Enzyklika Leos XIII. Aeterni Patris (4. August 1879) über die Restauration der katholischen Philosophie gelesen, die Freude hätte ihn überwältigt. Im Lichte dieser autoritativen Kundgebungen muß Balmes unzweifelhaft als einer der größten, gottbegnadetsten Geister des neuern Katholizismus angesehen werden. Im Doktrinarismus und seiner Politik erkannte er eine neue Phase des protestantischen Geistes, eine Weiterbildung des "Glaubensbekentnisses des savoyardischen Vikars", des Conract social, d. h. der Proklamation der Souveränität der Vernunft und der Volkssouveränität und der Umgestaltung aller gesellschaftlichen Ordnung nach ihren Forderungen. Diesem letzten Versuch der Fortsetzung der revolutionären Emanzipation des Menschengeistes des 16. Jahrhunderts galt seine nie ruhende Zurückweisung in den Soziallehren und in den politischen Dokrinen, zunächst des eigenen Volkes. Wenn ihm trotzdem zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen von seinen Freunden eine zu große Nachgiebigkeit gegen die Institutionen des modern-politischen Lebens zum Vorwurf gemacht wurde, wie von seinen Gegnern eine Hinneigung zum reaktionären Pessimismus, so mag dies mit Bezug auf einzelne Äußerungen eine gewisse Berechtigung haben. Nicht so mit Bezug auf die Grundlinien seiner Gesamtanschauung. Für Spanien forderte er die Herrschaft des katholischen und des monarchischen Prinzips, da das erstere gegenüber den sozialen Umgestaltungen des Volkslebens allein eine Macht der Aussöhnung, der Ordnung, der Friedigung besitze, das letztere allein einer Gesellschaft die Stabilität ihrer Instititionen sichern könne.

Die Weltpolitik der modernen Zeiten hat mit den dreifachen, von ihr adoptierten Axiomen der Regierungskunst: dem Interessen- und Parteikult, der Zentralisation, der den Körper schwächenden, den Geist der erniedrigenden Erziehungsmethode, nur die Herrschaft der universalen Knechtung proklamiert. Der Katholizismus allein ist noch die rettende Macht, da er den Dingen dieser Zeit das rechte Maß in der übernatürlichen Bestimmung alles sozialen Lebens geben kann, weil er allein die durch die universale Revolution in der Volksseele geschaffene Leere auszufüllen vermag. Was Balmes in dieser Hinsicht über die Grundelemente alles sozialen Lebens, die Individualität, Arbeit, Eigentum, Ehe, Jungfräulichkeit, Liebe, geschrieben, scheint uns mit das Vollendetste zu sein, was hohe Vernunft und seltene Zartheit des Herzens eingegeben. Das gleiche gilt von den Institutionen und politischen Doktrinen des Katholizismus, z.B. den religiösen Orden. "Wenn der Gesellschaft Auflösung droht, dann helfen nicht Werke, Pläne, Gesetze, sondern starke Institutionen, die den Leidenschaften, der Unbeständigkeit des Menschen, den zermalmenden Schlägen der Ereignisse widerstehen. Institutionen tun not, um die Intelligenz zu bilden, das Herz zu beruhigen und zu veredeln, um eine Bewegung des Widerstandes und der Reaktion inmitten einer Gesellschaft herbeizuführen, deren verderbliche Elemente letztere dem Tode überantworten."

