Das Portal
zur katholischen Geisteswelt


Zum
Inhalts-
verzeichnis
Zum
biographischen Bereich

Impressum

Das katholische Informationsportal kath-info
dient der theologischen Aufklärung
und bietet Ihnen Beiträge zu Themen der katholischen Welt.

Die Beiträge unterliegen in der Regel dem Urheberrecht.

Zum Autorenverzeichnis

Sie befinden sich im ersten Teil
des blauen Bereichs des PkG (Buchstaben A bis G)
Zum zweiten Teil
Zum dritten Teil

Die neuesten Beiträge finden Sie jeweils auf der Startseite

Zum philosophischen Bereich
Zum
liturgischen Bereich

Links

Themen

Abschuß
abuse
Abtreibung
Abtreibung II
Advent
Ägypten
AIDS
Amoris laetitia
Amtsverzicht
Annaverehrung
Apokalypse
Ärgernis
Auferstehung
Auster
B16 Bundestag
Barmherzigkeit
Barmherzigkeit II
Barmherzigkeit III
Befreiungstheol.
Beichte
Bekehrung
Belgrad
Benedikt XVI.
Besessenheit
Beten
Bischof
Bischofsamt
Bischofsberater
Bischofsweihen 88
Bischofsweihen II
Borromäusverein
Chesterton G.K.
Christenverfolgung
Christkönigtum
Christozentrismus
CiG
Cloyne Report
Darwinismus
DH
Dialog
Discretio
Dogma
Dogma u. Leben
Doppelwirkung
droben
Drusen
Effetha
Ehe
Ehe und Familie
Einwohnen
Eizellenhandel
Ekklesiologie
Embryo
Emmaus

* * *

1. Oktober
Von Sartre lernen

Von John T. Mullen

Jean-Paul Sartre ist nicht, um es höflich auszudrücken, ganz oben in der Bücherliste eines Menschen, der in seiner Frömmigkeit wachsen möchte. Genau genommen wären die meisten schockiert, wenn jemand sagen würde, dass er überhaupt in diese Liste gehört. Sein Atheismus würde die ängstliche Seele verunsichern, seine Widersprüche würden den Logiker verwirren und erzürnen und sein schrankenloser Redeschwall würde jeden zu Tode langweilen. Dennoch, obwohl es wahr ist, dass der größte Teil seiner Werke eine erschreckende Wüstenlandschaft bildet, gibt es doch kurioserweise ein Element in seinen Gedankengängen, das für den Gläubigen höchst nützlich ist – und dies in einem Bereich, in dem Hilfe am stärksten benötigt wird. Diese Not wird von christlichen Schriftstellern häufig nicht wahrgenommen, sodass sie es ironischerweise einem Atheisten überlassen haben, diese Not unwissentlich tiefgründig zu thematisieren. Erlauben Sie mir, dies kurz zu erklären.

Jeder, der es sich ernsthaft zum Ziel genommen hat, Christus zu folgen und Ihm ähnlich zu werden, entdeckt schnell, wie schwierig sich dies gestaltet. Hindernisse gibt es überall, besonders in der eigenen Sündhaftigkeit. Genau genommen besteht die Motivation zur Christusnachfolge in erster Linie gerade darin, sich von der Sünde, die das Leben zerstört und Gott beleidigt, zu lösen. Folglich sind wir dazu angehalten, uns von unserer Sünde abzuwenden, was wir tun, indem wir uns von verschiedenen Aktivitäten fernhalten, von denen wir wissen, dass sie sündhaft sind, und indem wir andere unternehmen, von denen wir wissen, dass sie gut sind. So weit, so gut, aber es bleibt doch ein nagendes Unbehagen. Unser Verhalten mag besser geworden sein, aber wie viel echtes Wachstum der Heiligkeit hat stattgefunden? Das Gefühl, dass wir nur die Oberfläche des Problems angekratzt haben, erzeugt ein tiefes Verlangen, zum Grund der Sünde vorzustoßen und sie in ihrem innersten Kern zu bekämpfen. Aber wie? Was genau ist der innerste Kern der Sünde? Wenn wir dies wüssten, könnten wir uns viel besser auf den Kampf vorbereiten.

Christliche Theologen haben diese Frage oft thematisiert. Das bekannteste Beispiel ist Augustins Erzählung, wie er in seiner Jugend Birnen stahl; eine Passage, die in der westlichen Welt lange Zeit viel gelesen wurde. Augustinus war davon überzeugt, dass er deswegen so großes Gefallen an der Tat hatte, weil sie verboten war. Die Birnen an sich waren für ihn nicht wichtig. Seine Analyse ist eine kühne Vorwegnahme Sartres:

“Verkehrt ahmen [Ihn] die nach, die sich von [Ihm] entfernen und sich gegen [Ihn] erheben. Aber selbst dadurch, daß sie [Ihn] nachahmen, geben sie zu erkennen, daß [Er] der Schöpfer der ganzen Welt ist und man sich deshalb nicht völlig von [Ihm] lossagen kann. ... war es die Lust des Gefangenen, im ungestraften Treiben des Verbotenen mir Freiheit, eine verkrüppelte Freiheit vorzuspielen, als ich nur das schattenschwarze Spottbild von Allmacht war?” (Aug. conf. II,6)

Augustinus realisierte, dass das Wesen der Sünde darin besteht, sich an die rechtmäßige Stelle Gottes zu setzen, um auf eine Art und Weise wie Er zu sein, die für Seine Kreaturen unmöglich ist. Gewöhnlich beinhaltet dieser Versuch die Leugnung der Autorität Gottes über Seine Kreaturen und Seiner Macht, ihrem Verhalten Grenzen zu setzen. Manchmal werden alle kreatürlichen Grenzen geleugnet. Auch Sartre folgte, wie wir sehen werden, diesem Ansatz.

Wenn die Natur der Sünde schon so lange erkannt wurde, könnte man fragen, was ein Atheist wie Sartre überhaupt zu unserem Sündenverständnis beitragen kann? Sein „Beitrag“ besteht darin, dass er das Wesen der Sünde zur Grundlage eines philosophischen Systems gemacht hat. Er gibt dies zu, wenn er sagt, dass „der Existentialismus nichts anderes ist als der Versuch, ein umfassendes Konzept aus einer konsequent atheistischen Position heraus zu entwickeln.“ Oder an anderer Stelle: „Der Mensch ist nichts anderes als was er aus sich selbst macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus.“ Bei der Entwicklung seines Gedankengangs beginnen wir zu erkennen, wie die Sünde uns auf Arten und Weisen beeinflusst hat, die wir nicht einmal bemerkt haben. Dies ist eine wichtige Information für jeden, dessen größtes Verlangen darin besteht, die Sünde hinter sich zu lassen, und es hilft ihm, sich darauf zu konzentrieren, was Sünde wirklich ist. Natürlich ist sich Sartre der Hilfestellung, die er der christlichen Kirche gibt, nicht bewusst.

Der Eckstein seiner Philosophie ist die Eigenständigkeit der menschlichen Freiheit. Er sagt sehr deutlich, was er mit Freiheit meint. Für Sartre ist Freiheit nichts anderes als die Fähigkeit, sich selbst zu definieren, zu bestimmen, was man ist. Alles außerhalb des eigenen Selbst, das irgendeinen Einfluss auf das Sein ausübt, wird als Einschränkung der Freiheit empfunden. Er erklärt dies so: „Es ist daher sinnlos sich beschweren zu wollen, da nichts Fremdes darüber entschieden hat, was wir fühlen, wie wir leben oder was wir sind. Mehr noch ist diese absolute Selbstverantwortung nicht Resignation. Es ist einfach die logische Voraussetzung für die Konsequenzen unserer Freiheit.“

Dies führt Sartre dazu, zwischen dem „In-sich-selbst-Sein“, dem die Freiheit fehlt und das nicht wählen kann, was es ist, und dem „Für-sich-selbst-Sein“, welches sich immerwährend selbst bestimmt und daher keine festgelegte Natur hat, zu unterscheiden. Der Mensch, sagt Sartre, ist das letztere: „Es gibt keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, der sie geschaffen hätte.“ Das heißt, der Mensch ist in einem konstanten Prozess, das zu werden, was er noch nicht ist. Da Sartre nicht sagen kann, dass der Mensch zu irgendeiner Zeit etwas Konkretes ist, setzt er das menschliche „Für-sich-selbst-Sein“ dem Nichts gleich. Es ist amüsant zu sehen, dass jene, die die Souveränität der menschlichen Freiheit voraussetzen, dahin gelangen, dass sie zugeben müssen, dass sie wie Nichts sind. Doch es ist wichtiger zu sehen, dass Sartres Schlussfolgerung willkürlich ist. Der Startpunkt seiner Argumentationen wird nie begründet.

Das offensichtliche Gegenargument an diesem Punkt ist, dass, wenn der Mensch immer solch eine absolut-existentielle Freiheit besitzt, es keinen Grund gibt, von einer Behinderung der Freiheit zu sprechen. Denn auf der einen Seite sagt Sartre uns, dass „der Mensch dazu verdammt ist, frei zu sein“, was aber impliziert, dass es uns nicht möglich ist, die Freiheit zu verlieren. Doch auf der anderen Seite klagt er ständig über die Unfähigkeit des Menschen die Hürden zu überwinden, die ihm seine Freiheit verweigern, wie seine Vergangenheit, seine Umwelt, andere Menschen (mehr dazu später) und vor allem der Tod. Dies ist genau der Punkt, warum Sartre das Wort „verdammt“ benutzt. Er sagt tatsächlich, dass wir immer darum kämpfen müssen, eine Freiheit zu behalten, die wir niemals verlieren können.

Bemerkenswert ist die uneingeschränkte Übernahme göttlicher Attribute in Sartres Sicht der menschlichen Freiheit. S.U. Zuidema fasst Sartres Position folgendermaßen zusammen:

“Genau genommen läuft dies auf die „Derealisierung“ des Selbst von seiner eigenen Kontingenz hinaus, und auf die Inkorporierung der ‘Realität’ in das Reich des souveränen Selbst; …auf die Aktualisierung und Realisierung der Herrschaft und der formschaffenden Macht des Menschen über die Realität; auf die kulturelle Pflicht des Menschen, in welcher er die Realität seiner eigenen Dienstbarkeit unterstellt, von ihr Besitz ergreift, sie sich einverleibt, sie regiert, sie beherrscht, sich zu ihrem unumstrittenen Meister macht.”

Das ist reine Sünde, wenn man diese zwei Wörter überhaupt ohne einen Widerspruch oder Blasphemie aneinanderreihen kann. Die meisten Leute mit einer ähnlichen Position versuchen drum herum zu reden, um sie weniger rebellisch erscheinen zu lassen. Doch Sartre zögert nicht, auf den Punkt zu kommen und uns zu sagen, dass er das Zentrum der Welt sein will: „Der beste Weg, das höchste Streben des Menschen zu beschreiben ist es zu sagen, dass der Mensch das Wesen ist, dessen Ziel es ist, Gott zu sein. … Der Mensch selbst ist im Grunde das Verlangen Gott zu sein.“ Dies ist auf eine verworrene Weise erfrischend. Es ist die beste Verwirklichung von Augustins „schattenschwarzem Spottbild von Allmacht“. Wir brauchen nicht lange darüber nachzudenken, was Sartres Ziel ist. Aber warum, mag mancher fragen, können wir an diesem Punkt Sartre nicht einfach zur Seite legen und uns stattdessen den Sonntagscartoon in der Zeitung ansehen? Die Antwort ist, weil Sartre noch weiter geht und analysiert, wie sich das Verlangen nach Allmacht im Leben manifestiert, und diese Analyse ist bedeutsam für jeden, der zugibt, dass das Verlangen, Gott zu sein, noch in ihm schwelt. Sie dient als ein Katalog der Symptome, die sich zeigen, wann immer diese Krankheit ausbricht.

Zweiter Teil folgt

Es handelt sich bei diesem Text um eine mit freundlicher Erlaubnis veröffentlichte Übersetzung des Artikels Learning from Sartre by John T. Mullen, erschienen in First Things.


30. September
Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit

Von Matthias Joseph Scheeben

47. Folge

II. Theologische Bedeutung des Mysteriums

a) Die Bedeutung, welche dem Dogma von der Trinität an sich betrachtet für Gott selbst zukommt, oder die Bedeutung seiner Offenbarung im Glauben

§ 22

Sehen wir zunächst, welche Bedeutung die Offenbarung und die derselben entsprechende Erkenntnis der Trinität an sich, abgesehen von den Beziehungen, in denen das Objekt dieser Erkenntnis zu andern mit ihm zusammenhängenden Objekten steht, haben kann und in der Tat besitzt. Das heißt mit andern Worten: warum und wozu hat Gott diese für unsere Vernunft transzendentale Wahrheit offenbart und sie uns zu glauben vorlegt? Wir werden sehen, daß diese Gründe und Zwecke ebenfalls übernatürlich und, als über die Berechnung unserer Vernunft hinausliegend, ebenfalls transzendentale Wahrheiten sind.

Man pflegt wohl zu sagen, Gott habe dieses unbegreifliche Mysterium offenbart, um unsere Vernunft durch die Unbegreiflichkeit desselben zu demütigen und uns die Gelegenheit zu einem für ihn selbst höchst ehrenvollen, blinden, unbedingten Gehorsam des Glaubens zu geben. Das ist wahr; aber weit entfernt, daß diese Verdemütigung die Erhebung, diese opferwillige Verzichtleistung auf unser eigenes Urteil den Reichtum der Gnade vonseiten Gottes ausschließen sollte, wissen wir vielmehr, daß die Verdemütigung vor Gott der Weg zur höchsten Erhebung ist, daß die opferwillige Verzichtleistung Gott gegenüber uns den reichsten Gewinn bringt. Verdemütigung unsererseits und ehrenvolle Herablassung von seiten Gottes, Opfer unsererseits und Reichtum der Gnade vonseiten Gottes halten gleichen Schritt miteinander, schließen einander ein. Je mehr wir einsehen und gestehen müssen, daß wir unsererseits weder die Macht noch das Recht haben, die Dreifaltigkeit in Gott ohne den Glauben zu erkennen und nach dem Glauben zu begreifen, um so ehrenvoller, erhebender ist es für uns, daß wir dieses erhabene Mysterium wenigstens durch den Glauben erkennen dürfen. Je mehr wir bei diesem Glauben auf unser Urteil verzichten müssen, desto reicher werden wir dadurch belohnt, daß wir uns das Urteil, die Wissenschaft aneignen dürfen, die Gott allein besaß, die keiner Kreatur zugänglich war.

Die Offenbarung der Trinität ist ein Akt der zartesten Liebe und vertraulichsten Herablassung, durch welche Gott die Kreatur auf übernatürliche Weise ehren und beseligen, sich selbst auf übernatürliche Weise verherrlichen will.

1. Wenn irgend wo, so ist es hier wahr, was der Sohn Gottes selbst sagt: "Nun werde ich euch nicht mehr Diener nennen, ich nenne euch Freunde, weil ich euch alles, was ich von meinem Vater gehört habe, mitteile (Jo 15,15). Dem Knechte ziemt es nicht, in das innere Gemach der Familie seines Herrn einzutreten, und so kommt es der Kreatur an sich bloß zu, Gott als ihren Herrn zu ehren; nicht darf sie es wagen, einen Blick in die Mysterien seines Schoßes und seines Herzens zu tun. Wenn sie dazu zugelassen wird, tritt sie eben dadurch schon in eine gewisse Freundschaft zu Gott; denn nur Freunden offenbart man seine innersten Mysterien [47] sie steigt unendlich hoch über ihre Niedrigkeit empor und, eingeweiht in die Mysterien ihres Herrn, fühlt sie sich auch ihrerseits zu allen übrigen Vorrechten sowohl als Pflichten eines wahren Freundes berufen.

2. Denn wie schon die Offenbarung dieses Mysteriums, als ein außerordentlicher Beweis der göttlichen Liebe gegen uns, eine unendliche Dankbarkeit und Gegenliebe verlangt: so muß noch mehr das Mysterium selbst uns zu einer übernatürlichen, kindlichen Liebe gegen Gott entflammen. Die natürliche Kreatur erkennt Gott mehr als das absolute Sein, von dem jedes andere Sein abhängt, wie auch im Alten Bunde Gott sich darstellte als den, der ist, ohne den nichts ist, und der deshalb als der absolute Herr aller Wesen über uns thront. Auch so verdient Gott unsere Liebe, weil er auch dadurch seine Güte kundgetan, daß er andern Wesen das Dasein gegeben. Aber der Reichtum der göttlichen Güte tritt doch erst in der göttlichen Dreifaltigkeit hervor; hier erscheint uns Gott in einer ewigen, notwendigen, absoluten Hingabe und Mitteilung seines ganzen Wesens; hier sehen wir, daß er nicht bloß gut ist durch den Besitz unendlicher Güter, sondern auch gut und unendlich gut in der vollständigsten Mitteilung seiner Güter [48]. Muß er also uns hier nicht noch unendlich liebenswürdiger erscheinen als zuvor? Muß unsere Liebe zu ihm nicht ohne Vergleich lebendiger und zärtlicher werden, wenn wir sehen, wie der Vater sein ganzes Wesen dem Sohne gibt und dann mit seinem Sohne in einer so wunderbaren Liebe vereinigt bleibt, daß aus dieser Liebe eine dritte Person hervorgeht, in der sich beide umarmen? Kein Wunder daher, wenn mit dem Christentum, welches die deutliche Erkenntnis der Trinität zuerst in die Welt brachte, auch eine neue Quelle nie gekannter göttlicher Liebe der Welt aufging, wenn an die Stelle der ehrfurchtsvollen Scheu vor dem höchsten Wesen, die im Alten Bunde, im Gesetze der Knechtschaft, herrschte, eine entzückende, wonnevolle Bewunderung der göttlichen Güte trat. Freilich wirkte dabei mit, daß Gott der Vater seinen eingeborenen Sohn aus Liebe zur Welt für dieselbe hingegeben hatte. Aber diese Sendung des Sohnes zu den Menschen, diese übernatürlichen Liebe Gottes zu den Geschöpfen wirkte gerade deshalb so mächtig auf die Geister und Herzen, weil jene Sendung eine Offenbarung und Fortsetzung der trinitarischen Produktion war und das ewige Verhältnis zwischen Vater, Sohn und Heiliger Geist auch nach außen hervortreten ließ. Doch darauf werden wir später zurückkommen.

Anmerkungen:

[47] “Est hoc amicitiae proprium, quod amico aliquis sua secreta revelet: quum enim amicitia coniungat affectus, et duorum faciat quasi cor unum, non videtur extra cor suum aliquis protulisse, quod amico revelat; unde et Dominus dicit discipulis: Iam non dicam vos servos, ... vos autem dixi amicos ...; quia omnia, quae audivi a Patre meo, revelavi vobis (Io 15, 15).” S. Thom., Sum. contra gent. l. 4, c. 22.

[48] Der heilige Bonaventura bezeichnet (Itiner. mentis ad Deum c. 5 et 6) die Standpunkte des natürlichen und des vom Geiste Gottes durch Christus gehobenen Menschen nach den eben angegebenen Rücksichten. Als Ursprung des geschaffenen Seins muß Gott reines Sein haben, aber durch seine Offenbarung stellt er sich als das überschwengliche, überreiche Sein in der Mitteilung seiner Unendlichkeit dar. Alexander von Hales (2, q. 90, m. 1, a. 1) meint sogar an einer Stelle, die Dreifaltigkeit in Gott sei eben der spezifische Gegenstand der übernatürlichen Liebe zu Gott im Unterschiede von der natürlichen, und zwar deshalb, weil sie auch der spezifische Gegenstand der übernatürlichen Erkenntnis durch den Glauben sei. Das stimmt, genauer gefaßt, mit dem überein, was wir in “Natur und Gnade” über das formelle und spezifische Objekt der übernatürlichen Liebe gesagt haben.

Wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


29. September
Symbolik

oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren Bekenntnisschriften

Von Johann Adam Möhler

96. Folge

Um indes den katholischen Begriff von der Rechtfertigung zu vervollständigen, müssen der Synode von Trient zufolge noch zwei Bemerkungen zu dem Gesagten hinzugefügt werden. Erstens stellt die katholische Kirche nicht in Abrede, daß sich auch in dem Gerechtfertigten, ungeachtet ihm (mit jeder anderen Sünde) auch die Erbsünde vergeben und aus hinweggenommen ist, noch eine verkehrte Sinnlichkeit (concupiscentia) vorfinde; jedoch wird gelehrt, daß dieselbe an sich nicht Sünde sei, und in der heiligen Schrift nur deshalb unter dieser Benennung gefunden werde, weil sie als Folge der Sünde erscheine, und wieder zur wahren Sünde führe, wenn der Wille derselben Gehör gebe. Die Synode sagt “Gott hasset in den Wiedergebornen nichts, da in jenen nichts Verdammliches ist, welche wahrhaft mit Christo in der Taufe begraben wurden, nicht nach dem Fleische wandeln sondern den alten Menschen aus-, und den neuen nach Gott geschaffenen anziehen, und schuldlos, unbefleckt, rein und gottgefällig geworden sind, Erben Gottes und Miterben Christi, so daß dieselben gar nichts an dem Eingange in den Himmel hindert. Daß jedoch die Begierlichkeit oder der Reiz in dem Getauften zurückbleibe, gestehet und anerkennt die heilige Synode: da aber dieser Reiz zum Kampfe vorhanden ist, so vermag er denen, die nicht einwilligen, sondern siegreich durch die Gnade Christi widerstehen, nicht zu schaden: vielmehr wer geziemend streitet, wird gekrönt werden” (L. c. Sess. V. decret. de pecc. originali.). Da die katholische Kirche die erste Sünde und damit in letzter Instanz alles Böse in der Welt von dem Mißbrauche des freien Willens ableitet, so kann sie auch keine Sünde mehr im Menschen finden, wenn der Geist von der Kreatur weg- und zu Gott hingewendet, wenn der Wille wieder geheilt und die innerste Gesinnung geheiligt ist. Durch das angeborene Übel, und die aus demselben sich bildende mehr oder minder lange, mehr oder minder erstarkte Gewohnheit des Sündigens wird im Körper und den niederen Seelenvermögen eine mechanische Fertigkeit erzeugt, sich nach derselben Richtung fortzubewegen; die neue Willensrichtung zieht darum noch nicht sogleich alle Bewegungen der Seele und des Körpers in ihren Kreis. Da nun aber dem im Geiste Wiedergebornen dieselben fremd und ein Abscheu geworden, da Geist und Fleisch völlig auseinandergetreten sind und sich in einem entschiedenen, für jenen siegreichen Kampfe als zwei voneinander Getrennte darstellen, so wird gewiß auch den Willen eine ihm entgegengesetzte, aber doch von ihm beherrschte fleischliche Bewegung nicht beflecken, und darum auch keine Sünde begründen.

wird fortgesetzt


28. September
Die menschliche Handlung

Von P. Engelbert Recktenwald

Der hl. Thomas von Aquin lehrt, dass der Mensch kraft seines Willens Herr über seine Handlungen ist. “Herr sein” bedeutet: Der Mensch entscheidet, welche Handlungen er vollzieht. Er ist für seine Handlungen verantwortlich, und deshalb ist der Mensch ein moralisches Wesen.

Durch die Handlungsfähigkeit unterscheidet er sich vom Tier. Das Tier ist nicht Herr über sein Verhalten. Es wird von seinem Instinkt getrieben. Wenn die Katze Hunger hat und eine Maus sieht, gibt es in ihr aufgrund ihres Instinkts eine Kettenreaktion. Sie verhält sich, wie sie sich aufgrund ihres Instinkts verhalten muss. Sie hat keine Wahl.

Beim Menschen ist es nicht so. Zwischen Wahrnehmung und Handlung tritt etwas dazwischen, nämlich der freie Entschluss. Wenn er Hunger hat und etwas Leckeres sieht, kommt es nicht automatisch zu einer Kettenreaktion, an deren Ende eine Triebhandlung steht, sondern dazwischen kommt die Entscheidung, ob er dem Trieb nachgibt oder nicht. Er kann sich z.B. sagen: Wie gerne würde ich das jetzt essen, aber es gehört mir nicht.

Der Mensch ist für seine Handlungen verantwortlich, weil ihnen ein freier Willensentschluss vorausgeht. Verantwortlichkeit setzt Freiheit voraus.

Dieser freie Entschluss ist seinerseits natürlich motiviert. Er hat seine Gründe. Der Mensch kann sich dazu entscheiden, sich gehen zu lassen und dem Trieb nachzugeben. Er sagt sich z.B.: Zwar gehören mir diese Kirschen nicht, aber das ist mir jetzt egal, ich esse sie trotzdem. In diesem Fall ist der Trieb der Grund seines Handelns. Er ist es aber nur deshalb, weil der Mensch es zugelassen hat. Es ist der Mensch, der es dem Trieb erlaubt, Motiv seiner Handlung zu sein. Der Trieb ist es nicht von selber, sondern aufgrund einer bewussten Entscheidung des Menschen. Wenn sich der Mensch dagegen sagt: Ich habe zwar große Lust auf diese Kirschen, aber ich beherrsche mich und esse sie nicht, weil ich keinen Diebstahl begehen will, dann handelt er aus Vernunft. Er gibt seiner sittlichen Einsicht den Vorrang gegenüber der Triebbefriedigung. Er handelt moralisch.

Man kann also in dieser Beziehung grundsätzlich zwei Typen von Menschen unterscheiden: Jene, die moralisch handeln, und jene, die ihrem Trieb nachgeben. Das eine sind Triebmenschen, das andere moralische Menschen. Für die einen zählt nur, was für sie subjektiv befriedigend ist. Für die anderen ist entscheidend, ob das, was sie tun, moralisch gut oder zumindest erlaubt ist. Die einen folgen ihrem Trieb, die anderen ihrem Gewissen; die einen handeln triebhaft, die anderen gewissenhaft; die einen handeln aus Vernunft, die anderen aus Lust und Leidenschaft.

Selten gibt es die beiden Typen in Reinform. Man kann allgemein sagen: Die sittliche Reife eines Menschen bemisst sich nach dem Maß der Herrschaft der Vernunft über seine Triebnatur. Diese Herrschaft besteht nicht darin, die Leidenschaften auszurotten, sondern zu ordnen und dem Tun des Guten gemäß der Vernunft dienstbar zu machen. Dass die Moralität in der Vernunftgemäßheit menschlichen Verhaltens besteht, ist eine Überzeugung, die die christliche Theologie mit den großen Philosophen von Aristoteles bis Kant teilt.

Leicht ist nun erkennbar, wie schnell der Gewissensbegriff missbraucht werden kann, wenn man sich bei einer Triebhandlung auf sein Gewissen beruft. Der Lehre von der natürlichen Empfängnisregelung etwa verlangt von einem Ehepaar zeitweise Enthaltsamkeit, also die Anstrengung, seinen Geschlechtstrieb zu beherrschen, den Verzicht auf Triebbefriedigung aus Gewissensgründen. Die Pille erlaubt eine ungehemmte Triebbefriedigung, also das Gegenteil dessen, was von einem moralischen Menschen erwartet wird. Diese ungehemmte Triebbefriedigung zu einer Gewissensentscheidung zu machen, bedeutet die Vereinnahmung des Gewissensbegriffs für eine Entscheidung zur Entthronung des Gewissens zugunsten der Triebherrschaft.

So wichtig die Unterscheidung zwischen Triebverhalten und moralischem Verhalten auch ist: Die Grenzlinie zwischen moralischen und unmoralischen Handlungen ist damit noch nicht hinreichend geklärt. Die Sache ist etwas komplizierter.

Nehmen wir einmal an, der Mensch aus unserem Anfangsbeispiel würde sich sagen: Ich esse diese Kirschen, auf die ich so große Lust habe, nicht, und zwar deshalb, weil ich dabei erwischt werden könnte. In diesem Fall widersteht er dem Trieb, und trotzdem ist sein Verhalten nicht moralisch. Er widersteht ihm bloß, weil er einen möglichen Schaden für sich voraussieht. Er handelt nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus egoistischer Klugheit. Er beherrscht sich nicht, weil es ihm um das moralisch Gute geht, sondern weil er mit seiner Vernunft erkennt, dass sein Handeln ihm schaden könnte.

Zu sagen, er handle aus Vernunft, wäre eine berechtigte Sprechweise, aber wir sehen sofort, dass wir nun zwei verschiedene Vernunftbegriffe unterscheiden müssen: einen Vernunftbegriff, der das Moralische einschließt, und einen, der es ausschließt. Für Letzteren haben sich verschiedene Namen gefunden; heute spricht man z.B. von technologischer oder instrumenteller Vernunft (Horkheimer): Bei dieser geht es um das Handeln, insofern es geeignet ist, bestimmte Ziele zu erreichen, nicht aber um das Beurteilen dieser Ziele unter moralischem Gesichtspunkt. Wenn Kant und die Scholastik von praktischer Vernunft sprechen, ist die moralische Vernunft gemeint, weil für sie das menschliche Handeln immer unter dem Anspruch des Moralischen steht.

Die Berufung auf das Gewissen ist also nur dann legitim, wenn sie nicht den Abbruch vernünftiger Rechtfertigung des eigenen Handelns bedeutet, sondern im Gegenteil das Handeln als vernunftgemäß auszuweisen vermag. Das aber ist nur möglich, wenn das Gewissen als ein Teilvermögen der Vernunft anerkannt wird, und zwar als jener Teil, der es mit dem moralisch Guten und Bösen zu tun hat. Vernunft ist das Erkenntnisvermögen des Menschen. Das Gewissen ist jener Teil der Vernunft, der uns Erkenntnis schenkt über den moralischen Wert oder Unwert von Handlungen. Es ist also nicht blind, sondern ein Erkenntnisorgan, das uns in Kontakt bringt zu einer Wirklichkeit, zur Wirklichkeit der Werte.

Das zu verstehen ist heute deshalb wichtig, weil Naturalisten wie Dawkins dem Gewissen jeden Erkenntnischarakter absprechen und es für einen blinden Trieb wie etwa den Sexualtrieb halten. Gut und Böse seien demnach nicht Teil der Wirklichkeit, mit der wir durch das Gewissen in Kontakt kommen, sondern evolutionär bedingte Fiktionen unserer Gene. Das Gewissen öffne uns nicht die Augen für die Wirklichkeit der Werte, sondern sitze uns im Rücken, um uns wie jeder andere Trieb blind zu dem anzutreiben, was uns von unseren Genen als moralisch gut vorgegaukelt werde Mittels dieser Fiktionen seien wir evolutionär zu einem Verhalten dressiert, das dem Überlebensvorteil der Gene statt dem des einzelnen Individuums diene. Altruistisches Verhalten des Einzelnen sei deshalb nur verkappter Egoismus der Gene.