Angesichts der modern-revolutionären Erschütterung der Gesellschaft hat jede wahrhaft konservative Politik auf die Befestigung und Erhaltung jener beiden Sozialmächte hinzuarbeiten, welche in den modernen Nationen allein noch die Volkseinheit und Volkseinigkeit retten können: Katholizismus und Monarchie. Das gilt insbesondere für Spanien; die Revolution ist für dasselbe eine "Überraschung" gewesen; die größte Widerstandskraft ist und bleibt noch der Katholizismus, zumal das zwischen einer starken monarchischen Gewalt und dem Volke vermittelnden Glied einer fest organisierten Aristokratie fehlt, welche die Demokratie vor Ausschreitungen bewahrt. Die Kritik der gegenwärtigen spanischen Verfassung führt Balmes zu der Forderung: Befestigung und Stärkung der Erbmonarchie um der Ordnung, der Stabilität und einer Anwendung der politischen Gewalt willen, welche mit Wohlwollen die Auseinandersetzung von Aristokratie und Demokratie auf Grund der spanischen Verfassung vor Karl III. zu leiten vermag. Die Gesetze von Kastilien, Aragonien, Navarra, Valencia, Katalonien, die Sammlung der Fueros, der Privilegien und Freiheiten legen die Bedeutung der Demokratie, d.h. des freiheitlichen, fortschreitenden Volkselementes so nahe, daß die Erbmonarchie in der Anerkennung und Wiederbelebung der in den nationalen Sitten noch tief wurzelnden Freiheiten und Traditionen den stärksten Damm gegen die revolutionäre Demokratie aufrichten würde. Eine mit den verschiedenen Graden aristokratischer und demokratischer Institutionen, mit Ständigkeit und Fortschritt gemischte Monarchie als die geeignetste Garantie aller sozialen Güter, kurz eine Regierungsform, deren Typus die katholische Kirche in ihrer Hierarchie zeigt, war Balmes' Ideal, durchweg im Anschluß an die Prinzipien des hl. Augustinus. Der Verwirklichung dieses Ideals galt der Kampf seines Lebens, und wiederholt hat er erklärt, für den Karlismus nur darum eingetreten zu sein, weil er dieses für das Land zuträglichste System verfolgt habe. Von der Anschauung ausgehend, der eminent katholische und monarchische Geist des spanischen Volkes sei noch stark genug, bei Zurückdrängung der revolutionären Einwirkungen, ein der monarchischen Vergangenheit des Landes würdiges, selbstbewußtes, echt nationales Leben wieder zu begründen, war Balmes der systematische Bekämpfer jeder französischen oder englischen Allianz, die nur störend auf die Rekonstitution des Landes einwirken könne. "Wir glauben nicht" sagte er, "daß unser Wohl von irgendeinem Bündnis oder gar einer elenden Nachäfferei abhängt. In der Nation liegt ein Prinzip des Lebens, der Kraft, der Energie, durch dessen Benützung Spanien wieder den Rang erhalten kann, der ihm zukommt. Bis auf günstigere Verhältnisse laßt uns in den Geistern den Drang nach einer bessern Zeit hegen und pflegen. Hüten wir uns, den Aufschwung nationaler Gedanken zu hemmen durch Annahme des Protektorates einer fremden Nation." Daß Balmes einer von diesen Gesichtspunkten getragenen Reformpolitik, sowie der Zentralisation im Sinne einer kräftigen und einheitlichen Verwaltung zustimmte, ergibt sich aus seiner sozialen Auffassung der modernen Revolution; es galt ihm, auf diesem Wege der Schwäche der Regierung und der Anhänglichkeit des Volkes an die Einheit der Macht als den Ausgangspunkten der Reform entgegenzukommen.