Auf diesem Hintergrund können wir verstehen, warum es Benedikt XVI. ein so großes Anliegen war, den Vernunftbegriff wieder so zu erweitern, dass auch die praktische Vernunft darunter fällt. Selbst Kant wusste noch, dass die praktische Vernunft ein und dieselbe ist, nicht nur für alle Menschen aller Zeiten und Kulturen, sondern sogar für alle möglichen Vernunftwesen überhaupt. Die Rehabilitierung dieses Vernunftbegriffs ist die Voraussetzung, um der Diktatur des Relativismus zu widerstehen.

Noch einen Schritt weiter als der ethische Naturalismus geht der Neurobiologismus, der den Willen zu einem Produkt der Gehirnprozesse erklärt. Wolf Singer etwa findet nach eigenem Bekenntnis in den Gehirnen nirgends einen freien Willen, Wolfgang Prinz hält Handlungsentscheidungen für das Ergebnis subpersonaler Prozesse, die bloß nachträglich personalistisch interpretiert werden, und der Verhaltensphysiologe Gerhard Roth bringt es auf den Punkt, indem er kurz und bündig erklärt, das Ich sei “nicht der Herr im Hause.” Damit haben wir die exakte Gegenposition zu Thomas von Aquin erreicht. Aus dem Menschen, der Herr über seine Handlungen ist, wird eine Maschine, deren Verhalten durch blinde Naturprozesse gesteuert wird. Hier sehen wir, wie das Verständnis der menschlichen Handlung zum Scheidepunkt für das Menschenbild überhaupt wird. Zunächst wird die Moralität der menschlichen Handlung geleugnet, dann Verantwortlichkeit und Freiheit, aus der Leugnung der Willensfreiheit ergibt sich die Leugnung des Willens selber, und im letzten Schritt fällt mit dem Willen auch das Ich und die Vernunft des Menschen. Aus der menschlichen Handlung wird ein blinder Naturprozess, und die Vernunft wird im Namen der Vernunft abgeschafft. Damit erweist sich der Naturalismus als selbstwidersprüchlich ähnlich dem Kantischen System: Ohne Vernunft gelangt man nicht in ihn hinein, mit der Vernunft kann man nicht in ihm bleiben.

Recktenwald: Die Liebe als Schlüssel zur Erkenntnis


27. September
Eurosia Fabris

Vor 150 Jahren, am 27. September 1866, wurde in Quinte Vicentino die selige Eurosia Fabris geboren. Mit 19 Jahren heiratete sie den Witwer Karl Barban, der zwei Kinder in die Ehe mitbrachte. Sie selber gebar neun Kinder und nahm außerdem trotz eigener Armut noch drei verwaiste Kinder auf, deren Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war. Drei ihrer Söhne wurden Priester. Sie starb am 8. Januar 1932, zwei Jahre nach ihrem Mann. Am 6. November 2005 wurde sie seliggesprochen.
Ihre Biographie auf Englisch


27. September
Bremen

Vor 200 Jahren, am 27. September 1816, endete in Bremen die Katholikendiskriminierung. Nach ca. 280 Jahren wurde das Verbot katholischer Gottesdienste aufgehoben, und der Bremer Senat überließ den Katholiken die ehemalige Franziskanerkirche St. Johann im Schnoor als Gotteshaus. Das baufällige Gebäude wurde von den Katholiken in jahrelanger Arbeit wieder instand gesetzt, so dass im Oktober 1823 der erste Gottesdienst in ihm gefeiert werden konnte. Erst 1807 war den Katholiken in Bremen wieder Bürgerrechte eingeräumt worden. Die Reformation war 1522 in Bremen eingeführt worden.


27. September
Michael Beheim

Vor 600 Jahren, am 27. September 1416, wurde in Sülzbach der Meistersinger Michael Beheim geboren. Er verfasste ca. 400 Meisterlieder großenteils religiösen Inhalts. Von 1459 bis 1465 wirkte er am Kaiserhof in Wien, von 1467 bis 1472 in Heidelberg. Um 1474 wurde er erschlagen.


26. September
Versuch einer Theodizee

Von Theodor Haecker

Achte Folge

Fangen wir an mit dem physischen Schmerz. Er ist kein verächtlicher Einwand. Er wäre sogar ein furchtbarer Einwand, wenn z. B. der Schmerz eines Säuglings oder eines Tieres derselbe wäre wie der Schmerz eines sensiblen, mit hellstem Bewußtsein begabten, sich erinnernden und den kommenden Schmerz fürchtenden und erwartenden Menschen, wenn Schmerz gleich Schmerz wäre. Das ist nun offenkundig nicht so. Im einzelnen mag man darüber uneins sein, im ganzen kann man es nicht. Bei den niedersten Tieren müssen wir selbst bei äußerlich grausig aussehenden Verletzungen annehmen, daß kaum auch nur ein Schmerz geringster Art empfunden wird. Dieser steigert sich zweifellos bei Tieren höherer Nervenorganisation. Und dann beginnt das Problem. Sie wissen, daß die Schule Descartes' den Tieren die Empfindung überhaupt absprach, sie für reine Maschinen und Automaten erklärte. Diese heute für uns nahezu unbegreifliche Absurdität, die wie eine von einem Satiriker erfundene Karikatur auf einen absolut lebensfeindlichen Rationalismus anmutet, wurde im allgemeinen mit einer falschen Metaphysik begründet. Einer von ihnen gab aber auch ein theologisches Argument, und dieses hat sich mir fest eingeprägt, so fest, daß ich es im Laufe von Jahrzehnten nie vergessen habe, wiewohl ich längst nicht mehr weiß, wer es gegeben hat. Dieser Mann, der mit der Peitsche ohne jeden Grund, nicht einmal zu sadistischem Vergnügen, seinen Hund schlug, antwortete auf den Einwand eines natürlichen Menschen, daß der heulende Hund wirklich Schmerz empfinde: »Wie soll ein Tier Schmerz empfinden dürfen, da Gott ihm keine unsterbliche Seele gegeben hat?« Dieser Mann in seinem unverständlichen Mangel an Sympathetik mit dem Leben der Natur hat dennoch meine Sympathie erregt: Er hat ein Problem der Theodizee gesehen: das Leiden der Tiere, wenn er es auch wie ein philosophischer Doktor Eisenbarth behandelt hat. Was haben wir zu sagen? Wir können, an der Oberfläche bleibend, zunächst zurückkommen auf unser altes Argument der Grade des Schmerzes. Wir können sagen, daß selbst in höher organisierten Tieren das Gefühl des Schmerzes nie die Intensität erreichen kann wie in einem Menschen. Denn der physische Schmerz erhält eine völlig neue Qualität durch das Leben des Geistes im Menschen. Das Tier, auch das hohe, ist näher der Pflanze, als der Mensch es ist, das will sagen, es führt ein schlafbefangenes Leben, ähnlich den kranken Somnambulen unter den Menschen. Es mag unter Umständen der Schmerz, den ein Tier empfindet, sich verhalten zu den kontinuierlichen Schmerzen, die ein hochbewußter, Neuralgiker vielleicht monate- und jahrelang erduldet, wie ein solcher realer Schmerz im Menschen sich verhält zu einem, den er nur in einem schweren Traum geträumt hat. Hier ist ein weites Feld auch für die Forschung. Es kommt aber ein anderes dazu. Ich habe vor vielen Jahren gesehen, wie ein Hund von einem Auto überfahren wurde. Er war innerhalb weniger Sekunden tot. Das Bild hat sich wie eine Momentphotographie in mein Gedächtnis eingeätzt: Der große Wagen, der bebrillte Fahrer, der unbekümmert weiterfuhr, die jammernde Frau, der der Hund, ein geschorener, ja bis auf die Haut rasierter Schnauzer, gehörte, der heiße Julitag, die staubige Straße, die stillen weißen Häuser der kleinen oberbayrischen Stadt, die Sonntagsruhe, denn es war ein Sonntag, die Spaziergänger in ihren prahlenden Kleidern einer nun längst vergangenen Mode, in der räumlichen und geistigen Mitte aber der sterbende Hund, er aber, dessen bin ich gewiß, nur deshalb, weil ich seine letzten Bewegungen vor dem Tode mit einer absoluten unerschütterlichen Gewißheit als Bewegungen der Lust erkannte. Ich habe später ähnliche Erfahrungen von anderen Beobachtern in Menge bestätigt gehört. Ich selbst habe erlebt, wie der letzte noch bewußte Augenblick, der Bruchteil einer Sekunde, zwischen einem unerträglichen, in sich selber anklagenden Schmerz und einer Bewußtlosigkeit, zu der er führte, als lösender von unbeschreiblichem Wohlsein, ein Aufgefangenwerden von gütigen Armen, war. Es kann also wohl sein, daß im animalischen Leben, das dem Tiere zukommt, durch die Gloria des Schöpfers aller physische Schmerz im supremen Akte des Todes, je nach der Empfindungsfähigkeit des Tieres, nicht bloß untersinkt in die finstere Vergessenheit des Todes, sondern wahrhaft vernichtet wird in dem preisenden Sterben eines Tieres in einer letzten hellen Flamme der Lust. Der Schöpfer würde damit alles wieder einholen, was etwa auch der Mensch dem Tiere an Schmerz zugefügt hat, denn es wäre absurd, in einer Theodizee Gott zuzuschreiben, woran der Mensch doch die Schuld trägt.

Bis hierhin kann innerhalb einer natürlichen Theologie eine Theodizee kommen. Das Denken nach dem Glauben geht weiter. Es erinnert sich der unergründlichen symbolhaften Bedeutung gewisser Tiere im Guten und im Bösen für die Heilige Geschichte, die nicht von ungefähr kommen kann und die die Tiere in ein Licht hebt, für das unsere Augen zu schwach sind: der Schlange, des Schafes, der Taube, des Hahns, des Adlers. Dieses Denken nach dem Glauben erinnert sich aber auch der Erlebnisse und Erfahrungen gewisser Heiligen, im besonderen natürlich des heiligen Franziskus, die uns belehren, daß in der wahren Ordnung der Dinge, in der heiligen, die Tiere eine sehr viel erhabenere Rolle spielen, als eine Welt der Sünder in ihnen erkennt oder ihnen zuerkennt. So gehen sie ein mit ihrem Adel, Lust und Schmerz zu empfinden, nicht in unsere nur menschliche Fähigkeit, zu erklären und zu verstehen, sondern in das große Geheimnis selber der Unbegreiflichkeit und Verborgenheit Gottes und in die Verheißung der Wiedererschaffung einer neuen Welt. Nicht in unsere menschliche Fähigkeit, zu erklären und zu verstehen, sage ich, denn es gibt auch einen Anthropomorphismus, nach unten, wie es einen nach oben gibt. Nicht nur stellen wir uns die Engel wie Menschen vor und dann gar Gott selber, sondern auch das, was unter uns ist, die Pflanzen und die Tiere, stellen wir uns wie Menschen vor. Die Tiere aber sind Eigenwesen, je niederer sie sind, uns um so unheimlicher fremd. Sie sind für uns zu erkennen am Anfang zwar durch eine primordiale Ähnlichkeit (sonst wäre die Einheit des Seins in einem verzweifelten Sinne zerstört!), aber dann doch nur durch Analogie, also eine Proportion wesentlich formaler Art. Haben wir mit einem Maikäfer oder einer Ameise mehr gemeinsam als mit einem Engel? Sind sie uns verständlicher? Selbst wenn wir der Meinung sein sollten, daß wir einem Maikäfer oder einer Ameise häufiger begegnen als einem Engel, was mir nicht bewiesen scheint: sie sind uns nicht verständlicher. Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches. Und dahin gehört eine der Seligpreisungen. Beati mites; quoniam ipsi possidebunt terram, die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen. Die Erde! Die neugeschaffene. Sollte aber sie ohne die Lilien sein auf dem Felde, ohne den Acker, ohne das Brot, ohne den Wein? Ohne die Tiere!? Wir sollten jeden Tag über die Artikel unseres Glaubens meditieren; in ihnen liegen gewaltige und sanfte Geheimnisse beschlossen, aber nicht ganz und gar verschlossen, nämlich für den Glauben, für die Hoffnung und die Liebe. Auch über das Leiden der Tiere steht uns eine Offenbarung bevor.

wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


25. September
Hörbeiträge

Ich habe damit begonnen, einige meiner kath-info-Artikel als Audiobeiträge auf soundcloud anzubieten. Außer dem hier eingebetteten Essay über Toleranz finden Sie dort auch meine Untersuchung der Frage, ob eine Moral ohne Gott möglich ist.


25. September
Entweltlichungsrede

Vor fünf Jahren, am 25. September 2011, hielt Papst Benedikt XVI. in Freiburg seine ungeliebte "Entweltlichungsrede", über die einige Vertreter des etablierten deutschen Katholizismus bis heute nicht hinweggekommen sind. Meine Analyse einer typisch verzerrenden Kritik dieser Rede dürfte auch heute noch aktuell sein.


24. September
Demo für alle!

Für den 30. Oktober ruft Demo für alle zur Demonstration in Wiesbaden auf, denn: “Gegen den ausdrücklichen Willen der Landes-Elternvertretung, gegen das Votum der katholischen Kirche, ohne Absprache mit der Fraktion und ohne öffentliche Diskussion hat das CDU-geführte Kultusministerium unter Alexander Lorz still und heimlich bereits am 19. August 2016 einen radikalen Sexualerziehungs-Lehrplan erlassen, der Kindergefühle und Elternrechte mit Füßen tritt.”


24. September
Jugendvigil

Heute vor fünf Jahren, am 24. September 2011, fand in Freiburg die berüchtigte Jugendvigil mit Papst Benedikt XVI. statt.


23. September
Kathinfo-Orientierungsservice

Wo sind die Beiträge von der Startseite hingekommen?
Zwei Artikel, die sich anlässliche von Äußerungen Papst Franziskus' mit der Frage beschäftigen, wer ein Kind Gottes ist, wurden auf eine eigene Seite gebracht. Mein Artikel über Gottes Liebe als Quelle der Moralität ist ebenso direkt verlinkbar. Und den Aufsatz von Dwight Longenecker über die vorprogrammierte Erfolglosigkeit des progressiven Christentums, der in zwei Teilen erschienen war, findet sich nun auch auf einer eigenen Seite.


23. September
Maria Grazia Tarallo

Vor 150 Jahren, am 23. September 1866, wurde in Barra bei Neapel die selige Maria Grazia Tarallo geboren. Sie war eine Mystikerin, die bereits bei ihrer Erstkommunion das Jesuskind mit durchbohrten Händen schaute. 1891 trat sie in die Kongregation der Crocifisse Adoratrici del Santissimo Sacramento ein. Sie starb am 27. Juli 1912. 1928 wurde ihr Seligsprechungsprozess eingeleitet, der mit der Seligsprechung am 14. Mai 2006 endete. Eines ihrer letzten Worte an die Mitschwestern lautete: “Liebt Jesus in der Eucharistie, lasst ihn nie allein, verärgert ihn nicht, enttäuscht ihn nicht!”