Über seine auswärtige Politik, die er vorzugsweise in der Schrift über Pius IX. entwickelt und der Donoso Cortes ein europäisches Echo verschaffte, sei nur bemerkt, daß in dem Kampfe um die Welthegemonie, in den die innerstaatlichen Umwälzungen (1848) die nordischen Mächte verwickeln würden, nach Balmes' Ansicht Russland der Sieger sein, aber wegen der gänzlichen Abhängigkeit der es beherrschenden Ideen von Frankreich und Deutschland damit seinen Verfall und Untergang herbeiführen werde. Die abendländische Zivilisation sei durch das doppelte Prinzip des Protestantismus, das Privaturteil in Glaubenssachen und die religiöse Suprematie der Staatsgewalt, unheilvoll entkräftet. Die Aufgabe des Papsttums sei es, hier festzustehen, sich auf keine fremde Stütze zu verlassen, seine eigenen Kräfte vollauf zu entfalten. "Sein Geschick könnte sich nicht ohne Gefahr an das Los irgend welcher politschen Macht knüpfen. Es ist dringend notwendig, daß es sich soviel als möglich durch seine Haltung vor allen Wechselfällen, die Europa bedrohen, sicherstelle. Seine Klugheit muß das auswählen, was die neuere Bewegung Gutes in sich schließt, um den Ideen eine weise Richtung zu geben und in der Region der Tatsachen eine friedliche Umgestaltung herbeizuführen." Als den Zeitpunkt dieser Umgestaltungen bezeichnete Balmes den zeitweiligen Umsturz der weltlichen Souveränität des Papsttums, deren Wiederherstellung als eine Forderung politisch-sozialer Notwendigkeit sich aus den innereuropäischen Verwicklungen ergeben werde. Wenn wir schließlich noch darauf hinweisen, daß Balmes eine große französisch-russisch-amerikanische Allianz als den entscheidenden Faktor in dieser Weltlage angekündigt, glauben wir seine Politik hinreichend charakterisiert zu haben, um auch auf diesem Gebiete auf seine eminente Bedeutung bis zur Stunde aufmerksam zu machen.

Außer der oben angeführten Literatur sei noch hingewiesen auf die von seinem Freunde Albéric de Blanche Raffin verfaßte einzige größere Biographie: J. Balmes, sa vie et ses ouvrages (Paris 1849; deutsch von F. X. Karker, Regensburg 1852). Eine zweite Auflage dieser Schrift, worin über manche wenig genügend aufgeklärte Punkte persönlicher, politischer und wissenschaftlicher Art weitergehende Mitteilungen hätten erfolgen sollen, kam wegen des zu frühen Todes des Verfassers (gest. Ende 1852 als Redakteur des Univers) nicht zu stande. Immerhin machte A.de Blanche Raffin (Kap. 33) auf eine ganze Reihe unveröffentlichter Arbeiten des genialen Publizisten aufmerksam, die ebensowenig wie das reiche Briefmaterial zur Veröffentlichung gelangt sind. Eine kritische Gesamtausgabe der Balmes'schen Schriften liegt bis heute nicht vor. Eine Übersetzung seiner "Vermischten Schriften" (3 Bde., Regensburg 1855/56) besorgte J. Borscht, Gymasialprofessor zu Speyer. Zur tiefern Beleuchtung der Lehren von Balmes und der Vertretung seiner Politik durch Donoso Cortes veröffenlichte T. J. Buß (im Anschluß an A. de Blanche Raffin II, 10) die Schrift "Zur katholischen Politik der Gegenwart" (Paderborn 1850).

Personen
(Auswahl)

Lewis C. S.
Malagrida G.
Marescotti J.
Manning H. E.
Marillac L.
Maritain J.
Martin Konrad
Massaja G.
Meier H.
Mieth Dietmar
Mixa Walter
Mogrovejo T.A.
Moltke H. v.
Montalembert
Montecorvino J.
Moreno E.
Moreno G. G.
Mosebach M.
Müller Max
Muttathu-padathu
Nies F. X.
Nightingale F.
Pandosy C.
Paschalis II.
Pieper Josef
Pignatelli G.
Pius XI.
Postel M. M.
Poullart C. F.
Prat M. M.
Prümm Karl
Pruner J. E.
Quidort
Radecki S. v.
Ragueneau P.
Rahner K.
Ratzinger J.
Reinbold W.
Répin G.
Rippertschwand
Rudigier F. J.
Ruysbroek
Salvi Lorenzo
Sanjurjo D. S.
Saventhem E.
Schamoni W.
Schreiber St.
Schynse A.
Sierro C.
Silvestrelli C.
Simonis W.
Solminihac A.
Spaemann C.
Stein Karl vom
Steiner Agnes
Sterckx E.
Stern Paul
Stolberg F. L.
Talbot Matt
Therese
Thun Leo G.
Tolkien J.R.R.
Tournon Ch.
Vénard Th.
Vermehren I.
Walker K.
Wasmann E.
Waugh E.
Wimmer B.
Windthorst L.
Wittmann G. M.
Wurmbrand R.


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