22. September
Bundestagsrede

Vor fünf Jahren, am 22. September 2011, hielt Papst Benedikt XVI. seine Rede in Berlin vor dem Deutschen Bundestag.


20. September
Reformeifer verdrängt Gotteserfahrung

Heute in der katholischen Kirche, überhaupt und auch in Deutschland, wird unendlich viel über Kirchenreform, über Demokratie in der Kirche, über Bischöfe und Päpste, über ihr richtiges oder falsches Verhältnis gestritten und geredet, wird viel gesagt über die Weltaufgabe, die das Christentum hat, über seine Verantwortung für die profane Welt usw. Alle diese Dinge sind wichtig. Sie können nicht übergangen werden. Aber ich meine, all das würde doch zu einem entarteten Betrieb, bei allem Reformwillen zum entarteten Betrieb einer religiösen Institutionalität entarten, die gräulich ist, auch dann wenn sie großen Lärm und Geschrei macht und stolz ist auf ihren Reformwillen, wenn dieser ganze Betrieb nicht letztlich immer wieder erkennen würde, dass er dazu da ist, den Menschen anzuleiten, diese ursprüngliche Gotteserfahrung in sich zu entdecken, vorzulassen, für sich selbst in einem gewissen Sinne wenigstens zu objektivieren, diese ursprüngliche Gotteserfahrung anzunehmen, in Freiheit sie wachsen zu lassen, sich immer radikaler zu ihr zu bekennen, in dieser Gotteserfahrung frei zu werden, von sich, von den versklavenden Mächten der Welt, des Lebens, der innerweltlichen Utopien, des Todes usw.

Karl Rahner in seinem Vortrag Gotteserfahrung heute, gehalten am 22. Oktober 1969 in der damaligen Theologischen Akademie Koblenz, publiziert in Schriften zur Theologie, Band IX, Einsiedeln 1970, 161–176.

Kritisches zu Karl Rahner


19. September
Naturalismus und Theodizee

In diesem Video trägt der Philosoph Holm Tetens einige Gedanken vor, in denen er das Argument aus der Existenz von Leid nicht gegen den Gottesglauben, sondern gegen den Naturalismus wendet. Naturalismus ist eine philosophische Richtung, die nur das als wirklich anerkennt, was den Naturwissenschaften zugänglich und von den Naturgesetzen bestimmt ist, so dass sie - je nachdem, wie konsequent sie ist - nicht nur Gott und alles “Übernatürliche”, sondern auch Geist, Freiheit, Verantwortlichkeit, Intentionalität, Moralität, Personalität aus der Welt verbannt bzw. diese Phänomene umdeutet und naturalisiert.
Das Besondere an Holm Tetens ist, dass er selber Naturalist war und durch sein Philosophieren eine Wende vollzogen hat. Insofern bezeichnet die von Jesuiten geführte Münchener Hochschule für Philosophie, die auch dieses Video produziert hat, Tetens’ 2015 erschienenes Büchlein Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie zurecht als “kleine Sensation”. Obwohl sich Tetens darin einem Begriff von Gott zuwendet, der sogar die Erlöserdimension einschließt, ist derselbe immer noch vom christlichen Gottesbegriff unterschieden, da er die Möglichkeit von Wundern und des göttlichen Vorauswissens freier menschlicher Handlungen leugnet. Dennoch sind seine Ausführungen bedenkenswert.

Theodor Haecker über das Theodizeeproblem


18. September
Dass alle eins seien!

Von Robert Mäder

Bei Anlass des eucharistischen Kongresses in Algier [1939] wurde eine photographische Aufnahme gemacht, die eine historische Denkwürdigkeit sein wird. Der Kardinal Verdier von Paris [Jean Kardinal Vernier PSS, 1864-1940, nahm als päpstlicher Legat am Kongress teil] ist flankiert vom Großmufti, dem Vertreter des Mohammedanismus, und vom Großrabbiner, dem Vertreter des ]udentums. Es war eine Proklamation der Solidarität, der brüderlichen Zusammenarbeit von Anhängern aller Religionen für ihr gemeinsames Vaterland. Im Wesentlichen war das eine politische Geste in der Stunde der Gefahr. Als religiöses Symbol will und darf und kann eine solche photographische Aufnahme nicht im Sinne des Bekenntnisses zum Indifferentismus, zur dogmatischen Gleichberechtigung aller Religionen gedeutet werden. Aber vielleicht liegt darin doch auch ein stilles Heimweh der modernen Menschheit nach dem verlorenen Paradies der Einheit im Glauben.

Pfingsten und Fronleichnam rücken diesen Einheits-Gedanken wieder in den Vordergrund. Er liegt übrigens in der Luft. Die protestantischen «Basler Nachrichten» brachten seinerzeit einen Osterartikel über «Papstwahl und Protestantismus», den man früher als Unmöglichkeit betrachtet hätte. Er meint, dass die Kirchen «heute allen Anlass hätten, ihren Hausstreit zurückzustellen hinter der großen Aufgabe, das Erbe des Christentums in dem gemeinsamen Kampfe des Christentums mit dem Heidentum zu verteidigen.» Aber es ist begreiflich, dass weder der mohammedanische Großmufti, wenn er sagt: «Wir haben alle den gleichen Gott, der uns heißt, uns zu lieben», noch das protestantische Basler Blatt, wenn es zur ökumenischen Einheit der Christenheit ruft, das Problem der religiösen Einheit in seiner Tiefe zu erfassen vermögen.

Alle noch so gut gemeinten modernen Einheitsbestrebungen leiden an dem gemeinsamen Fehler, dass sie die Einheit am falschen Ort suchen. Die religiöse Einheit kommt auf keinem andern Weg zustande als wie sie in der Urkirche an der ersten Pfingsten zustande kam: durch Christus, das Haupt, durch den Heiligen Geist als Lebensprinzip und durch den Zusammenschluss der Gläubigen zu einem Leib. Niemand hat so klar und so eindringlich diese Einheitsmotive betont wie Paulus im vierten Kapitel seines Epheserbriefes.

Wir fassen sie hier kurz zusammen: Paulus sagt zu den Christen seiner Zeit: «Ertraget einander in Liebe» (4, 2). «Seid eifrig darauf bedacht, die Einheit des Geistes zu erhalten durch das Band des Friedens» (4, 3). «Es ist nur ein Leib und ein Geist, wie ihr ja auch, als ihr berufen wurdet, zu einer Hoffnung berufen wurdet» (4, 4). «Es ist auch nur ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allen und durch alle und in allen wirkt» (4, 5-6). Die Hirten und Lehrer sind bestimmt «zum Aufbau des Leibes Christi, bis wir alle zur Einheit im Glauben kommen» (4,12-13). Wir werden uns an die Wahrheit halten, in Liebe ganz und gar hineinwachsen in den, der das Haupt ist, Christus (4,15). «Von ihm aus fügt und schließt sich der ganze Leib zusammen... So vollzieht sich das Wachstum, bis er sich aufbaut in Liebe» (4, 16).

Daraus folgt: die religiöse Einheit des Menschengeschlechtes ist zu allererst nicht das Werk der Menschen, sondern das Werk eines Gottes. Des Gottmenschen. Das Werk von dem, der das Haupt ist. Von Christus. «Von ihm aus fügt und schließt sich der ganze Leib zusammen.» Das ist das Grundgesetz göttlicher Biologie. Das Haupt baut den Leib. Der König das Königreich. Christus die Christenheit. Und zwar durch die übernatürlichen Kräfte der Gnade. Also von oben herab und von innen heraus. Aedificabo, sagt Christus, ecclesiam meam. Ich werde meine Kirche bauen. Und zwar ist dieses Bauen am Tempel der religiösen Einheit von innen heraus vor allem ein eucharistisches Bauen. Ein Bauen aus dem kostbaren Blut.

Die Pfingstkirche, die erste religiöse Völkerverbrüderung, kommt aus dem Abendmahlssaal. Sie wurzelt in der Eucharistie. Wir begreifen es darum, wenn nach der Meinung morgenländischer Kirchenväter der Heilige Geist in dem Augenblicke herniederfuhr, wo der erste Papst inmitten der Jünger das hochheilige Opfer der Eucharistie feierte. Die um die Hostie und das kostbare Blut versammelte Opfergemeinde zog ihn an. Wo das Haupt ist, da müssen sich die Glieder bilden. Die Christenheit wächst aus der Eucharistie heraus. Aus dem Brot des Lebens.

Und - das ist das andere, was uns die Apostelgeschichte berichtet - aus der Taufe heraus. Die Taufe ist das Sakrament der Einbürgerung ins Gottesreich. ]e mehr Taufen, desto mehr Neubürger, desto mehr Wachstum der Christenheit. Alle religiösen Einigungsbestrebungen, die nicht an diese beiden organischen Gesetze des übernatürlichen Lebens und Wachsens der Christenheit anknüpfen, führen zu keinem Ziele. Die Einigkeit der Christenheit kommt in erster Linie nicht von außen, sondern von oben und innen. Von Christus dem Haupt.

Das zweite Prinzip der Unionsbestrehungen ist der Heilige Geist. Die Seele der Christenheit. Der Geist der Wahrheit und der Liebe. «Ich gebe», schreibt einmal Auguste Nicolas, «im allgemeinen wenig auf die Bücher, wo es sich darum handelt, unsere Brüder zu dem Glauben unserer Väter zurückzuführen. Der Protestantismus an sich ist zu unlogisch, als dass das Raisonnement des übrigens bei vielen Protestanten so ausgezeichneten Verstandes es wäre, wodurch sie ihm anhangen. Die Anhänglichkeit des Protestanten an den Protestantismus ist kein Werk des Verstandes und darum kann auch nicht die Verstandesbelehrung sie allein davon losmachen.»

Auf was es darum besonders ankommt, das ist nicht so sehr, dass es uns gelingt, den außerhalb der Kirche Stehenden auf hundert Schwierigkeiten hundert ausgezeichnete Antworten zu geben. Sondern, dass wir es verstehen, in ihnen vorerst die richtige Disposition für das Wirken des Heiligen Geistes zu schaffen. Den Glauben nämlich, dass die religiöse Einheit des Menschengeschlechtes und nicht die religiöse Zersplitterung der Völker das Gottgewollte und darum das in der Geistessendung Beabsichtigte ist. Der Glaube also, dass nur ein Geist sein soll unter den Menschen. Bevor wir so weit sind, dass das immerwährende Beten um diesen einen Geist der Wahrheit den Inhalt allen Flehens der Katholiken und der Protestanten bildet, werden alle Unionsbestrebungen nicht weit zum Ziele führen.

Die andere Voraussetzung der Union ist der Heilige Geist als Prinzip der Liebe. Die Wiedervereinigung ist ein Werk des Glaubens, aber sie ist ebenso sehr ein Werk der Liebe. Sie wird dann zur Wirklichkeit werden, wenn unsere getrennten Brüder zur Erkenntnis kommen werden, dass wir sie lieben. Die größte Schwierigkeit gegen die Rückkehr ist bei den meisten. - ob im einzelnen Fall mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt - die Meinung, dass wir sie hassen. Im allgemeinen ist das sicher nicht wahr.

In einem Buch vom Jahre 1853 schrieb ein deutscher Rechtsgelehrter: «Die Katholiken üben viel Geduld gegen die Protestanten, mehr als sie gegeneinander üben. Sie verschlingen lieber einen 'protestantischen Elephanten' als eine ‘katholische Mücke’». Aber das müssen wir doch gestehen, dass, wenn wir auch frei von Hass sind, wir doch vielfach mehr im Parteigeiste kämpfen, der sich zugleich der Überwindung und Demütigung des Gegners freut, als im Geiste der christlichen Liebe, welche die Überwindung und Demütigung freudig auf sich nehmen möchte, wenn nur dadurch dem so lange irrenden Bruder endlich das Heil seiner Erleuchtung und Rückkehr zuteilwird.» Wir werden zwar, weil zu allen Zeiten Irrtümer auftauchen, beten müssen, dass auch zu allen Zeiten Männer aufstehen, die die Irrtümer bekämpfen. Aber wir werden auch darum beten müssen, dass diese Männer zum geistigen Kampfe gerüstet sind durch ebenso große Demut wie Liebe.

Wir kommen zum dritten Prinzip der Union zwischen Katholiken und Protestanten. Es ist der Glaube an Epheser 4, 4: «Es ist nur ein Leib.» Der schon erwähnte Artikel der «Basler Nachrichten» meint: «Heute steht eine ökumenische Christenheit neben der katholischen, diese monarchisch-hierarchisch, jene demokratisch-repräsentativ gegliedert. Aber keine ist für sich allein die Christenheit ... Die beiden Konfessionen sind daher, ob sie wollen oder nicht, aufeinander eingestellt und in einem heutigen gemeinsamen Kampf gegen modernes Heidentum mehr als je miteinander verbunden.»

Der Irrtum ist ein doppelter. Er liegt einmal darin, dass man an die Möglichkeit einer Einigkeit ohne gemeinsames theologisches Bekenntnis glaubt, an eine Einheit des Handelns ohne eine Einheit des Wollens, an eine Einheit des Wollens ohne eine Einheit des Denkens. Der zweite Irrtum liegt darin, dass man die religiöse Einigkeit, die «ökumenische Christenheit» (die allumfassende Christenheit) in einer 'religiösen Organisation und nicht in einem religiösen Organismus sucht. Im Künstlichen, nicht im Lebendigen. Also im Menschlichen, nicht im Göttlichen.

Das biblische Gleichnis vom Weinstock und den Rebzweigen sowie das von Haupt und Leib in den Paulusbriefen lassen keinen Zweifel zu, dass die Verbundenheit der Gläubigen mit Christus und der Gläubigen miteinander etwas Mystisch- Übernatürliches, aber auch etwas Organisch-Lebendiges ist. Die Kirche ist nicht nur Organisation, sie muss auch Organismus sein. Leib. Die Christenheit bildet nur dann eine religiöse Union, eine lebendige und einige Gemeinschaft, wenn sie organisch zum Leibe geworden und als Leib mit dem Haupte Christus und mit dem Heiligen Geiste als Lebensprinzip verbunden ist.

«Gebt mir», sagt der heilige Johannes Chrysostomus, «ein leichtfahrendes Schiff, einen Steuermann, Matrosen, Taue und die ganze zur Schiffahrt nötige Ausrüstung. Wenn kein Wind weht, ist alles umsonst. So ist es mit der Menschheit. Sie mag die Philosophie haben, die Intelligenz, den Apparat der schönsten Rhetorik. Wenn der Heilige Geist fehlt, ist alles umsonst.» Und ich füge hinzu: Wenn Christus, das Haupt, fehlt, und wenn sein mystischer Leib fehlt, sind - trotz aller «ökumenischem Konferenzen und trotz der idealsten und begeistertsten Lobreden auf gemeinsames Kämpfen des Christentums gegen das Heidentum - alle Unionsbestrebungen umsonst.

Aus: Robert Mäder, Der Heilige Geist, der dämonische Geist, Goldach 1969, S. 83-88.


17. September
Verteidigung gegen Kritik aus Deutschland

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat im "Kathpress"-Interview zum neuen Seewald-Buch "Letzte Gespräche" den emeritierten Papst Benedikt und dessen Diagnose des Zustandes der deutschen Kirche gegen Kritik aus Deutschland in Schutz genommen.




17. September
Sara Salkahazi

Vor zehn Jahren, am 17. September 2006, wurde in Budapest die Ordensschwester und Märtyrerin Sara Salkahazi SSS (1899-1944; SSS = Schwestern des Sozialen Dienstes) seliggesprochen. Sie wurde von den ungarischen Nazis (den Pfeilkreuzlern) erschossen, weil sie etwa 100 Juden in ihrem Kloster versteckt und ihnen das Leben gerettet hatte.


16. September
Die Welt und das Heilige

Von Eduard Kamenicky

Achte Folge

Der sachliche Ansatz zu diesem Entwurf und damit der gedankliche Zugang seines Verständnisses für uns liegt wohl in dem zur Macht einer viele verbindenden, gemeinsamen Erfahrung angewachsenen erlebnishaften Eindruck der Nichterreichtheit, Nichtrealisiertheit eines Ideals, das darum spontan, wenngleich bloß vermeintlich, als gar nicht gegeben oder zumindest als nicht wirksam klassifiziert wird. In diesem Erlebnis, seiner Stärke und Allgemeinheit (im Sinn größter Verbreitung) wie seinen für es kennzeichnenden schroffen Rückwirkungen auf die gesamte Seelenlage und das herrschende Weltgefühl sind vor allem zwei Momente bedeutsam: das, was wir in metaphysischer Sicht Heiligkeit als Wurzel, als Seinsgrund, als innerste Wesensbestimmung aller Dinge und insbesondere des Menschen bezeichnet haben, erscheint in der hier wirksamen Perspektive von den aktuellen Mängeln irdischer Zuständlichkeit total überblendet; es figuriert unmittelbar überhaupt nicht als Größe, weder im Bereich des Konstatierten, noch im geistigen Feld von dessen kritischer Beurteilung. Das zweite Moment scheint aber noch interessanter zu sein: mittelbar ist in dem genannten Erlebnis die anscheinend völlig ausgefallene Größe des Heiligen vehement aktiv, ja steht im verborgenen Zentrum des ganzen geistigen Vorgangs: gerade auf Grund der unausschaltbaren Effektivität dieses in der objektiven Seinstiefe doch Gesetzten und unverändert Vorhandenen kommt es anläßlich des echt (wenn auch irrig) erlebten totalen Ausfalles des Heiligen zu Äußerungen eines stürmischen Verlangens nach dem Guten schlechthin, nach dem Besseren, dem Vollkommenen, dem absoluten Glück, mit einem Wort: zur leidenschaftlichen Urgenz axiologischer Superlative, einer Sphäre, die aus dem (siehe Moment eins) allein gesichteten Weltpanorama von irdischer Perspektive nur mit traumhaften Wunschbildern weltlicher Glückserfüllung besetzt werden kann. Es ist aber nicht zu übersehen, daß auch darin, so befremdend dies zunächst uns klingt, das schlechthin Werthafte, gänzlich säkularisiert sozusagen, das Vollkommene, dessen Interpretation als das Heilige uns geläufig ist, als Attraktionsmacht absoluten Zieles, als das schlankweg zu Erstrebende, als causa universalis finalis wirksam bleibt.

Da sich nun aber geschichtlich in der Welt eine Größe zeigt, die programmatisch beansprucht, eben diese Erfüllung grundzulegen, anzubahnen, zu gewährleisten und im einzelnen heil-spendend zu vermitteln, gerät jene Größe angesichts des erlebnishaft evidenten und daher in dieser seiner Qualität nicht widerlegbaren (und darum für den aus dem Erlebnis Denkenden und Urteilenden auch in seiner Erheblichkeit nicht zu erschütternden) aktuellen Un-heiles geradezu zwangsläufig in Verdacht, in ganz spezieller Weise der vag ersehnten Vollendung, dem dumpf begehrten Aufstieg zum Besseren, dem anderen, freieren, würdigeren, dem vollkommeneren Leben im Wege zu stehen. So bringt der Impetus innerweltlichen Messianismus - in welcher Gestalt immer auch - fast notwendig den Affront gegen Kirche, Religion, institutionalisierte Heilslehre und Kunde vom Heiligen mit sich, der sich, so verstanden, nicht bloß gegen irgend eine Konkurrenzmacht, sondern gegen das Hindernis schlechthin wendet, wenn er dem Reich und der Botschaft des Heiligen den Kampf ansagt, das Hindernis, das die wirksame Entfaltung der innermenschlichen und innerweltlichen Möglichkeiten in Richtung auf eine seinsentsprechende Vollendung (die natürlich nur mehr von weltlich interpretiertem Sein aus verstehbar bleibt) nicht zuläßt.

Dazu kommt, daß mangels eigener religiöser Erfahrung der Wert des Heiligen nicht mehr einleuchtet. Nur solche Erfahrung vermöchte das, was sonst bloß als ein anderwärts Angenommenes bekannt wird und um das man als um etwas irgendwo zum Glauben Vorgestelltes weiß, in den Bereich der personalen Lebenswirklichkeit zu erheben. Wir selbst haben uns in unserer Rede über das Heilige dieses zumindest ererbte und in der eigenen Glaubensbemühung je latente Wissen zunutze gemacht, wenn wir auf jenes ursprüngliche Begriffsverständnis zurückgegriffen haben, das ja eingebettet ist in einen Lebenszusammenhang, der um das Heilige ‘weiß’. Damit soll aber keineswegs die entscheidende Rolle geleugnet werden, die das existentielle Sich-Einlassen auf die Wahrheit des Heiligen zur wurzelhaften Erschließung derselben spielt. Hier wäre einer weniger bedachten Sentenz des Evangeliums zu gedenken, die den Gewinn der faktischen Überzeugung von der Wahrheit, das heißt hier: der originären Göttlichkeit der gegenständlichen Lehre an die Erprobung derselben in der Erfüllung der in ihr formulierten göttlichen Forderungen knüpft. “Wenn jemand dessen (nämlich Gottes) Willen tun will, wird er inne werden, ob diese Lehre von Gott stammt.” (Jo 7, 17) Mangels solchen Tuns, das in den Blutbahnen vieler die geistige Szene heute Beherrschender seit Generationen erloschen ist, mangels des Zwingenden einer echten religiösen Atmosphäre in der Mitwelt und mangels des Mutes zum Wagnis, es selbst mit Heiligkeit als einem Lebensexperiment zu versuchen, fehlt weithin jeder existentielle Zugang zum Heiligen. Nun kann man aber ‘das Heilige’ in sich, das, was wir paradox die universale Eigenart Gottes genannt haben - es bleibt im letzten unaussprechlich und alle Denkbemühung scheitert daran -, in seinem Tiefsten und Eigensten nicht ‘begreifen’, man kann sich seine Kenntnis nicht durch Studien aneignen, man kann es nur erfahren oder nicht erfahren - man muß es erfahren oder es bleibt unerschlossen, ja unberührt. - Parallel mit diesem - gegenwärtig die geistige Lage bestimmenden - Ausfall geht aber, wie angedeutet (und es ist geradezu ein handgreifliches Zeichen für die Schmerzlichkeit dieses Ausfalls), das ungestüme Suchen nach neuen, freien, willkürlichen Wertsetzungen, die immer wieder in nichts anderem bestehen können als in Verabsolutierung weltlicher Momente, welche in ihrer Wurzel, das heißt: in ihrer letzten Verankerung im Heilig-sein Gottes selbst, nicht mehr verstanden werden.

wird fortgesetzt

Zum bisher Erschienenen


15. September
Alfons Maria von Liguori

Vor 200 Jahren, am 15. September 1816, wurde Alfons Maria von Liguori (1696-1787) seliggesprochen. Die Heiligsprechung erfolgte 1839. Pius IX. erhob ihn 1871 zum Kirchenlehrer und nannte ihn den “hervorragendsten und mildesten unter den Moraltheologen”. 1950 erklärte ihn Pius XII. zum Patron der Beichtväter und Moraltheologen. Er trägt den Ehrennamen “Doctor zelantissimus” (der seeleneifrige Lehrer). Sein Buch “Elemente einer Spiritualität der Liebe” kann bei mir gegen eine freiwillige Spende bestellt werden.

Der hl. Alfons über das Beten


14. September
Charles Joseph Murphy

Vor 50 Jahren, am 14. September 1966, wurde der Ire Urban Charles Joseph Murphy CP zum Bischof von Gaborone geweiht. Das Bistum Gaborone war erst am 5. August desselben Jahre aus der seit 1959 existierenden Apostolischen Präfektur Betschuanaland errichtet worden. Gaborone ist die Hauptstadt Botsuanas und liegt im Südosten des Landes an der Grenze zu Südafrika, 250 km nordwestlich von Pretoria.


14. September
Giovanni Battista Lemoyne

Vor 100 Jahren, am 14. September 1916, starb der aus Genua stammende Giovanni Battista Lemoyne. 1862 zum Priester geweiht, schloss er sich 1864 den Salesianern an und legte in die Hände des hl. Don Bosco die ewige Profess ab. Er wurde mit einem mehrbändigen Werk dessen erster und bedeutendster Biograph.


14. September
Pierre Duhem

Vor 100 Jahren, am 14. September 1916, starb in Bordeaux im Alter von 55 Jahren der in Paris geborene Physiker und Wissenschaftshistoriker Pierre Duhem. Er wurde 1894 Professor für theoretische Physik in Bordeaux. Durch seine Studien über Johannes Buridanus, Albert von Sachsen, Nicolaus Oresme u.a. trug er zu einem besseren Verständnis der wissenschaftlichen Leistungen des Mittelalters bei. In seinem zehnbändigen Werk Système du monde unternahm er den Beweis, “dass das Denken des christlichen Mittelalters im Vergleich zu antiken Wissenschaft keineswegs einen Rückschritt darstellte, dass es vielmehr das antike Denken aus seinen Blockierungen gelöst und den Weg für das Verständnis der Himmelsbewegungen wie der Geologie und der Geodynamik freigemacht hatte” (Jacques Gadille in Die Geschichte des Christentums, Band 11, Herder 1997, S. 439).

Zum Thema: Der Grundlegung der Wissenschaft im Mittelalter


12. September
Regensburger Rede

"Doch die Angriffe auf den Pontifex in Rom sind besonders grotesk. Die scharfe, oft auch mit der Androhung von Gewalt verbundene Kritik an der Regensburger Rede Benedikts XVI ist nicht nur eine Attacke auf das Oberhaupt der Katholiken. Die böswilligen Verdrehungen seiner Worte und absurden Unterstellungen von Islamvertretern sind auch ein frontaler Angriff auf den freien religionsphilosophischen Diskurs. Dass sich offenbar immer mehr Menschen in der islamischen Welt dazu verleiten lassen, diesem Protest zu folgen, zeigt, wie einflussreich islamistische Gruppen dort inzwischen sind.”

So kritisierte der SPIEGEL (!) die Reaktion in der islamischen Welt auf die Regensburger Rede, die Papst Benedikt XVI. heute vor zehn Jahren gehalten hat.


11. September
Durch Aufweichung zum Aufbruch?

Auf diese beiden Aspekte lässt dann jeder synodale oder dialogische Prozess reduzieren. Da geht es zum einen um Modifikation der Lehre durch schleichende Aufweichung in Richtung Zeitgeist. Zum anderen geht es um teilweise wirklich schwierige Entscheidungen, wie die sterbende Volkskirche in ihrem Sterbeprozess zu begleiten ist. Erstaunlicherweise geschieht letzteres mit einer unglaublich propagandistisch daher kommenden Aufbruchsrhetorik.

Peter Winnemöller über den Sinn von Synoden und Dialogen im Artikel Klar geht das.

Meine Kritik und andere Stimmen zum Dialogprozess


10. September
Guter Ruf und gute Werke

Von P. Engelbert Recktenwald

In der Bergpredigt mahnt uns der Herr, Almosen im Verborgenen zu geben. Er warnt uns davor, unsere guten Werke zur Schau zu stellen, um von den Menschen gesehen zu werden. “Handeln um des eitlen Ruhmes willen”, ist der Ausdruck, der sich in der spirituellen Tradition der Kirche dafür durchgesetzt hat. Es gibt nur Weniges, was der Herr mit schärferen Worten gegeißelt hat. Die solches tun, nennt er Heuchler.

Aber warum soll es eigentlich verwerflich sein, etwas für seinen guten Ruf zu tun? Der hl. Franz von Sales schreibt in der Philothea, dass wir drei Leben haben, nämlich “das geistliche, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das seinen Sitz in der Seele hat, und das bürgerliche, das im guten Ruf liegt. Die Sünde nimmt uns das erste, der Tod das zweite, die üble Nachrede das dritte.”

Der gute Ruf ist also ein legitimes, kostbares Gut. Niemand macht uns einen Vorwurf, wenn wir etwas für unsere Gesundheit tun. Warum also ist es so schlimm, wenn wir etwas für unseren guten Ruf tun?

Im Wirtschaftsmarketing gibt es den Grundsatz: “Tue Gutes, und sprich darüber!” Keiner Firma machen wir es zum Vorwurf, wenn sie auf Gewinn aus ist. Wie sollte sie sonst überleben? Wenn sie damit wirbt, dass ein gewisser Prozentsatz der Einnahmen in humanitäre Projekte, in den Fairtrade oder in den Umweltschutz fließt, dann wissen wir zwar, dass dies nicht aus reiner Selbstlosigkeit geschieht, aber wir würden es nicht unbedingt als Heuchelei bezeichnen und es sogar als positiv empfinden im Vergleich zu solchen Unternehmen wie der FIFA, die 2014 bei der Fußball-WM in Brasilien aus Profitgier einheimische Straßenhändler in den Ruin trieb, weil sie beschloss, dass nur die Vertragspartner der FIFA im Umkreis der WM-Spiele bestimmte Dienste und Waren anbieten durften. Humanitär gezügeltes Gewinnstreben ist uns lieber als skrupelloses.

Das Anstößige ist also nicht die Kombination der Wahrnehmung legitimer Interessen mit Werken der Nächstenliebe. Die Heuchelei kommt erst dann ins Spiel, wenn den guten Werken kein Interesse am Wohl des Nächsten entspricht, sondern sie nur dem Kalkül jener Eigeninteressen entspringen. Wenn ich Almosen gebe, dann soll es die Anteilnahme an der Not des Nächsten sein, die mich dazu bewegt. Das Werk der Nächstenliebe soll Ausdruck der entsprechenden Gesinnung sein. Wenn ich diese Gesinnung bloß vortäusche, um meinen guten Ruf zu fördern, verhalte ich mich heuchlerisch.

Der Herr berichtet, dass die von ihm gegeißelten Almosengeber ihre Werke vor sich herposaunen ließen. Man kann sich die Situation gut vorstellen: Sie wurden nicht unvorhergesehen mit einer Not konfrontiert, der sie spontan abhalfen, sondern machten sich zusammen mit einem posaunenden Herold auf den Weg, um ihr gutes Image wieder einmal aufzupolieren. Die Not des Nächsten war ihnen nur der geeignete Stoff dazu. Wie gleichgültig sie in Wirklichkeit gegenüber der Not waren, zeigte sich an ihrem Nörgeln, wenn Jesus am Sabbat heilte. Selbst die frommen Werke wie das Gebet waren ihnen, wie der Herr ausführt, nur Mittel der Selbstprofilierung.

Die Heuchelei besteht also in der Instrumentalisierung des Guten: Ich tue das Gute nicht um des Guten, sondern des eigenen Ruhmes willen. Damit widerspreche ich dem Anspruch des Guten, auch wenn ich ihm in der Tat folge. Denn das Gute fordert nicht nur meine Tat, sondern auch meine Gesinnung.

Das ergibt nun einen merkwürdigen Zusammenhang: Die Handlung ist sündhaft, obwohl kein Handlungsbestandteil für sich allein sündhaft ist, weder das Motiv noch die Tat. Der gute Ruf ist ein legitimes Gut, und folglich kann er als Motiv nicht automatisch sündhaft sein. Und die Handlung selber, das Almosengeben, ist ebenfalls nicht sündhaft. Und trotzdem ist das Almosengeben allein um des eigenen Rufes willen ein besonders abstoßendes Beispiel sittlicher Verwerflichkeit. Der Grund liegt darin, dass Tat und Motiv nicht zusammenpassen. Das hängt wiederum mit dem zusammen, was der große katholische Philosoph Dietrich von Hildebrand die Hierarchie der Werte nannte. Er zeigt in seiner Ethik, dass an der Spitze dieser Hierarchie die moralischen Werte stehen, also die Werte des Guten. Die menschliche und moralische Reife einer Persönlichkeit zeigt sich in der Fähigkeit, den Anspruch dieser Werte zu erkennen und ihnen jene Antwort zu geben, die ihnen gebührt. Diese Antwort ist eine zweifache: eine des Herzens und eine der Tat. Die des Herzens nannte er die affektive Antwort. Nehmen wir als Beispiel die Dankbarkeit: Wenn ein Helfer mir das Leben rettet, dann soll ich ihm nicht nur nach außen hin danken, sondern auch im Herzen wahrhaft dankbar sein. Nehmen wir an, der Helfer habe während seiner Tat selber den Tod gefunden und ich würde nun Dankbarkeit für überflüssig halten, weil ich sie ihm nicht mehr erweisen könne: Wir würden sofort die Verwerflichkeit dieser Haltung erkennen, weil ich jener guten Tat jene affektive Antwort verweigerte, die ihr gebührt. Auch wenn dem Retter meine Dankbarkeit nichts mehr nützt: Sie zu verweigern und im Herzen gleichgültig zu bleiben, wäre ein Zeichen sittlicher Verrohung.

Das Gute nimmt mich also ganz in Anspruch: Herz und Tat. So verhält es sich auch mit der Not des Nächsten. Die erste Antwort, die von mir verlangt wird, ist immer die affektive, und dann, je nach dem Maß der Dringlichkeit und meinen eigenen Möglichkeiten, auch die effektive.

Natürlich kommt es auch darauf an, welcher Art die Situation ist, innerhalb derer ich mit der Not konfrontiert werde. In den Medien werden wir Tag für Tag mit Nachrichten über die verschiedensten Katastrophen und Unglücksfälle überschüttet, so dass wir bis zu einem gewissen Grad abstumpfen, da es uns nicht möglich ist, die Unglücksnachrichten emotional zu verarbeiten, wenn wir jedes Mal angemessen auf sie reagieren wollten. Und wenn sich einmal unsere Spendenfreudigkeit herumgesprochen hat, werden wir von den Bettelbriefen so vieler Wohltätigkeitsorganisationen überflutet, dass wir notwendigerweise hier und dort unsere Hilfe verweigern, weil wir nicht allen helfen können.

Aber wenn wir einmal in einer besonderen Situation persönlich einem verhungernden Menschen begegnen sollten, dann können wir ihm nicht die Hilfe verweigern mit dem Argument, wir hätten gerade erst der Caritas 100 € gespendet. Es ist also ein Riesenunterschied, ob wir einer konkreten Not real begegnen oder bloß von ihr hören. Und es ist auch dieser Unterschied, der den Unterschied zwischen einer legitimen Marketingstrategie und der von Jesus gegeißelten Heuchelei ausmacht. Eine Firma, die sich sagt: Um uns den Käufern zu empfehlen, spenden wir eine Zeit lang 2 % des Erlöses als Hilfe für die Opfer der letzten Flutkatastrophe, handelt nicht verwerflich, weil sie von sich aus nicht mit jener Not konfrontiert und deshalb zu nichts verpflichtet war. Es ist eine freiwillige gute Tat. Würde aber ein Vertreter der Firma als Helfer zur Katastrophe vor Ort hinfahren und dort nur so lange Hand anlegen, wie die Kamera, die das dokumentieren soll, auf ihn gerichtet wäre, würden wir das schon als heuchlerisch empfinden. Hier sehen wir: Je konkreter und näher die Not ist, um so gebieterischer fordert sie unsere Antwort unter Beiseitelassung anderer, auch legitimer Interessen. Je mehr eine Situation vom moralischen Wert, also hier vom kategorischen Imperativ der Hilfeleistung, beherrscht wird, um so mehr haben untergeordnete Werte und Interessen zu schweigen.

Das gilt z.B. auch für künstlerische Werte. Ein Künstler, der sich ins Katastrophengebiet begeben wollte, allein um Stoff für seine realistischen Darstellungen zu finden, würde sich der Instrumentalisierung menschlicher Not ebenso schuldig machen wie die Heuchler aus der Bergpredigt.

Das Eigentümliche des moralischen Wertes ist es also, uns um so mehr in Anspruch zu nehmen, je mehr er die Situation beherrscht, in die wir geraten. Er fordert uns nicht nur zum Handeln, sondern auch zum passenden Handlungsmotiv heraus. Als gläubige Christen wissen wir, dass sich in ihm der Wille Gottes ausspricht. Es ist Gottes Ruf an uns, wenn in einer konkreten Situation unsere Hilfe gefordert ist. Dieser Ruf ist nicht der blinde Befehl eines Tyrannen. Dietrich von Hildebrand wird in seinen Schriften nicht müde, die innere Schönheit und Herrlichkeit der Werte zu beschreiben. Es lohnt sich, sich in diese Schriften zu vertiefen, um immun gegenüber allen Versuchen zu werden, die Werte zu relativieren und sie ihrer inneren Schönheit und Wahrheit zu berauben.

Die moralische Reife eines Menschen besteht, wie gesagt, darin, den Werten jene Antwort zu geben, die ihnen gebührt. In dem Maße, wie die moralischen Werte unser ganzes Leben bestimmen und durchdringen, reifen wir zu jener Heiligkeit heran, die Jesus mit den Worten beschrieben hat: “Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazu gegeben werden.” Dann brauchen wir auch nicht einmal mehr eine Marketingstrategie, so wenig wie Mutter Teresa von Kalkutta.


9. September
Pedro Ledesma

Vor 400 Jahren, am 9. September 1616, starb in seiner Geburtstadt Salamanca der Theologe Pedro Ledesma OP. In der Gnadenlehre verteidigte er vehement die Thesen des Dominigo Banez (1528-1604) gegen die Molinisten.


8. September
Dogmatisches Gewicht

C&W: Wie ist man im Vatikan auf die Idee gekommen, dass die Konzils-Dokumente unterschiedliches dogmatisches Gewicht haben sollen?

Pozzo: Das ist ganz gewiss keine Schlussfolgerung unsererseits, sondern war schon zur Zeit des Konzils eindeutig. Der Generalsekretär des Konzils, Kardinal Pericle Felici, erklärte am 16.November 1964: »Diese heilige Synode definiert als für die Kirche verbindlich nur das, was sie im Hinblick auf Glauben und Moral ausdrücklich als solches erklärt.« Nur explizit von den Konzilsvätern als verbindlich eingestufte Texte sind auch als solche anzunehmen. Das hat sich nicht »der Vatikan« ausgedacht, sondern steht in den Akten.

Aus einem Interview von Christ & Welt vom Juli 2016 mit Erzbischof Guido Pozzo, dem Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei. Auf das dogmatische Gewicht der Konzilsdokumente (gemeint ist das Zweite Vatikanische Konzil) legen deutsche Theologen immer dann großen Wert, wenn es um die Einigung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. geht. Aber sie vergessen es, wenn es um ihre eigenen Abweichungen von den Aussagen des Konzils geht. Kürzlich hieß es in einer Meldung von katholisch.de über die Piusbruderschaft: “Die Bruderschaft lehnt bis heute Bestandteile des Zweiten Vatikanischen Konzils ab.” Dasselbe könnte man über viele Theologieprofessoren sagen. Vgl. dazu etwa meine Glosse über die Konzilsgegner.

Kardinal Ratzinger über den Verrat am Konzil


8. September
Luigina Sinapi

Vor 100 Jahren, am 8. September 1916, wurde in Itri, einer Stadt ca. 140 km südöstlich von Rom, die Mystikerin Luigina Sinapi geboren. In Tre Fontane wurde ihr die spätere Bekehrung Bruno Cornacchiolas geoffenbart. Ebenso sagte sie 1937 Kardinal Pacelli voraus, dass er Papst werden würde. Sie starb in Rom am 17. April 1978. Am 26. März 2004 wurde ihr Seligsprechungsprozess eingeleitet. Das öffentliche Zeugnis, das Papst Pius XII. über sie gab, bringt Erich Maria Fink in seinem Artikel über die Bekehrung des Bruno Cornacchiola.


7. September
Der selige Rudolf Aquaviva S. J.
Missionär und Märtyrer in Indien

Von Anton Huonder S.J.

15. Folge

Der blutige Bekennertod, nach dem er so sehr verlange, so schrieb er bereits im September 1580 an P. Rugno Rodriguez, den Rektor des Jesuitenkollegs in Goa, liege freilich noch in weiter Ferne, „so ferne nämlich als der Tod des Kaisers selbst. Während aber der Martertod sich verzögert, fehlt es uns nicht an tausenderlei Gelegenheiten zu leiden. Wir sind mit inneren und äußeren Trübsalen so überhäuft, dass mir das Leben manchmal eine Last wird. Es gefiel dem Herrn, mir in dieser Mission noch nicht den Kelch zu reichen, der berauscht, sondern jenen, der voll des Mischtrankes (plenus misto) ist, da wir noch nicht bis aufs Blut widerstanden haben. Bei alledem bin ich zufrieden, jedoch so, dass wenn der Gehorsam die Bürde des Obern dieser Mission mir abnähme, meine Freude voll wäre, soweit man überhaupt von Freude sprechen kann inmitten eines verderbten Volkes, wo unsere Augen nur Sünden sehen und unsere Ohren nichts anderes hören als den widerwärtigen und fluchwürdigen Namen Mohammeds. Ich schreibe dies Ew. Hochwürden unter Tränen. In der Umgebung, in der wir leben, vernimmt man nur jenen teuflischen Namen, von dem alles widerhallt; der süße Name ,Jesus, Sohn Gottes´ aber wird fast niemals ausgesprochen. Denn die Mohammedaner betrachten Jesus nur als einen Propheten, nicht als den Sohn Gottes. Ich aber kenne keinen solchen Jesus und kann nur sagen: ,Jesus, der Sohn Gottes.´ Spreche ich ihn aber gelegentlich vor Auswärtigen aus, so bringt mir dies nur neues Leid und größere Betrübnis. Denn sobald einer dieser Muselmänner es hört, ruft er mir sogleich zu: Sta furlah! d.i. ,Gott verhüte es!´ Das ist der bei den Mohammedanern gebräuchliche Ausruf des Abscheus und des Entsetzens. Andere halten sich die Ohren zu, noch andere lachen höhnisch oder brechen in Flüche aus. Komme ich dann nach Hause, so wünschte ich, dass von den wenigen christlichen Seelen, die ich hier, gleichsam in der Arche Noes, finde, ja dass von den Wänden selbst mir nichts anderes entgegentönte als ,Sohn Gottes´, ,Sohn Gottes´. Aber es scheint mir dann, als ob mir nur zur Antwort würde: ,Wie sollen wir in fremden Landen das Lob des Herrn singen?´ (Ps 136, 4.)

Gehen wir zum Kaiser, um ihn zu unterrichten, so finden wir ihn in einem mühsamen Gebet begriffen, welches diese Mohammedaner mit solchem Eifer und mit solcher Sammlung und äußerer Ehrfurcht verrichten, dass man sich nicht genug darüber wundern kann. Aber alles das ist bloß Äußerlichkeit. Müssen wir doch selbst mit unsern Augen die Abscheulichkeiten mit ansehen, denen sich diese übertünchten Gräber hingeben. Kurz, hier gilt Mohammed alles.

Dieser Antichrist führt hier das Zepter. Zu Ehren dieses höllischen Ungeheuers wirft man sich auf die Knie, streckt sich auf die Erde aus, erhebt die Hände zum Himmel. Ob man Almosen gibt oder sonst ein Werk tut, alles geschieht in seinem Namen.

Und wir dürfen aus Rücksicht auf den Kaiser uns nicht einmal frei über solche Greuel aussprechen. Denn würden wir in der Kundgebung unserer Gefühle im Geringsten zu weit gehen, so brächten wir das Leben des Kaisers in Gefahr. So sterben wir nicht, weil man uns nicht zu töten wagt, leben aber auch nicht, weil unser Eifer uns verschmachten macht.“

Man lebe nur von Hoffnungen, und diese seien nicht wie die der armen Seelen von der Erwartung einer sichern Erfüllung getragen, sondern recht ungewiss. Zumal gelte dies von der Bekehrung des Kaisers. Gott allein, der Erforscher von Herzen und Nieren, wisse es. Indessen tröste der Gedanke, dass nichts, was im Dienste Gottes geschehe, verloren sei.

Ein weiterer Trost sei, dass sie das Glück hätten, alle Tage das Opfer ihres Lebens Gott dem Herrn darzubringen, „da wir uns an einem Orte befinden, wo Gott uns diese Gnade leicht zuwenden kann“.

„Es ist schwer zu sagen“, meint Manouchi, „von welcher Seite der Pater mehr zu leiden hatte, durch die Gunst des Fürsten oder durch die bittern Enttäuschungen, welche das unbeständige und ausschweifende Leben Akbars ihm bereitete. Die Freundschaft des Padischah weckte den Neid der Höflinge, seine offene, siegreiche Sprache den Hass des Mollas, der wiederholt sein Leben in Gefahr brachte.“

Besonders zu Zeiten, da Akbar abwesend war, hatte der Missionär viel auszustehen. Bei seinen Ausgängen in der Stadt schrien ihm ungezogenen Kinder, böse Weiber und andere mohammedanische und heidnische Lästermäuler Fremdling, Christ und noch öfters Feind Mohammeds oder Brahmas nach. Dabei stießen sie die heftigsten Drohungen aus, von deren Ausführung nur die Furcht vor der Rache des Kaisers sie abhielt. Aquaviva ertrug alles freudig aus Liebe zu Christus. „Ich habe hier“, so schrieb er schon früher einmal, „herrliche Gelegenheit, in der Heiligkeit Fortschritte zu machen. Wir sind hier der Gegenstand allgemeinen Hasses. Alle überschütten uns mit Unbilden und Drohungen. Das Messer sitzt uns gleichsam an der Kehle und wir sind ein Auswurf geworden für alle. Beten Ew. Hochwürden, dass wir uns all dieser Gnaden zu unserem geistlichen Nutzen bedienen.“

wird fortgesetzt


5. September
Kathinfo-Orientierungsservice

Wo sind die Beiträge von der Startseite hingekommen?
Auf einer eigenen Seite wurde untergebracht der Artikel von Katrin Krips-Schmidt über den Schriftsteller Julien Green und dessen interessante Gedanken über die Konzilszeit. Das neue Buch von P. Martin Ramm zur Vorbereitung auf die Erstkommunion findet sich nun auf der Seite (ganz unten) über das Medienapostolat der Petrusbruderschaft. Die Kriterien für mündiges Christsein, die Alex Lefrank SJ entwickelt, habe ich meinem Artikel Der mündige Christ und die Kirche beigesellt.


5. September
Maurice-Jean-Madelein Broglie

Vor 250 Jahren, am 5. September 1766, wurde auf dem Schloss Broglie in der Normandie Maurice-Jean-Madelein Broglie geboren. 1807 wurde er von Kaiser Napoleon zum Bischof von Gent ernannt. Er wurde "wegen Verteidigung der päpstlichen Rechte 1811 verbannt und zur Resignation gezwungen. 1814 wieder Bischof von Gent, leitete Broglie die Opposition gegen die Verfassung der Vereinigten Niederlande und verfasste das auch von andern Bischöfen unterschriebene Jugement doctrinal, das den Eid auf die Verfassung verbot” (M. Dierickx im LThK, 2. Auflage). Bischof Broglie flüchtete nach Paris, wo er am 20. Juli 1821 starb.


4. September
Hans Reiner

Vor 25 Jahren, am 4. September 1991, starb in Freiburg im Breisgau im Alter von 94 Jahren der Philosoph Hans Reiner. Er studierte bei Husserl, Heidegger und Rudolf Otto und lehrte von 1951 bis 1965 in Freiburg. Als Ethiker wurde er zu Unrecht viel zu wenig beachtet. Reinhard Lauth nannte ihn in seiner Ethik (Stuttgart 1969) “den bedeutendsten Ethikwissenschaftler der Gegenwart in Deutschland” (S. 8). Karl Lehmann urteilte über ihn: “Er war immer ein unabhängiger Geist. Dabei hat mich fasziniert, wie er eine sehr eigenständige philosophische Lehre entwickelte. Sein Urteil war unbestechlich; seine Begrifflichkeit und Sprache waren von seltener Klarheit und Durchsichtigkeit; sein phänomenologischer Blick war ausgesprochen orginell ...” Sein Werk Die philosophische Ethik. Ihre Fragen und Lehren in Geschichte und Gegenwart (Heidelberg 1964) ist die beste historische Gesamtdarstellung der Ethik, die ich kenne, und neben der Ethik Dietrichs von Hildebrand der beste Einstieg in sie.


3. September
Medienapostolat

Ein Video über die katholische Kirche, das mancher kirchlichen Medienarbeit seitens der katholischen Kirche in Deutschland als Vorbild dienen könnte.


3. September
Monatsranking August 2016

Platz Monatsranking August 2016
Ausschnitt aus der Platzbelegung
von über 610 Seiten
Verän-derung ggü. dem Vormonat
1

Bernward Deneke: Liebe, und dann tue was du willst

+ 1
2

Die Haltung der Kirche zur Homosexualität

- 1
3

Das Bild von Guadalupe: Der wissenschaftliche Befund

+ 1
10

Spaemann: Wer hat wofür Verantwortung?

- 1
20

Der Streit um das Konzil

- 8
30

Johannes Paul II.: Was bedeutet Schöpfung?

+ 28
40

Die wahre Braut Jesu Christi

+ 15
50

Edmund Husserl

+ 7
60

Hl. Alfons: Von der Barmherzigkeit Gottes

+ 18
100

Grisar: Luther und der Ablassstreit

- 47

Zum Ranking der Vormonate


2. September
Heinrich Buschoff

Vor 100 Jahren, am 2. September 1916, starb in Mugil, Neuguinea, der Missionar Heinrich Buschoff SVD. Er stammte aus Lippborg, empfing 1905 die Priesterweihe und wurde noch im selben Jahr als Missionar nach Deutsch-Neuguinea gesandt. Dort wirkte er zunächst auf der Insel Sek und ab 1910 auf der Missionsstation Mugil, Provinz Madang, an der Nord-Ost-Küste von Papua-Neuguinea.


1. September
Benigna Consolata Ferrero

Von Urs Keusch

Vor 100 Jahren, am 1. September 1916, starb in Como im Alter von 31 Jahren die Mystikerin Benigna Consolata Ferrero, deren Seelenführer der selige Luigi Boccardo war. Aus diesem Grund bringen wir hier einen Artikel von Urs Keusch über sie, der 2008 in der Zeitschrift Vision 2000 erschienen ist.

Vor einigen Tagen schrieb mir eine ältere Frau: “In unserer Kindheit und Jugendzeit vermittelte man uns das Bild eines strengen und strafenden Gottes. Wie befreiend war es, als wir später hörten: Gott ist die Liebe, und wie staunt man über den Barmherzigen Jesus, den wir durch Schwester Faustyna kennen lernen durften!"

Viele Menschen, vielleicht ganze Generationen von Gläubigen, haben am Bild eines strengen und strafenden Gottes mehr oder weniger gelitten - und leiden heute noch. Sie fanden nicht den Weg zum Vertrauen in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, wie ihn die hl. Theresia vom Kinde Jesu für sich neu entdeckt und ihn in ihren Schriften der Kirche als “kleinen Weg" strahlend und hinreißend vor Augen geführt hat. Mit dem Beispiel der hl. Theresia, später mit der Botschaft der hl. Faustyna Kowalska, wurde ein neuer pfingstlicher Aufbruch an Vertrauen und Liebe in die Kirche getragen.

Nun wissen viele katholische Christen nicht, daß es bereits vor Sr. Faustyna einen solchen Aufbruch in der Kirche gegeben hat, der sich vor allem nach dem 1. Weltkrieg wie ein Lauffeuer über die Erde verbreitete (Europa, USA, Mexiko, Brasilien, Chile, Alaska, Ceylon, Madeira, Malta, bis nach China). Er ging von einer Schwester aus, die Jesus an verschiedenen Stellen “Apostolin meiner Barmherzigkeit" oder “Sekretärin meines Herzens" nannte, Titel, die Jesus auch Sr. Faustyna zugesprochen hatte. Es war Sr. Benigna Consolata Ferrero, die - wie Theresia von Lisieux - sehr jung im Rufe der Heiligkeit starb, nämlich mit 31 Jahren (5.8.1885-1.9.1916). Schon wenige Jahre nach ihrem Tod sind hunderte von Gebetserhörungen eingegangen, der Seligsprechungsprozeß wurde schon 1925 eröffnet.

Maria Consolata Ferrero wurde als drittes von 4 Kindern in einem vermögenden Hause in Turin geboren. Nach einer gediegenen Schulausbildung und Tätigkeit zu Hause, trat sie mit 22 Jahren in das Kloster des Ordens der Heimsuchung Mariens in Como (Oberitalien) ein. Maria Consolata, so hieß sie vor ihrem Klostereintritt, wuchs in einer liebevollen, herzlichen und von wahrer Frömmigkeit geprägten Familienatmosphäre auf. Das Herz des Erlösers war der “Feuerherd der Liebe" für die ganze Familie, und wurde es für Maria Consolata immer mehr! Sie war ein aufgewecktes Kind, empfindsam und zartfühlend, aber hatte gleichzeitig einen starken, ja, etwas eigensinnigen Charakter.

Schon als Kind machte sich bei ihr eine starke religiöse Neigung bemerkbar und ein ebenso starkes Ergriffensein von den Schönheiten der Schöpfung, wie wir es auch bei Theresia von Lisieux kennen. Vom 17. Lebensjahr an vernimmt Maria Consolata in ihrem Innern die Stimme des Herrn. Jesus macht ihr Mitteilungen, die sie im Auftrag ihres Beichtvaters in Hefte schreiben muß. Schon am Anfang dieses mystischen Weges “teilte ihr Jesus das Verständnis jenes geheimnisvollen, unstillbaren ,Mich dürstet' mit, Seines Durstes nach Seelen, den so wenige verstehen", wie der Biograph schreibt. Es ist jener Durst, der auch für die hl. Theresia von Lisieux und später für Mutter Teresa von so zentraler Bedeutung war.

Jesus führt seine Freundin immer tiefer in Seine Liebe ein, in die Sehnsucht Seines Herzens nach Liebe. Es ist die Sehnsucht nach der Liebe der Menschen.

Maria Consolata geht unbeirrt den steilen Weg der Selbstüberwindung, den Jesus sie lehrt: er wird immer mehr zu einem Weg der Liebe und des Vertrauens in die “zärtliche Barmherzigkeit unseres Gottes" (Lk 1,78). Es ist “der kleine Weg" voll Hoffnung und Liebe für alle, die Gott herzlich lieben wollen.

Viele Aufzeichnungen von Sr. Benigna könnten in den Schriften der hl. Theresia von Lisieux oder der seligen Mutter Teresa stehen (letztere hat ihre Schriften gekannt). Alles kreist um die Sehnsucht der gekreuzigten Liebe nach Seelen, der Sehnsucht des Herzens eines Mensch gewordenen Gottes.

Einmal fragt Benigna Consolata ihren Herrn: “Was findest Du denn eigentlich an den Seelen, daß es scheint, Du könntest ohne sie nicht leben? Du bist doch unendlich selig in Dir selbst, Du hast die Engel!" Darauf antwortet ihr Jesus in der in ihren Schriften so typisch vertrauten, liebevollen, ja, zärtlichen Art: “Liebe Benigna! Das ist wahr, was du sagst, alles ist wahr! Aber es ist auch wahr, daß ich ein menschliches Herz habe und daß ich die Menschen liebe. Ich habe es dir bereits gesagt, aber ich sage es dir noch einmal, damit du es niederschreibst, meine kleine Sekretärin. Ich werde dafür sorgen, daß es gelesen wird, damit man an meine ganz maßlose Liebe glaubt. Es sind ja meine Brüder, die Menschen, es sind ja meine Brüder!"

Die Verheißung hat sich erfüllt: Nach ihrem Tode (1916) sind auf Empfehlung vieler Bischöfe ihre Kleinschriften - man schätzt zu Millionen - in die Welt hinausgegangen und haben einen unermeßlichen Segen an Hoffnung in die Welt getragen.

Viele Menschen, niedergebeugt von der Angst vor einem gerechten Gott, konnten diese Last ablegen und sich der Hand des liebenden Gottes anvertrauen, der von sich sagt: “Lernt von mir, ich bin sanft und demütig von Herzen." (Mt 11,29)

Wir wissen auch, daß eine Lebensbeschreibung von Benigna Consolata die Lieblingslektüre der Heiligen Faustyna gewesen war! Wir lesen in Faustynas Tagebuch Stellen, die sich fast wörtlich in den Schriften von Benigna Consolata finden, etwa: “Ich bereite das Werk meiner Erbarmungen vor. Ich will eine neue Auferstehung der menschlichen Gesellschaft, und dieses Werk soll sich durch die Liebe vollziehen."

Einmal sagte Jesus zu Benigna Consolata: “Ich suche nichts so sehr, als immer Barmherzigkeit zu üben. Wenn ich von meiner Gerechtigkeit Gebrauch machen muß, so ist es mir, als müßte ich gegen den Strom schwimmen; ich muß mir Gewalt antun."

1914, als der 1. Weltkrieg ausbricht, wenden sich die Vorgesetzten an Sr. Benigna Consolata, sie möge doch “durch ihre Gebete das Ende dieser furchtbaren Geißel herbeiführen". Benigna Consolata fleht Jesus inständig an, doch dieser gibt ihr mit “zärtlichen Trostworten" zu verstehen, “der Krieg sei keine Strafe der göttlichen Gerechtigkeit, sonst hätte die ganze Welt ihrer vielen Sünden wegen schon vernichtet werden müssen - sondern er sei eine Strafe aus Barmherzigkeit zur Rettung vieler Seelen, die sonst ewig verloren gegangen wären."

Eine “Strafe" aus Barmherzigkeit, also nichts als Barmherzigkeit! Man kann solche Worte nicht tief genug in sein Glaubensbewußtsein aufnehmen. Der von der Liebe Gottes erleuchtete Blick, mit dem wir auf die Ereignisse der Welt schauen - mögen sie noch so erschütternd und schrecklich sein! - , wird uns immer wieder die unergründliche barmherzige Liebe Gottes erkennen lassen.

Diesen österlichen Blick zu üben, die Ereignisse in der Welt und im persönlichen Leben im Lichte der barmherzigen Liebe Gottes zu sehen, sie in ihrer Tiefe zu sehen, von Gottes österlicher Barmherzigkeit her: das war die Sendung dieser wunderbaren und in ihrer Güte und Milde so hinreißenden Frau, zu der Jesus wiederholt sagte:

“Schreibe, liebe Benigna, Apostolin meines Erbarmens, schreibe, daß es mein Hauptwunsch ist, die Menschen möchten erkennen, daß ich ganz Liebe bin und daß es der größte Schmerz ist, den man meinem Herzen bereiten kann, wenn man an meiner Güte zweifelt. Mein Herz erbarmt sich nicht nur, nein, es freut sich, je mehr man ihm zur Wiedergutmachung überläßt... Rufe laut hinaus, damit alle es hören, daß ich Hunger und Durst habe, ja, daß ich vergehe vor Verlangen, Eingang zu finden in die Herzen meiner Geschöpfe. Ich weile im Sakrament meiner Liebe für meine Geschöpfe, und wie wenig wissen sie dies zu schätzen."

Benigna Consolata Ferrero, die - wie Mutter Teresa - mit jeder Faser und mit jeder Regung ihres Herzens und ihrer Hände, mit jedem Wort, mit jedem Blick und Lächeln, durch unzählige Anfechtungen und Dunkelheiten hindurch, den unendlichen Durst des Herzens ihres gekreuzigten Bräutigams stillen wollte, sollte das in den letzten Wochen ihres Lebens und Sterbens in einer Weise tun müssen, wie es uns auch in der Biographie der hl. Theresia von Lisieux berichtet wird - und uns sprachlos macht und erschüttert.

“Der Heiland ließ mich erkennen, daß auch meine Krankheit eine Mission habe", sagte die 31jährige. “Sie war in ein Meer von äußeren und inneren Leiden versenkt", schreibt der Biograph. Am Herz-Jesu-Freitag um 15 Uhr, dem 1. September 1916, “nach großen physischen und moralischen Leiden, schlug endlich für sie die Stunde der Erlösung". Preis dem Herrn!

Urs Keusch über eine Jungfrau namens Barmherzigkeit


1. September
Jordan Mai

Vor 150 Jahren, am 1. September 1866, wurde in Buer (heute zu Gelsenkirchen gehörend) Jordan Mai geboren. 1895 trat er als Laienbruder in den Franziskanerorden ein und war in verschiedenen Klöstern als Koch tätig, zuletzt in Dortmund. “Bot sich Gott nach einem ungewöhnlichen Opfer- und Gebetsleben als Sühne für einen Sakramentsfrevel an und starb ohne erkennbare Todesursache an dem Tag, für den er sein Hinscheiden vorausgesagt hatte” (LThK, 2. Auflage), das war der 20. Februar 1922. Sein Seligsprechungsprozess ist schon weit vorangeschritten: 1991 stellte Rom den heroischen Tugendgrad fest.


1. September
Taddeo Zuccari

Vor 450 Jahren, am 1. September 1566, starb in Rom genau auf seinen Geburtstag im Alter von 37 Jahren der Maler Taddeo Zuccari. “Unter Anschluss an Raffael bei gleichzeitiger Einwirkung v. A. da Correggio und Parmeggianino schafft Taddeo eine Reihe von Historienbilder” (L. Dussler im LThK, 2. Auflage).


31. August
Eine göttliche Erfindung

Eine Rezension von Carolin Holterhoff

Mit ihrem Buch Man and Woman. A Divine Invention („Mann und Frau. Eine Göttliche Erfindung“, erschienen 2010) hat die Philosophin Alice von Hildebrand nach The Privilege of Being a Woman (Vom Privileg eine Frau zu sein) ein weiteres Werk vorgelegt, das sich mit der Situation der Frau in der heutigen Zeit auseinandersetzt. Ihr Ziel ist es, wie sie selbst sagt, der Frau zu helfen, ihre von Gott vorgesehene Aufgabe wiederzuentdecken und derselben gerecht zu werden. Diese Aufgabe betrifft ihre Beziehung zum Mann und damit auch die Gesellschaft. Wenn man bedenkt, dass sich die Frau im Zuge der Emanzipation seit den 60er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und des um sich greifenden Feminismus selbst verwirklicht hat, ist es dringend geboten, dass sie sich jetzt endlich selbst wiederfindet.

In der Genesis steht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat. Er erschuf zuerst den Mann. Aber kein Tier – nicht einmal der intelligenteste Affe – war in Gottes Augen würdig, so von Hildebrand, dem Mann zur Seite gestellt zu werden. Deshalb erschuf er die Frau, die von Anfang an eine besondere Würde besitzt, da sie aus der Rippe des Mannes erschaffen wurde. Adams Reaktion auf seine Eva ist bekannt – er erkannte sie als zu ihm gehörig und ebenbürtig an. Diese Komplementarität von Mann und Frau ermöglicht es beiden, mit Hilfe ihrer Unterschiede (körperlich und psychisch) in Verbindung mit Gott neues Leben zu erschaffen.

Diese Harmonie im Paradies wurde grundlegend gestört, als Adam und Eva der Versuchung durch die Schlange erlagen und die Frucht des verbotenen Baums aßen. Mit dieser Ursünde trennten sie sich von Gott und wurden aus dem Paradies vertrieben. Der Punkt, der laut von Hildebrand häufig übersehen wird, ist, dass durch diese Trennung von Gott auch eine Trennung der Menschen untereinander erfolgt. Adam und Eva erkannten, dass sie nackt waren, versteckten sich voreinander und gaben sich gegenseitig die Schuld für die Sünde, denn, so von Hildebrand, die gemeinsame Sünde bedingt die Trennung der beiden Täter. Als Beispiel führt sie die freie Liebe an, die – obwohl sie angeblich zu einer engeren Nähe zwischen den beiden Partnern führt – sie voneinander trennt. Die freie Liebe respektiert die Gesetze Gottes nicht und damit wird auch der Partner nicht respektiert, sondern aus egoistischen Motiven benutzt. „The closest physical bond that can exist between human beings, to ´become one flesh´ instead becomes the key agent of their separation.“ („Die engste physische Verbundenheit, die zwischen Menschen bestehen kann, [nämlich] ´ein Fleisch zu werden´, wird stattdessen zur Hauptursache ihrer Trennung.“ (S. 6)). Die menschliche Sexualität, die dann nur noch der Befriedigung der eigenen sexuellen Gelüste dient, ist die Domäne, in der der Satan die leichtesten Siege erringt.

Aus dieser Zerbrochenheit erwächst die Gefahr, dass der Mann zu einem brutalen Frauenverachter wird; sie ist nur noch ein Sexobjekt, welches er benutzen und erniedrigen kann, wie es ihm gefällt. Die Frau wird im Gegenzug zu einer Verführerin, die mit den Männern spielt und für ihre Vorteile nutzt. Beide sind dann nur noch degenerierte Negative dessen, was Gott für sie vorgesehen hatte. Von Hildebrand warnt allerdings davor, diese Entartungen der beiden Geschlechter zu verallgemeinern. Weder der Mann noch die Frau schlechthin können so beschrieben werden.

Aber genau hier setzt die Lüge des Feminismus an. Der Mann per se wird als Unterdrücker der Frau gesehen, die sich deshalb vom Mann emanzipieren muss, um als der „bessere Mann“ die Herrschaft zu übernehmen. Wenn eine Frau sich benimmt wie ein Mann, wird dieser ihr allerdings nicht mit Respekt begegnen, sondern mit Verachtung, da sie keine Achtung vor sich selbst als Frau hat. Der Teufel führt Krieg gegen das Weibliche, um die Menschheit zu zerstören. Von Hildebrand zitiert hier Papst Benedikt XVI. (damals noch Kardinal Ratzinger), der bereits frühzeitig den Feminismus als die größte Gefahr für die Kirche bezeichnet hat, denn der Feminismus ist völlig konträr zum Femininen; er bezichtigt Gott der Ungerechtigkeit und fordert eine Gleichmacherei der Geschlechter, nicht aber die vorgesehene Gleichberechtigung.

Dieser Krieg ist besonders deutlich in der modernen Welt zu beobachten. Der Mann ist in seinem Denken abstrakter und kann sehr viel leichter seine Gefühle außen vor lassen; aus diesem Grunde hat er eine höhere Affinität zu Maschinen und Technik. Diese bestimmen die Welt von heute. Je mehr Technik entwickelt wird und unser Leben bestimmt, desto besser sei es für die Menschheit, wird uns heute vermittelt. Wenn zum Beispiel ein seelenloses Computerprogramm durch das Menü führt, ist ein lebendiger Servicemitarbeiter am Schalter nicht mehr nötig. Die Menschlichkeit geht dabei verloren. Die Akronyme im täglichen Sprachgebrauch sind ein weiteres Indiz dafür, denn Abkürzungen wie CIA, FBI oder AIDS sind abstrakte und bedeutungslose Buchstabenansammlungen. Das Feminine, also die Fähigkeit, die Wärme und das Lächeln in diese kalt gewordene Welt zu bringen, ist kaum mehr zu finden. Wie nötig hätte aber die Welt das Weibliche, das dafür sorgt, dass der Mensch Mensch bleibt, seinen Gefühlen Ausdruck verleiht und die Welt menschlich macht; denn die Frau ist es, die dem Mann dabei hilft, seine menschliche Seite zu entdecken und zu entwickeln und den Blick für das Übernatürliche zu bekommen.

Nur wenn Mann und Frau sich in ihrer Verschiedenheit ergänzen, können sie die Fülle des menschlichen Seins erreichen. Wie von Hildebrand schreibt, kann diese Erfindung wirklich nur göttlichen Ursprungs sein, denn ein Mensch wäre niemals auf diese Idee gekommen.

Das Leugnen dieser Komplementarität der Geschlechter führt dazu, dass der Mensch eine einseitige Beziehung mit der materiellen Welt eingeht, wobei diese ihm nicht wirklich etwas zurückgeben kann, und er verliert dadurch die Anbindung an die übernatürliche Welt und damit an Gott.

Leider folgen zu viele Frauen diesem falschen Weg und vermännlichen immer mehr. Damit soll nicht gesagt werden, dass sie nicht fähig wären, in sogenannten Männerberufen Leistung zu bringen, aber sie verlieren dabei das Wesentliche aus dem Blick, nämlich die Aufgabe, die Gott in erster Linie für sie vorgesehen hat: Frau und Mutter zu sein und ihrer Mission in der Heilsgeschichte gerecht zu werden.

Die Frau trägt von Anbeginn an ein Geheimnis in sich: In ihr entsteht neues Leben. Der Mann gibt zwar seinen Samen, aber mit der weiteren Entwicklung hat er nichts mehr zu tun. Stattdessen berührt Gott das Innerste der Frau und erschafft die Seele des Kindes, welches sich dann im Leib der Frau entwickelt. Dieses Geheimnis und die größere Nähe zu Gott sind laut von Hildebrand der Grund, warum die Frau in der Vergangenheit von der Gesellschaft härter bestraft und mehr verachtet worden ist als der Mann, wenn sie sich außerhalb der Ehe sexuell betätigte, da sie dann Gott auf eine Weise beleidigte und verletzte, wie es der Mann nicht vermag. Leider ist das Wissen um diesen Zusammenhang verloren gegangen.

Die Fruchtbarkeit der Frau ist aber nicht allein auf den biologischen Bereich beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf den geistigen. Der Mann erscheint aufgrund seiner Rationalität und seines Abstraktionsvermögens oft als vernünftiger, leidet dabei aber häufig an einer „Trockenheit des Geistes“. Die Frau aber ist mit ihrer größeren Emotionalität und ihrer größeren Empfänglichkeit für das Übernatürliche in der Lage, diese Wüste zu bewässern und zur Blüte zu bringen. Der Mann wäre in seiner Abstraktion und Rationalität verloren, hätte er nicht die Frau mit ihrer Liebe an seiner Seite, die ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt und ihm dadurch die Möglichkeit gibt, Großes zu leisten. Viele große Männer konnten ihre Leistung in der Welt nur vollbringen, weil sie eine starke Frau an ihrer Seite hatten, die zwar nicht in der Öffentlichkeit stand, ihm aber den Rücken stärkte und seinen Blick weitete. Von Hildebrand zitiert den Dichter Roy Campbell, der in einem Brief an seine Frau Mary schrieb, dass er von ihr gelernt hatte, die Dinge anders zu betrachten, und er, wenn sie nicht bei ihm war, nicht die ganze Schönheit sehen konnte, da sie sie nicht teilen konnten.

Die Aufgabe der Frau ist im Grunde spirituell und religiös. Hier liegt ihre Stärke, denn sie soll den Mann und auch die Kinder zu Gott führen. Sie ist in der Lage, den Blick des Mannes für die Realität zu verändern und ihn menschlicher zu machen. Sie ist sozusagen die Seele in einer Beziehung und hilft dem Mann, seine Seele zu entwickeln.

Natürlich besteht die Gefahr, dass die Frau sich in ihrer Gefühlswelt verliert; deshalb braucht sie die Rationalität des Mannes, der sie in diesem Bereich vor Verirrungen bewahren sollte. Die Komplementarität der beiden Geschlechter beinhaltet also auch, sich gegenseitig vor den Gefahren zu bewahren, die die jeweiligen Eigenschaften für den einzelnen bedeuten können.

Aber, ergänzt von Hildebrand, nicht alle sind zur Ehe oder zu biologischer Mutterschaft berufen. Die geistige Mutterschaft ist eine andere Art von Mutterschaft, die aber nicht weniger wertvoll ist. Eine Nonne zum Beispiel wird keine eigenen Kinder haben, aber sie kann vielen Menschen dabei helfen, den richtigen Weg zu gehen, ebenso wie eine Frau, die keine eigenen Kinder hat, aber fremde Kinder annimmt und großzieht.

Welche Art von Mutterschaft auch immer für jede einzelne Frau vorgesehen ist, für alle Frauen gibt es nur ein Vorbild par excellence: Maria, die Mutter Jesu. Sie ist durch die Gnade Gottes der Prototyp der Frau. Sie vereint alle weiblichen Tugenden in sich, nach der die Frau streben sollte, wenn sie ihrer Natur und Aufgabe gerecht werden will.

Dieser Sichtweise steht die Forderung nach der Zulassung der Frauen zum Priesteramt entgegen. In modernistischen und feministischen Kreisen wird dieses Nein zum Frauen-Priestertum in der katholischen Kirche als demütigend für die Frau angesehen, da ihr die Gleichheit zum Mann versagt wird. Tatsächlich aber wird deutlich, dass eine völlig falsche Vorstellung von Gleichberechtigung vorliegt. Mutterschaft und Priesteramt sind verschieden, aber keines von beiden ist ein Job, den man einfach ausübt. Beides ist eine lebenslange Verpflichtung, die mit großer Verantwortung einhergeht. Die Mutterschaft ist ein Privileg, das aber verbunden ist mit Schmerzen, Leid und Sorgen. Auch das Priesteramt ist eine Ehre, die einigen Männern zuteil wird, aber auch sie ist verbunden mit Leid. Beides sind Kreuze, die zu tragen viel Kraft und Gottvertrauen erfordern. Deshalb, so von Hildebrand, sind sie mit Juwelen besetzte Kreuze, die nicht beide von einer Person allein getragen werden können. Sie stehen gleichwertig nebeneinander, sind aber nicht für beide Geschlechter von Gott vorgesehen. Dies zu fordern, bedeutet, sich dem Willen Gottes zu widersetzen und seine eigentliche Berufung zu verraten.

Alice von Hildebrand. Man and Woman. A Divine Invention. Sapientia Press of Ave Maria University. Ave Maria, Fl (2010)


30. August
Unbekanntes kath-info

Hier die Zusammenfassung der 20 Seiten (von 571), die im Jahr 2015 am seltensten aufgerufen wurden.

Platz Die 20 unbekanntesten Seiten
von kath-info
Bereich
1

Alexander Pfänder: Das Urteil und sein Anspruch auf Wahrheit

Philosophie
2

Francesco Borghero

Biographien
3

Claude François Poullart des Places

Biographien
4

Über den ermordeten P. Kenneth Walker FSSP

englisch
5

Guillaume Répin, Aloisius Stepinac, Richard Pate, Guilbert Bourne

Biographien
6

Michaela Koller: Osttimor

allgemein
7

Die Titus-Oates-Verschwörung: fünfte Seite

allgemein
7

Die Titus-Oates-Verschwörung: Siebte Seite

allgemein
9

Marsch für das Leben 2014 und 2015

allgemein
9

Alfonso de Castro SJ, Alfonso de Castro OFM, Francesco Caracciolo und Johannes Baptist Berthier

Biographien
11 Hermann Döring, Prosper Delpech, Joseph Tieffentaller Biographien
12 Recktenwald: Wurzeln allgemein
12 Das Christentum im Irak allgemein
14 Max Ettinger: Der Philosoph Joseph Geyser Philosophie
14 Josef Diaz Sanjurjo, Vincent Yen, Organtino Gnecchi-Soldi Biographien
14 Johannes Ruysbroek, Pierre Lambert da la Motte, Jean-Charles Cornay Biographien
14 Rupert Kornmann, Paul Capelloni, Magnus Jocham Biographien
18 Candidus Sierro, Petrus Claver, Peter Donders Biographien
18 Erich Wasmann, Domenico Palmieri, Kasper Druzbicki Biographien
20 Libermann: Grundsätze bei der Verwaltung des Pfarramtes allgemein

Die am häufigsten aufgerufenen Seiten

Themen

Engel
Englandreise
Entmytholog.
Entweltlichung
Erbsünde
Erlösung
Erneuerung
Evangelien
Evangelisierung
Evangelisierung II
Evangelium
Evolution
Exegese
Exerzitien
Exkommunikation
Falschlehrer
Familie
Familiensynode
Fasten
Fegefeuer
Fellay B.
Felix culpa
Flüchtlinge
Frau
Frauendiakonat
Freiheit u. Gnade
Fremde Sünden
Freundschaft
FSSP
FSSPX
Fundamentalismus
Gebet
Geburt Jesu
Gehsteigberatung
Geistbraus
geistliches Leben
Gender
Genderideologie
Gender Mainstr.
Generalkapitel 06
Geschlecht
Glaube
Glauben
Glaubensjahr
Glaubensregel
Glaubensschild
Glossen
Goa
Gold
Gott
Gott II
Gottesbegegnung
Gottesknecht
Gotteskrise
Grabeskirche
Guadalupe

Zu den neuesten Beiträgen